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    Warum es so ist, mein Schatz. Teil II

    Zufrieden mit der Umwelt zu sein beinhaltete so viel. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass es eine unmögliche Aufgabe ist, deine Umwelt, also deine Eltern, Geschwister, Freunde, Familie, Lehrer und andere Fremde so zu manipulieren, dass sie absolut glücklich mit dir sind und dir dieses Gefühl in Form von Liebe wieder zurück geben. Das kannst du vergessen canim. Das wird niemals passieren. Irgendjemand wird dir schon verbal oder physisch eins auswischen und du wirst dich fragen, „Was habe ich nur falsch gemacht?“. Dass genau dies der Fehler ist, habe ich lange Zeit nicht verstanden. Also, dass man sich selbst fragt, was man falsch gemacht habe, und dass ich ständig versucht habe, die Menschen zu manipulieren. Denn das tut man, wenn man versucht anderen zu gefallen. Das habe ich auch lange Zeit nicht eingesehen. Niemand agiert aus voller Überzeugung aus sich selbst heraus, wenn man versucht anderen zu gefallen. Gut, darüber kann man streiten, wenn man Menschen nimmt, die auf einer Bühne, vor der Kamera oder Ähnliches stehen, aber darum geht es hier gerade nicht.

    Die Fähigkeit der Manipulation beginnt schon damit, dass man lügt, um nicht dabei erwischt zu werden, bei einer Handlung ertappt zu werden, die unerwünscht ist oder dass man die Taten unterlässt, die unerwünscht sind von den Anderen, auch wenn man selbst den sehnlichsten Wunsch hat, zu tun, was man unbedingt tun möchte. Kurzum, man verliert immer, wenn man seine eigenen Wünsche missachtet, versucht andere in Wohlwollen zu bringen und falls das alles nicht funktioniert, die Schuld anderen zuzuschieben. Es ist so schwer, in dieser Welt das zu tun, was man liebt, ohne von anderen dafür gemaßregelt zu werden und das nicht zu Herzen zu nehmen.

    Ich liebte es die Menschen zum Lachen zu bringen. In der Schule mimte ich den Klassenclown und es war das schönste für mich, wenn ich herzhaftes Lachen um mich herum verursachen konnte. Nach der Sache mit Herr Düpper, seinen Kronjuwelen und der Vorschule, war die Wichtigkeit der Schule für mich so gut wie gegessen. Ich bemühte mich stets aus dem Rahmen zu fallen. Bemühen ist eher das falsche Wort. Es viel mir sehr leicht. Ich störte den Unterricht. War laut und unbeherrscht. Ich rebellierte und riss ständig unanständige Witze. Ich kam in die Hauptschule und war ein extrem schwieriger Schüler. Ich war auch Gewalttätig und geriet immer wieder in Schlägereien mit meinen Mitschülern.

    Einmal, da hatte ich wieder Streit mit Dennis, einem unserer beliebtesten Schüler, der immer die am meisten angesagten und teuersten Modemarken trug, mit sechzehn sogar auf einer teuren 125er Aprillia in die Schule kam und weil er so niedlich und auch lustig war, fast alle Mädchen auf ihn abfuhren. Es war am Ende der Pause und ich erinnere mich nur noch daran, dass er mich Mutterficker nannte, während ich vor ihm in das Schulgebäude gerade zurück lief und in einem Anfall von Wut mich zu ihm drehte und in der Bewegung ihn so fest und ungezielt auf sein Kopf schlug, dass ich mir dabei einen leichten Bruch meines Mittelhandknochens am kleinen Finger zuzog. Ich merkte zunächst nichts außer der Genugtuung ihm wehgetan zu haben, was er hinnahm und sich nicht gegen mich zurück wehrte. Im Unterricht jedoch bemerkte ich, dass genau die Stelle meiner rechten Hand langsam anschwoll. Irgendwann fand ich es so merkwürdig, dass ich es meiner Lehrerin zeigte und sie schickte mich zur Direktorin. Auch meiner Direktorin zeigte ich meine Hand und sie fragte natürlich, wie das passiert sei. In meiner unendlichen Naivität erzählte ich ihr den Vorgang mit der Kühle und Distanziertheit eines Protokollanten, der die Umstände aufzählt, in der es zu dem Vorkommnis gekommen ist. Dabei erwähnte ich auch noch, dass ich womöglich, bei dem ausgeführten Schlag die notwendige Spannung nicht inne hatte, dass ich wohl hätte haben sollen, um ihn korrekt und effektiv einzusetzen. Das ich bei der Drehung nicht richtig auf weiche Stellen in seinem Gesicht gezielt habe und versehentlich seinen harten Schädel getroffen habe, was ungünstig ist, wenn man einen Gegner verletzen möchte. Natürlich habe ich nicht diesen Wortlaut benutzt damals. Aber in der Art habe ich versucht zu erklären, warum es zu der Verletzung wohl gekommen ist und meine Direktorin sah mich fassungslos an:“ MIR IST ES SCHEIß EGAL, OB DU WIE IM KARATE ODER WAS AUCH IMMER, DEINE SCHEIß FAUST NICHT RICHTIG BENUTZEN KONNTEST!“ sabberte sie mir mit hochrotem Kopf entgegen. „GEH MIR AUS DEN AUGEN UND LASS DICH VON EINEM VERFLUCHTEN ARZT UNTERSUCHEN UND BLEIB DIE NÄCHSTEN TAGE ZUHAUSE.“
    Ich ging zu einem Arzt, meine Hand wurde vergipst und ich wurde für zwei Tage der Schule verwiesen. Es erscheint ziemlich hart, diese Strafe, aber sagen wir einfach, ich hatte meine Bewährungen bereits häufiger verspielt, deswegen war es schon ziemlich angemessen.

    Meine Eltern bekamen so gut wie nie mit, dass ich in der Schule solche Sachen anstellte. Selbst in den zwei Tagen, in der ich nicht zur Schule durfte, ging ich jeden Morgen aus dem Haus wie immer. Mit Schulsachen und Pausenbrot. Ich schlurfte meine Strafzeit in der Stadt herum und ob du es glaubst oder nicht, ich fühlte mich echt mies deswegen. Ich hatte sogar geweint. Ich fühlte mich noch mehr ausgeschlossen. Noch mehr wie ein Versager. Diese und ähnliche Gefühle sollten mich noch sehr lange begleiten. Sie wurden der Schleier, den ich immer mit mir trug. Aus der ich immer wieder in die Welt blickte.
    Wie gesagt, meine Eltern bekamen sowas nicht wirklich mit. Falls doch, haben sie es gut verdrängt und nie wirklich angesprochen. Ich fälschte die Unterschriften meiner Eltern, um schlechte Noten zu verstecken. Ich konnte beide Unterschriften perfekt und überließ es meiner Intuition, welches zum Einsatz kam. Ich fing bedrohliche Briefe ab und da meine Eltern wenig Zeit hatten, waren sie auch selten auf Elternabenden oder Elterngesprächen und meine Mutter verstand sowieso wenig deutsch. Was zu meinem Vorteil gereichte. Sie erfuhren so gut wie nie von meinen Untaten. Sie erfuhren nie, wie ich Sven einen Stuhl über den Rücken zog. Sie erfuhren nie davon, wie ich die chemischen Experimente von unserer Chemielehrerin verunreinigte. Wie sie von mir und den anderen als Miss Peggy Bundy beleidigt wurde oder als überbeschminkte Barbiepuppe. Sie erfuhren nie, wie ich bis einschließlich der neunten Klasse meine Hausaufgaben nie wirklich gemacht hatte. Wenn ich sie hatte, dann hatte ich sie von den Strebern kurz vor dem Unterricht abgeschrieben. Ich hatte wenige schulische Glanzpunkte in der Hauptschule und wenn, dann kamen sie spontan aus mir herausgeschossen. Momente, in denen ich Spaß am Stoff hatte, waren selten. Wenn sie irgendwie Wind davon bekamen, dass ich was Ungutes angestellt hatte, war ich nie um Ausreden verlegen. Ich log viel und wurde sehr selten dabei erwischt.

    Ich hatte zudem noch etwas anderes zu der Zeit, was mich stark belastete. Aber da stand ich nicht alleine da, auch wenn man das Gefühl hat, der einzige Betroffene zu sein. Die Pubertät geht an niemandem spurlos vorbei. Ich was aber der einzige, der einen starken Haarwuchs bekam, unter der ich litt. Einen Schnurbart aus dem ersten Oberlippenflaum und vor allem, verliebte ich mich ständig und war total überfordert, als ich mit meiner ersten „Freundin“ Martina zusammen kam und ich es nicht einmal geschafft hatte, sie zu küssen, bevor wir wieder auseinander waren.
    So begann parallel meine Geschichte mit Frauen, die zu immerwährenden Missverständnissen führte, zu unsäglichen peinlichen Situationen und dramatischen Tragödien, die ich allesamt heute mit mir trage, wie einen riesen Sack voll verrosteter Metallschrottteile. Vor allem führte es oft zu einem viel größeren Missverständnis darüber, was ich Liebe nannte und was ich auch wieder oft für diese Liebe tat und wie verletzend ich mich mir gegenüber verhalten hab.
    Geändert von facelle (17.01.2020 um 21:31 Uhr)

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