Thema: Tagblind

  1. #1
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    Tagblind

    Tagblind



    Als wir uns begegnen sollten,
    einmalig und nicht nur flüchtig,
    zwischen Türen und Gedanken,
    verstummte jedes Konzept.
    Kein Meinen, kein Omen, nur Ahnen.

    Tagblind
    liebten wir uns
    in der trunkenen Lücke,
    leichten Sinnes
    mit Mut und Lust.
    Lagen beieinander,
    still wie zwei Berge
    im Atemfluss der Zeit,
    blank und bloß
    zart bedeckt
    mit einem Tuch
    aus Glück.

    Am Morgen trug der Himmel
    zwar die Stille noch,
    doch zog die Sonne schon,
    die ersten Gräben.




    ____________________________
    Geändert von Miserabella (07.01.2020 um 13:35 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Miserabella,

    sehr schöner, schwebender Text mit wunderbaren Formulierungen.
    Die Sonnengräben sind ein überzeugendes Bild für einen Sonnenaufgang wie auch der Beginn vom Ende einer Liebesnacht.
    Das "kein Omen" irritiert mich an dieser Stelle. Ich fände es zwischen ahnen und meinen besser. Oder ganz ohne Omen.
    Wäre auch die Frage, ob das "uralte" vor Berge nötig ist, die ja immer alt sind und wo automatisch etwas Majestätisches mitschwingt. Vielleicht ist "uralte" ein kleines Stück zu viel Emphase in diesem feinen Gedicht.
    Die Überschrift macht neugierig und passt perfekt.

    Gruß,
    leuchtendgrau

  3. #3
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    Hallo leuchtengrau,



    danke für deinen Blick auf das Gedicht.
    Ursprünglich lautete Z 5 :

    Kein Meinen, kein Ahnen, kein Omen.

    Es gefiel mir klanglich, ich habe es dann aber geändert, in "nur ahnen" weil es sich inhaltlich nicht richtig fügte. Es führt so aber, nochmal besehen, zu einem unschönen Bruch und das "Omen" fällt damit wohl ganz raus. Inhaltlich nur an der Stelle oder überhaupt?

    Ich überlege, wie sich das anders gestalten ließe. Die dreier Aufzählung gefällt mir eigentlich ganz gut.

    Kein Meinen, kein Omen, nur Ahnen

    Die Variante ist auf jedenfall stimmiger, als das mittige "nur ahnen".

    Kein Meinen, nur Ahnen.

    Hm. Da braucht es noch etwas...

    Von dem "uralt" kann ich mich prima trennen. Da ist weniger mehr.

    Super! Danke!

    Lg,
    Miserabella

  4. #4
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    Hast Recht mit "Omen" und "Ahnen", das geht gut zusammen.

  5. #5
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    Zog die Sonne? Das ist wohl Fakt gewordene Einbildung welcher aus der Rückbetrachtung durch eine Herauslösung mehr in Richtung sanft beginnender Realisierung geht (mit sponn z. Bsp.) wie unverdient alles gewesen sein muss, wenn dermassen auf die Pauke gehauen wird.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  6. #6
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    Hallo Terrorist,


    wie auch immer. Das wird durch den Titel metaphorisch ja nicht ausgeschlossen.

    Lg,
    Miserabella

  7. #7
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    Hallo Miserabella,

    ein Text, der starke Bilder erzeugt - gefällt mir...aber Du hättest ihn mE noch ein wenig verdichten können....zB:

    Tagblind
    liebten wir uns
    in der trunkenen Lücke,
    leichten Sinnes
    mit Mut und Lust.
    Lagen still beieinander,
    still wie zwei Berge
    im Atemfluss der Zeit,
    blank und bloß
    bedeckt nur zart
    mit einem Tuch
    aus Glück.

    Tagblind
    liebten wir uns
    in der trunkenen Lücke,
    leichten Sinnes
    mit Mut und Lust.
    Lagen still beieinander
    swie zwei Berge
    im Atemfluss der Zeit-
    blank und bloß
    zart bedeckt
    mit einem Tuch
    Glück.

    Am Morgen trug der Himmel
    zwar die Stille noch,
    doch zog die Sonne schon,
    die ersten Gräben
    Am Morgen trug der Himmel
    die Stille noch,
    doch zog die Sonne bereits
    erste Gräben


    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  8. #8
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    Hallo Miserabella,

    schöne Sprache und Bildhaftigkeit. WEnn ich was anders haben wollte,wärs hier weil mir die Wiederholung des "Still" nicht so zusagt:

    Lagen still beieinander,
    still wie zwei Berge
    im Atemfluss der Zeit,
    lagen still beieinader,
    Atem zweier Berge
    im Fluss der Zeit
    ….

    gern gelesen

    lG

    mp
    ........
    whiskey's getting deeper
    and I use it like a moat
    there's a blues man in the distance
    and he's lost inside his note
    ........
    (Savatage)

  9. #9
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    ich empfinde "still" als chiasmus im Wortgebrauch eigentlich ganz ok
    das stille nebeneinander liegen beschreibt die ruhe
    und das stille wie zwei berge beschreibt das unnachgiebige oder beständige des Beieinanderseins seit Urzeiten und der Natürlichkeit, wie die Routine des Atmens wahr genommen

    das ziehen der Sonne von Gräben lässt offen ob es sich um Lichtgräben handelt die in der Morgendämmerung von der Sonne gezogen werden, oder ob es das ziehen von Sonnenlicht über tatsächliche Gräber darstellt
    wobei mir in meiner Interpretation ein Leichentuch als Tuch aus Glück dann nicht sinnvoll erscheint, würde aber gut in meine Interpretation der Zweideutigkeit von "Stille" passen
    lg mythenfreund
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  10. #10
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    Hallo zusammen,



    deinem Vorschlag zur Verdichtung, Andere Dimension, folge ich gerne, allerdings nicht vollständig, weil mir da Klangbrücken verloren gehen.

    Ob ich nun das doppelte "still" kürze oder wie du, MimusPolygloto, vorschlägst, eines davon? Wenn auf jeden Fall das zweite.

    Ich habe mir beide Versionen angeschaut und auch angehört und es fällt mir schwer eine Version zu favorisieren, denn gerade beim Hören, bekommen solche Details eher den Stellenwert einer Improvisation.
    Einmal betont man eben den einen Aspekt mehr, ein andermal einen anderen.

    Wenn ich mich aber festlegen soll, dann gefällt mir die Version heute mit einem "still" am besten. Ohne das "still" sehe ich eher schwere Berge in den Betten liegen und höre tektonischen Platten knirschen, auch wenn "der Fluss der Zeit" die Lautlosigkeit von selbst transportiert.
    Naja, ein bisschen übertrieben sind meine heutigen Assoziationsbahnen vermutlich schon. Deshalb lasse ich es mal ruhen und schaue, ob eine konsequente Verknappung in einem späteren Blick, Anklang findet. Bisher bilden "wie", "mit einem" "aus" für mich schwingende Verbindungen.
    Das "nur" fliegt auch davon.

    Vielen Dank, für die Anregung und die Vergleichsmöglichkeiten!


    Hallo Mythenfreund,

    was die Leseart betrifft, können und dürfen die auch unterschiedlich ausfallen. Leuchtendgrau zeigt in eine ähnliche Richtung, in die es auch für mich gehen sollte.

    Das Gedicht entstand nach einer Themenvorgabe. Wenn ich mich richtig erinnere war es "Erste Begegnung". Hm.
    Auf jedenfall kam mir die Idee, einer erste und "einmalige" Begegnung zwischen zwei Menschen, zum Leben zu erwecken.

    Zu deinen Überlegungen:

    Ist das ein Chiasma? Ich denke nicht. Ich bin aber froh, wenn sich da eventuelle Wissenslücken füllen, sollte ich mit meiner Einschätzung falsch liegen.

    Lg,
    Miserabella
    Geändert von Miserabella (07.01.2020 um 13:39 Uhr)

  11. #11
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    soweit ich weiß ist ein Chiasmus eine Wortwiederholung die einem wort wie "still" innerhalb eines textbezuges eine doppel bedeutung zukommen lässt

    Lagen still beieinander,
    still wie zwei Berge

    das beieinander liegen erfolgt still, also suggeriert es schlaf oder ruhe, dazu personenbezug
    wie berge still beieinander liegen, suggeriert Untrennbarkeit und deutet auf einen endlos zustand hin mit gegenstandsbezug

    gerne gelesen
    lg mythenfreund
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  12. #12
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    Zitat Zitat von Mythenfreund Beitrag anzeigen
    soweit ich weiß ist ein Chiasmus eine Wortwiederholung die einem wort wie "still" innerhalb eines textbezuges eine doppel bedeutung zukommen lässt

    Lagen still beieinander,
    still wie zwei Berge
    Ich vermute, das ist ein parabolischer Parallelismus. Hui!
    Also ein Vergleich, mit einem sachlichen und einen bildhaften Anteil.

    Wie auch immer. Ich hatte es intuitiv so geschrieben und ich wusste bis vorhin nicht, dass es dafür einen so betörenden Namen gibt. : -)

    Lg,
    Miserabella

  13. #13
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    ich glaube dein Beispiel mit dem parabolischen Parallelismus ist korrekter als begriff dafür
    auf deine antwort hin habe ich den Chiasmus als solches noch einmal hinterfragt und ich glaube er bezieht sich nicht auf Satzteile, sondern dient sogar dazu sätze umgekehrt gegenüberzustellen oder zu spiegeln
    ich ging davon aus dass der Chiasmus wortgleiche Verwendung bedeutet, sich aber das wort auf den weiterführenden gebrauch im Sinngehalt bezieht
    danke

    lg mythenfreund
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