Grauzonen

In der Früh saß der alte Mann leicht verkatert in der Küche. Ach ja, die halbe Flasche Wein von gestern Abend. Oder doch eine ganze? Er war halt nicht mehr der Jüngste. Gedächtnis, Kondition. Er nahm die Zeitung vom Tisch auf, griff dann zur Kaffeetasse daneben. Politik, Feuilleton, Wirtschaft. Seriös wie immer diese NZZ, staubtrocken, schweizerisch, penibel, nüchtern.

Nüchternheit. Die brauchte er jetzt. Vorsichtig schlürfte er den heißen Kaffee, öffnete den Sportteil und - aufmerksam geworden - setzte er die Tasse ab.
An manchen Tagen entzieht sich der Fußball gängigen Erklärungsmustern. Er verabschiedet sich für einen Augenblick aus dem Reich der Logik und wandert in jene Grauzone, in der vermeintliche Gewissheiten mit einer Wucht erschüttert werden, dass man noch Jahre später darüber reden wird.

Die NZZ, was war in sie gefahren?
Ein solcher Abend war der Mittwoch im Stadion Camp Nou von Barcelona. Barça gewann gegen Paris St.-Germain 6:1, nach einem 0:4 im Hinspiel. Es ist das, was manche als Sensation und andere als Wunder bezeichnen werden; ein Ereignis, das den Fußballplatz wie ein magisches Kraftfeld erscheinen lässt, dessen Zauber aber nur die Reserven eines Teams speist, das andere dagegen lähmt. Ein Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten.

Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Wunder, magisches Kraftfeld.
Johannes Wenzel schloss die Augen, sah - zuerst in Umrissen, dann immer klarer – den Schulhof seiner Jugend an einem Tag im Januar, Jungen und Mädchen und Schnee, in einem Bild fast eingefroren. Gleich würde es auftauen. Am Anfang die Demütigung, dann der Wurf und schließlich Jubel, Triumph, Musik, Tanz, das große Drama. Übermächtig, erhaben, das Zittern machende Tremendum. All dies hatte er später als leicht blasierter Student in Texten aufgesucht, es wurde klug beredet, professoral zelebriert nüchtern seziert, kaum geerdet. Aber jetzt in dieser Szene war es unmittelbar präsent, rauschhaft, greifbar, vital. So lebendig, dass man es festhalten und erzählen musste, unbedingt erzählen.

Vor langer Zeit, als die Eltern bei Einladungen Käseigel (Käse-Igel) auf die Tischplatte stellten, so hub die innere Stimme raunend an zu erzählen, damals im Januar 1959, als sich die Tage noch nicht dahinschleppten, hatte sich das alles zugetragen im Schulhof vor dem Gymnasium in Miltenberg, einer unterfränkischen Kleinstadt. Von Stadtbaumeister Ludwig Frosch war der Bau zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden. Drei Flügel, drei Geschosse, mit Walmdächern, ein Dachreiterhäuschen. Im Untergeschoss ein Dampfbad, dann ein Schwimmbecken mit warmem Wasser, an seinem Kopfende in der blau gekachelten Wand ein rot-gelber Löwenkopf, Wasser speiend. Unten am Main das Freibad, dahinter der Sportplatz des Gymnasiums, zwei Fußballtore, am Rand die Aschenbahn für die Wettkämpfe. Weiter flussabwärts noch ein Sportplatz für die Bundesjugendspiele. Man erreicht ihn über die mächtige Sandsteinbrücke und ihren Torturm. Am Fuß des Turmes findet sich noch einmal der Löwenkopf in einer gemauerten Stützkonstruktion. Zwei Löwen, ein Claim. Ihr Revier.

In der großen Pause standen Schüler beieinander, lachten und redeten, bissen in ihre Butterbrote oder kauften Wurstsemmeln beim Hausmeister. Die älteren Schüler waren in Diskussionen vertieft und wanderten auf und ab oder standen gestikulierend in kleinen Gruppen beisammen. Der Schüler Erwin Eicker aus dem Kilianeum, einem kirchlich-katholischen Internat mit Askese fordernden Präfekten („Wer hier eintritt, legt sich die Priesterbinde um die Stirn“), kaute an einer Käsesemmel und schimpfte über die freundlichen bis verzagten Küchen-Schwestern ("Immer der Käs von dene, ewig der Käs, Scheißkäs. Scheißkilianeum") – sie verdienten solchen Tadel nicht.

Alfred Mechler, ebenfalls Kilianist, wirkte glücklicher, er hatte ein Wurstbrot dabei und einen großen Winterapfel, seine Eltern aus dem Odenwalddorf Preunschen nahe bei Parzivals Burg Wildenberg hatten ihm eine Salami mitgebracht, das Obst kam aus der Kilianei.

Würfe und Mehr

Der junge Wenzel, ein Stadtschüler von fünfzehn Jahren - nahe bei der Kilianei bewohnten seine Eltern den ersten Stock einer roten Sandsteinvilla der Familie Gaggell - stand neben Erwin und Alfred, blinzelte über den Brillenrand in die funkelnde, blendende Wintersonne, er hörte die Durchsage des Lautsprechers („Schneeballwerfen ist zu unterlassen …“) und dachte voll Wehmut an den Sommer und das Sportfest im Juli. Die Viermal-400-Meter-Staffel.

So wie sie lief, an ihm vorbeilief, petrarkisch um die Wette funkelnd mit den Sternen am Himmel, unvergleichlich schön, sie hatte am Ziel tief geatmet, wurde von allen heftig beklatscht: Ute Zehelein. Zwei Jahre älter als er. Aach, ach, es blieb ihm nur Verzückung, Bewunderung, Sehnsucht. Träumerische Verschlossenheit.

Wumm. Wie aus dem Nichts – eiskalte Explosion. Kopf, Hals und Brille in der detonierenden Wolke glitt Schnee in den Kragen, über die Haut den Hals und den Rücken hinab, so frostig feucht, dass er wütend aufschrie. Ringsum gackerndes Lachen, glucksender Spott, murmelndes Mitleid. Der Täter hatte sich von hinten angeschlichen. Ein Schneebrocken in den Händen. Schnelle Schritte weg. Nunmehr – bereits in einiger Entfernung von seinem Opfer – blieb der Junge stehen und genoss ruhig atmend den Anblick. Der Lehrersohn hatte was abgekriegt, ja. Wie er reagieren würde? Gar nicht, so belämmert wie er dastand. Und wenn doch ... was hatte einer aus der Oberstufe zu fürchten von diesem nassen Sack, diesem blamierten Neuntklässler, knallrot und starr vor Schock?

Lächelnd drehte er sich von Wenzel weg und schritt betont langsam zum Portal des Gymnasiums. Vor ihm die Menge teilte sich bereitwillig, einzelne Schüler wiesen auf das beschneite Opfer weiter hinten hin, das so erbärmlich aufgeschrieen hatte, sich gerade heftig schüttelte und dann an den Kopf tapste, wahrscheinlich die Brille vermissend. Sie war nicht mehr da.

Doch statt sich zu bücken und die Brille im Schnee zu suchen, griff Wenzel blitzschnell nach dem großen, weichen Winterapfel, den der Kilianist Alfred Mechler gerade angebissen hatte, und schrie so laut „Du Arsch“, dass es über den Hof hallte.

Die Umstehenden, die Pausenbrote auf Brusthöhe, verstummten, alle Blicke ruhten auf ihm. Er hielt den Wurfarm noch gesenkt und vor seinen Augen entfaltete sich die Flugbahn. Eine Parabel, logischer und perfekter, als jede Mathematik sich das ausdenken könnte.

Und ja, Johannes Arm Hand Apfel, sie wurden eins in der sich dehnenden Zeit. Und so schraubte sich langsam rasend die Frucht nach oben und zog – zang zang zang - über den Köpfen der Zuschauer in gleißender Helle bis zum höchsten Punkt der Scheitellinie, alle Augenpaare waren nach oben gewandt. Der Täter, durch die Stille aufmerksamer geworden, hatte sich umgedreht, sah etwas heranfliegen, duckte sich, um nicht getroffen zu werden. Genau in diese Bewegung hinein glitt der Apfel in seiner Parabellinie hin zum gesenkten Kopf und traf dort auf - Plopp und ein Schmatzen: Im Sonnenlicht barst der Apfel zeitlupenartig in faserig-glitschige Teile., die spritzten links und rechts vom Kopf weg und fielen dann still zu Boden.
Schweigen.

Dann aber: Gelächter, Rufe des Staunens, beifälliges Klatschen für den spektakulären Wurf, es hallte über den Schulhof und von den Sandsteinmauern zurück. Der Gründerzeitbau des Gymnasiums verlor für zwei, drei Momente seine rote Schwere, der weiß verputzte Neubau daneben mit seiner Sonnenuhr und dem Fresco „Hora-ruit“ samt drei fliegenden Schwänen strahlte auf. Wunder? Delirium? Oh, wie sehnsüchtig sucht der Verwundete nach dem Wunderbaren - wider alle Vernunft, bis zur Erschöpfung . Plötzlich und für ein paar kurze Momente ist es einfach da, das verzückende magische Mehr.

Als nun der Getroffene, vom Publikum verlacht, zornrot zurückeilte, Wenzel anbrüllte, ihm mit der Linken auf den Kopf schlug und ihm mit der Rechten einen heftigen Boxhieb vor die Brust versetzte, da knickte Johannes ein, rang nach Luft, aber spürte fast keinen Schmerz. Es gab ja gegen alle Wahrscheinlichkeiten diesen perfekten Apfelwurf, seinen Apfelwurf. Und irgendeine Gottheit hatte doch wohl den Wurfarm geführt und die Flugkurve vorgezeichnet, die der rasende Apfel nutzte bis hin zu seinem Ziel? Hatte dieser mächtige Gott nicht Kilians Frucht am Ende der Flugbahn platzen lassen, hatte er nicht für eine Aureole gesorgt? Hatte der wuchtige Gründerzeitbau ringsum aufgeleuchet, fast levitiert?? Und dieses göttliche, numinose Etwas, schrieb es nicht alles ein in das Skript dieses Tages? Und stand da nicht über den Tag hinaus in dem Buch des Lebens, dass der Schläger trotz seines Schneewurfes und Boxhiebes geschlagen war? Stand das nicht geschrieben jetzt und - irgendwie - für alle Zeit?

Disput

Am Abend saß der alte Mann im Wohnzimmer. Die gewohnte Flasche Wein fast leer. Im Lichtkreis der Stehlampe schloss er wohlig die Augen und hörte sich Udo Lindenberg an: Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, ganz spitz auf Lakritz. Johannes lächelte. Und ich schreib diesen Brief, an den Jungen, der ich vor dreißig Jahren war. Johannes blickte vergnügt dorthin, wo der Schattenbereich am Lichtkreis leckte. Als auch Standing in the Hall of Fame zu Ende ging, erhob sich Johannes Wenzel mit dem letzten, halbgefüllten Glas, schritt ins Arbeitszimmer hinüber und nahm vor dem Computer Platz. Dort wartete der junge Johannes Wenzel auf das abendliche Selbstgespräch mit seinem alten Ich.

„Pass mal auf“, sagte der junge Wenzel und verzog ein wenig den Mund, „du und ich, wir haben zwar diese Szene erlebt, die Schneekaskade, die Freude beim Apfel-Wurf, das Aufstrahlen der Schulfenster, das Leuchten im Hof ….“
„Ja, eben, wenn alles passt und klingt und schwingt und leuchtet, dann erlebst du diese herrlichen Augenblicke, die jeder, der dabei war, nicht vergisst. Das ist Epiphanie, doch, das wag´ ich zu sagen, Epiphanie. Ein emotionales Apriori, oftmals gefeiert in Musik und Tanz und Worten der Kunst. Du willst es später unbedingt erzählen, einmal und immer wieder. Dir selber, den anderen" Er holte Luft: "Das Unzugängliche, hier wird´s …“.
Sein Gesprächspartner unterbrach ihn: „Halt mal die Luft an. Jetzt mal ganz unter uns: FC Barcelona. Sechs Bälle in´s Tor. Magisches Kraftfeld. Die solide Schweizer Zeitung wird flippig. Und du erhebst selbstbesoffen den Blick in den Spiegel und siehst dich dort als Johannes Wenzel Wilhelm Tell.“
„Sehr witzig.“
„Witzig? Naja. Gymnasiale Pause, eine Idylle: plötzlich ein Angriff auf den Lehrersohn, un-, aber artgerecht. Der Apfel rotiert über den Schulhof und trifft den Täter, perfekte Revanche. Emotionale Eruptionen ringsum, alles flippt aus. Und der alte Johannes Wenzel flippt noch immer aus, noch jetzt. Nein, jetzt noch mehr als früher."
„Na und?“
„Numinosum! Apriori! Gott und Artifex! Fette, alte Wörter machen doch deine Sätze nur fett und alt, nicht gut.“
„Magerkost soll besser sein?“
“Und dann dieser popkulturelle Schauplatz von "hora ruit" samt den drei Schwänen als Fresco."
„Ach Gottchen!“
„Ja. Bemühter, gefährlicher Höhenflug. Komische Fallhöhe. Bauchlandung. Fatal, fatal“
„Du übertreibst.“
Bruchlandung sogar. Du lässt den Motor aufheulen bei begrenztem Hubraum und hörst nicht, wie der überdreht. Doch. Jetzt hör mir zu: Falls bei jemandem etwas Magisches aufscheint, kann man es nicht objektiv erkennen. Und selbst wenn man es erkennen könnte, kann man es kaum jemand anderem überzeugend mitteilen. Und wenn man es doch versucht, dann wird es eben, nun ja, komisch, vor allem in deiner altväterlichen Ausdrucksweise.“

„Ächz!
Eifer und Geifer derer, die nicht mehr jung sind und noch nicht alt. Meine Schüler", der alte Wenzel straffte sich, „meine Jungen und Mädchen, sie haben vor einem Jahrzehnt in der Abiturfeier am Ende einen Song platziert. Standing in the Hall of Fame. Eine Hymne, von einer Gruppe, nannte sich The Script. You can throw your hands up, you can beat the clock, you can move a mountain. You can break the rocks. You can be a master. Hier, schau es dir auf dem Bildschirm an, fette, pralle, rührende Lyrik. Kein alter Wein in neuen Schläuchen. Heroischer Pop in jungen Lungen.“
„Sag ich später was zu. Sieh mal auf die Credits: Ist ein William dabei, William Adams. Nennt sich will.i.am. Nur so viel: Man reibt sich verwundert die Augen. Manche Geschichten bleiben in modernen Zeiten besser unerzählt. "
„Komisch, gestelzt, pathetisch, besser unerzählt? Was da gesungen wird, wie da gesungen wird, wie man so erzählen kann, glaub´ mir, das gehört zu den anthropologischen Konstanten, das findest du in allen Lebensphasen, zu allen Zeiten. Man darf das. Ich darf das. Wir dürfen das. Feiern und feiernd schreiben. Ja ."

Sepiabraune Collage

Der junge Wenzel verstummte verstimmt und betrachtete schweigend sein altes Ich. Der alte Wenzel saß vor dem Bildschirm aus Flüssigkristall, hörte sich atmen, tief und langsam. Weggleiten, Entrückung, Trance:

Im Computerarchiv fand sich ein Bild des Brückentors am Main. Als kleiner Junge hatte er die Brücke hinter dem Tor zerstört gesehen. Zusammen mit seinem Vater, der ihn an der Hand hielt, war er damals zum Fluss gegangen. Die Gartenstraße entlang, vorbei an der Erkerwohnung vom Gymnasialdirektor Pfändtner. Seine Tochter Brigiitte war in Vaters Deutschklasse. Hinunter zum Main.

Ein grauer, regennasser Tag, Pontons, die im Wasser schwammen. Sein Vater trug den breitkrempigen schwarzen Hut wie ihn manchmal Priester trugen. Wenn Mutter gute Laune hatte, sprach sie ihn mit Hochwürden an. Ein Bagger an der Arbeit, Vorarbeiten für den Wiederaufbau der alten, zerstörten Brücke. An einem Seilzug Wannen, mit denen man den feuchten, schweren Aushub wegtransportierte. Bevor sie heimgingen, blieben sie vor dem Löwenkopf stehen. Sie verneigen sich, verneigen sich vor dem Löwen auf der roten Mauer.

Ein zweites Bild hochladen: Johannes mit fünfzehn Jahren in der neunten Klasse, die Haare im Mecki-Bürstenschnitt, ein „Stiftenkopf“. Die Brille, dünne Gläser, dicke Fassung, einmal geklebt beim Optiker Lachnit, 0,5 Dioptrien. Ein Schlupfhemd mit weitem Kragen vom Kaufhaus für Herren- und Knabenbekleidung Oehmann.
Unsicherheit, Verlegenheit, Trotz, Fragilität und Zartheit:
Da war sie. Die komische Erhabenheit der jungen Jahre.

Dann das dritte Bild, komplexer im Motiv: Hohes Mauerwerk unter dem breitbeinigen Brückenturm am Main, im Mauerwerk eine Nische, fast der Ansatz zu einer Halle. In ihr – kaum zu erkennen - ein Wasserbecken und dann: der Löwe. König der Tiere, Beherrscher des Rudels, im Maul ein Rohr spie er das Wasser. Auch im kleinen Hallenbad unter dem Gymnasium wohnte der Löwe. Sein lächelnder Kopf ragte dort aus der blauen Kachelwand, spuckte das Wasser hinab auf die Schüler im blau-grünen Bassin, in der sechsten Stunde am Freitag auf die Jungen. Und auf die Mädchen in der vierten Stunde am Samstag.

Standing in the hall of fame
And the world's gonna know your name
'Cause you burn with the brightest flame

And the world's gonna know your name
And you'll be on the walls of the hall of fame.

Blau glomm der Monitor.
Johannes färbte die drei Bilder braun ein, dann, dann schob er sie hin und her, neben- und ineinander, bis sie eins wurden. Eine dreigliedrige Collage, eine sepiafarbene Hommage an die Vergangenheit: Sehr groß in der Mitte der Löwenkopf über dem Wasserbecken. Flankiert von zwei Bildern: Auf der linken Seite der breitbeinige Brückenturm und – ganz klein – im Unterbau noch einmal derselbe Löwe. Auf der rechten Seite Johannes, fünfzehn Jahre, Stiftenkopf, Brille. The Famous Master of a Famous Apple Throw.

Jetzt fügte Johannes noch am unteren Rand den Löwenkopf aus der Schule ein, kaum erkennbar: rotgelb auf blauen Kacheln. Darüber das sepiabraune Triptychon. Lächelnd hob er das Weinglas zum Bildschirm und und grüßte sein Spiegelbild darin. Symbiotische Heiterkeit , simultanes Bewegen der Lippen:
Drama, Erzählung, Lied, Collage. Und hoher Ton.
Schimmerndes Halbdunkel von Raum und Zeit.
Spagat von Erhabenheit und Komik.
Was gab es Schöneres, als sich so in aller Unzulänglichkeit und Löwenhaftigkeit gespiegelt zu sehen?

Besuch

Draußen klopfte es am Fenster. Es war das Eichhörnchen von gestern. Gestern hatte es einen akrobatischen Stunt gezeigt, war von gegenüber aus der Baumkrone auf den Balkon gesprungen. Johannes hatte dort einen Teller mit Haselnüssen abgestellt. Das Hörnchen vor dem Fenster entzückte ihn: Dieser buschige Schweif, sandsteinrot, elegant gebogen. Dieses flippige Hin und Her auf Erden. Diese himmelssichere Luft- und Flugakrobatik.

Frau Dr. Erika Fuchs hatte Wenzel mit dieser Sippe bekannt gemacht. Ahörnchen und Behörnchen sprangen durch die Panels von Carl Barks, damals als er gerade das Lesen lernte. Der Vater hatte erst ernst das Heft betrachtet: Diese amerikanischen Bildergeschichten. Bedenklich. Primitiv. Aber dann schmunzelte er, als Donald rief: "Kann ich Armeen aus dem Boden stampfen? Wächst mir ein Kornfeld auf der flachen Hand?" Bildungsgut, deutsche Klassik. Sieh einer an.
Im Impressum eine Frau mit Doktortitel.
Eine Frau Dr. Fuchs.

Ach, überhaupt, Erika Fuchs! Johannes lächelte verzückt. Animalische Hominiden. Franz Gans. Oma Duck. Der kleine böse Wolf, die Panzerknacker,Daniel Düsentrieb, Goofy, Micky Maus und Minni Maus, Kater Karlo, Ede Wolf. Und besser als sie, ach was: als alles: Donald und Dagobert und Tick, Trick und Track. Wie die drei Neffen einen Kreis bilden, die Holzschwerter senken und schwören: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr!“ Und - schwupp, schwupp, schwupp - weg waren sie, verschwunden, ratzeputz.. Das Waschen und Schrubben am Wochenende unter Donalds Aufsicht. Fiel es aus? Onkel Donald hatte technisch was drauf: „Vor Schmutz starrend, wie sie sind, wird es mir ein Leichtes sein, sie mit dem Geigerzähler aufzufinden.“

Wenzel blickte auf das flippig-ruhige Tier am Fenster: "Du sollst", sagte Wenzel lächelnd und hob langsam die Hand, "Wehörnchen heissen." "Nun ja", sagte das Eichhörnchen, "ich trage schon einen Namen. Erika Fuchs hat mich Eichendorf genannt. Mit einem F."