Thema: Kusstechnik

  1. #1
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    Kusstechnik

    Küss mich jetzt 100 und 1000mal!
    Und wieder 1000 und das zweite 100
    und noch 1000mal und 100,
    dass wir bei soviel 1000 uns verrechnen
    Catull



    Von tausend Küssen schenke mir den einen,
    den, in dem sich unser Atem tauscht,
    bis wir vom Kohlendioxid berauscht,
    uns nicht als länger unterscheidbar meinen.

    Wir füllten und wir leerten unsre Lungen
    im pas de deux, der schmiegsam Brust an Brust
    auch unsre Herzen presst, und alle Lust
    würd Fleisch im Spiele unsrer Zungen.

    Als wär es meine, würde deine in mich
    dringen und kehrte ich in mich zurück,
    gedrängt, gesaugt, vereinigt zu nem Stück-
    chen Liebe, sanft und roh und sinnlich.

  2. #2
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    Lieber Michael,
    dieses wollüstige, in umarmenden Reimen geschriebene Gedicht geht von den Lippen über die Lunge mittenmang ins Herz!
    Dieser Tanz zu zweit hat wohl nicht beim Poetry-Slam 2019 stattgefunden, erklärt aber hinreichend Deine absentia.
    Dieses Eins-Sein in Liebe hast Du sehr sinnlich und überzeugend beschrieben!
    Liebe Grüße,
    Festival

  3. #3
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    Lieber Michael,

    wie schön, einmal wieder etwas von Dir zu lesen. Und wie fast immer sehr sinnlich; ein wunderbarer Gegenentwurf zu dem Catull-Zitat.

    vorletzte Zeile, wie wärs mit:
    vereint zu einem Stück-

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  4. #4
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    Hallo, mein Lieblings-Erotikdichter!

    Wie ich lese hast du nichts verlernt. Ein anschauliches Stück(chen) über eine wahrhaft akrobatische L/Zungenübung

    Schön wieder einmal von dir zu lesen. (Seit du verschwunden bist, fehlt mir irgendwie die Motivation in dieser Rubrik zu schreiben.)



    Lieben Gruß
    albaa

  5. #5
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    Etwas überladen weil der schwülstige Eindruck durch eine zu klobige Wortwahl dem Kuss seine Monumentalität gerade zu aufdrängt.
    Wenn ich Kuss denke, dann bestimmt nicht als Spiel des Fleisches.
    Aber vielleicht hat das was mit der Berufswahl zu tun und wir sehen hier die ersten lyrischen Gehversuche eines Metzgerburschens als LI!
    Oder ist die Subtilität etwas zu verschleiert geraten?
    Damit dann die Urgewalt der Liebe deutlich wird, kann auch sein. also ich versuche mich da textlich voll reinzuarbeiten. Weil ja selbst der hinterlistigste Bezug da hängenbleibt wo das Lungenfüllen und -leeren nur die reine Körperlichkeit von Kunst und ihrem Erschaffer simuliert, da wir es ja nur ansatzweise ausgeformt sehen.
    Was dich dabei wirklich bewegt hat. Wie jedes einzelne hier benutzte Wort Irrgärten der Gefühle durchlief und dann so aus den Tiefen der Seele auftauchte.

    Respektvolle Grüsse!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  6. #6
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    Ihr Lieben,

    mit so viel Lob im Bunker, kehre ich natürlich gerne zu Euch zurück.

    Wenn Du Kenner, Festival, meinem Gedicht „Wollüstigkeit“ bescheinigst, muss ja was dran sein.

    Selbst Dich, Terrorist hat es zu „respektvollen Grüßen“ bewegt, wow, da nehme ich sogar den „Metzgerburschen“ hin, denn, von sozialistischen Bruderküssen abgesehen, was soll ein Kuss anderes sein als ein „Spiel des Fleisches“ (und des Atems)?

    Nun muss ich nur noch auch in Zukunft Deinen hohen Erwartungen gerecht werden, albaa. „Akrobatisch“ ist meine „Zungenübung“ allerdings nicht. Ich beschreibe einen ganz normalen Liebeskuss, nur geht hier der Atem zwischen den Mündern (den Lungen) hin und her. Wenn lange genug keine Luft von außen dazukommt, ergibt sich ein Kohlendioxid-Sauerstoff-Gradient, der das Paar vor die Ohnmacht tragen mag, was ja in der Liebe erwünscht sein kann. Nur werden hier die unangenehmen Begleiterscheinungen des Würgens vermieden, das ja mancherorts zum Erreichen des Orgasmus obligatorisch scheint. (Vgl. die anspruchsvolle Konstruktion, die einer der Protagonisten in Martin Walsers „Halbzeit“ benutzt. Da allerdings muss dann auch noch zeitgenau ein D-Zug vorbeirauschen.)

    Das also ist alles einfach, Schwierigkeiten haben mir allerdings, als ich mein Gedicht jetzt wieder las, die Konjunktive in S2Z1 „„Wir füllten und wir leerten unsre Lungen“) gemacht. Ich brauchte einige Zeit, um den „würd(e)“-Hinweis in S2Z4 und S3Z1 zu kapieren.

    Nun ja

    Michael

  7. #7
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    Gerade les ich deine Zeilen, könnt doch jetzt wer zu mir eilen.
    Küssen würde ich nun gerne und mein Blick geht in die Ferne.
    Doch mein Wunsch bleibt unerfüllt, keiner kommt, der Sehnsucht stillt.

    Ja Michael, nun schick mir mal einen rechten Küsser her
    (sonst muß noch ein Unschuldiger dran glauben.

  8. #8
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    Liebe Neropezine,

    so gehen die Zeilen Dir unter die Haut?
    Dann ist mein Gedicht so schlecht nicht gebaut.
    Und mag nun ein andrer die Küsse bekommen,
    die Du Dir aus meinem Geschreibsel genommen,
    so mag seine Unschuld daran zergehn,
    wenn Du richtig knutschst, dann wird er ja sehn.

    Eine Anleitung, die seit 400 Jahren Bestand hat, findest Du in Paul Flemings, „Wie er wollte geküsset sein“.

    Denn man tau
    Michael

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