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  1. #1
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    Deflexio animi femina

    „Dem Besten“, so stand es geschrieben auf goldener Birne,
    die Eris ins Forum der Dichter bedachtsam und zielsicher warf.
    Claudette war die Schnellste und Jubel erklang in der Runde:
    Du hast sie, die Birne, gefangen; bekränz nun die Stirne
    des besten der Dichter und sag dem Beglückten, er muss und er darf
    sein Haupt mit Pyrit nun verzieren und kritisch die Werke der andern
    betrachten, im Schatten von Eschen durch Mythen mäandern-
    er mag mit dem Segen Claudettes in geschwollenen Worten parlieren,
    darf Mythen Germaniens mit orientalisch gefärbten verrühren -
    wir dulden's, belächeln den Irrtum der waltenden Aletheia.
    Und Eris, die Zwietracht ins Rund der Poeten mit Heimtücke säte,
    zerrüttet das Metrum, vernichtet die Reime und beichtet: Error est mulier nomine tuo.
    Wir warten auf Einsicht, ich fürchte, vergebens, und hoff doch auf späte
    Bekundung des Irrtums; mit Größe und Klugheit könnt‘ sie reüssieren,
    ansonsten begönne mein nächstes Gedichtchen:"Benedicta Domina!“
    Geändert von Festival (22.01.2020 um 01:50 Uhr)

  2. #2
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    Also, da gibt es
    - eine Abweichung, Abkehr des Geistes (deflexio/deflectio) und das Substantiv Frau
    - eine Mythenvariation mit der Göttin der Zwietracht und einer Apfelbirne, mit der vielleicht auch die Birnensorte Claude Blanchet ins Mythenspiel kommt. Zusätzlich noch eine streitfähige Moderatörin
    - das Pyrit meint Katzen- und Narrengold
    - die Deflexio ist begleitet von poetologischer Wirrsal
    und allerlei Eierkopfgeschwafellaber
    - und in der Abkehr von der Erisepisode meldet sich dann das lyrische Ich mit einem guten Rat zur Reharmonisierung, samt Warnung für den Fall weiterer Halsstarrigkeit, es werde dann eine Apostrophe geben, in der die Dominaherrin mit einem maskulinen Benedictus verknüpft werde.
    - Auftakte, Daktylen und Trochäen und Reime (mäandern andern)
    - dazu Aletheias Wahrheit und leise Kritik am preisgekrönten Mythenmischer.

    Herz, was willst du noch mehr?
    Geändert von Willibald W (20.01.2020 um 06:57 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  3. #3
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    Lieber Willibald W,
    mein lieber Schwan, ich hab gar nicht gewusst, wie schlau ich bin. Fast alles, was Du sagst ist richtig und entspricht meiner Intention. "Fast", weil Du dem gleichen Irrtum erlegen bist, wie ich ein paar Jahre lang. Daktylen mit Auftakt wäre so: xXxx Xxx ...; es sind (oder sollen es zumindest sein) Amphibrachys: xXx xXx xXx ...
    Wie kommst Du auf Moderatörin?
    Liebe Grüße,
    Festival
    Geändert von Festival (21.01.2020 um 00:40 Uhr)

  4. #4
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    Jou, das ist der Amphibrachys, das habe ich nicht gesehen. Was bedeutet für dich wohl "Benedictus Domina"? Eine päpstliche Herrin?
    Beste Grüße
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  5. #5
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    Lieber Heinz ,
    du hast auf humor - und kunstvolle Weise eine ernste Sache dargestellt (Bezug auf den Text), dass nämlich ein schnelles Urteil nicht immer ein gerechtfertigtes sein muss (Bezug auf den Text) und zu hanebüchenen Folgen führen kann ( Bezug auf den Text).
    Schnelle Urteile sollten man in Zukunft vermeiden, sollte! Noch hoffen wir, auch in anderer Hinsicht (Bezug auf den Text).

    Liebe Grüße, Cara
    Geändert von Cara 1963 (21.01.2020 um 10:29 Uhr)

  6. #6
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    Hey Festival, das liest sich wie aus dem Mund eines Hofnarren. Na jedenfalls haben die Zeilen Drive mit den Amphibrachüssern/-ien/-ussen oder wie auch immer. Ich stolperte da und dort in der Betonung der lateinischen Wörter, aber das liegt an meiner Unkenntnis dieser Sprache und wohl nicht an der Wortwahl an sich. Auch mit den Griechen bin ich nicht so bewandert, also guckte ich die ein oder andere erwähnte Persönlichkeit nach, um den vollen Lesegenuss zu haben. Hach, wie war ich stolz, als ich so mit 10 mein erstes Stück Katzengold fand! Ich finds bis heute was Schönes, solange es nicht vorgibt, mehr zu sein als es ist, und genau da liegt das von dir angesprochene Problem. Ich nicke und schmunzle. LG gugol

  7. #7
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    Lieber Willibald W.,
    mein Küchenlatein musst Du nicht so ernst nehmen. Ich beherrsche diese Sprache nicht, weiß nur, dass "benedictus" etwa soviel wie "gelobt sei ...", Lobgesang bedeutet. Infolgedessen: Benedictus Domina etwa "Gelobt sei die Herrin".

    Liebe Cara 1963,
    mir Humor zu konzedieren betrachte ich als schmückendes Schleifchen in dem arg zerzausten Lorbeerkranz. Dass Du mit jeder Deiner Bemerkungen stringent Bezug auf den zugrunde liegenden Text nimmst, ist selbstverständlich und etws anderes erwarte ich auch nicht von Dir.
    Dass Du meine Verse sogar kunstvoll empfindest, lässt meine eingefallene Brust schwellen. Danke für Deinen Kommentar!

    Liebe Gugol,
    Hofnarren hatten ein großes Privileg. Sie konnten ihrem "Chef" unverblümt die Meinung geigen und sind sicher als Vorläufer der Verteidiger der freien Meinungsäußerung zu verstehen. Wenn Du über die Betonung der lateinischen Wörter stolperst, dann haben wir eine Gemeinsamkeit. Ich sage es noch einmal: Mein "Küchenlatein" besteht aus zusammen gestoppelten Benennungen, Sprüchen und Weisheiten und täuschen eine Kenntnis der antiken Sprache nur vor (und sind somit hoffentlich eine Persiflage (eine geistreiche, nachahmende und oft auch kritische Verspottung eines Genres, eines künstlerischen Werks oder einer bestimmten Geisteshaltung allgemein).
    Mit den Griechen, das ist eine andere Sache. Der von mir gewählte Mini-Ausschnitt zielt auf ein bestimmtes Ereignis ab: Die Göttin der Zwietracht (Eris) wirft einen goldenen Apfel (Erisapfel/Zankapfel) - weil sie als einzige nicht zu der Hochzeit des Peleus und der Thetis geladen war - unter die Hochzeitsgesellschaft. Der Apfel hatte eine Aufschrift "der Schönsten". Irgendwie gelangte er in die Hände des Paris (dessen Eltern, dem Königspaar von Troja, per Orakel prophezeit war. dass der Bruder des Hektor (der im Trojanischen Krieg für den Schuss auf die Achillesferse verantwortlich war), also Paris für den Untergang Trojas sorgen würde. Ich kürze ab: Paris hatte den Appel und hatte die Qual der Wahl: Welcher Göttin gebe ich den Apfel? Hera, der Göttermutter, oder vielleicht Athene, der Tochter des Zeus und Göttin der Weisheit, oder doch lieber Aphrodite, der Göttin der Liebe? Er entschied sich (auch wegen des Versprechens, dass ihm die schönste Frau - Helena - gehören würde. Damit war der folgende Streit, die Zwietracht und der Untergang Trojas vorprogrammiert.
    Ich habe aus dem Erisapfel eine Birne gemacht (auf Birne reimt sich Stirne, auf Apfel fiel mir kein Reim ein) und nicht Paris schnappte sich die Frucht, sondern Claudette (fand ich "nett", aber konnte mich nicht entschließen, Claudette und nett in einem Vers unter zu bringen).
    Pyrit (Katzen- oder Narrengold) haben wir unter Tage (ich war mal paar Jahre Bergmann) haufenweise gefunden. Jemanden mit Pyrit zu schmücken ist etwas so, als hänge man ihm (wertloses) Talmi über die Blöße.
    Für mich ist ein Schluss-Satz wie "Ich nicke und schmunzle" mehr als ein Viertellorbeerblatt. Merci (nee, Französisch kann ich auch nicht),
    Festival
    Geändert von Festival (21.01.2020 um 00:42 Uhr)

  8. #8
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    Salute, Festival,

    das mit dem Latein verstehe ich, dass man es niedirig hängen will und kann.
    Immerhin aber: "Benedicere" (ein Verb) heißt "preisen, rühmen, segnen".

    "Benedicatur" heißt: Sie (er, es) sei gepriesen, gerühmt, gesegnet..!
    "Benedicta Domina" heißt gepriesene/gerühmte/gesegnete Herrin, also kein masculines "benedictus.
    ("Benedictus Domina" heißt "der gepriesene Herrin")

    Vielleicht verwendbar?
    +



    greetse
    ww

    Die "Deflexio/Deflectio animi" kann man ja durchaus so rätselhaft stehen lassen.
    Geändert von Willibald W (20.01.2020 um 19:19 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  9. #9
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    Lieber Willibald W
    das mit der Benedicta konnte ich noch ändern, an die Überschrift komm ich nicht mehr ran. Ich denke, derSchemel wackelt ein bisschen, aber er steht. Danke für deine Hinweise!
    Liebe Grüße,
    Festival

  10. #10
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    Jou, das "Benedicta" bringt am meisten und so ist das ganze Gedicht noch lustiger jetzt.
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  11. #11
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    Lieber Willibald W,
    ist denn wenigstens der Satz richtig:
    "Benedictum, benedactum,
    in Afrika laufen die Weiber nackt rum.
    Bei uns in Europa tragen sie Kleider,
    leider, leider!"
    Liebe Grüße,
    Festival

  12. #12
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    Grüß Dich, Festival!

    Das "Leider, leider" mag richtig sein und auch sonst ist da wenig falsch.

    Richtig scheint mir auch, den Ärger in einem komischen Gedicht loszulassen,
    das ist effektiver als ein Rausgehen aus dem Forum.
    Dazu kommt noch, dass Claudis - als Forumneuling habe ich mich ein bisschen kundiger gemacht - Beiträge mir oft wirklich gut erscheinen.
    So ist es denn durchaus empfehlenswert, auf Komik zu setzen. Und es ist nicht feige, das zu tun.

    P.S.
    Inschrift auf einem etwas unkonventionellem Haus, das schon wegen seines tiefblauen Außenverputzes bei Vorübergehenden Stirnrunzeln erzeugt:

    "Ego mihi - Tu me" (Ich für mich - Du mich.)
    alis nil gravius, o nycticorax

  13. #13
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    Hallo Festival,


    im Schatten einer Esche sitzend...las ich dein Gedicht. Ehre, wem Ehre gebührt - so zolle ich Dir meinen Respekt...für diese reife Leistung. Nicht ganz ausgereift...doch fällt das wohl keinem..sprich nur den Sprachbegabten auf:

    Du hast sie, die Birne, gefangen, bekränz nun die Stirne
    des besten der Dichter und sag
    dem Beglückten, er muss und er darf
    Option 1:

    ...bekränz nun die Stirne,
    dem besten der Dichter - und sag....

    Option 2

    ...bekränz nun die Stirne
    dem Besten, der Dichter - und sag...

    Option 3:

    ...bekränz nun die Stirne
    des Besten, der Dichter - und sag....

    aber ansonsten hast Du...auf die Schnelle überblickt...alles richtig gemacht. Naja, fast alles....



    Wir warten auf Einsicht, ich fürchte, vergebens und hoff doch auf späte,
    Bekundung des Irrtums,
    und hoffen doch

    kein Komma nach späte, dafür ein Komma nach Bekundung


    keine 1 mit ***, aber eine 1- ist ja auch nicht schlecht


    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  14. #14
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    Hallo AD,
    ich lese eine sachliche Kritik, schau auf den Verfasser und krieg vor Staunen den heruntergeklappten Unterkiefer kaum hoch.
    Dass dieses Werklein nicht ganz ausgereift ist (insbes. die Betonungen in den Küchenlateineinschüben), ist mit klar. Ein Schnellschuss aus zur Zeit hochgeschaukelten Emotionen und der Überarbeitung auch nicht würdig. Die beiden Verse
    "Wir warten auf Einsicht, ich fürchte, vergebens und hoff doch auf späte
    Bekundung des Irrtums; mit Größe und Klugheit könnt‘ sie reüssieren,"
    habe ich dank Deines scharfen Auges korrigiert.
    An den Versen
    Du hast sie, die Birne, gefangen; bekränz nun die Stirne
    des besten der Dichter und sag dem Beglückten, er muss und er darf
    sein Haupt mit Pyrit nun verzieren und kritisch die Werke der andern
    betrachten, ...
    habe ich, um Missverständnisse auszuschließen, nach "gefangen" ein Semikolon gesetzt, finde aber an dem Satz
    "bekränz nun die Stirne des besten der Dichter und sag dem Beglückten, er muss..."
    nichts auszusetzen.
    Danke für die sachliche Kritik und die Note.
    Gruß,
    Festival

  15. #15
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    Lieber Festival,

    der Weise holt die Kuh vom Eise.
    In des Gefechtes Pulverdampf den Schützen ging
    der Überblick beinah verloren.
    Dies schreibt dir einer von den Toren,
    der Reaktionen jeder Seite wohl verstand
    und sich jetzt freut, dass dies Scharmützel
    noch ein akzeptables Ende fand.
    Deo gratias!

    "Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!"

    Lieben Gruß
    Carolus

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