Thema: down and up

  1. #1
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    down and up

    Schon wieder eine scharfe Kurve, die
    mein ganzes Können auf die Probe stellt,
    auf dass ich nicht, pardautz, im Graben lande
    und Hilfe rufen muss beim Roten Kreuz.

    Ein Schlagloch rüttelt erst den Wagen, dann
    auch mich, mein Kniegelenk zerbricht am Lenker,
    das Klirrgeräusch der grün getönten Scheibe -
    es übertönt mein lautes Wehgeschrei.

    Mein Ziel, ein Rendezvous mit dir, ist, ach!,
    so weit entfernt, dem Tode bin ich näher
    durch eigne Schuld - und so ists oft im Leben:
    Du Tor versuchst in Seligkeit zu enden,

    jedoch, die Mär von vorgeschriebnen Bahnen,
    sie stimmt so wenig wie die schönen Kreise,
    die voller Harmonie den Gang des Lebens
    uns skizzenhaft, doch trügerisch vermitteln.

    Mein Leben war ein stetes Auf und Ab und
    der Wunsch, auf Erden glücklich zu vollenden,
    was eine gute Fee mir prophezeite,
    verwehte. Nur ein lang ersehnter Schimmer

    in deinen Augen lässt mich hoffen, dass
    nach Sturm und Regen, Blitz und Donnerschlägen
    mich doch ein spätes Liebesglück erwartet
    und Knabenblütenträume Wahrheit werden

  2. #2
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    Zitat Zitat von Heinz
    doch ein spätes Liebesglück erwartet
    und Knabenblütenträume Wahrheit werden
    Lieber Heinz,

    Du bist ein ewiger Jüngling, der bestimmt auch noch im Rentenalter sein Abenteuer finden wird - ich wünsche es Dir auf jeden Fall.

    Dein
    Aron Manfeld 2020

  3. #3
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    Lieber Aron,
    das hast Du in sehr liebenswürdiger Art geschrieben. Merci!
    Liebe Grüße,
    Heinz

  4. #4
    hallo Festival

    ich staune immer wieder über deinen Wortschatz, alles sehr geschmeidig und fügt sich
    die Enjambements sind sehr schön gesetzt und tragen sehr dem sprachfluss bei der sich wie wellen durch die Strophen zieht, irgendwie sogar war das lesen gefühlt schneller vorbei als ich dachte, obwohl 6 Strophen ja nicht gerade wenig sind, ich frage mich ob es am Metrum liegt dass sich alles so voran gezogen anfühlte
    bitte nicht falsch verstehen, ich möchte das für mich machen, da ich weiß dass du dir deiner wortkraft bewusst bist


    Schon wieder eine scharfe Kurve, die
    mein ganzes Können auf die Probe stellt,
    auf dass ich nicht, pardautz, im Graben lande
    und Hilfe rufen muss beim Roten Kreuz.
    xXxXxXxXxX
    xXxXxXxXxX
    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxX

    ok, ich glaube ich sehe woran es liegt?
    der 5 hebige Jambus der in z1, z2 und z4 betont den Rhythmus dramatisch zur nächsten zeile anhebt
    und der in momenten von gedankenschüben oder aussagen des lyr.ich wie in z3 gesenkt Xx enden

    tatsächliches Geschehen und ohnmächtige Beobachtung in den arten von Gegenüberstellungen
    die betonten enden lassen Dramatik aufleben und ziehen den lesefluß voran
    die gesenkten enden weisen auf eine wahrgenommene aussichtslosigkeit hin gegenüber der Situation, ein aufgeben? nicht nur in dieser zeile fiel mir das auf sondern in jeder zieht sich dieses muster in abgewandelter form durch das ganze gedicht
    in der 2 Strophe sind es zbsp z2 und z3 die das gesenkte Xx aufweisen.
    in s3 sind es z2, z3 und z4
    gerne gelesen, auch wenn das Thema eher trauriger Natur ist
    die Melancholie schlägt auf mich erst so recht ab der 4 Strophe durch, davor schwang zwar Verzweiflung aufgrund der Situation durch, aber irgendwo noch so etwas wie leise Hoffnung auf hilfe, da lyr.ich ja doch in Erwägung zog hilfe zu rufen, somit kommt wahrscheinlich das Moment des Aufgebens des lyr,ich so hervorgehoben und mental Abschluss suchend bei mir an

    in deinen Augen lässt mich hoffen, dass
    nach Sturm und Regen, Blitz und Donnerschlägen
    mich doch ein spätes Liebesglück erwartet
    und Knabenblütenträume Wahrheit werden
    faszinierend finde ich da Strophe 6, die endstrophe

    es fängt in z1 die dramatische Lesart an indem es eine Betonung ans ende setzt, aber hier entsteht in z2, z3 und z4 der eigentliche Moment der aufgabe im stillen hoffen und wünschen? oder eher ein erinnern, was mir aufzeigt das lyr.ich dem Tode entgegen geht und in seinen letzten zügen liegt, eine art Abgesang durch Senkungen
    oder aber es stellt da das Rettung eingetroffen ist, lyr.ich nur nicht mehr ansprechbar zu sein scheint und in den augen seines Retters seine Zukunft (hoffnung) auf ihn (lyr.ich) in dem Moment der Rettung reflektiert wird
    aufgabe des lebens gefolgt von Hoffnung nicht sterben zu müssen

    Knabenblütenträume
    ein schöner Neologismus
    er vereint kindliche träume der Vergangenheit und auch den stillen wunsch nach kindern in der Zukunft
    ich mag Neologismen, sie sind unverbraucht und lassen meine Gedanken neue routen nehmen

    mal wieder ein schönes gedicht von dir, sehr gerne gelesen
    lg mythenfreund

  5. #5
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    Hallo Mythenfreund,
    Du hast Dir wieder viel Arbeit gemacht, dafür erst einmal meinen Dank!
    Ganz richtig erkannt hast Du die fünfhebigen Jambenverse, die ungereimt daher kommen und nach Bedarf mal männlich, im vorliegenden Werklein weiblich enden.
    Da Du Dich als Lernenden bezeichnest - hier die einfache Erklärung: Es handelt sich durchweg um "Blankverse", eine lange Zeit beherrschende Art des Dichtens. "Blank"-Verse, weil sie "blank" von Reimen sind.
    An einer Stelle hast Du Dich geirrt: Die "Knabenblütenträume" sind kein Neogolismus, sondern schamlos bei Goethe geklaut.
    In der Urfassung des "Prometheus" heißt es: "... weil nicht allen Knabenmorgenblütenträume reiften", in der heute gültigen Fassung lautet der Vers: "... weil nicht alle Blütenträume reiften."
    Für Dein Kompliment: Danke!
    Liebe Grüße,
    Festival

  6. #6
    ich hab beim schreiben gar nicht gemerkt das es viel wird

    ja, danke für die Erklärung, lag vermutlich an den Assonanzen wie kurve- probe, pardautz-kreuz, getönten - übertönt, scheibe - Geschrei um nur einige zu nennen, dass ich keine reime erwähnt habe

    ein Neologismus war das wort für mich schon, da ich es noch nicht gehört habe
    dein schreibstil ist eigen und hebt sich hervor, warum sollte ich das nicht mögen
    du bewegst dich nicht ausschliesslich in grenzen, aber weißt diese sehr gut zu durchbrechen, das ist eine schöne Mischung zwischen form und Inhalt
    man merkt die jahre an Erfahrung, wobei ja jedem Menschen eigene Erfahrungen anheim fallen
    lg mythenfreund

  7. #7
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    Hallo Mythenfreund,
    die Wahl der Vokale, die Regelmäßigkeit der Jamben lassen oft den nicht vorhandenen Reim vergessen. Der Reim (hier der Endreim) ist ein Gestaltungsmittel, der uns Mitteleuropäern nicht "angeboren" ist. Unsere Vorfahren haben anders, nämlich stabgereimt. Richard Wagner, der seine Libretti selbst schrieb, ahmte das in historischen Stoffen nach, z.B. in der Arie "Winterstürme wichen dem Wonnemond", und viele Sprüche, Büchertitel, Reklametexte zeigen, dass der Stabreim uns direkt ins Blut geht (Götter, Gräber und Gelehrte, Milch macht müde Männer munter, das Schiff geht unter mit Mann und Maus, ich bin das Alpha und das Omega - alle Vokale stabreimen.
    Der Reim (Endreim), ich sagte es schon, ist ein Gestaltungsmittel; wird er auf Teufel komm raus eingesetzt, führt das oft zu unschönen Satzverdrehungen und/oder Wortamputationen.
    Ein Gedicht zeichnet sich nicht mit dem Endreim aus, sonst wäre jede Büttenrede ein Gedicht. Die Mehrzahl der Gedichte hat keinen Endreim.
    Liebe Grüße,
    Festival

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