1. #1
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    Lust unter schwarzem Mantel

    Genau hier soll es sein,
    die glatte Buche läd ein,
    mit dem perfekten Licht.
    Die Abendsonne richtet
    ihren Scheinwerfer
    auf eine imaginäre Bühne.

    Hinter dem Hühnen von Baum
    pulsiert bereits die Brust
    einer gespannten,
    splitternackten Lust,
    bedeckt nur von einem
    langen, schwarzen Mantel.

    Gleich kommt er vorbei,
    der Moment des großen Nervenkitzels,
    wenn die Katze zum Sprung bereit ist,
    und auf die Bühne stürmt,
    wenn die Mantelhälften
    wie Vorhänge aufgeschlagen werden.

    Wenn sich dann das aufgerissene Augenpaar,
    voller Scham abwendet,
    geblendet von purer Nackheit.
    Es ist der Augenblick,
    wenn jemand schreit,
    wie beim Lustakt zu zweit.

    Alleine diese Vorstellungen
    gehören zum erregendsten aller Vorspiele,
    Gefühle bis hin zu den Füßen,
    ohne irgendetwas einzubüßen,
    um nach dem Schrei,
    ihren unendlichen Nachhall zu genießen.


    Der Höhepunkt naht.
    Ahnungslose Schritte hallen heran,
    um gleich ihre Unschuld zu verlieren.
    Die schwarze Katze springt breitbeinig hervor,
    und hält dem erstaunten Wandersmann
    aufreizend und verwegen ihre Brüste entgegen.

    Darauf war Klaus Peter nicht gefasst.
    Sein Schritt kommt plötzlich aus dem Tritt
    er kommt nicht mehr mit, macht Rast,
    bleibt interessiert stehen.
    Er hat schließlich noch nie
    eine Exhibitionistin gesehen.

    Er zückt verzückt wie in Trance sein Handy,
    bespricht die Mailbox benommen:
    "Hallo Schatz, hier Peter,
    mir ist etwas dazwischen gekommen!
    Warte nicht, es könnte
    zehn Minütchen später werden!"
    Geändert von Anjulaenga (02.02.2020 um 02:36 Uhr)

  2. #2
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    Du beschreibst den Schaffensprozess des Gedichtes anhand der sich selber herbeierotisierenden Spannung wie es denn sein könnte wenn es so läuft wie der Leser es dann wahrnimmt. Ohne grosse Ablenkung und mit der gebotenen Theatralik.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
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    Lieber Terrorist,

    du berschreibst, wie ein Leser so etwas wie eine herbeierotisierende Spannung wahrgenommen haben könnte, mit der gebotenen Zurückhaltung.
    Danke für den Schaffensprozess deines unaufgeregten Feedbacks, A.

  4. #4
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    Lieber Anjualenga,
    die abnehmende Bedeutung christkatholischer Moralvorstellungen verhindert, dass solche, der Sinnenlust frönende Gedichte nicht auf den Index kommen. Ohne Dein Enthüllungsgedicht hätte ich nie erfahren, dass es auch exhibitionistische Darstellerinnen gibt. Dein Gedicht - eine érotique
    ballades par excellence, die ich mit Vergnügen gelesen habe. Ich werde meine Spaziergänge künftig ausdehnen.
    Chapeau!
    Festival

  5. #5
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    Warte erst mal ab, liebes Festival, wenn Franziskus seinen christkatholischen Gürtel gelockert hat. Dann bist du nur noch unterwegs, und es kommt was zusammen. Dann lohnt es sich auch wieder nach ausgedehntem Spaziergang in die Kirche zu gehen, um den Priesterinnen und Hetären beim Fest der Liebe beizuwohnen und anständig zu beichten. L.G.A.

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