1. #1
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    Ich tue dir nichts

    Ich weiß nicht mehr wann es war aber was ich gesehen habe, werde ich nie vergessen.
    Was ich gelernt habe, prägte mich in alle Zeit.

    Gewalt.
    Als Wort existent,
    dabei werden der Worte wenig gewählt...
    wenn selbige ausgegangen und dann Gewalt Einzug hält.
    Primitive Verhaltensweisen brauchen keine Worte.

    Die Bezeichnung "Tier" macht eindeutig klar, dass der Mensch über ihm steht... das Sagen hat und Ungehorsam in der Folge zu Sanktionen oder gar Strafe führt.
    Nicht selten durch Gewalt.

    Zum Schutz deiner Liebsten und gegen das Übel dieser Welt, ist es manchmal unabdingbar, diese letzte Instanz zur Wirkung zu bringen.
    Hier und nur hier, geh ich mit.

    Doch meine Geschichte der Gewalt ist folgende.

    Rottweiler sind sehr kräftig.
    Früher auf Bauernhöfen, wurden sogar einige vor Karren gespannt und waren dort richtige Arbeitstiere.

    Schwarzes glänzendes Fell...
    haselnussbraun sind Schnauze,
    Brust und Pfoten.
    Leichte Schlappohren und kopierter Schwanz... also keine Rute, da sie bei der Arbeit nur störte.
    Hungrige Kraftpakete, stämmige Aufpasser und Beschützer der Familie.

    Der Mensch formt sein Tier...
    der Grund für sein Verhalten...
    sind wir.

    Mit beinahe unkontrollierten und hastigen Schlägen verprügelte er Atlas.
    Natürlich wirkte es unkontrolliert...
    weil haltlose Rage und Wut, gepaart mit dem unbedingten Wunsch von Atlas keine weiteren schmerzenden Treffer zu erleiden, somit zusammengezogen immer wieder versuchte auszuweichen, völlig blind eskalierte.

    "Dieses verflixte dicke Lederhalsband...
    Sein Griff sitzt so fest... wie ich in Reichweite seiner Schläge."
    "Beiß nicht die Hand die dich füttert...
    aber es tut so weh... komm nicht weg...
    Beiß niemals...
    die Hand...
    die dich füttert!"

    Was hatte er getan...?
    Er schlief.

    Er schlief friedlich im dunklen Flur, weil dort die Fußbodenheizung immer so wunderbar warm war.
    Der damalige Freund meiner Mutter ging früh am Morgen so nah an ihm vorbei, dass er beim letzten Schritt auf seine Pfoten trat und stürzte.
    Atlas fuhr hoch, jaulte kurz und bellte zweimal... er war Angstbeißer, dafür hatte häufige Gewalt gesorgt.
    Sein Herrchen war Choleriker und unfähig zur Selbstkontrolle.

    Herrchen... Sein Herr... Herrschaft über den dummen Hund, der es wagt friedlich da zu schlafen, wo er zu gehen angedacht hatte.
    Danach folgte seine einzige Antwort...
    wieder Gewalt.

    Am Anfang hatte Atlas noch Zähne gezeigt und wollte sich, frisch aus dem Schlaf gerissen vor Schreck, gegen einen noch unbekannten Angreifer verteidigen.
    Weit gefehlt... entschuldigen unmöglich.

    Ein Hund spricht nicht... er fügt sich.

    Als der Akt dem Ende nah war, fiepste Altlas nur noch.
    Dieser Berg von einem Hund, der seinen Unterdrücker locker hätte in die Flucht schlagen können, war nur noch müde und von Schmerzen gefesselt.

    Er tat mir so leid.

    Später, als alle ihrer Wege gingen, war ich allein im Flur.
    Völlig irritiert saß er, seitlich an die Raufaser gelehnt, eine Armlänge von mir entfernt. Sein linkes Hinterbein zitterte und er zog es immer wieder heran... als ob er um jeden Preis verhindern müsse, dass jemand darauf tritt.
    Seine Ohren hingen tief und angelegt am gesenkten Kopf.
    Seine Atmung war alles andere als ruhig.
    Jede meiner Bewegungen zwang ihn förmlich mich genau zu beobachten.
    Diese Augen.
    Dieser verirrte fragende Blick.
    Jedesmal wenn sein Körper sich legen wollte, richtete er sich sofort wieder auf...
    als ob liegen falsch wäre.
    Zwischen dem kaum hörbaren Fiepsen...
    und ich versuchte nur ihn zu berühren...
    kam ein warnendes aber eher ängstliches Knurren.
    Dieser unvergessliche Blick.
    Ich fing leise an zu reden.
    Hab nicht gemerkt wie mir schon Tränen übers Gesicht liefen.
    "Schon ok..."
    "werd dir nicht weh tun..."

    Rutschte näher und saß im Schneidersitz direkt vor ihm.
    Als ich langsam anfing ihn zu streicheln, merkte ich diese unglaubliche Unruhe.
    Er zitterte am ganzen Körper... hatte hörbar Schmerzen, wenn ich über seine Flanken fuhr.
    "Ist gut Atlas... Ich... tue dir nicht weh!"
    Im nächsten Moment, ging zögernd sein Schädel runter.
    Er drückte ihn seicht gegen meine Brust.
    Seine Atmung wurde langsamer... friedlich.
    Ich blieb bis er beruhigt schlief und achtete darauf, dass niemand auf seine Pfoten tritt.

    Ein Hund spricht nicht aber fühlt... ein Tier fügt sich in Treue und Nächstenliebe... so primitiv sie auch sein mag.

    "Atlas",
    bezeichnet einen Titanen aus der griechischen Mythologie...
    der das Himmelsgewölbe der Welt stützte.

    Hier aber kaum noch sich selbst halten konnte... wegen sinnloser Gewalt.

    Atlas ist altgriechisch,
    für "tragen"... "erdulden".

  2. #2
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    Hallo Nooma,
    schade! Ich habe Deine herzzereißende Geschichte jetzt erst entdeckt. Es ist schrecklich, wenn ein Mensch so ein stolzes, schönes Tier zugrunde richtet. Mir fehlen einfach die Worte. Du hast um den Namen des Hundes herum ein Horrorgemälde gemalt, faszinierend trotz der Erbärmlichkeit des "Herrchens".
    Liebe Grüße,
    Festival

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