1. #1
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    Distichen kratzen im Eis (Komische Elegie)

    CCC





    — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡
    — ◡ ◡ / — ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —


    Über Berlin dahin im Winter, da watet der Eisbär,
    glimmendes, glitzerndes Weiß deckt alle Bäume im Park.

    Schau nur, hier zieht es die Leute zum See, zur spiegelnden Schleifspur,
    gleitend auf Kufen der Fuß, kreiselt dort glücklich ein Paar.

    Zaghaft zuerst, nah am Ufer, versuch ich mein lyrisches Ego,
    dann in die Weite ganz keck strebe ich schließlich hinaus.

    Distichen kratzt mein Fuß in den endlos schimmernden Spiegel,
    himmelwärts lenkt jetzt ein Aar flügelgebreitet den Flug.

    Schreiberling kennt nicht Apollo. Gedenkt nicht seiner beim Schaffen.
    Heute beherrscht das Geschäft musenfern törichtes Volk.

    Lebst du des Nachts und im Dunklen und sprichst in verschollenen Zungen,
    ach, dann sei es dir wurscht, dass dich der Tag nicht versteht.

    .
    Geändert von Willibald W (24.01.2020 um 17:45 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  2. #2
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    Hallo Willibald!

    Hier ist für mich zu ahnen, in welche Richtung es gehen soll; wirklich überzeugen kann mich der Text aber nicht. Das liegt, denke ich, vor allem an den Versen, die wie vor sich selbst erschrocken wirken; als ob der viele Platz ihnen unheimlich wäre und, gleich wie, gefüllt werden müsse.

    Zaghaft zuerst, nah am Ufer, versuch ich mein lyrisches Ego,
    dann in die Weite ganz keck strebe ich schließlich hinaus.


    Hier zum Beispiel verwendet du drei Hebungen, ein Viertel des Versraums, darauf, das zeitliche Nacheinander zu kennzeichnen, das schon durch das Aufeinanderfolgenden der Verse ausreichend deutlich wird; hinzu kommt, dass du mit "zaghaft" und "keck" behauptest, statt zu zeigen (was diese Langverse am besten können).

    In V2 fehlt eine Silbe?!

    Gruß,

    Ferdi

  3. #3
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    Danke, Ferdi, für die Visitation, Vers 2 wurde
    verlängert. Ja, die komische Elegie setzt zögerlich ihre Füße.
    Greetse
    ew
    alis nil gravius, o nycticorax

  4. #4
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    Zaghaft zuerst, nah am Ufer, versuch ich mein lyrisches Ego,
    dann in die Weite ganz keck strebe ich schließlich hinaus.

    Hier zum Beispiel verwendet du drei Hebungen, ein Viertel des Versraums, darauf, das zeitliche Nacheinander zu kennzeichnen, das schon durch das Aufeinanderfolgenden der Verse ausreichend deutlich wird; hinzu kommt, dass du mit "zaghaft" und "keck" behauptest, statt zu zeigen (was diese Langverse am besten können).
    Willibald behauptet nicht nur, er zeigt auch: Das "Zaghaft" spiegelt sich in der Struktur von Vers 5 sehr schön wider. Die zwei schweren durch Kommas gekennzeichneten Zäsuren lassen das Bild eines ungeschickten Schlittschuhläufers entstehen, der sich dreimal schüchtern von der Bande abstößt. Strophe 6 läuft dagegen sehr schön und "keck" durch. Der Schlittschuhläufer ist mutig geworden und hat Fahrt aufgenommen.

    Ich verstehe nicht, wie einem das entgehen kann.

    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (19.01.2020 um 14:14 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  5. #5
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    Sei gegrüßt, Onegin,

    die ein wenig harsche Würdigung der Distichen gab mir auch zu denken. Hier nochmal das bekannte metrische "Schema":

    — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡
    — ◡ ◡ / — ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —
    Und dann etwas ausführlicher Bemerkungen, auch wenn die Gefahr droht, dass Erklärungsversuche zu eigenen Texten komisch wirken können.

    (1) Das Verfahren und seine Probleme

    Die komische Schlittschuhelegie setzt auf zweierlei:

    1.1 Selbstreferenz

    Eine Art Begleitkommentar poetologischer Art zum Versverlauf, daher solche mehr oder weniger deutlichen Wörter wie Apollo, Schleifspur, Fuß, lyrisches Ego, Distichen ritzen. Außerdem – wie Du m. E. nach richtig anmerkst - Selbst-Deskription und gleichzeitig Zeigen in:

    Zaghaft zuerst, nah am Ufer, versuch ich mein lyrisches Ego,
    dann in die Weite ganz keck strebe ich schließlich hinaus.


    Ich hatte mir vorher zwei Varianten ausgeguckt, einmal mit, einmal ohne Inversion:

    Zagend die Füße ich setze, versuche mein lyrisches Ego,
    dann in die Weite ganz keck strebe ich schließlich hinaus.


    Zögernd setz´ ich die Füße, versuch´ mein lyrisches Ego
    Mir gefiel die Assoziation Fuß-Versfuß, dann aber Zögern:

    Einmal taucht "Fuß" im Text ziemlich oft auf, dann noch schien mir das Zäsurensetzen feiner und so verzichteteich auf „Fuß“.
    Auch schien es mir deutlich, dass der Pentameter nach dem ersten Halbvers mit "keck...strebe" trotz und wegen Mittelzäsur einen Break mittels Flow überwindet.

    1.2 Hochwert-Ansätze

    Zum zweiten gibt es im antikisierenden Register von Hochwertwörtern und mythologischen Elementen eine mehr oder weniger latente Komik, die hier bedient wird:

    Zaghaft zuerst, nah am Ufer, versuch ich mein lyrisches Ego,
    dann in die Weite ganz keck strebe ich schließlich hinaus.

    Distichen kratzt mein Fuß in den endlos schimmernden Spiegel,
    himmelwärts lenkt jetzt ein Aar flügelgebreitet den Flug.

    Schreiberling kennt nicht Apollo. Gedenkt nicht seiner beim Schaffen.
    Heute beherrscht das Geschäft musenfern törichtes Volk.

    Lebst du des Nachts und im Dunklen und sprichst in verschollenen Zungen,
    ach, dann sei es dir wurscht, dass dich der Tag nicht versteht.
    Ehrwürdig, altvordere Wörter, ein eher saloppes „wurscht“ und die kühne Absage an die Verächter oder Nichtkenner antikisierender Lyrik. Also eine gewisse Selbstüberhebung des lyrischen Ichs und das trotz einer tappsigen Anfängerhaltung.

    (2) Über-Markierungen? Parodie und Pastiche?

    Nun hat Ferdi in seinen letzten Texten eine sehr filigrane Art der Metapoesie und der Selbstreferenz genutzt. Vielleicht erscheinen daher die Schlittschuhsignale als zu sehr markiert.

    Auch scheint mir die gewisse Verschrobenheit des Lyrischen Egos überlegenswert zu sein. Einmal kann man in ihr eine komische Parodie antikisierender Dichter und ihrer Verachtung für „die“ Moderne herauslesen. Oder aber man sieht das Ganze als durchgehend ernsthafte Schreibe. Mir schien es angemessen eine mittlere Position zwischen leicht aggressiver Parodie und fast schon liebevollem Pastiche einzunehmen. Also keine Alles-Oder-Nichts-Entscheidung zu treffen. Darauf konnte etwa die Gattungsangabe Komische Elegie einstimmen (Versteht man "Elegie", was möglich ist, als ernsthaft-melancholisches Gedicht, dann ist "komisch" ein Widerspruchssignal.).

    Das lässt sich durchaus kritisch sehen, scheint mir aber spannend zu sein.

    Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass Gernhardt in seinem Apparat Jacob Minors „Neuhochdeutsche Metrik“ hatte und mit Freude nutzte. Dass es bei ihm nicht nur Lächerlichmachen gibt, sondern eine spürbare Faszination für "alte Formen", ist deutlich.

    Ferdis Hinweise auf Minor brachten mir dann das Buch ins Haus, obwohl man es auch im Netz digitalisiert lesen kann. Die Lektüre, das hat sich mir gezeigt, verlangt erhebliche Aufmerksamkeit und erhebliche Zeit. Ich bin da punktuell dabei. Mal gucken, wie es weitergeht.

    Ich danke Dir für deine Beschäftigung und deinen Kommentar sehr.

    ww 
    Geändert von Willibald W (21.01.2020 um 15:06 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  6. #6
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    Hallo Willibald!

    Zagend die Füße ich setze, - das ist, im Hexameterrahmen, der bessere Halbvers, weil er anschaulich ist; dein jetziger ist begrifflich. Der Hexameter ist ein Vers der Anschauung, und es lohnt, um jedes bisschen zusätzlicher Wirklichkeit zu kämpfen! Nimm dir Voss als Vorbild, der in der Ilias übersetzt:

    Rings nun setzten sich all‘ in Ordnungen, dort wo sich jeder
    Rosse gehobenen Hufs, und gebildete Waffen gereihet


    Dazu schreibt Häntzschel (in Bezug auf eine Kritik Schlegels):

    Man könne allenfalls die Rosse laufen gehobenen Hufes sagen, dürfe jedoch bei der Erwähnung ihrer bloßen Eigenschaft auf ein Präpositionalgefüge, ‚Rosse mit gehobenem Hufe‘, nicht verzichten. Der rationalistische Einwand, dass hier überdies die stillstehenden Rosse ihre Hufe ja tatsächlich gar nicht heben, dass es sich vielmehr nur grundsätzlich um ’schnelle Rosse‘ handele, zeugt von dem hohen Abstraktionsgrad der deutschen Sprache, deren Normen die Rezensenten respektieren, während es Voß im Gegensatz zu ihnen darum zu tun ist, sie zu sprengen. Wenn Voß nämlich den ‚fertigen‘ Begriff ’schnelle Rosse‘ vermeidet und analog dem sinnlichen Prinzip der griechischen Sprache die Schnelligkeit in einem anschaulichen Bild vermittelt, das aus der Bewegung der Rosse gewonnen ist, bei der diese tatsächlich ‚die Hufe hebend‘, also „gehobenen Hufs“ sichtbar sind, und wenn er dieses Bild dann auf ihre Eigenschaft überträgt, so leitet ihn wieder die Intention, die abstrakte Sprache zu verjüngen; statt des begrifflichen Resultats (’schnell‘) greift Voss auf die von solcher Abstraktion noch freie konkrete Ursache („gehobenen Hufs“) zurück, die erst im Nachhinein zu jenem Resultat führt.

    Nun muss man das heute nicht zu einem ähnlichen Äußersten führen wie Voss; aber die Richtung stimmt! Ein Bewusstsein dafür, das "schnell", und eben auch "zaghaft", ein Begriff ist und nicht eine dem Hexameter gemäßere Anschauung, hilft wirklich weiter beim Schreiben von Langversen.

    Zagenden Fußes, am Ufer, versuch' ich mein lyrisches Ego:
    Weitausholenden Schritts strebe schon bald ich hinaus.


    - Jede Kleinigkeit hilft. Und jeder Verzicht auf "zuerst", "dann", "schließlich" und ähnliche Versvergifter. Ich schaute mir da auch noch andere Verse genauer an:

    Ohne Kenntnis Apolls entsteht des Schreiberlings Schaffen,
    Herrscht doch, den Musen fern, heute ein törichtes Volk.


    Ich kann jetzt nicht ganz saubere Verse bauen, weil "Umschreiben" immer auch ein "Vermindern" ist; aber vielleicht leuchtet ja, selbst wenn dir die Verse an sich nicht zusagen, ein, warum ich ihnen eher zutraue, einen Leser an sich zu binden?!

    Was vielleicht auch lohnte für einen solchen Text sind die wirksam gewordenen Texte der Klassiker zum Thema Eislauf - da gibt es ja einige. Klopstocks Eislaufoden liegen mir zum Beispiel am Herzen; oder Goethes "Eisbahn", das wären ja auch Distichen:

    Lehrling, du schwankest und zauderst, und scheuest die glättere Fläche!
    Nur gelassen! du wirst einst noch die Freude der Bahn.


    Also eine gewisse Selbstüberhebung des lyrischen Ichs und das trotz einer tappsigen Anfängerhaltung.
    Ich lese das eher als einen Selbstschutz - "Wenn du so seltsame Dinge tust, achte darauf, dass dir manches gleichgültig ist" - denn eine Selbstüberhebung.

    Komik durch das "antikisierenden Register von Hochwertwörtern und mythologischen Elementen": Geschmackssache; mich überzeugt es nicht, wofür ein Grund sicher ist, dass es ziemlich gewollt wirkt und selbstbezüglich, nicht selbstzufrieden, aber mit sich selbst zufrieden. Aber keine Frage: die Anlage ist da, und ich bin sicher, das Konzept geht für einige auf - was dann gut und richtig ist.

    Gruß,

    Ferdi

  7. #7
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    Salute, Ferdi, ich danke Dir sehr für die hilfreiche, intensive Beschäftigung mit den Füßen dieser komischen Elegie.
    Deine Textarbeit ist heilbringend salvatorisch, deine Energie möge weiterhin klauselüberschreitend wirksam sein.

    Vale
    ww
    Geändert von Willibald W (23.01.2020 um 14:57 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  8. #8
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    Hallo Willibald,

    Ich wollte noch hinzufügen. dass ich deine komische Elegie für ein höchst possierliches und liebenswertes Stück Gelehrtenpoesie halte.Es gibt ja kein Wort darin, welches nicht auch um die Mitte des 18. Jahrhunderts niedergeschrieben hätte werden können. Das Motiv des weltfremden Büchermenschen und Doktors, der trotz oder vielmehr wegen seine einsamen Weisheit unsicher im gesellschaftlichen Verkehr ist, war schon den Alten bekannt. Lessings Junger Gelehrte handelt den selben Vorwurf hab. Jüngst hat Goethe mit seinem trefflichen Faust eine ähnliche Figur geschaffen. Dort über Büchern und Papier... und ist es denn ein Zufall, dass nämlicher Faust sich der Hülfe Mephistos versichern musste, um das arme Gretchen zu verführen?

    Dir ist meine Position bekannt, dass ich Kunst mit den Worten I. Kants für eine Kunst des Genies halte, das sich selbst die Regel gibt. Ich glaube daher nicht, dass man in der Lyrik heute viel gewinnt, wenn man versucht, antiken Mustern möglichst nahe zu kommen, auch wenn die Kenntnis von dergleichen Regeln ohne allen Zweifel ihr Verdienst behalten wird. Es ist jedoch meine Überzeugung, dsss dieses Wissen weniger dem Dichter als dem Lieterarhistoriker nützlich sein wird

    Zaghaft oder zagenden Fußes? mag Ferdis Variante bildkräftiger sein und antikischer, Das "zaghaft" verweist Im Gegensatz zum zagenden Fuß auf mich als Subjektum, welches diese oder eben eine andere Eigenschaft hat. Wer "zaghaft" schreibt, ist modern in dem Sinne, dass es ihm eben um dieses Subjektum zu tun ist, auch wenn es sich in seinen Versen in eine römische Toga wickelt.

    So dacht ich. Wenn Du den Herrn Nicolai in Berlin einmal wieder siehst, so lasse ihn recht herzlich von mit grüßen!

    Onegin
    Geändert von Onegin (25.01.2020 um 12:14 Uhr)
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  9. #9
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    Werter Sodalis, Obegin, reverendissime,

    wenn ich ein so guter Prophet wäre, wie ich ein schlechter Dichter bin, dann wären die Vorstellungen, die ich einstmals vor einem Jahr etwa zum ersten Mal bei der Lektüre Eurer Gedichte für mich flüsternd und dann in Versen niederschrieb, nämlich, dass Ihr ein weit- und vielgelesener Autor sein sollet und werdet und seid, vorweggenommene Gratulation - wonach es beinahe unnötig wäre, dass ich weitere Gedichte verfertige.

    Aber Apoll ist mir gegenüber nicht so freigebig gewesen. Und obwohl er ebenso der Gott der Dichtung ist wie der von Orakelsprüchen, behält er diese letzteren solchen Personen vor, die Eurer poetischen Existenz ähnlich sind; allerdings sind davon so wenige auf der Welt, dass ich fast fürchte, die Orakel enden eines Tages ganz und gar.

    Gebe Gott, dass das nicht zu bald geschehe und dass auf die Freude, die Ihr zweifellos empfindet angesichts der Gnade, die der Himmel durch das Ausgießen von Geist Euch gegenüber erwiesen hat, tausenderlei anderes Befriedigende folgen möge, was Euch das Leben so lang wie glücklich werden lasse. Es gibt niemanden, der das mit mehr Eifer wünschen kann als ich.

    Was ich immer wieder sehe, Gernhatdt hat es so formuliert, und was Ihr schon erreicht habt: Ob ein Dichter fortlebt, aufgehoben im Gedächtnis der Leser, aufbewahrt in Gedichten späterer Dichter, hängt nicht zuletzt von seiner Fähigkeit ab, seinen Worten nicht schlichte Füße, sondern veritable Flügel zu machen, geflügelte Füße, sei es auf Kufen, sei es auf anderem, so dass des Dichters Worte als Geflügelte Worte die Phantasien der Mit- und Nachwelt beflügeln.

    Kürzer, mit präzisen, kurzen Versen, wie gemeißelt, so verdichtet:

    Zitat Zitat von Onegin Beitrag anzeigen
    Noch kein Licht
    in den Fenstern

    Die Küche träumt
    Dein Finger fährt über den Tisch:

    exegi monumentum ...
    Allerdings bin ich neulich auf Verse possierlich-komischer Art und Kunst gestoßen, die den Duktus Ihrer Gedichte und Dichte so gar nicht mit sich tragen. Und dennoch sind sie mir im Gedächtnis geblieben. Nun, das lässt sich wohl hinreichend damit erklären, dass in der Brechung der Norm, wohlgemerkt der punktuellen Brechung der Norm, eben sich die Norm fast triumphierend beweist und auf Beifall verzichtet:.

    Doch wenn ich es recht bedenke, so ist auch in Eurem Horaz alludierenden Kurzgedicht eine seltsam-komische Unterströmung am Fließen und Gluckern im leisen Wirbel. Wiewohl keine possierliche, so doch nicht ohne Anmut zu vernehmen.

    In der gewisslich zutreffenden Hoffnung, dass es Euch gut geht, liebt Gott doch offensichtlich diejenigen, die er beschenkt, verbleibe ich einer von denen, welche sich voll Freude in Obegins Werken vertiefen, weil er dort das findet, was er sucht: Onegin.

    Thrasybulus ww Illuminatus

    p.s.
    Dieser Geheimrath hat wieder einmal beim Besuch in der Kanzlei ein Inpromptu-Epigramm geliefert.

    Traurig, Midas, war dein Geschick! in bebenden Händen Fühltest du, hungriger Greis, schwere verwandelte Kost. Lustiger geht mirs auf ähnliche Weise, denn was ich berühre Wird mir unter der Hand gleich ein behendes Gedicht.

    Er ist schon irgendwie auch ein Genie. Von Kant hält er nicht so arg viel, scheint mir.

    p.p.s.
    Gestern kam Erich Kästner vorbei, sagte, er finde inzwischen auch Langgedichte gut, und, nein, er sei nicht betrunken.
    Geändert von Willibald W (23.01.2020 um 20:36 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  10. #10
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    Lieber Willibald

    habe Dank für deine launige Entgegnung. In der Tat, mein kleines Gedichtchen ist in hohem Maße komisch-selbstironisch, und hat deslalb manches mit deinem gemein. Allerdings frage ich mich, ob ich überhaupt ein Niederlassungsrecht in der Gelehrtenrepublik habe, da meine Lateinkenntnisse nicht über die eines gallischen Unterhäuptlings hinausgehen, der sich mühsam und mit Hülfe des natürlich bereits damals verfügbaren Stohwasser aus den abgefangenen Senatsdepeschen Caesars die römischen Truppenbewegungen herausliest.

    Mein Altgriechisch (ebenso übrigens wie mein Neugriechisch ) ist natürlich gar nicht erst vorhanden, weswegen ich aus Platons Dialog Phaidros nun in lingua barbaorum zitieren muss:

    Die dritte Art der Besessenheit und des Wahnsinns aber kommt von den Musen. Wenn sie eine empfindsame und unberührte Seele ergreift, erweckt sie sie, und begeistert sie zu Gesängen und anderen Werken der Dichtkunst ....Wer aber zu den Türen der Dichtkunst kommt, ohne den Wahnsinn, der von den Musen stammt, und überzeugt ist, dass er allein dank der Kunstfertigkeit ein rechter Dichter werden könne, der ist selbst der Weihe bar, und auch die Dichtkunst dessen, der bei gesundem Verstande ist, wird von der des Wahnsinnigen völlig in den Schatten gestellt.
    Unser geheimer Rath hat in dem von Dir zitierten Epigramm aufs Trefflichste bewiesen, dass er ein gewandter Versifex ist. Ob dieser fleißige Botaniseur abgelebter Vers- und Strophenformen aber auch ein Freund der Musen und also ein Dichter im eigentlichen Sinne sey, da habe ich doch meine Zweifel.

    So dacht ich

    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (25.01.2020 um 14:45 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

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