1. #1
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    Zwischen den Schläfen

    November und wie immer
    Spinnweben
    an meiner Hand
    verfangen sie verkleben
    zu grauen Flusen
    Staub zu Staub

    wir tanzen
    Spinnweben sinnweben
    im klebrigen System
    neuronaler Netze
    zappelnde Momente
    eingesponnen festgehalten

    in meinem Kopf
    der doch Frisuren liebt
    und Hüte die sich nicht gleichen
    der nichts wissen will
    von deinem Tod
    und seinem Schweigen
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  2. #2
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    Hallo okotadia,

    das Gedicht beginnt damit, dass das Li Spinnwegen entfernt, vielleicht den Keller säubert oder ähnl. Dabei macht es sich klar, dass diese Spinnweben Mordnetze sind und auf den Tod verweisen. In der zweiten Strophe nehmen diese Gedanken vom Kopf, von der Gedankenwelt des LI, regelrecht Besitz. Die Spinnennetze wandeln sich zu neuronalen Netzen. Dieser Kopf
    der doch Frisuren liebt
    und Hüte die sich nicht gleichen
    , der auf Schönheit, Leben und Liebe ausgerichtet ist, wird in Strophe 3 mit der Realität des Todes des LD konfrontiert- Dieser Tod schweigt, er gibt keine Antwort, er ist philosophisch nicht integrierbar aber aufreizend präsent. Das LI möchte seine Realität so gern verdrängen, aber es gelingt nicht mehr.

    Ich finde dieses Gedicht ist sehr präzise, es beschreibt sehr klar und ohne Sentimentalität, Süßlichkeit oder Rückgriff auf eine abgedroschene und verbrauchte Sprache, wie ausgehend von einer physischen Erfahrung, die klebrigen Spinnwegen auf der Hand, Todesgedanken im LI aufschießen.

    Gegen den Tod sind allerlei religiöse und philosophische Mittel ersonnen worden. Aber die Trauer müssen wir aushalten.
    "Den Tod statuiere ich nicht" hat JWG gesagt. Meinen persönlichen Versuch einer Antwort findest Du in meiner Signatur angedeutet.

    Liebe Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (29.11.2019 um 00:59 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Hallo Okotadia,

    da stimme ich Onegin in ihrer/seiner Einschätzung deines Textes zu...und muss deshalb nicht alles auch wiederholen. Möchte aber noch ergänzen, dass mich alleine schon der Titel, Zwischen den Schläfen", unheimlich (im positiven Sinne) anspricht.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  4. #4
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    Hallo Onegin,

    Danke für Deine einfühlsame Interpretation.

    Es gibt eine seltsame Form der Übersprungshandlung, die vermutlich nur bei Frauen vorkommt: putzen. Ich kenne jedenfalls außer mir mehrere Frauen, die, wenn sie emotional aufgewühlt sind, anfangen sauber zu machen.
    So war das auch, als ich vom plötzlichen und vollkommen überraschenden Tod des Mannes einer sehr guten Freundin erfuhr. Ich konnte es nicht fassen und entfernte mechanisch Spinnweben im Haus (im Herbst gibt es ja immer viele), im Kopf irgendwie leer, dann aufblitzende Erinnerungen an den Verstorbenen. In der Realität war da also zuerst der Tod und der Rest entzog sich meinem Willen.
    In dem Gedicht versuchte ich, den Prozess wie eine Beobachterin meiner selbst zu beschreiben.

    Hallo AD, Dir auch vielen Dank fürs Hinterlassen Deines Eindrucks.

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  5. #5
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    Liebe Okotadia,

    Das ist ein wundervolles Gedicht. Wie hier die Bilder ineinander greifen und mich als Leser hineinziehen und betroffen macht, einfach perfekt, da sitzt alles! Zuerst die körperliche "Abwehr", dann in S2 der Versuch der intellektuellen Relativierung und schließlich die lebenshungrige/bejahende S3, in der für mein Gefühl Zweifel mitschwingen, ob es richtig ist, den Tod zu verdrängen.

    Sehr gerne gelesen

    Lieben Gruß
    albaa

  6. #6
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    Liebe albaa,

    über ein Lob von dir Sprach- und Bildgewaltigen freue ich mich besonders!

    Ich war in letzter Zeit ein wenig lyrikmüde, lesens- und schreibensseitig. Habe gerade beruflich eine recht spannende (wenngleich viel nüchterne) Phase. Aber wenn dann so etwas Unfassbares geschieht...

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  7. #7
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    Hallo Oktadia,
    es gefällt mir wie sich in der Novemberstimmung des Textes Äußerliches (Frisuren) mit Innerem (deinem Tod) "sinnverweben."
    LG
    Perry

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