Thema: Verloren

  1. #1
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    Verloren

    Schwarz ist der Himmel, kalt ist die Luft,
    eisig zerrt der Wind an seinem Gesicht,
    gleichsam der Hölle eisige Gruft,
    die Flamme der Hoffnung, einziges Licht.

    Einsam zieht er, ein einziger Trieb,
    oder Gedanke, der ihn noch hält,
    aufrecht entgegen dem finsteren Hieb,
    die Flamme flackert, seltsame Welt.

    Wie lange zieht er, zieht er wohin?
    Er hat es vergessen, weiß es nicht mehr,
    vergessen, verloren, den einzigen Sinn…
    die Flamme erlischt, schwarz wogt das Meer.

    Er legt sich hernieder,
    kalt rauscht der Wind,
    warm noch die Glieder,
    schlaf einsames Kind.

  2. #2
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    Moin ravhan,

    willkommen im Forum!
    Wie ich sehe, hast du schon fleißig deine ersten Texte eingestellt.
    Gern kannst du natürlich auch die Texte anderer User kommentieren und damit auch dich bekannter machen.
    Toller Nebeneffekt: Man lernt und verbessert sich^^

    Nun geht es aber um diesen Text von dir, den ich mir einmal etwas genauer anschauen wollte:

    Metrum und Reim:

    Schwarz ist der Himmel, kalt ist die Luft,
    eisig zerrt der Wind an seinem Gesicht,
    gleichsam der Hölle eisige Gruft,
    die Flamme der Hoffnung, einziges Licht.

    XxxXxXxxA
    XxXxXxXxxB
    XxxXxXxxA
    xXxxXxXxxB

    Einsam zieht er, ein einziger Trieb,
    oder Gedanke, der ihn noch hält,
    aufrecht entgegen dem finsteren Hieb,
    die Flamme flackert, seltsame Welt.

    XxXxxXxxC
    XxxXxXxxD
    XxxXxxXxxC
    xXxXxXxxD

    Wie lange zieht er, zieht er wohin?
    Er hat es vergessen, weiß es nicht mehr,
    vergessen, verloren, den einzigen Sinn…
    die Flamme erlischt, schwarz wogt das Meer.

    xXxXxXxxE
    xXxxXxXxxF
    xXxxXxxXxxE
    xXxxXXxxF

    Er legt sich hernieder,
    kalt rauscht der Wind,
    warm noch die Glieder,
    schlaf einsames Kind.

    xXxxGg
    XxxH
    XxxGg
    XXxxH
    Ich habe hier einmal visualisiert, wie deine Verse jeweils betont werden.
    Das ist für gebundene Gedichte nicht unwichtig, da der regelmäßige Wechsel von betonten und unbetonten Silben den Rhythmus/Fluss/Klang eines Gedichts beeinflusst. Da du in Reimen schreibst, gehe ich davon aus, dass ein rhythmischer Text in deinem Sinne ist.
    Wie du dort oben an den X-en siehst, gleicht aber kaum ein Vers dem anderen.
    Das macht alles sehr unruhig.
    Ich habe dir oben mal zwei Verse markiert, bei denen du ein gleichmäßiges Metrum getroffen hast (jeweils 2 unbetonte Silben zwischen betonten Silben). Lies diese Verse einmal laut vor, dann merkst du sicher den Unterschied zu den übrigen Versen.

    Spannend finde ich so oder so aber deine Entscheidung, die Verse der letzten Strophe deutlich zu verkürzen.
    Das macht einen eindringlichen Abschluss.

    Wenngleich dein Text metrisch einige Schwächen aufweist, bist du reimlich aber sehr sicher.
    Du nutzt konsequent einen sauberen Kreuzreim, Respekt.

    Sprache und Bilder:
    Auffällig ist insgesamt der Dualismus von Schwarz und Licht bzw. Kälte und Feuer.
    Gehen wir das mal Stück für Stück durch:
    Schwarz ist der Himmel, kalt ist die Luft,
    eisig zerrt der Wind an seinem Gesicht,
    gleichsam der Hölle eisige Gruft,
    die Flamme der Hoffnung, einziges Licht.
    Zunächst eher beschreibend. Der schwarze Himmel deutet auf Nacht hin, bringt gleichermaßen aber etwas Bedrohliches mit. Du betonst in dieser Strophe sehr stark die Kälte, durch die Luft, den Wind und eine eisige Gruft.
    Paradoxerweise verbindest du die beschriebene Kälte mit der Hölle, die im Allgemeinen eher als recht heißer Ort definiert wird. Das Stilmittel für deine "frostige Hölle" ist das sogenannte Oxymoron, was die innere Widersprüchlichkeit eines Sachverhalts bezeichnet. Die Wirkung dieses Stilmittels ist in diesem Fall, dass du die Bedeutung der Kälte umso mehr verstärkst.

    Ein inhaltliches Problem habe ich mit dem Gesicht, da du hier nicht eindeutig bist.
    "Sein" Gesicht kann sich auf eine undefinierte, nicht eingeführte Person beziehen, oder aber auf das Gesicht des Himmels.

    Das im letzten Vers erwähnte Licht, bzw. die Flamme der Hoffnung stellt nun den Gegensatz zur Schwärze und Kälte auf, kommt aber mit 3 Versen gegen einen noch sehr schwach daher.
    Auch bildlich finde ich "Flamme der Hoffnung" nicht ganz so innovativ, es ist ein recht bekanntes, vielgenutztes Bild.
    Einsam zieht er, ein einziger Trieb,
    oder Gedanke, der ihn noch hält,
    aufrecht entgegen dem finsteren Hieb,
    die Flamme flackert, seltsame Welt.
    Wieder "er", ein Unbestimmter. Hinter "Trieb" kommt kein Komma, "ein Einziger Trieb oder Gedanke, der ihn noch hält,"
    "dem finsteren Hieb entgegen" will sich mir nicht direkt erklären. Welcher Hieb? Es fühlt sich an, als ist dieses Wort dem Reim auf "Trieb" geschuldet.
    Deuten wir es aber mal ohne weiteres Hinterfragen als ein Zubewegen auf eine unbestimmte Gefahr.
    Passend dazu scheint im Angesicht des Ungewissen die Hoffnung zu schwinden.
    "Seltsame Welt" wiederum ist sehr dazugequetscht, sowohl als Satzteil, als auch inhaltlich. Wieder dem Reim geschuldet?

    Wie lange zieht er, zieht er wohin?
    Er hat es vergessen, weiß es nicht mehr,
    vergessen, verloren, den einzigen Sinn…
    die Flamme erlischt, schwarz wogt das Meer.
    Hier wird das ganze Handeln von ihm in Frage gestellt, es scheint weder Ziel noch Sinn zu haben.
    Die Hoffnung schwindet nun vollends.
    Du könntest hier durchaus etwas bildlicher sein, schreibst du hier doch sehr wörtlich genau das, was du meinst.
    Der Flamme fehlt es wie gesagt etwas an Innovation.
    Das schwarz wogende Meer hingegen find ich ganz nett, zumal du da durch das Attribut des "schwarz" auch eine eher unübliche Charakteristik von Wasser einbringst. Hier kann man also etwas über das Bild rätseln.
    Er legt sich hernieder,
    kalt rauscht der Wind,
    warm noch die Glieder,
    schlaf einsames Kind.
    Es streckt ihn nieder, vermutlich die Kälte bzw. die Hoffnungslosigkeit.
    Er sieht keinen Ausweg aus seiner Situation und ergibt sich seinem Schicksal.
    Ein kleiner Kontrast wiederum die noch warmen Glieder.
    Damit greifst du die erste Strophe nochmal auf, in der ja die Flamme auch der sehr dominanten Kälte gegenüberstand.
    Das find ich so ganz gelungen.
    Der letzte Vers ist nun überraschend. So wie "er" komplett unbekannt ist, erscheint nun noch ein "einsames Kind".
    Eventuell könnte dies auch eine erzählerische Ansprache an "ihn" sein, es kommt mir hier aber doch etwas schief vor.
    Inhaltlich war ich beim letzten Vers dann nämlich eher bei einer Einschlafszene, in der einem Kind dieser Text als "Gutenachtgeschichte" vorgetragen wurde.
    Das war wahrscheinlich nicht die Intention^^

    Komma nach "schlaf" übrigens

    Insgesamt:
    So mutig und sicher du mit Reimen umgehst, kannst du dich gern in deinen weiteren Texten auch an Metrum und Bilder herantrauen.
    Da ist noch Potenzial.
    Versuch in jedem Fall weniger konkret zu sein und nur zu beschreiben.
    Auch wenn es nicht die neusten Bilder sind, aber auch Umschreibungen wie "Flamme" für Hoffnung, "Hölle" für Hoffnungslosigkeit oder auch "schwarz wogende See" für das Ungewisse und Unberechenbare sind ja viel ansehnlicher als ein bloßes "ich habe keine Hoffnung mehr, ich will sterben"

    Bin gespannt, was du sonst noch so ins Forum einbringst.
    Viel Spaß beim Weiterdichten und Kommentieren!
    LG AC
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  3. #3
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    Hallo AC,

    erstmal danke und "wow" für deine Mühe..
    Ich gehe mal sukzessiv auf deine Kritik ein:
    Zum Metrum: Manchmal entscheide ich mich für ein einheitliches, manchmal dagegen..
    Das hängt vor allem auch vom Thema ab.
    Ich würde das vielleicht auch mit einem Stück Holz vergleichen, das du im Wald findest.
    Entweder du schnitzt die ihm inneliegende Figur oder du suchst dir ein passendes Stück und schnitzt die Figur, die du schon im Kopf hattest..
    Ich gehe meistens mit dem "Flow"
    und bin der Meinung, dass ein Lied oder Gedicht sehr melodisch sein kann, manchmal gerade weil das Metrum nicht fest geschweißt ist..
    Gerade in einer Thematik wie "Verloren" oder eben einer düsteren Stimmung, sehe ich sogar Vorteile gegenüber einem starren Korsett..
    Du machst automatisch Pausen, gleich dem Rhythmus den die Metapher oder das Lyrische Ich vorgibt.
    Ich würde an der Metrik hier nichts ändern, selbst wenn ich der aktuellen eine einheitliche gegenüber stelle, die inhaltlich das gleiche wiedergibt. Für mich ist ein festes Metrum kein Gewinn, solange die Melodie innewohnt.
    Ein festes Metrum kann auch sehr langweilig sein, wenn es einen ambivalenten Text in eine metrische Konformität zwängt..
    Das muss nicht so sein.. aber kann auch vorkommen..
    Wenn ich das Gedicht vertonen würde, wäre es vermutlich anschaulicher..
    Zumindest fließt es in meiner Lesart..

    Zum Inhalt: Vielleicht hätte ich doch den ersten Titel beibehalten sollen: "Arktis"
    Das physische Bild, das das Gedicht beschreiben soll, ist ein Mensch, Lyrische Ich, das in der Nacht einsam durch eine vielleicht "Schneewüste" wandert.. es ist nur angedeutet, aber scheint gar nicht so prägnant, wie es vor meinem inneren Auge erscheint, bei deiner Rezeption.. muss eigentlich auch nicht, da es letztlich eben auch nur eine Metapher für das suchende Individuum ist, das sich einsam durch eine kalte Einöde kämpft..
    Das Gesicht soll ja deutlich machen, dass ein Mensch im Mittelpunkt steht.
    "Flamme der Hoffnung": Auch wenn es ein vielbenutztes Bild ist, im richtigen Kontext kann auch ein gängiges Bild neue Kraft entfalten, hier durch die Antagonisten "Licht, Wärme, Hoffnung, Sinn" und Kälte, Hoffnungslosigkeit, Tod
    Gängige Bilder sind ja dazu da, genutzt zu werden, um in prägnanter Form auf etwas Komplexeres zu referieren..
    Ich würde selbst bei Reimpaaren wie "Baum, Traum, Raum" oder krasser noch "Herz, Schmerz" niemanden vorab kritisieren, wenn er sie in einen neuartigen Kontext einbettet, kann auch das legitim sein und der Koch macht die Suppe, nicht nur allein die Zutaten, die doch meistens die gleichen sind.
    "Hieb": Der Hieb ist der Moment, indem die Hoffnung erlischt, indem der Gedanke zerschlagen ist, der das Individuum aufrecht gehalten hat..
    Dies ist immer ein Sinn. Im Grunde greift das Gedicht die Suche auf, die jeder Mensch zumindest in einer Phase im Leben hat.. die existentiell ist, weil ohne eine Antwort, nur der Tod wartet..
    Und gerade in Krisenzeiten zeigt sich, ob im Inneren dieses Sinnes genügend Licht und Wärme strahlt, um uns auch durch einen Sturm zu tragen.. Sind wir zu weit von unserem Weg abgekommen, scheint es wie in einer Schneewüste keinen Weg und kein Ziel mehr zu geben und damit auch keine Hoffnung. Die Hoffnung erlischt mit jedem weiteren Schritt..
    Das schwarze Meer kann schon das Nichts oder Nirwana sein, in dem die Seele auseinander fließt..
    Letztlich wird auch dieser Mann noch einmal zu dem Kind, das er war, hilflos, suchend und in gewisser Weise unschuldig, rein.. bevor er geht..
    Was im letzten Moment bleibt, ist der Anteil des Kindes, den wir uns bewahrt haben..
    Im Kontrast zur Naturgewalt dieser Eiswüste der Leere ist auch dieser Mensch am Ende nur noch Kind..
    Könnte eine Interpretation sein..
    Auch hier soll das Gedicht nicht prägnant sein, sondern Räume schaffen und offen lassen..
    Je konkreter ein Bild, desto eingeschränkter die Lesart..
    Hier geht es um Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, Sterben..
    Nichts was man fassen soll und kann.. wäre es zu fassen, wäre das Kind vermutlich nicht verloren..

    "Schlaf einsames Kind" Ist eine Aufforderung und Beobachtung des allwissenden Erzählers,
    man liest es als "Schlaf ein" und "Schlaf einsames Kind"..
    Ich weiß nicht wie man das nennt, oder ob es einen Begriff dafür gibt, aber ich benutze gerne dieses Stilmittel,
    das aus einer Silbe zwei Bedeutungen schöpft. Eigentlich müsste es "Schlaf ein einsames Kind" heißen..
    Aber das klingt erstens nicht und ist zweitens nicht nötig, um beim Leser eine Wirkung zu entfalten, die zu einem schöneren Ergebnis führt..

    Das Gedicht war ein Jugendgedicht von mir, das ich beim Aufräumen gestern gefunden habe.

    Mich wundert, dass du mir am Schluss deiner Kritik die Empfehlung gibst weniger konkret zu sein, da mir vorher schien, dass dir einiges nicht klar und konkret genug war..
    Es ist immer wieder erstaunlich wie unterschiedlich Gedichte gelesen und interpretiert werden, während der Autor gerade dachte, dass das Bild sehr klar umrissen war..
    Jede Interpretation ist ja letztlich ein eigenes Gedicht.
    Mir scheint aber immer wieder, jeder Autor sollte zu jedem Gedicht auch einmal seine Interpretation verfasst haben,
    um auch den Vergleich zu haben und manchmal die Möglichkeit, auch das zu dechiffrieren, was dem Verfasser besonders wichtig war..

    Vielen Dank ajf für deine ausführliche Analyse und Mühe
    Ich werde es die Tage noch einmal lesen.

    LG Raoul

  4. #4
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    Zitat Zitat von ravhan Beitrag anzeigen
    Hallo AC,

    erstmal danke und "wow" für deine Mühe..
    Ich gehe mal sukzessiv auf deine Kritik ein:
    Zum Metrum: Manchmal entscheide ich mich für ein einheitliches, manchmal dagegen..
    Das hängt vor allem auch vom Thema ab.
    Ich würde das vielleicht auch mit einem Stück Holz vergleichen, das du im Wald findest.
    Entweder du schnitzt die ihm inneliegende Figur oder du suchst dir ein passendes Stück und schnitzt die Figur, die du schon im Kopf hattest..
    Ich gehe meistens mit dem "Flow"
    und bin der Meinung, dass ein Lied oder Gedicht sehr melodisch sein kann, manchmal gerade weil das Metrum nicht fest geschweißt ist..
    Gerade in einer Thematik wie "Verloren" oder eben einer düsteren Stimmung, sehe ich sogar Vorteile gegenüber einem starren Korsett..
    Du machst automatisch Pausen, gleich dem Rhythmus den die Metapher oder das Lyrische Ich vorgibt.
    Ich würde an der Metrik hier nichts ändern, selbst wenn ich der aktuellen eine einheitliche gegenüber stelle, die inhaltlich das gleiche wiedergibt. Für mich ist ein festes Metrum kein Gewinn, solange die Melodie innewohnt.
    Ein festes Metrum kann auch sehr langweilig sein, wenn es einen ambivalenten Text in eine metrische Konformität zwängt..
    Das muss nicht so sein.. aber kann auch vorkommen..
    Wenn ich das Gedicht vertonen würde, wäre es vermutlich anschaulicher..
    Zumindest fließt es in meiner Lesart..
    Stimme dir voll zu, ein lupenreines Metrum ist nicht per se die beste Lösung.
    Ich unterstellte ja nur, dass es bei der Verwendung von Reimen besser wirkt.
    Klar kann man absichtlich "Fehler" ins Metrum einbauen, um inhaltliche Aussagen zu unterstützen, da bin ich Fan von.
    Diese Absicht sehe ich hier nun aber nicht. Hier haben wir doch eher die "willkürliche" standardsprachliche Betonung, was natürlich auch seine ästhetische Berechtigung haben kann aber ich würde es dann nicht als bewusst gesetzte stilistische Finesse des Autors bezeichnen^^
    Deinen Hinweis auf die Vertonung unterstütze ich. Songs sind auf dem Papier oft nicht metrisch rein, erhalten aber natürlich durch den Gesang, durch das Dehnen oder Verkürzen von Silben beim Singen entsprechende Rhythmik und Melodik.


    Zum Inhalt: Vielleicht hätte ich doch den ersten Titel beibehalten sollen: "Arktis"
    Das physische Bild, das das Gedicht beschreiben soll, ist ein Mensch, Lyrische Ich, das in der Nacht einsam durch eine vielleicht "Schneewüste" wandert.. es ist nur angedeutet, aber scheint gar nicht so prägnant, wie es vor meinem inneren Auge erscheint, bei deiner Rezeption.. muss eigentlich auch nicht, da es letztlich eben auch nur eine Metapher für das suchende Individuum ist, das sich einsam durch eine kalte Einöde kämpft..
    Ja und nein. Ich hätte und hatte deinen Text nun gar nicht ausschließlich als Spaziergang durch den Schnee gedeutet.
    Natürlich würdest du du das Kälte-Bild durch diesen Titel weiter unterstützen aber nötig ist es nicht.
    Ich habe ja auch betont, dass gerade die 3 Verse der ersten und letzten Strophe die Kälte-Thematik schon stark darstellen.
    Dass es aber tiefergehend eher um die Suche nach Hoffnung geht, hatte ich ja auch betont.
    Das kommt also schon rüber.

    Das Gesicht soll ja deutlich machen, dass ein Mensch im Mittelpunkt steht.
    Ja, das Gesicht personifiziert jemanden, dieser jemand ist aber nie richtig eingeführt worden.
    Im Mittelpunkt steht für mich deine Kälte-Dunkelheit-Flamme-Licht-Metaphorik.

    "Flamme der Hoffnung": Auch wenn es ein vielbenutztes Bild ist, im richtigen Kontext kann auch ein gängiges Bild neue Kraft entfalten, hier durch die Antagonisten "Licht, Wärme, Hoffnung, Sinn" und Kälte, Hoffnungslosigkeit, Tod
    Gängige Bilder sind ja dazu da, genutzt zu werden, um in prägnanter Form auf etwas Komplexeres zu referieren..
    Ich würde selbst bei Reimpaaren wie "Baum, Traum, Raum" oder krasser noch "Herz, Schmerz" niemanden vorab kritisieren, wenn er sie in einen neuartigen Kontext einbettet, kann auch das legitim sein und der Koch macht die Suppe, nicht nur allein die Zutaten, die doch meistens die gleichen sind.
    Das Problem mit diesem Bild ist für mich viel eher, dass es wenig bildlich ist. Hoffnung ist erstmal nur ein Begriff, Liebe, Tod, Herz, Schmerz, alles nur Begriffe. Interessant wird es ja dann, wenn wir von diesen Begriffen Abstand nehmen und die Assoziationen durch ganz andere Bilder entstehen lassen.

    "Schlaf einsames Kind" Ist eine Aufforderung und Beobachtung des allwissenden Erzählers,
    man liest es als "Schlaf ein" und "Schlaf einsames Kind"..
    Ich weiß nicht wie man das nennt, oder ob es einen Begriff dafür gibt, aber ich benutze gerne dieses Stilmittel,
    das aus einer Silbe zwei Bedeutungen schöpft. Eigentlich müsste es "Schlaf ein einsames Kind" heißen..
    Aber das klingt erstens nicht und ist zweitens nicht nötig, um beim Leser eine Wirkung zu entfalten, die zu einem schöneren Ergebnis führt..
    Ah, du meinst das Apokoinu. Ja, ist ein spannendes Stilmittel.
    An dieser Stelle hatte ich das nicht auf dem Schirm, da man ganz standardmäßig ja sagen kann "Schlaf, einsames Kind", das "ein" braucht es da nicht, die Aussage bleibt die selbe^^
    Ich verstehe das als Erklärung für das ausgelassene Komma? Ja, von mir aus kann man das so machen^^

    Mich wundert, dass du mir am Schluss deiner Kritik die Empfehlung gibst weniger konkret zu sein, da mir vorher schien, dass dir einiges nicht klar und konkret genug war..
    Ja, ich meine da schon Verschiedenes:
    Das eine ist die klare Sprache, nachvollziehbarer Satzbau und Beziehung der einzelnen Teile zueinander.
    Das andere ist die Abstraktion des Inhalts. Natürlich wollen wir rätseln und raten und interpretieren, was hinter den genutzten Bildern steht. Dafür sollten die genutzten Worte/Bilder nicht genau dem entsprechen was du sagst.^^
    Das ist aber wie gesagt, noch einmal etwas ganz anderes als klare Syntax^^

    Es ist immer wieder erstaunlich wie unterschiedlich Gedichte gelesen und interpretiert werden, während der Autor gerade dachte, dass das Bild sehr klar umrissen war..
    Jede Interpretation ist ja letztlich ein eigenes Gedicht.
    Mir scheint aber immer wieder, jeder Autor sollte zu jedem Gedicht auch einmal seine Interpretation verfasst haben,
    um auch den Vergleich zu haben und manchmal die Möglichkeit, auch das zu dechiffrieren, was dem Verfasser besonders wichtig war..
    Unbedingt! Bestimmt wirst du hier auch noch andere Kommentare erhalten, die mir in sämtlichen Punkten widersprechen.
    Das ist doch dann gerade der schöne Nutzen, den der Autor für sich und seine Textarbeit gewinnen kann

    LG und viel Spaß weiterhin
    AC
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  5. #5
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    Hallo ihr beiden,

    ist fast alles gesagt...dennoch:

    Zitat Anti Chris
    Wieder "er", ein Unbestimmter. Hinter "Trieb" kommt kein Komma, "ein Einziger Trieb oder Gedanke, der ihn noch hält,"
    Das ist richtig - und mE eine Schlüsselstelle

    Der eine "Fehler" (oder) bedingt den anderen (das Komma...bzw die Interpunktion)

    Mit einem "und" statt einem "aber"...hättest Du gleich drei Fliegen (Grammatik/Semantik/Logik) mit einer Klappe geschlagen. Es ist wie so oft das Naheliegende...

    das "oder" ist zudem eine Art versteckter Konjunktiv...denn sowohl Erzähler als auch LY-I wissen, was im Kopf des LY-I vorgeht. Der reine Beobachter...der könnte seine Zweifel haben...nur hätte er die dann auch an anderer Stelle.


    Ein weiterer Punkt:


    Schwarz ist der Himmel, kalt ist die Luft,
    Kann man machen, aber auch als verpasste Chance sehen. Lieber ein starkes Verb...denn dann wird aus dem "nur" Berichterstatter ein Erzähler....

    Der Bericht ist ein Muss...die Erzählung Genuss

    Schwarz hängt der Himmel, kalt kriecht die Luft


    nur mal als Beispiel


    Gruß, A.D.
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  6. #6
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    Wenn man es so dermaßen ellenlang zerreden kann und muss und vor allem auch will, muss die Mühe sich ja gelohnt haben, es genau so zu schreiben wie es dasteht, mit Eigenarten und unbeeinflussbarem(wovon es voll ist). Aber daraus dann noch mehr zu machen als man gemeint haben könnte ist ja wirklich was für einsame Kinder in der Hölle eisiger Gruft, die es gut heraufbeschworen hat. Perfektes Klimaupdate würde ich abschliessend so gesagt haben wollendes wie von allen gemeint.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  7. #7
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    Moin ravhan und A.D.,


    Zitat Zitat von AndereDimension Beitrag anzeigen

    Schwarz hängt der Himmel, kalt kriecht die Luft


    nur mal als Beispiel


    Gruß, A.D.
    Das ist ein guter Hinweis, dadurch kann man noch einiges rausholen.
    Ich dachte daraufhin an:
    "Schwarz droht der Himmel, kalt sticht die Luft"

    Das ist vom Vokabular noch etwas aggressiver und würde sich gut in das folgende "zerrt" und später den Hieb einfügen.
    Find aber dein "kriecht" irgendwie schöner, es personifiziert die kalte Luft noch mehr.

    LG AC
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  8. #8
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    Zitat Zitat von Anti Chris. Beitrag anzeigen
    Moin ravhan und A.D.,




    Das ist ein guter Hinweis, dadurch kann man noch einiges rausholen.
    Ich dachte daraufhin an:
    "Schwarz droht der Himmel, kalt sticht die Luft"

    Das ist vom Vokabular noch etwas aggressiver und würde sich gut in das folgende "zerrt" und später den Hieb einfügen.




    Find aber dein "kriecht" irgendwie schöner, es personifiziert die kalte Luft noch mehr.

    LG AC
    Hi,

    ja - möglich wäre zB es vor dem Komma beim "ist" zu belassen und erst nach dem Komma ein Verb einzusetzen - je nach Intention gibt es da viele Möglichkeiten...wie auch "droht"...

    Schwarz ist der Himmel, kalt droht die Luft

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  9. #9
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    Hallo,

    danke für die Vorschläge und Kommentare.
    Kurz noch meine Anmerkung.
    Ich persönlich würde es bei dem "ist" und "ist" belassen, da es seinen Zweck am besten erfüllt, auch wenn ich mir die Varianten im Vergleich anhöre..
    Es "ist" eine Einöde und die "Einöde" ist im Gegensatz zum Lyrischen Ich, das sich selbst diesen Naturgewalten ausgeliefert sieht und seelisch wie körperlich verfällt und eben nicht im Sein ist. Mit dem doppelten "ist" wird gerade die Eintönigkeit der Wahrnehmung und die Verzweiflung des Lyrischen Ich's untermalt, das seine Umwelt als bedrückende und umumstößliche Gewalt wahrnimmt. Würde man dies verfeinern, würde der Effekt des Abgehackten und des Seins verschwinden.. die Einöde wäre lebendiger und der Kontrast verschwindet.. ich hoffe, ich konnte meine Intention diesbezüglich verständlich machen.. Das Gedicht würde gerade nicht mehr so harmonisch wirken, würde man es komplexer machen..
    LG

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