1. #1
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    Ein Versuch in Hexametern

    Im Park an der Ilm

    Hastig führt er die Maid ins Dunkel schattender Büsche;
    wie es die Wollust befiehlt, sucht er nach schwellendem Moos,
    meidet den stachligen Dorn des Brombeerstrauchs und der Distel,
    findet, für beide bequem, bald schon den passenden Ort.
    Lass uns, mein Liebchen nun hier heimlich die Liebe genießen,
    Küsse uns tauschen und bald selig und glücklich dann sein.
    Bald verstummt das Gurren der Täubchen, keine Geräusche
    stören, nur raschelndes Laub macht allerschönste Musik.
    Geändert von Festival (30.11.2019 um 11:33 Uhr)

  2. #2
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    Lieber Heinz,

    freut mich, mal wieder Hexameter - dieses Mal elegische Distichen - von Dir zu lesen! Dem dritten Hexameter hast Du eine Pentameter-Zäsur verpasst. Ich mach den Vers blau und schätze, Du wirst sehen, was da los ist. Sonst kann ich keine formalen Fehler entdecken. Prima! Du bist ja immerhin schon eine Weile aus der Übung.

    Da wir nun aber schon im Arbeitszimmer sind, können wir uns ja auch den metrischen Feinheiten widmen. Hast Du Lust? Ich mach mal alle Doppelsenkungen grün, die mir noch nicht leicht genug sind, und gebe Dir ein Beispiel, wie man da rangehen könnte. Wenn Du magst, kannst Du dann alleine weitermachen oder einfach Bescheid sagen, falls Du Hilfe benötigst.


    Hastig führt er die Maid ins Dunkel schattender Büsche;
    wie es die Wollust befiehlt, sucht er nach schwellendem Moos,

    meidet den stachligen Dorn des Brombeergebüschs und der Distel,
    findet, für beide bequem, bald schon den passenden Ort.

    Lass uns, mein / Liebchen nun / hier || heimlich die / Liebe ge- / nießen,
    Küsse uns tauschen und bald selig und glücklich dann sein. - bald und dann sind vielleicht etwas zu viel Styroporfüllung?

    Bald verstummt das Gurren der Täubchen, keine Geräusche
    stören, nur raschelndes Laub macht allerschönste Musik.


    Wenn Du statt des Brombeergebüschs einen Brombeerstrauch nehmen würdest:

    meidet den stachligen Dorn des Brombeerstrauchs und der Distel,

    hättest Du die schwere, semantisch volle Silbe "beer" in einer Einfachsenkung und der Vers wäre noch schöner zu lesen. Evtl. könntest Du auch noch schauen, ob Du vielleicht ein, zwei Pentametern in der ersten Vershälfte noch einen Trochäus spendierst. Das würde noch etwas mehr Abwechslung reinbringen.

    Insgesamt hast Du aber wirklich gute Arbeit geleistet! Ich glaube, das ist Dein erster Versuch in Distichen? Prima!

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (29.11.2019 um 20:15 Uhr)
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  3. #3
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    Liebe Claudi,
    nicht nur Du, auch ich sehe es: Ich bin ein Lernender.
    Wenn ich Gedichte lese, auch längere, die in Hexametern geschrieben sind (oder von Könnern, wie Hans-Peter Minetti rezitiert werden) "gleite" ich allzu gern in diese Meereswogen. Selbst welche zu produzieren, fällt mir schwer und ich werde es wohl bei wenigen Versuchen belassen.
    Meine Bewunderung gilt all denen, die es immer wieder einmal unternehmen, in Hexa- und Pentametern zu schreiben.
    Liebe Grüße und danke für Deine Mühe!
    Heinz

  4. #4
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    ich habe den Kommentar jetzt gelöscht, ohnehin das beste
    Geändert von Mythenfreund (Gestern um 22:17 Uhr)

  5. #5
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    Hallo Mythenfreund,

    willkommen im Forum! Das nenne ich eine selbstbewusste Herangehensweise, einfach mal auf bloße Vermutung davon auszugehen, dass weder der Autor, noch der erste Kritiker einen blassen Schimmer von der Materie haben. Vielleicht wirfst Du mal einen Blick auf diese kurze Einführung, dann dürfte schon einiges geklärt sein und Du bist herzlich eingeladen, Fragen zu stellen.

    Eine Kleinigkeit hast Du allerdings entdeckt, die ich wie selbstverständlich als Tippfehler ausgeblendet hatte: Das doppelte "schönste" ist natürlich zu viel und wohl versehentlich noch von der Überarbeitung stehengeblieben.

    LG Claudi
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  6. #6
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    Hallo Claudi

    ich habe nie behauptet dass weder Autor noch andere Kritiker keinen Schimmer von der Materie haben, im Gegenteil

    ich dränge mich einfach mal auf und hoffe dass ich nicht zu sehr daneben liege mit dem was ich dir zeige.
    ich ging überhaupt nicht auf andere Kritiker ein, weil ich mich nur auf den Ausgangstext bezogen habe, da ich mich ungerne im Vorfeld von gegebenen Postings anderer beeinflussen lasse
    selbst wenn ich Meilen daneben liegen sollte, könnte man daraus eine Diskussion erarbeiten, denn für mich ist das Versmaß im Dystichon bzw Hexameter/Pentameter ebenso Neuland wie für den Themenersteller
    aber beim näheren betrachten des Metrums haben sich mir einfach fragen gestellt
    ich bin Autodidakt und dinge die ich offen frage, frage ich im wesentlichen eigentlich nur für mich selbst, bei dem versuch meine fragen und die folgenden Wege zur Lösung hingehend mir und eventuell anderen zu veranschaulichen.
    Auf diesem wege versuche ich rethorisch für mich punkt für punkt abzuarbeiten und andere dabei an meinem Gedankengang teilhaben zu lassen.

    ich weiß selbst nicht ob mein Kommentar als Kritik oder als Erörterung Berechtigung hat, oder ob er überhaupt Berechtigung hat.
    ich weiß nur, dass ich versuche klar zu machen was ich sehe

    mir kommt gerade das Bild einer Drachenmutter in den Kopf das sein junges beschützt
    eigentlich ein sehr schönes Bild, ich liebe Drachen
    Geändert von Mythenfreund (Gestern um 22:19 Uhr)

  7. #7
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    Liebe Claudi,
    lieber Mythenfreund,
    mein Dank gebührt Dir, liebe Claudi, weil mir Deine fachkundigen Hinweise weiterhelfen.
    Mein leichtes Kopfschütteln geht in Richtung Mythenfreund. Sechs aneinander gereihte Daktylen sind also ein Hexameter! Hätten Homer oder Goethe das auch so gesehen, wären die Ilias samt Odyssee und die Römischen Elegien schnell in die Altpapiersammlung verschwunden.
    Bei meinem "Versuchsballon" habe ich versucht, von Goethe verwendete Versmaße zu übernehmen. Wie gut oder schlecht das gelungen ist - das zu beurteilen überlass ich getrost Claudi:

    Goethe schrieb:

    Eilig trägt er das Kind in leichter, linnener Hülle,
    Wie es der Amme geziemt, scherzend aufs Lager hinan.
    Ohne das seidne Gehäng und ohne gestickte Matratzen
    Stehet es, zweien bequem, frei in dem weiten Gemach.
    Nehme dann Jupiter mehr von seiner Juno, es lasse
    Wohler sich, wenn er es kann, irgendein Sterblicher sein:
    Uns ergötzen die Freuden des echten, nacketen Amors
    Und des geschaukelten Betts lieblicher, knarrender Ton.

    Xx Xxx Xx Xx Xxx Xx
    Xxx Xxx X Xxx Xxx X
    Xxx Xxx Xx Xxx Xxx Xx
    Xxx Xx xX Xxx Xxx X
    Xxx Xxx Xx Xx Xxx Xx
    Xxx Xxx X Xxx Xxx X
    Xx Xxx Xxx Xx Xxx Xx
    Xxx Xxx X Xxx Xxx X

    Ich stümperte danach:

    Hastig führt er die Maid ins Dunkel schattender Büsche;
    wie es die Wollust befiehlt, sucht er nach schwellendem Moos,
    meidet den stachligen Dorn des Brombeergebüschs und der Distel,
    findet, für beide bequem, bald schon den passenden Ort.
    Lass uns, mein Liebchen nun hier heimlich die Liebe genießen,
    Küsse uns tauschen und bald selig und glücklich dann sein.
    Bald verstummt das Gurren der Täubchen, keine Geräusche
    stören, nur raschelndes Laub macht allerschönste Musik.

    Xx Xxx Xx Xx Xxx Xx
    Xxx Xxx X Xxx Xxx X
    Xxx Xxx Xx Xxx Xxx Xx
    Xxx Xxx X Xxx Xxx X
    Xxx Xxx X Xxx Xxx Xx
    Xxx Xxx X Xxx Xxx X
    Xx Xx Xxx Xx Xxx Xx
    Xxx Xxx X Xxx Xxx X

    Liebe Claudi, sei gnädig, vergib dem reuigen Sünder (XxXxxXxxXxXxxXx)
    Heinz
    Geändert von Festival (01.12.2019 um 15:41 Uhr)

  8. #8
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    gut ich halte mich ab heute fern, es tut mir leid, vielen dank für die direkte ansage
    meine liste wurde erweitert, dies war an dich mein letzter Kommentar, du kannst darüber glücklich sein, oder es bedauern
    es wurde alles gesagt
    lg Mythenfreund

  9. #9
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    Lieber Heinz,

    aha, die gute Arbeit, die ich Dir bescheinigt habe, hat in Wahrheit der Meister erledigt, Du Schlitzohr! Aber was gäbe es da zu verzeihen? Sich Goethes Syntax zu bedienen und mit eigenem Inhalt zu füllen, ist wirklich nicht die schlechteste Methode, sich dem Vers zu nähern. Du kannst jetzt sogar noch was lernen, wenn Du Dir anschaust, was Goethe besser gemacht hat. Ich stelle mal beide Texte gegenüber und markiere auch bei Goethe die entsprechenden Stellen farbig:


    Hastig führt er die Maid ins Dunkel schattender Büsche;
    wie es die Wollust befiehlt, sucht er nach schwellendem Moos,
    meidet den stachligen Dorn des Brombeergebüschs und der Distel,
    findet, für beide bequem, bald schon den passenden Ort.
    Lass uns, mein / Liebchen nun / hier || heimlich die / Liebe ge- / nießen,
    Küsse uns tauschen und bald selig und glücklich dann sein.
    Bald verstummt das Gurren der Täubchen, keine Geräusche
    stören, nur raschelndes Laub macht allerschönste Musik.


    Goethe schrieb:

    Eilig trägt er das Kind in leichter, linnener Hülle,
    Wie es der Amme geziemt, scherzend aufs Lager hinan.
    Ohne das seidne Gehäng und ohne gestickte Matratzen
    Stehet es, zweien bequem, frei in dem weiten Gemach.
    Nehme dann / Jupiter /mehr || von / seiner / Juno, es / lasse
    Wohler sich, wenn er es kann, irgendein Sterblicher sein:
    Uns ergötzen die Freuden des echten, nacketen Amors
    Und des geschaukelten Betts lieblicher, knarrender Ton.


    Den Zäsurfehler im blauen Vers würde ich unbedingt noch ausbügeln. Lass Dir mal einen passenden Ersatzvers einfallen, dann ist das Gedicht schon fast perfekt. Und dann schau Dir nochmal die grünen Doppelsenkungen an und vergleiche. Hier hat Goethe das bessere Baumaterial verwendet: nur allerleichteste Vor- und Endungssilben. Wenn Du magst, könntest Du da auch nochmal rangehen und entweder leichtere Doppelsenkungen bauen, oder aber wie in meinem Brombeerstrauch-Beispiel die schweren Silbenklötze als Einfachsenkungen verwenden.

    Vielleicht finden sich ja auch noch ein paar Leser, die die eine oder andere Idee beisteuern mögen. Ich bin gespannt!

    Mythenfreund, schade, dass Du schon das Handtuch wirfst. Der Vergleich mit der Drachenmutter gefällt mir! Nur dass eigentlich Du das Drachenkind bist, dass ich nur liebevoll geneckt habe, weil es ein bisschen vorlaut war. Und jetzt vertragt Euch, Kinder, und wenn Ihr Fragen habt, her damit!

    LG Claudi
    com zeit - com .com

  10. #10
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    Liebe Claudi,
    mich nennst Du Schlitzohr, weil ich die Nähe Goethes suche. Was ist die feminine Form von Schlitzohr? "Vertragt Euch, Kinder..." ist ja wohl auch auf dem Boden meiner thüringischen Heimat entsprossen, oder irre ich mich da?
    An die paar Distichen werde ich noch heran gehen.
    Liebe Grüße,
    Heinz

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