1. #1
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    Der Tod am Wörtersee

    Seine Kurzkrimis schrieb Kurt stets am Wörtersee unter einem Pseudonym und unter einem Blätterdach.
    Nach der jetzigen Recherche von Kommissariar R3D3 hatte sich Kurt am frühen Abend zur Johannisnacht
    unerkannt dorthin begeben, verfolgt von einem Schatten.
    Den Augenzeugenberichten nach muss das offiziell um achtzehn Uhr zweiunddreißig gewesen sein.

    Als sich ihm eine aufregende Idee hinzugesellt hatte,
    stand die Überschrift bereits fest.
    Darunter setzte Kurt seine Unterschrift.
    Über -Unterschrift. Das war wohl ein kleines Wortspielchen, denn es war ungewöhnlich frisch um diese Jahreszeit.
    Ein Aufwärmspiel sozusagen, dem Kurt sich oft mit einer inneren Freude hingegeben haben musste,
    wenn ihm kalt wurde.
    Kurt liebte Ideen, sie waren seine eigentlichen Freunde im Leben.
    Kurt war schon alt, und auf dem Papier lebte er immer noch in Sütterlin.
    Zunächst schlug gewöhnlich ein kurzer Aufsatz auf dem Aufsitz einer alten Buche zu Buche,
    als der Gedankenblitz ihn erwischte.
    ( Hier war eine Buche eindeutig zuviel, sie musste anscheinend sofort danach wieder von ihm gestrichen worden sein.)

    Seine Figuren bedachte Kurt stets mit imposanten Absätzen,
    auf denen sie sich noch etwas unbeholfen in Sinnabschnitten einfinden konnten.
    Wie ein Puppenspieler brachte er dann unbekannte Wesen zusammen und konfrontierte sie nacheinander
    in unausweichlichen Engen, in den Gewölbekellern des finsteren Unterbewusstseins,
    eigens dafür geschaffen, um in einem Plot umgebracht zu werden.
    Ganz nebenbei wird ein Leser dabei gefesselt und zum Zuschauen verdammt.
    Seine Augen und ein Arm müssen jedoch beweglich bleiben.
    Weil er sie braucht, um das ungeheuerliche Geschehen weiter verfolgen zu können,
    weil er das Buch nicht weglegen darf.
    Das hatte sich bewährt und war immer schon äußerst praktisch.

    Um Kurts Figuren auch von allen Seiten erfassbar machen zu können,
    müssen sie zwischendurch immer wieder eigenhändig umgeblättert werden, eine unglaubliche Leistung des Lesers.
    Natürlich wird hierbei von ihm eine gewisse Eigeninitiative abverlangt, aber Rache?
    Idealerweise geraten hierbei die Handlungsstränge wie lianenartige Tentakel, verworren, unberechenbar,
    zu einem Knäuel zusammen, welches zunehmend in aller Beklommenheit den Magen ausfüllt.
    Es verstrickt den Leser in das Labyrinth seiner eigenen Ängste.

    Zwischen den vielen Blättern ließ Kurt zum letzten Male den Blick ruhig
    über den unberührten Wörtersee schweifen, nichtsahnend, was da auf ihn kommen würde.
    Wörter, wohin man auch schaute, im Fruchtwasser ihrer sinnfreien Unschuld.
    Noch konnte sie kein Wässerchen trüben. Beihnahe zu schnell zog sich der Himmel finster zusammen.
    Heute musste etwas Großes passieren, das schien unausweichlich, wenn er seine Zeilen selbst noch miterleben wollte,
    Seine Leserschaft durfte wieder einmal nicht enttäuscht werden.
    Jedesmal musste er sich selbst wieder fröstelnd und ängstlich hineinfühlen
    in eine unbekannte Welt unter der sich arglos spiegelnden Oberfläche.
    Darunter verbarg sich der Abgrund, die Angst und der qualvolle Tod.

    Kurt war viel aufgewühlter als sonst, Worte trieben plötzlich von allen Seiten nach oben,
    manche schienen ihn sofort in ihren Bann und wieder hinunter ziehen zu wollen.
    als wenn sie dort irgendwo auf dem tiefen Grund gelegen und auf diese Gelegenheit gewartet hätten.
    Sie hatten ihm dort schon lange aufgelauert.
    Kurt muss von ihnen aufgeschreckt worden sein,
    als er gewahr wurde, dass es hierbei nicht mehr um seine Leser gehen sollte, sondern um ihn selbst,
    der schüchterne kauzige Sonderling eien Kleinstadt.
    Plötzlich fanden sich auch eigentümliche Worte spontan zusammen,
    die er nicht beherrschen konnte, die nicht seine eignen waren.
    Fremde Stimmen erzählten ihm aufgeregt böse Geschichten ohne Punkt und Komma,
    Geschichten, wie sie normalerweise nur dem kranken Hirnen böser Menschen erwachsen.

    Um diesem etwas entgegenzuhalten, ließ Kurt zunächst selbst auf feinen Linien
    bedeutungsschwangere Sätze aufmarschieren.
    Mit zittriger Hand zog er aus den Untiefen seiner Erinnerung die vertrauten Figuren
    nach oben, seine hässliche Nachbarschaft, seine abartige Verwandtschaft, seine Übermutter,
    seine Schulzeit in Sütterlin. Sein übliches Strickmuster hatte sich immer bestens bewährt,
    und die aufgewühlten Menschenseelen verlangten hier nun eine Fortsetzung von ihm,
    einen unsterblichen Roman.

    Dass ein Leser selbst in jener Gewitternacht zum Mörder herangereift sein könnte,
    aufgewachsen und herangereift im Schattendasein seiner Romanwelt,
    hatte Kurt in seiner Unschuld nicht bedacht, und so hat es ihn kalt und grausam erwischt.
    Mit einem Male diktiert ihm ein Unwirklicher den Text und führt die Regie.
    Ein fremder Wind rauscht durch seine erschaffene Blätterwelt.
    Diese unwirkliche, schattenartige Figur springt ein,
    um Kurts Puppenspiel zu übernehmen.
    Alles ist wohl durchdacht, minutiös vorbereitet und initiiert.

    Dreiundzwanzig Uhr achtundzwanzig.

    Viele Buchstaben starben für sein Buch,
    sie sind plötzlich irgendwo stehen geblieben,
    bis sie keine Satzzeichen mehr von sich gaben, und keine Wörter bilden konnten,
    bis der Wörtersee wieder seine Geheimnisse verschluckt hatte
    und keinen Mucks von sich gab.

    Kurt liegt irgendwo begraben zwischen zwei Buchdeckeln,
    immer noch darauf wartend,
    um im Hirn und in der blühenden Phantasie
    eines entsetzten und erschöpften Lesers weiterleben zu können.

    Nur sein Name lebt weiter, sein Psyeudonym,
    erfolgreich, inzwischen mit etlichen Fortsetzungen und Preisen überhäuft.
    Der Name ist längst aus der Kleinstadt umgezogen und kleidet einen Mörder.
    Und dieser lebt nicht mehr in Sütterlin sondern irgendwo auf großem und freien Fuße.
    Er schreibt auch nicht mehr incognito, sondern lässt schreiben durch eine KI- Schreib- Gemeinschaft,
    für Leser, welche nicht mehr lesen, sondern nur noch Bücher bestellen zum
    Verschenken, ein Milliardenmarkt vor jedem Weihnachtsfest, die Dekoration eines modernen Wohnzimmers.

    Während Kurts Leiche irgendwo auf dem Grunde des Wörtersees still vor sich hindümpelt.
    kommt Kommissar R3D3, aus dem Kommissariat KI der künstlichen Intelligenz ins Qualmen.
    dicke Wolken steigen hinter seinem Schreibtisch auf.
    Er ist sich sicher, dass es in diesem Falle weitaus mehr sein muss, als ein normaler geistiger Datenklau,
    das haben seine Überprüfung aller Algorithmen und des geistigen Fingerabdrucks eindeutig ergeben.
    Da sich die flächendeckenden Wärmebild Kameras auf dem Lande noch nicht durchgesetzt hatten,
    existiert nur ein schwaches Phantombild von Kurts Schatten.
    alle Indizien sprechen z.Zt. für eine Beteiligung der russischen Regierung.

    Es bleiben wichtige Fragen bestehen,
    Wer war Kurt? Wo ist ist Kurt zur Zeit.
    Ist Kurt etwa selbt nur eine erfundene Kultfigur,
    die eingesetzt worden ist, um Lesermassen zu manipulieren?
    R3D3 rattert nervös im Zimmer auf und ab.
    Wer sind die Hintermänner?
    Wohin und durch welche undurchsichtigen Kanäle fließt das Geld?

    Wie wird es weitergehen?
    Verpassen Sie nicht unsere Fortsetzung!
    Geändert von Anjulaenga (07.03.2020 um 14:05 Uhr)

  2. #2
    popeye Guest
    Wer hätte noch nie den Wunsch gehabt, es würde einer am Schmarren ersticken, den er allüberall von sich gibt? Dass den TV-Anstalten, öffentlich-rechtlich oder privat, die Sendemasten abknickten ob der Zentnerlast des kriminellen Schwachsinns, den sie Tag und Nacht daran hängen? Dass nicht immer die Bösewichte, sondern vor allem die kühnen KommissarInnen auf die Fresse kriegten, aber nicht immer bloß mit dem Holzhammer, sondern auch mal gewitzt?

    Leider findet sich in diesem Stückerl kein solcher Ansatz. Im Gegenteil - es reiht sich Sprachhülse an Sprachhülse, um uns am Ende verständlich zu machen, dass nicht nur das Genre selbst, sondern auch die Kritik daran etwas wie Geist, Witz und Sprachgeschick bräuchte, um das Publikum zu unterhalten.

    Sonst wird's, so wie hier, zur Realsatire: Kein Kampf der Zyklopen, sondern ein banales Geklopfe mit Holzhämmern.

    popeye

  3. #3
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    Liebe/r popeye,

    danke für deine gut gemeinte Kritik an meiner witzlosen Kritik mit dem Holzhämmerle. Der Witz daran ist, dass ich überhaupt kein Genre kritisieren wollte. Ich wollte auch nicht als Zyklop irgendwelche Sendemasten knicken. Dazu hätte ich doch meine Abrissbirne bemüht und angestrengt. Lies es einfach wie eine Idee, oder wie eine Skizze zu einem Plot, der z.B. ein Roman werden will. Auf Anhieb wird natürlich soetwas auch nur diejenigen unterhalten können, die sich darunter schon etwas vorstellen können. L.G.A.

  4. #4
    popeye Guest
    Ah ja -
    Lies es einfach wie eine Idee, oder wie eine Skizze zu einem Plot, der z.B. ein Roman werden will. Auf Anhieb wird natürlich soetwas auch nur diejenigen unterhalten können, die sich darunter schon etwas vorstellen können!
    Ich verstehe. Drum haben ja so wahnsinnig viele auf diese ideenreiche Romanskizze so positiv reagiert. Na, jetzt steht halt neben vielen, vielen Zusprüchen auch eine kritische Stimme da. Macht nix - ist ja nur eine einzige, nicht wahr?

    popeye

  5. #5
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    Liebe/r popeye,

    natürlich muss ich hier bitterlich zur Kenntnis nehmen, dass ich mit dieser Idee keine Massen anspreche. Trotzdem schien es mir zu schade, solches nicht zu Papier zu bringen und einfach in Vergessenheit geraten zu lassen. Vielleicht kennst du so etwas. Wenn es meine Zeit erlaubt, setze ich mich aber damit gerne nochmal auseinander, um auch scharfe Kritiker wie dich zu überzeugen. Ich glaube verstehen zu können, weshalb du damit nicht besonders viel anzufangen weißt. Hab vielen lieben Dank für deine engagierten, konstruktiven Hinweise, welchen ich zu gegebener Zeit bestimmt nachgehen werde. L.G.A.

  6. #6
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    Mir hates auch gefallen. Und da ich das Buch nicht weglegen durfte, sagte ich mir im überzeugendsten Tonfall von Kurt: Nein das darf ich nicht. Sonst hätte man ja alles wie gewohnt aussehen lassen können und der Leser hätte dann gesagt: Ja so sieht es dann wohl aus. Wenn ich alles bin.

    MFG!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  7. #7
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    Nun, lieber Terrorist,
    wir müssen den Täter in der Leserschaft suchen und natürlich ist jeder hier verdächtig, ganz klar.
    popeye und du, ihr beiden gehört auf jeden Fall in den engeren Kreis der Verdächtigen, und das, obwohl ihr nicht alles seid.
    Es will immerhin um Mord gehen, um brutale Vernichtung mit Vorsatz.
    Als Motiv könnten niedere Beweggründe herhalten, ohne jemandem gleich das Schlimmste unterstellen zu wollen.
    Noch gilt die Unschuldsvermutung.
    popeye hat sich schon aus dem Staub gemacht, und ein stichhaltiges Alibi ist bei dir nicht auszumachen.
    Terrorist, es ist schlecht um dich bestellt, ich muss es leider ganz offen aussprechen,
    und es riecht förmlich nach einer Fortsetzung. Mehr aber soll an dieser Stelle nicht verraten werden,
    um den gegenwärtigen Stand der Ermittlungen nicht weiter zu gefährden.
    L.G.A.

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