1. #1
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    Sméagols Elegie

    Sméagols Elegie


    Die Tage verwelken, den Herbst trägst du schwer,
    im Nebel gefallen sind Aue und Berg,
    verfangen im Grauen und düsteren Werk
    verfliegen die Jahre, du zählst sie nicht mehr.

    Nah ist die Stund´, die das Band jäh zerreißt,
    dein Geist hat zu lange vom Schatten getrunken,
    dein Herz, ach, es ist schon im Dunkel versunken,
    dort pocht es matt weiter - verwirkt und verwaist.

    Der Herr der Geschichten - er zeigt kein Erbarmen,
    darfst Hoffnung nie kosten, das Glück nie erahnen
    und selbst die Erlösung verwebt er mit Leid.

    Mit grausamer Feder ersinnt er dein Ende,
    versagt dir jed´ Freundschaft, all´ helfende Hände -
    bleibt niemand, der tröstet, vergibt und verzeiht.
    Geändert von GrayNotes (05.01.2020 um 18:42 Uhr)

  2. #2
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    Welch Meisterwerk der unterschwelligen Subtilität. Kaum eine zarte Andeutung zwischen den Zeilen, die nicht so vage ist, als dass sie mehr Schrecken heraufbeschwört als wenn man das hier so geschrieben hätte:

    Zitat Zitat von GrayNotes Beitrag anzeigen
    Sméagols Elegie


    Die Tage verwelken, den Herbst trägst du schwer,
    ergraut sind die Bilder von Aue und Berg
    gefallen, gefangen im düsteren Werk
    verfliegen die Jahre, du zählst sie nicht mehr.

    Nah ist die Stund´, die das Band jäh zerreißt,
    dein Geist hat zu lange vom Schatten getrunken,
    dein Herz, ach, es ist schon im Dunkel versunken,
    dort pocht es matt weiter - verwirkt und verwaist.

    Der Herr der Geschichten - er zeigt kein Erbarmen,
    darfst Hoffnung nie kosten, das Glück nie erahnen
    und selbst die Erlösung verwebt er mit Leid.

    Mit grausamer Feder ersinnt er dein Ende,
    versagt dir jed´ Freundschaft, all´ helfende Hände -
    bleibt niemand, der tröstet, vergibt und verzeiht.
    Der Film müsste jetzt noch in einer korrigierten Version nachgereicht werden um diese unglaubliche Dramaturgie
    zu verwirklichen und Smeagol als Damoklesschwert dahin zu hängen wo wir den Schluss mit Trost und Vergebung erwartet hätten, wenn es um uns gegangen wäre. Aber zum Glück ist das ja nicht so.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
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    Lieber Terrorist (sic! ),

    in der Tat, ich mache hier vielleicht mehr aus der Figur, als der Text/Film es hergibt. Ich habe es immer als vergebene Chance von Tolkien empfunden im Sinne einer Charakterentwicklung hier mehr rauszuholen. So bleibt der Sündenfall und die Strafe...

  4. #4
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    Hallo GrayNotes,

    Willkommen hier! Es hat mich interessiert, was du so schreibst und an diesem düsteren bin ich hängen geblieben. Daher ein paar Eindrücke:

    Ich weiß nicht, wer Smeagols ist. Muss ich mich dafür genieren? Ich habe jetzt auch ganz bewusst nicht gegoogelt, ich wollte es gar nicht wissen – vorläufig halt - weil ich mich durch Vorwissen nicht beeinflussen lassen wollte. Ich muss nicht alles verstehen. Je länger ich mich mit Lyrik beschäftige, umso weniger interessiert mich herauszufinden, was der Autor denn gemeint oder beabsichtigt haben könnte, ja nicht einmal meine Interpretation ist mir wichtig, sondern mich interessiert der Gesamteindruck: Wie wird mit Sprache umgegangen; wie wirken die Bilder einzeln und in ihrer Gesamtheit auf mich; was kann ich mit der Form anfangen; wie wirkt die Gesamtkomposition auf mich.

    Hier lese ich ein Sonett, das barock anmutet, sowohl die Motive als auch der Sprachgebrauch. (Nur als Anmerkung am Rande: Du mischt die Kadenzen ein bissl wild durch in den ersten beiden Quartetten, auch wenn man nicht nur [klassisch] weibliche verwenden muss, sollte im Klanggedicht schon ein klare Linie verfolgt werden, finde ich.

    Wenn wir schon bei der Form sind: Der Dreifüßer mit Auftakt leiert ziemlich dahin; das liegt vermutlich an der Häufung von Amphibrachen, die für mein Empfinden "hypnotische Leierverse" erzeugen, unterstützt noch davon, dass ich fast durchgehend nach der sechsten Silbe eine Zäsur lese (auch dort, wo der Vers nicht „auseinanderfällt“ - also streng zweigeteilt ist) und vom Spiel mit den sich wiederholenden Präfixen (mit dem du knapp an der Grenze zur Ironie dahinschrammst – oder soll es schon Ironie sein?)

    Dieses Leiern lenkt mich vom Inhalt ab (so ähnlich wie das Rosenkranzgemurmel bei Begräbnissen von der schmerzlichen Tatsache ablenkt), aber ich habe dann versucht, mich zu konzentrieren und alles verstanden, denke ich.

    Also, das Vermaß mag ich ganz eindeutig nicht - also grundsätzlich -, aber ich bin bereit, es in diesem Fall trotzdem als Unterstützung des Inhalts anzusehen: So ein „schwerer Trott“, der nirgendwo hinführt: vanitas und momento mori.

    Die Abkürzungen (Stund‘ jed‘ all‘) oder solche Konstruktionen, wie „Der Herr der Geschichten - er zeigt kein Erbarmen“ (nimm „Erzählungen“ statt Geschichten), finde ich dann doch ein wenig übertrieben altmodisch.

    Fazit: Ich weiß nicht recht, ob ich wirklich etwas damit anfangen kann, aber ich mag Pathos und Dunkles und vermute es soll eine Art Hommage auf Tolkien sein, von dem ich noch nie etwas gelesen habe.

    Allerdings lenkt die Leierei von der Tragik der Figur ab und der Text ist für echte Betroffenheit auch zu „großteilig“. Ich versuche zu erklären, was ich damit meine, zB S1:

    Die Tage verwelken, den Herbst trägst du schwer,
    ergraut sind die Bilder von Aue und Berg
    gefallen, gefangen im düsteren Werk
    verfliegen die Jahre, du zählst sie nicht mehr.
    V1 enthält zwar angestaubte Metaphern, aber im zweiten Teil wird immerhin auf das LI gezoomt, es ist also persönlich.

    Im V2 verlierst du meine emotionale Beteiligung: „ergraute Bilder“!? Was "ergraute Bilder" sind, sollte Poesie ja eigentlich beschreiben, dafür ist sie schließlich da, nicht um bloß etwas abstrakt zu behaupten, oder? Und ich möchte lieber näher am LI dran bleiben, an seiner persönlichen Tragödie (ein weibliches Bedürfnis vermutlich ). Also so ähnlich: „dein Haar ist ergraut wie die Aue, der Berg,“.

    Natürlich könnte man auch bei den Naturbildern bleiben, indem man ein Naturereignis aufruft, das alles grau färbt:
    „im Nebel gefallen sind Aue und Berg,
    verfangen im Grauen dein düsteres Werk“.


    Ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen.

    Lieben Gruß und viel Spaß bei uns!
    albaa
    Geändert von albaa (05.01.2020 um 11:13 Uhr)

  5. #5
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    Liebe/r albaa,

    zunächst herzlichsten Dank für diese versierte, ausführliche und konstruktive Kritik, zu der ich fachlich selbst nicht in der Lage gewesen wäre. Tatsächlich ist Sméagol eine Figur aus Tolkines "Herr der Ringe", wie du richtig vermutest und natürlich musst du sie nicht kennen, wenn das nicht dein favorisiertes Genre ist !

    Ich schreibe sonst fast ausschließlich im Vers libre und habe mich hier zum ersten Mal an die Form des Sonetts herangewagt; mit durchwachsenen Ergebnissen, wenn ich deine gut belegten Ausführungen betrachte. Das liegt mit Sicherheit auch an einem defizitären Detailwissen über die Form, das auf lange zurückliegende Zeiten der Beschäftigung mit klassischen Lyrikformen fußt. Amphibrachen musste ich z.B. nachschlagen. Das "Leiern" ist für mich zunächst beim eigenen Lesen sprachlich nicht nachvollziehbar, was aber deine Kritik nicht schmälern soll sondern vielleicht auch Aufschluss über meine unzureichende Sprachsensibilität in metrischen Versmaßen bietet . Das der strukturelle Aufbau sogar ironisch anmutet, ist absolut nicht beabsichtigt; es darf zwar - in Bezug auf meine Leidenschaft zu Tolkiens Werk - gerne pathetisch sein, aber wenn hier eine Grenze überschritten ist, bin ich natürlich unglücklich damit.
    Die "ergrauten" Bilder sind inhaltlich eine Referenz an die dämmrige Geisterwelt, in die das LI im Originaltext sukzessive herübergeglitten ist; zum Preis der "menschlichen" Anteile seiner Seele. Vielleicht war ich da auch von den Filmen zu sehr beeinflusst. Dein Verbesserungsvorschlag gefällt mir allerdings so gut, dass ich ihn gerne übernehme.


    Vielen Dank für deine fundierte Kritik und die investierte Zeit in meine Zeilen. Es zeigt mir sehr deutlich auf, wo ich noch deutlich mehr Zeit investieren müsste, wenn ich mich diesen Lyrikformen so bewegen will, dass mich nicht bereits die erste Strophe als Amateur entlarvt .


    Beste Grüße!
    Geändert von GrayNotes (05.01.2020 um 18:43 Uhr)

  6. #6
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    Hallo GrayNotes,

    ssssss, dreckiges elfengeweintes Mitleid sssss, das wollen wir nicht gollum gollum

    Er ist schon eine tragische Figur, vom beschaulichen Angeln mit Freunden im Auenland zum Würmerfressen in den Sümpfen bis zum Ende im feurigen Berg, Macbeth der Hobbits.

    Ein Sonett ist es technisch gesehen nicht. Ich mag den Rhythmus, auch wenns kein Jambus ist. Ein weiterer Tolkienfan.

    lG

    mp
    ........
    whiskey's getting deeper
    and I use it like a moat
    there's a blues man in the distance
    and he's lost inside his note
    ........
    (Savatage)

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