Thema: Entliebt

  1. #1
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    Entliebt

    Entliebt

    Ich sah Dich und mein Herz schlug Purzelbäume,
    Dein Antlitz zuckersüß, Dein Wesen rein.
    Ich fand in Dir das Mädchen meiner Träume
    und wollte immer Dich, nur Dich allein.

    Du konntest Dich nicht gleich in mich verlieben,
    ich stahl Dein Herz, zog Dich in meinen Bann.
    Wir schwebten lange Zeit auf Wolke Sieben
    und schließlich wurde ich Dein Ehemann.


    Hab vielen Dank, Du hast mich nun verlassen.
    Die Kinder wurden groß, ich wurde klein.
    Wir werden uns im Leben niemals hassen,
    doch darf ich, wie ich bin, nun wieder sein.

    Kein lautes Wort kommt über unsre Lippen,
    kein Vorwurf, der die Schuld auf andre schiebt.
    Es gibt ja keinen Grund jetzt auszuflippen.
    Wir haben uns vor langer Zeit entliebt.
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  2. #2
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    Hallo Dabschi,

    da hast Du ganz gut etwas beschrieben, das täglich tausendfach passiert. Und wenn man das so einvernehmlich und lautlos hinbekommt...wie Du das schilderst...dann bleiben da auch nur wenige Narben-und Mut...für den Blick nach vorne...

    Hast Du sauber umgesetzt...kann man nicht meckern.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  3. #3
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    Hallo A.D.,
    vielen Dank für Deinen lobenden Kommentar, über den ich mich sehr freue.

    Ich bin froh, dass ich meine Worte zu diesem Thema nochmal sortierte und mein Gedicht erst abends auf die Reise schickte. Gestern früh sprudelten meine Gedanken heraus und ich schrieb sie, ohne groß darüber nachzudenken, nieder. Ich war aber mit meinem Gedicht noch nicht zufrieden. Es war noch nicht exakt das, was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte. Am Abend schliff ich die Verse nochmal fein und jetzt bin ich mit dem Endergebnis auch zufrieden.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  4. #4
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    Hallo Dabschi,

    ich schließe mich der Lobrede an.

    ...
    Drei einfache Punkte mit einer faszinierenden Wirkung.
    Hab vielen Dank, Du hast mich nun verlassen.
    Erster Gedanke: was?? Wieso das?
    Zweiter Gedanke (nach dem ersten Lesen): wow. So unerwartet und treffsicher.

    S4 überzeugt mich in ganzer Linie mit dieser Nüchtern- und Trockenheit.
    (um diese beispielhaft herauszunehmen, denn das gesamte Gedicht überzeugt mich!)

    Zitat Zitat von Dabschi
    und jetzt bin ich mit dem Endergebnis auch zufrieden
    Meinen Zuspruch erhältst du dafür!

    lG
    k1
    meine bescheidene Meinung

    Hüpfburg

  5. #5
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    Hallo k1,

    vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Es freut mich, dass Du an meinem Gedicht nichts auszusetzen hast.

    Drei einfache Punkte mit einer faszinierenden Wirkung.
    Genau diese Wirkung wollte ich beim Leser hinterlassen. Manchmal sind weniger Worte mehr.

    Diese drei Punkte stehen für die vielen Jahre, die zwischen der großen Liebe bis hin zur Entliebung vergingen – getrennt in Vergangenheit und Gegenwart.

    „Hab vielen Dank, Du hast mich nun verlassen“
    soll darauf hindeuten, dass das LI erleichtert darüber ist, diese Entscheidung nicht selbst treffen zu müssen, obwohl es die Trennung auch für richtig hält. Wenn sich Beide im Laufe der Zeit entlieben, sehen sie eine Trennung gelassener, weil keiner der Beiden mehr darunter leidet. Schockierender ist es oft für Familienangehörige, die nichts davon ahnten.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  6. #6
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    liebe dabschi,

    das ist ein gelungenes gedicht über eine lange verbindung zweier menschen, die nun einen friedlichen abschluss fand, weil sie sich entliebt haben. da sind keine bitteren emotionen in den zeilen, lediglich ein zurückerinnern und bedauern, aber keine großen gefühle, kein herzeleid. man könnte auch sagen, dass sie sich in gegenseitigem einvernehmen getrennt haben. das ist wohl die beste art einer trennung, weil sie eben keinem mehr weh tut.

    überzeugend in verse gegossen und sehr gern von mir gelesen.

    liebe grüße lilisarah

  7. #7
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    Liebe lilisarah,

    da sind keine bitteren emotionen in den zeilen, lediglich ein zurückerinnern und bedauern, aber keine großen gefühle, kein herzeleid.
    Da gebe ich Dir vollkommen recht. Aber ich denke auch, dass es in dieser speziellen Trennung, wie ich sie in meinem Gedicht beschrieb, im Laufe der Jahre viel Herzeleid gab und zwar auf beiden Seiten, mal emotional und mal im Stillen. Jeder ging irgendwann seine eigenen Wege, weil er sich unverstanden fühlte.

    Die drei Punkte, die zwischen der großen Liebe bis hin zur Entliebung stehen, berichten ohne Worte den Verlauf ihrer Ehe.

    Um die Familie aufrecht zu erhalten und den Kindern, solange sie klein sind, eine Trennung nicht zuzumuten, verzichten sie auf eine Trennung, obwohl die Liebe schon lange nicht mehr existiert. Eine rücksichtsvolle Entscheidung, die nicht jedes Paar zur Liebe ihrer Kinder so hin bekommt. (Asche auf mein Haupt!)

    überzeugend in verse gegossen und sehr gern von mir gelesen.
    Vielen Dank, darüber freue ich mich sehr.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

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