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    Der Tod am Wörtersee

    Seine Kurzkrimis schrieb Kurt stets am Wörtersee unter einem Pseudonym.
    Nach der jetzigen Recherche von R3D3 hatte sich Kurt am frühen Abend zur Johannisnacht
    unerkannt dorthin begeben, verfolgt von einem Schatten.
    Den Augenzeugenberichten nach muss das offiziell um achtzehn Uhr zweiunddreißig gewesen sein.

    Als sich ihm eine aufregende Idee hinzugesellt hatte,
    stand die Überschrift bereits fest.
    Darunter setzte Kurt seine Unterschrift.
    Über -Unterschrift. Das war wohl ein kleines Wortspielchen, denn es war ungewöhnlich frisch um diese Jahreszeit.
    Ein Aufwärmspiel sozusagen, dem Kurt sich oft mit einer inneren Freude hingegeben haben musste,
    wenn ihm kalt wurde.
    Kurt liebte Ideen, sie waren seine eigentlichen Freunde im Leben.
    Kurt war schon alt, und auf dem Papier lebte er immer noch in Sütterlin.
    Zunächst schlug gewöhnlich ein kurzer Aufsatz auf dem Aufsitz einer alten Buche zu Buche,
    als der Gedankenblitz ihn erwischte.
    ( Hier war eine Buche eindeutig zuviel, sie musste anscheinend sofort danach wieder von ihm gestrichen worden sein.)

    Seine Figuren bedachte Kurt stets mit imposanten Absätzen,
    auf denen sie sich noch etwas unbeholfen in Sinnabschnitten einfinden konnten.
    Wie ein Puppenspieler brachte er dann unbekannte Wesen zusammen und konfrontierte sie nacheinander
    in unausweichlichen Engen, in den Gewölbekellern des finsteren Unterbewusstsein,
    bis sie sich gegenseitig nur noch umbringen konnten.
    Ganz nebenbei wird ein Leser dabei gefesselt zum Zuschauen verdammt.
    Seine Augen und ein Arm müssen jedoch beweglich bleiben.
    Weil er sie braucht, um das ungeheuerliche Geschehen weiter verfolgen zu können,
    weil er das Buch nicht weglegen darf.
    Das hatte sich bewährt und war immer schon äußerst praktisch.

    Um Kurts Figuren auch von allen Seiten präsentieren zu können,
    müssen sie zwischendurch immer wieder eigenhändig umgeblättert werden.
    Natürlich wird hierbei von einem Leser eine gewisse Eigeninitiative abverlangt, aber keine Rache!
    Idealerweise geraten hierbei die Handlungsstränge wie lianenartige Tentakel, verworren, unberechenbar,
    zu einem Knäuel, welcher zunehmend in aller Beklommenheit den Magen ausfüllt.
    Es verstrickt den Leser in das Labyrinth seiner eigenen Ängste.

    Zwischen den vielen Blättern ließ Kurt zum letzten Male den Blick ruhig
    über den unberührten Wörtersee schweifen, nichtsahnend, was da auf ihn kommen würde.
    Wörter, wohin man auch schaute, im Fruchtwasser ihrer sinnfreien Unschuld.
    Noch konnte sie kein Wässerchen trüben. Der Himmel zog sich finster zusammen.
    Heute musste etwas Großes passieren, das schien unausweichlich, wenn er seine Zeilen selbst noch miterleben wollte,
    Seine Leserschaft durfte nunmal nicht enttäuscht werden.
    Jedesmal musste er sich selbst wieder fröstelnd und ängstlich hineinfühlen
    in eine unbekannte Welt unter der sich spiegelnden Oberfläche.
    Darunter verbarg sich der Abgrund, die Angst und der qualvolle Tod.

    Kurt war viel aufgewühlter als sonst, Worte trieben plötzlich von allen Seiten nach oben,
    manche schienen ihn in ihren Bann und wieder hinunter ziehen zu wollen.
    Sie hatten dort irgendwo auf dem tiefen Grund gelegen und auf diese Gelegenheit gewartet,
    hatten ihm schon lange dort aufgelauert.
    Kurt muss von ihnen aufgeschreckt worden sein,
    als er gewahr wurde, dass es hierbei nicht mehr um seine Leser gehen sollte, sondern um ihn.
    Plötzlich fanden sich auch eigentümliche Worte spontan zusammen,
    die er nicht beherrschen konnte, die nicht seine eignen waren.
    Fremde Stimmen erzählten ihm aufgeregt böse Geschichten ohne Punkt und Komma,
    Geschichten, wie sie nur aus kranken Hirnen böser Menschen entstehen.

    Um diesem etwas entgegenzuhalten, ließ Kurt zunächst selbst auf feinen Linien
    bedeutungsschwangere Sätze aufmarschieren.
    Mit zittriger Hand zog er aus den Untiefen seiner Erinnerung die vertrauten Figuren
    nach oben, seine hässliche Nachbarschaft, seine abartige Verwandtschaft, seine Übermutter,
    seine Schulzeit in Sütterlin.
    Kurts Strickmuster hatte sich stets gut bewährt,
    und die aufgewühlten Menschenseelen verlangten hier nun eine Fortsetzung von ihm,
    einen unsterblichen Roman.

    Dass ein Leser selbst in jener Gewitternacht zum Mörder herangereift sein könnte,
    hat Kurt in seiner Unschuld nicht bedacht. Er wird kalt und grausam erwischt.
    Mit einem Male diktiert ihm ein Unwirklicher den Text und führt die Regie.
    Ein fremder Wind rauscht duch die künstliche Blätterlandschaft.
    Diese unwirkliche, schattenartige Figur muss einspringen,
    um Kurts Puppenspiel zu übernehmen.
    Alles ist wohl durchdacht, minutiös vorbereitet und initiiert.

    Dreiundzwanzig Uhr achtundzwanzig.

    Viele Buchstaben starben für sein Buch,
    sie sind plötzlich irgendwo stehen geblieben,
    bis sie keine Satzzeichen mehr von sich gaben, und keine Wörter bilden konnten,
    bis der Wörtersee wieder seine Geheimnisse verschluckt hatte,
    Kurt liegt irgendwo begraben zwischen zwei Buchdeckeln,
    immer noch darauf wartend,
    um im Hirn und in der blühenden Phantasie
    eines entsetzten und erschöpften Lesers weiterleben zu können.

    Nur sein Name lebt weiter, sein Psyeudonym,
    erfolgreich, inzwischen mit etlichen Fortsetzungen und Preisen überhäuft.
    Der Name ist längst umgezogen und kleidet einen Mörder.
    Und dieser lebt nicht mehr in Sütterlin sondern irgendwo auf großem und freien Fuße.
    Er schreibt auch nicht mehr incognito, sondern lässt schreiben durch eine Roboterbüro- Gemeinschaft,
    für Leser, welche nicht mehr lesen, sondern nur noch Bücher bestellen zum
    Verschenken, ein Milliardenmarkt vor jedem Weihnachtsfest.

    Während Kurts Leiche irgendwo auf dem Grunde des Wörtersees still vor sich hindümpelt.
    kommt Kommissar R3D3, aus dem Kommissariat KI der künstlichen Intelligenz ins Qualmen.
    dicke Wolken steigen hinter seinem Schreibtisch auf.
    Er ist sich sicher, dass es in diesem Falle weitaus mehr sein muss, als ein normaler geistiger Datenklau,
    das haben seine Überprüfung aller Algorithmen und des geistigen Fingerabdrucks eindeutig ergeben.
    Da sich die flächendeckenden Wärmebild Kameras auf dem Lande noch nicht durchgesetzt hatten,
    existiert nur ein schwaches Phantombild von Kurts Schatten.
    alle Indizien sprechen z.Zt. für eine Beteiligung der russischen Regierung.

    Es bleiben wichtige Fragen bestehen,
    Wer war Kurt? Wo ist ist Kurt zur Zeit.
    Ist Kurt etwa selbt nur eine erfundene Kultfigur,
    die eingesetzt worden ist, um Lesermassen zu manipulieren?
    R3D3 rattert nervös im Zimmer auf und ab.
    Wer sind die Hintermänner?
    Wohin und durch welche undurchsichtzigen Kanäle fließt das Geld?

    Wie wird es weitergehen?
    Verpassen Sie nicht unsere Fortsetzung!
    Geändert von Anjulaenga (14.12.2019 um 23:11 Uhr)

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