1. #1
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    Damals/Kinderkur 1963 / 1 ?

    Und dann was hat sie dann gemacht
    Sie hat mir den kleinen Finger gebrochen
    den von der linken Hand
    und dann
    dann hat sie mir den rechten kleinen Finger
    gebrochen aber das weiss ich nicht mehr genau
    Das hat ganz weh getan

    Sie hat gesagt damit du mal siehst wie
    es Judenkindern geht die so sind wie du
    Das habe ich auch damals mit Mädchen gemacht
    Damals so frech und ungehorsam wie du

    Eine war besonders frech
    Die wollte auch nicht hören
    So jetzt iss was
    Aber meine Hände tun so weh
    Kann den Kanten Brot nicht nehmen
    Auch beißen kann ich nicht
    Hab vorne keine Zähne
    Komm doch in die Schule
    War doch schon in der Schule aber die haben gesagt du musst erst zur Kur
    Kann beim Frühstück den Knust nicht halten
    Und nicht zubeissen
    Immer nur Knust nie eine Scheibe Brot

    Ich habe solchen Hunger
    Habe sie an dieses Judenmädchen erinnert
    Weiss garnicht was das ist ein Judenmädchen
    Warum hat sie das mit ihr gemacht
    Warum macht sie das mit mir

    Die hat es nicht anders verdient
    Genau wie du
    Schade das es keine Verbrennungsofen mehr gibt
    Diese frechen Gören
    Euch kann man doch nur totschlagen
    Hab Dich gleich erkannt
    Kenne doch Judengören
    Schade das ich mit dir
    nicht machen kann was ich will
    Dich krieg ich auch noch klein
    Du bist so böse und unartig

    Erstmal kommst du uns Rattenzimmer
    Ratten sind gut
    Auf Ratten ist immer Verlass

  2. #2
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    Hallo EllaNote,

    Auch beißen kann ich nicht
    Hab vorne keine Zähne
    Ein sehr trauriges Bild, das deutlich macht: Es handelt sich um ein kleines Kind, 5 - 6 Jahre alt.

    Schon die Jahreszahl im Titel lässt ahnen, was kommt.

    Ich gehe davon aus, dass du hier als Täterin eine Angestellte des Kurheims beschreibst.

    Die "1963er-Kinder" haben die Ausläufer der auf Unterwerfung und Unterdrückung des Kindes abzielenden "Erziehung" noch in großem Stil zu spüren bekommen und waren Willkür und Sadismus derjenigen, denen sie zum Schutz anvertraut waren, hilflos ausgesetzt. Es war eine Zeit, in der Kinder nach der Geburt erstmal "sauber"gemacht und getrennt von der Mutter ins Säuglingszimmer gebracht wurden. Oder bei Krankheit Wochen oder Monate von den Eltern separiert in Krankenhäusern verbracht haben. Oder vom Großvater noch Sprüche zu hören bekamen wie: "Unter Hitler hätte es das nicht gegeben. Der hätte hier kurzen Prozess gemacht!"

    Auch die Erzieherinnen / Eltern waren Opfer ihrer eigenen autoritären Erziehung und hatten wenig Möglichkeiten, dieses Erbe auszuschlagen. Woher hätten sie die innere Stärke nehmen sollen, wenn sie ihnen niemand vermittelt hat?

    Wie der Zufall will, sah ich gerade einen Dokumentarfilm, in dem es um heutige Zustände in Heimen für z. B. behinderte und schwererziehbare Jugendliche geht. Danach hat sich zwar im Gegensatz zu "1963" GsD vieles verbessert, aber es ist immer notwendig, ein wachsames Auge zu behalten: Sind Maßnahmen wie Fixierung/Einschließen wirklich nur als letztes mögliches Mittel eingesetzt worden? Wird die Maßnahme mit dem Kind hinterher besprochen/aufgearbeitet? Oder war es eher eine Überreaktion aus einer Überforderung oder eine Aktion aus niederen Motiven (dem "Judenkind" die Finger brechen)?

    Dein Text ist wohl aus der Erwachsenenperspektive geschrieben, aber in der Sprache des Kindes. Soll mir zeigen, dass der/die Erwachsene in die Vergangenheit zurückfällt und alles nochmal durchlebt.

    LG
    Richmodis

  3. #3
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    Solche "Kinderkuren" waren noch bis in die 80er weit verbreitet. War das Kind vor der Einschulung zu zu schmächtig...wurde ihm eine Kur verpasst. Sicher wurden einem nicht nicht immer und überall die Finger gebrochen...aber mit prurer Erholung hatte das meist auch nichts zu tun. Die Eltern waren sich wohl nicht darüber bewusst...was sie ihren Kindern antun. Damals war das eben "normal". Neulich sah ich eine Reportage zu den Erziehungsmethoden der Alt 68-er - es kamen verschiedenen Experten und auch Zeitzeugen zu Wort- und in einem Punkt waren sie sich alle einig: die Alt-68er waren die schlechtesten Eltern ever...
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

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