1. #1
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    O hochgeschätzte, gute, alte Zeit

    Wie wars doch früher schön, ich denke gern zurück
    an meine Knabenjahre, meiner Kindheit Glück!
    Am Ufer der Saale versank ich beinahe im modrigen Sumpf
    und wäre beim Pflücken von Blumen im Fluss fast ertrunken.
    Gerettet hat mich ein verfaulender, treibender Stumpf,
    ich schrie wie am Spieß und bemerkte es nicht, wie gewaltig die Saale gestunken.

    Als Kinder spielten wir im Wald gern Räuber und Gendarm,
    kein Spielzeug hatten wir, denn unsre Eltern waren bettelarm.
    Wir spielten voll Eifer mit Granaten und liegen gebliebenen Waffen,
    versuchten Kanister mit Gelbkreuz in unsre Verstecke zu schaffen;
    Gerettet hat uns ein verwundeter Mann, der nach Jahren aus Russland
    den Weg in Ruinen auf einem verbliebenen Beine fand.

    Bau auf, bau auf, das war das erste Lied
    aus gläubig frohgestimmter Kehle,
    Soldaten gestiefelten Schrittes in Reih und Glied
    besangen Katjuscha, ein Lied aus der russischen Seele.
    Am Abend vertrieben die Ängste die Frauen ins Haus,
    wir Kinder besorgten das Bier für die Suppe und trauten uns raus.

    Kein Auto störte unser Spiel auf leeren Straßen,
    und wenn wir manches Mal im Leichtsinn schlicht vergaßen
    den Schlitten im Winter zur Seite zu lenken,
    passierte rein gar nichts, wir brauchten ganz selten an Gefahren zu denken,
    und brauchten auch nicht nach dem Handy zu greifen,
    die Mobilität war gegeben durch Roller mit Vollgummireifen.

    Mit Hunger waren Klein und Groß auf Du und Du,
    aus Igelit bestanden füßequälend Damen- auch die Herrenschuh.
    Von stöckelndem Wild hat noch niemand gesprochen,
    und keiner ist wegen ner Depri zusammengebrochen.
    Das Telefonieren besorgten zuvörderst die schlaueren Knaben,
    mit blechernen Dosen, verbunden mit Fäden, da haben

    die Bengel heimlich Fragen über fünfzig Meter
    verschickt, am besten „funkte“ unser Pionierfreund Peter,
    der war auch in anderen Sachen geschickt:
    Er kannte die Gärten mit reifenden Früchten, die haben wir diebisch gepflückt.
    Ach war es doch schön in vergangenen Zeiten!
    Sie konnten uns Kindern die schönsten Momente bereiten.
    Geändert von Festival (12.01.2020 um 16:03 Uhr)

  2. #2
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    Hi Heinz,

    die gute alte Zeit, die ich als Kind nur etwas später auch noch erfahren habe, lässt mich ebenfalls ins Schwärmen geraten. Anderseits darf man hier nicht klittern, da viele Kinder Gewalt erlebten, so mancher seine Kindheit nicht überlebte und die gesellschaftlichen Zwänge allgemein auch nicht angenehm waren.

    und keiner ist wegen ner Depri zusammen gebrochen.

    zusammengeschrieben?

    Ein zuvörderst klingt archaisch (musste erstmal recherchieren), ist aber als die Zeit betreffend richtig. Ich kannte nur ein zuvorderst.

    Deine Reise in die Vergangenheit gern mitgemacht!

    LG Uwe
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  3. #3
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    Lieber Arkadier,
    ich hoffe, dass der bitterböse Hintergrund deutlich genug aufscheint und die "gute, alte Zeit" erhebliche Dellen bekommt.
    In der ersten Strophe wollte ich deutlich machen, dass wir als Kinder ziemlich auf uns gestellt waren, der gewählte "Spielplatz" das unbeaufsichtigte, versumpfte Saale-Ufer und mit Lebensgefahr verbunden war, "an der Saale hellem Strande" der Gestank so übel war wie am Rhein und anderen Flüssen.
    In der zweiten Strophe "spielten" wir Kinder mangels anderem Spielzeug mit Hinterlassenschaften des Krieges und es grenzt an ein Wunder, dass die meisten von uns die verrostenden Granaten, weggeworfene Waffen und sogar chemische Kampfstoffe überlebt haben - ich selbst dank eines Kriegsversehrten, der gerade aus der Gefangenschaft als Krüppel zurück gekehrt war.
    Zum täglichen Erleben trugen im Gleichschritt marschierende Soldaten der Roten Armee bei und das "erinnerlichste" Lied (neben den deutschen Soldaten singen nur die russischen beim Marschieren) ist jenes "Katjuscha", eigentlich ein poetisches Lied von einem Mädchen namens Katjuscha im Kirschblütenregen, aber eben auch als Bezeichnung bestimmter Raketen. Der Krieg war noch allgegenwärtig (und ich weiß nicht, ob die Jüngeren es zu schätzen wissen, dass wir seit fast 75 Jahren in Europa im Frieden leben) und das "Bau auf, bau auf" war eines der meistgesungenen Lieder der "Jungen Pioniere" und der FDJ. Verordneter Frohsinn und angeordnete Hoffnung, was uns nicht daran hinderte, aus dem "Bau auf, bau auf ... freie deutsche Jugend, bau auf! Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf" ein realistischeres Lied zu dichten: "Hau ab, hau ab, das hier ist unser Angelplatz! Und wenn du nicht gleich abhaust, dann kriegste einen vor den Latz!". Die "schöne, alte Zeit" war für Frauen mit großen Gefahren verbunden. Spätestens in der Dämmerung wagte sich keine mehr auf die Straße, es gab immer noch Vergewaltigungen und einen Russen zu beschuldigen war bodenloser Leichtsinn. Wir Kinder waren ein bisschen besser dran. Ich habe, wenn wir überhaupt mal mit Angehörigen der Roten Armee zu tun hatten, nur gute Erfahrungen gemacht. Einem armenischen Offizier, der bei meiner Tante einquartiert war, verdankten meine Geschwister und ich die erste Buttercreme-Torte und den ersten Genuss von "echter" Sahne. Das Besorgen von Bier oblag uns Kindern, aber nicht etwa, weil unser Vater ein Feierabendbier trinken wollte. Das Bier wurde gebraucht, um damit eine - in meiner Erinnerung wohlschmeckende und nahrhafte - Biersuppe herzustellen.
    In der vieren Strophe mutet es fast idyllisch an, dass die Straßen so gut wie unbenutzt von uns zum Spielplatz erkoren wurden. Nicht, weil auf Mobilität verzichtet wurde, sondern weil es einfach keine Autos gab. Nach "dem Handy greifen" war nicht nur unmöglich - die waren noch gar nicht erfunden -, sondern waren bis in die siebziger und achtziger Jahre (für die heutige Jugend schier unvorstellbar) eine Null-Option. Bei der heutigen Auswahl an Spielzeug mutet ein Roller mit Vollgummireifen recht ärmlich an und war doch der fast unerreichbare Wunsch vieler Kinder. Meiner wurde mir dann auch geklaut.
    Hunger - ich gebe zu, unserer Familie wurde der erspart, weil meine Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits über große Gärten und viel Kleinvieh verfügten. Aber ein Eis, eine Limonade und andere "Köstlichkeiten" konnten einem schon das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.
    Die Bitterfelder Erfindung der "Igelitschuhe", hochgelobt und zu Tausenden hergestellt, würde Eltern heute wegen Kindesmisshandlung vor den Kadi bringen. Die Erwähnung des "Telefons" sollte spöttisch wirken. Telefon hatte so gut wie niemand, aber wir haben uns welche gebastelt. Die reichten aber nur so weit, wie es die Länge der erforderlichen Schnüre erlaubte. Stell Dir vor, jemand würde heute den Kids ihr Handy wegnehmen!
    Äppel, Pflaumen und andere Gartenfrüchte klauen war während der Erntezeit an der Tagesordnung. Der Kohldampf trieb uns dazu und die Erwachsenen machten es uns vor. In den Betrieben wurde geklaut, was nicht niet- und nagelfest war und man berief sich auf Erich Honecker, der mal gesagt haben soll: Wir müssen aus den Betrieben noch viel mehr heraus holen. (Kann aber auch Ulbricht gewesen sein).
    Die letzten beiden Verse: Der vorletzte ist bissig und spöttisch gemeint, der letzte allerdings stimmt. Meine eigene Überzeugung ist: Noch nie haben wir in besseren Zeiten als jetzt gelebt.
    Liebe Grüße,
    Festival
    l
    Geändert von Festival (09.02.2020 um 13:09 Uhr)

  4. #4
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    Hi Heinz,

    ich hatte schon das Gefühl von etwas Glosse beim Lesen, doch allzu oft hört man von der Verklärung der eignen Kindheit; nach dem Motto: Geschadet hat es uns nicht! Dein Gedicht ist nun auch von mir bewusst zweischneidig gelesen.
    Anderseits darf man die Schwierigkeiten für heutige Kinder nicht unter den Tisch fallen lassen, wie Orientierungsprobleme, Leistungsdruck und l.b.n.l die ganze Umweltproblematik, die das Vorbild ältere Generation ziemlich alt aussehen lässt und eine düstere Zukunft zeichnet.

    LG Uwe
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  5. #5
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    Lieber Uwe,
    danke für deine Antwort! Ich darf Dir versichern, dass ich mit den Problemen der Kinder und Jugendlichen ganz vertraut bin (ich bin Vater einer Tochter und drei Söhnen und inzwischen auch Großvater von fünf Enkeln und zwei "Wahlenkel/innen") und unterschätze keineswegs die Probleme der Jetztzeit. Aber, so sehe ich das, eine falsch interpretierte Schilderung der "guten, alten Zeit" ist nicht zielführend. Es gibt noch viel zu tun in Sachen Frieden, Gleichberechtigung, soziale Sicherheit usw.
    Liebe Grüße,
    Heinz

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