1. #1
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    der todesengel stürb an meiner statt

    das regenwasser regnet von den bäumen
    auf meinen fuss, auf mein gesicht
    in meinen adern fängt es an zu schäumen
    den waldweg lang entweicht das licht

    hoch in den kronen krächzt ein käuzchen
    begrüsst die nacht mit seinem schrei
    die eichkatz putzt sich hurtig noch ihr schnäuzchen
    im dunkeln schleicht ein fuchs herbei

    da vorne klaffen dunkle gräber
    die erde schlägt sich selber wund
    ich fühle klumpen anstatt herz und leber
    der todesengel macht das ende kund

    das ende einer grossen liebe
    die dich und mich vereinigt hat
    wüsst da der engel von, er schwieg und bliebe
    zurück und stürb an meiner statt
    Geändert von kaspar praetorius (02.12.2019 um 16:49 Uhr)
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  2. #2
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    hallo kaspar

    zur form
    das reimschema ist im Kreuzreim gehalten, a,b,a,b die reine sind rein und größtenteils innovativ
    vor allem die Verniedlichung käuzchen - schnäuzchen mag ich
    4 Strophen 4 zeilen, ansich schlicht und verständlich gehalten, doch lässt der lesefluss den Leser hin und wieder etwas stolpern,

    Strophe 1

    das regenwasser regnet von den bäumen
    auf meinen fuss, auf mein gesicht
    in meinen adern fängt es an zu schäumen
    den waldweg lang entweicht das licht
    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxX die Zäsur macht schön klar das hier eine lesepause vorliegt, melancholischer grundton
    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxX

    ein sauberer Jambus, im wechsel mit gesenkten und gehobenen Kadenzen, nichts stört, allerdings bekommt man beim lesen das gefühl das irgendwas einen versucht zurückhält
    es mag an den Kürzungen in zeile 2 und 4 liegen die sehr zurück gehalten das lesen herunter schrauben, es stört nicht, aber es wirkt abrupt
    vielleicht soll die abruptheit als Unterton zum Thema mitschwingen, das kann ich nicht klar definieren

    es regnet, eine nässe die allesdurchdringend ist und das blut zu schäumen beginnt? ich weiß nicht ob es wut oder trauer ist die hier schäumt, aber vermutlich kommt der regen sehr gelegen, denn nur am schäumenden blut in den adern des lyr.ich erkennt man das trauer oder wut fast zu tränen rührt, aber der regen wäscht die äußeren spuren der trauer hinfort, das licht am Waldweg schwindet was darauf hindeutet dass die Dunkelheit einbricht, oder das kein licht am ende des tunnels zu sehen ist.


    hoch in den kronen krächzt ein käuzchen
    begrüsst die nacht mit seinem schrei
    die eichkatz putzt sich hurtig noch ihr schnäuzchen
    im dunkeln schleicht ein fuchs herbei
    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxX/x hier bin ich unsicher aufgrund der Endung, denn die stimme senkt sich eigentlich, aber es würde nicht zum Metrum passen

    zu meiner Verteidigung gegenüber der letzten zeile muss ich sagen das ich gebrauch mache von Phonetik und Metrik
    ich höre zwar das eine Senkung eintrifft am Zeilenende, aber aufgrund des leseflusses der gegeben ist setze ich dennoch eine gehobene silbe, um dem melancholischen Unterton gerecht zu werden.
    manchmal beugt sich die Metrik der Phonetik, wenn auch nur bedingt
    aber erneut hält mich irgendwas unsichtbares dezent zurück obwohl ich kurzzeitig in zeile 3 sowas wie ein ausbrechen bemerkt habe, ein kurzes voran hasten und in zeile 4 ein erneutes herunter kommen und ruhiger werden

    die kronen als zeichen der Erhabenheit, etwas dräut über dem lyr.ich und schaut herab
    das Käuzchen ist in dem bild überbringer der nacht, wäre es eine krähe könnte man sogar weiterspinnen und einen todesboten in ihm vermuten, aber hier ist es nur ein Käuzchen, der die nacht begrüßt, er ist gelassen
    das heißt das in der Realität nichts geschieht, die angst des lyr.ich scheint nur im kopf stattzufinden, eine Wahnvorstellung aus der angst heraus, eventuell Verfolgungswahn oder etwas tiefsitzenderes, eine Urangst, die Einsamkeit
    ein lebendiger wald, Käuzchen, eichkatz und fuchs, es herscht leben, eigentlich nichts beängstigendes, doch in der nacht sind es nur schatten und Geräusche
    der blick des lyr.ich ist noch klar genug um die Ursachen der Geräusche und der umrisse auszumachen, vermutlich steht der Mond hell über dem weg, oder es ist weniger die nacht sondern mehr die späten abendstunden


    da vorne klaffen dunkle gräber
    die erde schlägt sich selber wund
    ich fühle klumpen anstatt herz und leber
    der todesengel macht das ende kund
    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXxXx anstatt/spondäus, durch ihn gerate ich ins schleudern, ein aussetzen das aber durchaus im text erklärt wird, interessant
    xXxXxXxXxX eine Verheißung/prophezeihung, der melancholische Unterton wechselt in einen dramatischen grundton

    die zeit schreitet voran, die Dunkelheit nimmt im text überhand, grundängste werden im lyr.ich wach
    die gesamte Strophe wechselt sehr in seinen klanglauten, so als würde man rennen, gejagt werden oder ängstlich das geschehen beobachten, sich fürchten und alles wird als bedrohlich eingestuft
    die brust schnürt sich zu, etwas lastet auf dem lyr.ich
    ein todesengel..zuvor ein Käuzchen, entweder es ist das selbe Käuzchen oder diesmal tatsächlich eine krähe, die gestalt die das ende verkündet ist symbolisch betrachtet unkenntlich, sie hat keine shillouette, keine feste form, sie ist aber im kopf des lyr.ich verankert und löst etwas aus, noch mehr angst, es spricht vom ende, das lyr.ich sieht seinen Tod vor augen und erwartet diesen


    das ende einer grossen liebe
    die dich und mich vereinigt hat
    wüsst da der engel von, er schwieg und bliebe
    zurück und stürb an meiner statt
    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxX

    der melancholische Grundton ist zurück, eine Entscheidung wurde gefasst
    in zeile 3 findet eine Zäsur statt, die eines gedankenfragments gleich kommt, ein innerer abschluss findet statt, eine bewusste Trennung
    der engel (hier kein todesengel) wird dargestellt als würde er all das vorangehende leid so erniedrigend finden als würde seine gestalt sich vom todesengel zum engel hin wandeln und Gutmütigkeit zuteil werden lassen, und liebend gerne an seiner statt sterben, in den letzen momenten des sterbenden lyr.ich

    tief und gut, ein interessantes gedicht, die Melancholie schwingt in den zeilen mit, genau wie die Bedrohlichkeit die man empfindet, trotzallem aber sind auch worte dabei die einen etwas kitschigen Nachgeschmack hinterlassen, aber sie entkräftigen nicht das gedicht, sie dienen der grundmusik die zum tragen kommt

    gerne gelesen
    lg Mythenfreund

    ich habe den fehler einen Jambus mit Trochäus zu vertauschen schon wieder begangen, es tut mir leid
    ich habe ihn im kommentar korrigiert und werde mich noch mal eingehender damit beschäftigen um meinen Flüchtigkeitsfehler umzutrainieren
    natürlich ist es ein jambus
    Geändert von Mythenfreund (03.12.2019 um 16:13 Uhr)

  3. #3
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    guten abend mythenfreund
    herzlichen dank für deine zeitintensive beschäftigung mit meinen zeilen.
    zum käuzchen ein hinweis: bei uns kündigt der ruf des kauzes nahenden todesfall an.
    betonungen / nichtbetonungen von zwei- oder mehrsilbigen wörtern sind in meinen ohren und augen willkommene variationen in starren schemen. ariatuionen, welche jeder art von musik mehr gutes tun als schaden zufügen.
    gruss
    kp

  4. #4
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    hallo kaspar

    die Tatsache mit dem Käuzchen war mir nicht bewusst, vielen dank für die Aufklärung, dann hat mich mein gefühl dahin tatsächlich nicht getäuscht

    ich sehe deinen Standpunkt und kann das nur unterstreichen, Variationen gezielt gesetzt, wenn auch nur aus dem eigenen hören heraus geben dem text und auch seinem Klangbild mehr tiefe, es durchbricht die starre einer sonst strengen form und macht sie intuitiver
    ein ausbrechen aus einem Versmaß mit plausiblen Akzenten belebt einen text und setzt Nuancen die neben einem klang auch eine farbe verleihen

    in deinem text zum bespiel las ich
    Strophe 1 grün
    Strophe 2 blau und schwarz
    Strophe 3 schwarz
    Strophe 4 schwarz mit grünem Unterton

    Hoffnung, Ungewissheit, angst zurück zur Hoffnung die aber einen düsteren Unterton hatte
    das mag eventuell nicht verständlich sein aber ich ordne texten in meiner Emotion farben zu, eine farbe ausgehend der musik welche die Klangfarbe in mir hervorruft
    etwas unprofessionell, aber für mich ein guter leiter für Empathie und ein Auslöser diese Empathie in einer Kritik, oder Analyse dem Leser wieder zu geben
    lg und auch dir einen schönen abend
    Mythenfreund

  5. #5
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    wenn lyrik keine enge verbindung zur musik hätte, bräuchten wir sie nicht. lyrik schafft wie die musik eine brücke ( ein "wurmloch"?) zu andern universen.
    danke für deine farben! so was verstehe ich.
    kp
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  6. #6
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    Lieber Kaspar Praetorius,
    damit ich Dein Gedicht beim Kommentieren vor Augen habe, muss ich es hier rein kopieren:

    der todesengel stürb an meiner statt

    das regenwasser regnet von den bäumen
    auf meinen fuss, auf mein gesicht
    in meinen adern fängt es an zu schäumen
    den waldweg lang entweicht das licht

    hoch in den kronen krächzt ein käuzchen
    begrüsst die nacht mit seinem schrei
    die eichkatz putzt sich hurtig noch ihr schnäuzchen
    im dunkeln schleicht ein fuchs herbei

    da vorne klaffen dunkle gräber
    die erde schlägt sich selber wund
    ich fühle klumpen anstatt herz und leber
    der todesengel macht das ende kund

    das ende einer grossen liebe
    die dich und mich vereinigt hat
    wüsst da der engel von, er schwieg und bliebe
    zurück und stürb an meiner statt

    Nach dem höchst bedenkenswerten Kommentar des Mythenfreunds, bei dem ich nicht genau wusste, weshalb sich mir die Fußnägel hoch klappten, werden meine Worte wahrscheinlich ungehört verhallen. Sei es drum:
    Ich habe die in meinen Ohren wohlklingenden Alliterationen genossen und sie fett geschrieben deutlich gemacht. Das ist für mich Lautmalerei vom Feinsten. Angetan bin ich auch vom korrekten Gebrauch des Konjunktivs "stürb". Meinem geschätzten Vorredner war die Bedeutung des Käuzchen-Krächzens nicht bekannt; nun, das ist eine bedauerliche, aber verzeihliche Wissenslücke. Nicht verzeihlich ist, dass er im Brustton der Überzeugung von einem "sauberen Trochäus", fast bin ich versucht "schwadroniert" zu formulieren. Aus einem Gedicht, das von der Überschrift beginnend bis zum letzten Vers in Jamben geschrieben ist, einen "sauberen" Trochäus zu machen - das war einer der Momente, in dem sich meine Fußnägel unordentlich verhielten.
    Du malst, lieber Kaspar, ein spätherbstliches Bild und ich folge dem LI auf seinem Weg in die Abendstunden. Melancholie macht sich breit und den Grund nennst Du in der letzten Strophe. Farben? Das Licht entweicht und alles erscheint mir eher in traurigem Grau.
    Ein, wie ich finde, meisterliches Gedicht und - was meiner Lebenseinstellung entgegen kommt - das LI überlebt das Ende einer großen Liebe. An seiner Stelle stürb der Todesengel, wenn er denn von der großen Trauer des LI wüsst.
    Liebe Grüße,
    Heinz

  7. #7
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    lieber heinz
    danke für deinen genauen blick auf meine verse.
    tod und liebe sind die ewigen themen der musik sowohl als auch der lyrik
    hoffe, du als musik- wie auch frauenliebhaber kannst mir darin zustimmen
    wenn nicht du, so doch marcel rr
    gruss
    matthias

  8. #8
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    Lieber Kaspar Praetorius,
    ich schrieb: "Ein, wie ich finde, meisterliches Gedicht...". Meisterliche Gedichte, und zu denen zähle ich Heinrich Heines Gedichte. Von den Gedichten Heinrich Heines hat Hans-Peter Minetti mir mal gesagt: "Heine ist für mich der musikalischste Dichter." Ach so, ein Frauenliebhaber war HP Minetti auch.
    Einen Satz aus meinem Kommentar muss ich jetzt allerdings zurück nehmen ("Nicht verzeihlich ist, dass er im Brustton der Überzeugung von einem "sauberen Trochäus", fast bin ich versucht "schwadroniert" zu formulieren.") Offensichtlich wurde er inzwischen darauf hingewiesen, dass er Jambus mit Trochäus verwechselt hat.
    Aber zu Deinem Gedicht zurück: Wäre ich auf der Suche nach einer Melodie zu Deinem Gedicht, müsste es etwa die Stimmung haben wie "Es war ein König in Thule" oder "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", vielleicht noch "Es dunkelt schon in der Heide". Die Melodien passen nicht auf Dein Gedicht, sehr wohl aber die Stimmung.
    Liebe Grüße,
    Heinz
    Geändert von Festival (04.12.2019 um 20:40 Uhr)

  9. #9
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    @kasper

    Grüße,

    nach den „Vorrednern“ habe ich jetzt „Muffensausen“, meinen eintönigen Senf dazulassen.

    Hier ist dir wieder was Großes gelungen, obwohl die Vorhergehenden Texte, von dir, auch sehr gut waren. Vermutlich hast du eine Goldader angebohrt. Grins.

    Habe ich Vorschläge, hier:

    der todesengel macht das ende kund

    der todesengel gibt das ende kund

    Also, die Ausführliche Anteilnahme fällt aus. Dafür kommt wieder mein Daumen hoch. Und das bekommen nicht alle, nicht mal selber ich.

    Tschüss,

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