1. #1
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    Schuhhimmel (alkäische Strophe)





    Bildschön die Pumps aus Wildleder, Herz, was willst
    du mehr! Das Paar „La fête du printemps“ verheißt
    den Himmel. Mir sei es vergönnt, einst
    pradagesättigt dahinzugehen.

    Legt rote Highheels mir in den Sarg und noch
    die Manolos dazu. So bin ich dahin,
    verirrter Birkenstockmisere
    allzeit betörend beschuht entkommen.

    Bin himmelwärts dem schuhfernen Totenbett
    entflohen und auch ohne ein Schuhgeschäft
    da oben froh: Am Catwalk laufen
    Engel - der Göttin sei Dank - in PRADA!






    Geändert von albaa (08.11.2019 um 18:09 Uhr)

  2. #2
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    Liebe Albaa,

    ich stell mich mal dumm und lese die Verse so, als würde ich das Metrum nicht kennen:


    Bildschöne Pumps aus Wildleder, Herz, was willst - die beiden Pfingstochsen unterschiedlich zu handhaben, scheint mir nicht klug
    XXxX xXxx X xX

    du mehr! Das Paar „La fête du printemps“ verheißt
    xX xX xXxxX xX

    den Himmel. Mir sei es vergönnt, einst
    xXx xXxxXx

    pradagesättigt dahinzugehen.
    XxxXx xXxXx

    Legt rote Highheels mir in den Sarg und noch
    xXxXx XxxX xX

    die Manolos dazu. So bin ich dahin,
    xxXxxX xXxxX

    verirrter Birkenstockmisere
    xXx XxXxXx

    allzeit betörend beschuht entkommen.
    Xx xXx xX xXx

    Bin himmelwärts dem schuhfernen Totenbett
    xXxX xXxx XxX

    entflohen und auch ohne ein Schuhgeschäft - Hier stolpere ich nach und auch (xX) und merke dann, wie es gemeint war
    xXx X xXx xXxX

    da oben froh: Am Catwalk laufen
    xXxX xXxXx

    Engel - der Göttin sei Dank - in PRADA!
    Xx xXxxX xXx


    Du siehst, das Metrum war für mich nicht leicht zu erkennen. In "Extrasystolen", die ich erst durch Deinen Link in Ferdis Faden entdeckte, ging es mir ähnlich. Wenn Du willst, kann ich da auch nochmal ixen. Auffällig finde ich, dass die Satzführung sich stark gegen die Versgrenzen behauptet, ganz im Gegensatz zu G&Ls "Vogelfrei", wo sie sich völlig unterordnet. Ich würde sagen, ein Mittelmaß wäre ideal. Die Zäsur, die bei den beiden sehr stringent nach der fünften Silbe gesetzt ist, sehe ich bei Dir nur zweimal. Da würde ich wohl schauen, dass ich sie mindestens in der Hälfte der Verse verwende, aber nicht immer.

    Im Moment steht mir der Sinn nicht nach Odenstrophen und ich habe andere Interessen, aber die Fragen zur modernen Ausgestaltung der Form finde ich spannend und werde interessiert weiter mitlesen.

    LG Claudi
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  3. #3
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    Hey albaa a propos in die Hosen ging... Ein Start in eine alkäische Strophe mit einem ganz und gar unjambischen Wort wie "bildschön" ist, milde ausgedrückt, unglücklich. Auch Z3 fühlt sich so gar nicht jambisch an. Nein, sorry, hier sehe ich das alkäische Metrum nicht umgesetzt, was Claudis x-e aufzeigen, denen ich so folgen würde. LG gugol
    Geändert von Gugol (08.11.2019 um 05:32 Uhr)

  4. #4
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    Hey Gugol,

    Ein Start in eine alkäische Strophe mit einem ganz und gar unjambischen Wort wie "bildschön" ist, milde ausgedrückt, unglücklich.
    "unjambisch" würde ich ich es nicht nennen. Zwei betonte Silben am Versanfang sind durchaus eine gängige rhythmische Variante im jambischen Vers. Ich hätte vielleicht nicht unbedingt den ersten im Gedicht dafür ausgesucht. Mehr stören mich die anderen Wörter mit starker Nebenbetonung auf der zweiten Silbe (Wildleder, schuhfernen).

    Ach ja, "in die Hosen" ging Euer erster Versuch nach meinem Empfinden nicht.

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (08.11.2019 um 07:11 Uhr)
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  5. #5
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    Hey Claudi, wenn ich mich entscheiden müsste, wäre "bild" und nicht "schön" betont (trotz des längeren Vokals von schön), und gerade in der S1, die dem Leser das gewählte Metrum etwas näher bringen sollte (normalerweise schreibt man sowas ja nicht dazu), finde ich so ein Wort am Satzanfang wirklich ungünstig. Das Wildleder hingegen dünkt mich, so wie von albaa eingesetzt, für sich allein genommen völlig unproblematisch. Ich weiss, du sprichst die Ungleichbehandlung der beiden Pfingstochsen an, und da gehe ich völlig einig mit deiner Einschätzung. LG gugol

    Hey albaa, die Geschichte an sich finde ich übrigens witzig und gut erzählt, nur einfach nicht sehr alkäisch. LG gugol
    Geändert von Gugol (08.11.2019 um 10:12 Uhr)

  6. #6
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    Hallo Albaa!

    "Die Ungleichbehandlung" (Claudi) ist, metrisch gesehen, das Hauptproblem - täte ich auch nicht. "Wildleder" als "X x x" geht zur Not, hat aber dieselben Bedenken wie im Hexameter, also: "Wer will, der soll, aber besser nicht."

    "Geschleifte Spondeen" im Versbeginn / im ersten Vers des Gedichts: Och ja. Wenn man derlei den heutigen Lesern ersparen möchte, klar; das leuchtet ein. Es ist aber gemacht worden, wie zu vermuten zum Beispiel von Voß:

    Fruchtschwer an Lesbos sonnigen Höhn erwuchs

    - V1 von "Der Rebensproß". Wobei Voß gedanklich sicher eine ganz andere Grundlage hatte; er hat das nämlich sogar in drei aufeinanderfolgenden Versen derselben Strophe gemacht:

    Schamhaft erglühend, nahm ich den heiligen
    Rebschoß, und hegt' ihn, nahe dem Nordgestirn,
    Abwehrend Luft und Ungeschlachtheit,
    Unter dem Glas in erkargter Sonne.


    - Auch aus "Der Rebensproß"; und das sparen wir uns dann wirklich lieber ...

    Es ist auch in Ordnung, den Satz einfach von einer in die andere Strophe weiterlaufen zu lassen; da ist mehr das Auge eine Grenze als das Ohr oder die Strophengrundlage.

    Gruß,

    Ferdi

  7. #7
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    Liebe Alle!

    @Gugol und Lorenz: Mein flapsiger Sager im Sprechzimmerfaden tut mir leid. So ein pauschales Urteil ist nicht
    angebracht!

    Es freut mich natürlich, dass dir die Geschichte an sich gefällt. Ich dachte, Schuhe sind doch ein Thema, dem man sich
    sowieso nur in Oden-Form nähern kann

    Zum Handwerk: Ich kann eigentlich nur auf Claudis und Ferdis Erörterungen verweisen.

    Im V1 habe ich eine Kleinigkeit verändert, ich denke so steht es besser da (?) und ist das "Ungleichgewicht" entschärft, also "bildschön" als eigenes Wort, also ein reiner Spondeus. Und die anderen beiden Pfingstochsen "Wildleder" und "schuhferner" waren mir bewusst. Ja, in der ersten Strophe einer Ode, sollte man das eher vermeiden, aber ich wusste, dass das nur Profis lesen und den anderen ist es sowieso egal.

    Ich habe jetzt ein paar Oden von Hölderlin durchgesehen: Es gibt so gut wie keine Pfingstochsen bei ihm. Bei "Zeitgeist" mit fünf Strophen gibt es nur einen (fast) Pflingstochsen-Vers und das
    in S5 - also wo man schon an das Versmaß gewöhnt ist V1, als Fortsetzung von S4V4:

    S4v4: Heiternd ein Gott; doch allmächt'ger weckst du

    S5V1: Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst
    Die Alten weise Künste; der Schlimme nur
    Wird schlimmer, daß er bälder ende,
    Wenn du, Erschütterer! ihn ergreifest.

    Beispiel 2 aus "Abendphantasie" S1:

    Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
    der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
    Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
    Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

    S4V4: Purpurne Wolken! und möge droben


    "Der Main"

    Und ihr Granatbaum, purpurner Äpfel voll

    Zu meiner Ehrenrettung noch der Anfangsvers aus "Die Heimat"

    Froh kehrt der Schiffer heim || an den stillen Strom


    Wie du hier, Gugol (und auch Claudi, du liegst mit etwa 50 % gut ), auch deutlich erkennen kannst, "überschreibt" Hölderlin die Zäsuren der ersten beiden Verse auch recht häufig, bei Zeitgeist sind es von 10 Versen sechs, bei Abendphantasie von 12 Versen 7 (Ferdis Forschergeist steckt an ), , wo er das macht

    und er schreibt auch regelmäßig über die Verse, sogar die Strophen hinweg (also Enjambements), wie man am obigen Beispiel "Zeitgeist" gut sieht.

    Wie Ferdi schon sagte

    da ist mehr das Auge eine Grenze als das Ohr oder die Strophengrundlage.
    Ich habe das Gefühl, diese Form lebt eher von diesem Fließen (korrigiert mich!) - also ähnlich wie auch beim Hexa & Co - aber es muss sich immer von Prosa unterscheiden und das ist vermutlich die eigentliche Kunst: erzählen, aber mit Auflösung des Satzbaus, möglichst wenig "verdreht" und verkürzt, dass es im "modernen Ohr" nicht schon von vorne herein verdächtig und verstaubt klingt; andererseits hat es hinsichtlich "modernes Schreiben" aber auch einen gewissen Vorteil gegenüber Reimgedichten.

    Ja, irgendwie spannend, aber es ist halt extrem aufwendig zu schreiben, deshalb entschuldige ich mich nochmals in aller Form für meinen Sager bei euch, Gugol und Lorenz!

    Vielen Dank für euer Feedback!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (08.11.2019 um 20:32 Uhr)

  8. #8
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    deshalb entschuldige ich mich nochmals in aller Form für meinen Sager bei euch, Gugol und Lorenz!
    Kein Problem, sowas nehmen wir nicht krumm und du meinen Bezug darauf hoffentlich auch nicht, sonst auch von mir ein excusé.
    Und ja, sie sind saumässig aufwändig, die Dinger. LG gugol

  9. #9
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    Alles ok, Gugol, danke!

    Lieben Gruß
    albaa

  10. #10
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    Sowas kommt raus bei Freibier. und eine Göttin zu der wir kommen, hat ja wohl auch nichts anderes mehr im Sinn als korrekte Versmaßschritte in perfekten Schuhen über deren Erscheinungsbild ein bisschen zu viel Putze ging.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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