Thema: Das Paar

  1. #1
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    Das Paar

    An einem kalten Herbsttag in Berlin
    Nurnberger Straße Ecke Tauentzien
    umfingen sie sich mitten im Verkehr
    wie wenn die Welt um sie versunken wär

    Und fassten froh vereinsamt kaum ihr Glück
    sich neu zu spiegeln in des Andern Blick
    mit Zungenküssen maßlos unbewusst
    ganz hingegeben ihrer Liebeslust

    Doch du geh deines Wegs und zieh
    den Gürtel strammer um den knappen Paletot
    Du weißt, du bleibst allein, denn sieh
    wie still du bist wie ernst wie ungeschlacht - wie roh
    Geändert von Onegin (25.02.2020 um 00:19 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #2
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    Lb. Onegin,

    eine Begegnung,die eine euphorische Liebe bewirkt ist in Deinem Gedicht nicht von Dauer. Es folgt ein Bedauern mit der Einsicht eigener Schwäche, welche dies verschuldet. Da bleibt kaum Hoffnung. Vielleicht war auch nicht mehr erwünscht.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  3. #3
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    Hallo Hans,

    Hallo Hans, es geht um eine Liebesszene auf offener Straße, die ein Dritter, der "Du" des Gedichts, mit ansieht, Du geht dann weiter und spricht sich selbst das Urteil: "Du bleibst allein". Es ist im Grunde das alte Lyrikerthema des/der sensiblen Einsamen, aber hier ins Grimmige mutiert. Viellleicht gibt es ja den sensiblen Einsamen tatächlich nicht, sondern viel häufiger schwierige Menschen, anspruchsvoll, ichbezogen, kapriziös und daher schwer vermittelbar.

    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    Lieber Onegin,

    auf die Interpretation von Hans wäre ich nicht gekommen, obwohl man es auch so deuten könnte: das LD entspricht einem der Liebenden (vielleicht lange) nach dem Ende der Liebe und erinnert den vergangenen Moment.
    Diesmal hat Dein Gedicht mir Rätsel aufgegeben. Zunächst der Augenblick der Verzauberung (wie in Sachsenhausen), doch er bleibt intim und wird gebrochen. Wer ist das LD? Der Leser, der Verfasser? Jemand, der beobachtet und versteht, der vielleicht gerne einer der Akteure wäre, aber nicht einbezogen ist und es nach eigenem Urteil gar nicht sein kann, weil: zu still, ernst, ungeschlacht und roh.
    Diese Aufzählung von Eigenschaften ist erstaunlich, weil still und ernst (= kultiviert, kopfgesteuert) so wenig zu ungeschlacht und roh (= impulsiv und ungeschliffen) passt.
    Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der diese 4 Eigenschaften in solch einer Situation verkörpert?
    Bin gespannt auf Deine Ausführung...

    LG Okotadia

    P:S: wieder mal modisch dazugelernt: Paletot (irrer Reim!)
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  5. #5
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    Hallo Okotadia,

    Diese Aufzählung von Eigenschaften ist erstaunlich, weil still und ernst (= kultiviert, kopfgesteuert) so wenig zu ungeschlacht und roh (= impulsiv und ungeschliffen) passt.
    Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der diese 4 Eigenschaften in solch einer Situation verkörpert?
    Bin gespannt auf Deine Ausführung...
    Die Aufzählung dieser vier Eigenschaften soll auch Erstaunen wecken und zum Nachdenken anregen, durch sie wird die Schlusspointe gesetzt. Durch "ungeschlacht" und "roh" sollen "still" und "ernst" nachträglich in ein neues fahles Licht gestellt werden. Dass "still und ernst" kultiviert und kopfgesteuert bedeuten soll, ist vielleicht nur ein freundliches cisalpines Vorurteil. Kann man nicht auch aus Scham still und ernst sein, weil man den gesellschaftlichen Anforderungen nicht entspricht, oder, schlimmer noch, weil man etwas zu verbergen hat, was keinesfalls mitgeteilt werden darf, beispielsweise einen Hang zur Gewalttätigkeit? Andererseits muss "roh" nicht unbedingt seelische Verrohung bedeuten, sondern einfach nur, wie da sagst, Ungeschliffenheit, mangelnde Kenntnis der Umgangsformen.

    Wer ist nun das Du? Das Du ist gottseidank nicht der Verfasser , aber das LI, das mit sich selber spricht.
    Es sieht zunächst gebannt und sehnsüchtig dieser Liebesszene zu, ruft sich dann aber selbst zur Ordnung (geh deines Wegs). Das Festerziehen des Gürtels, der Paletot, stehen für eine Art Uniform (sind wir nicht im preußischen Berlin), in der das Du Schutz sucht vor Gefühlen der Einsamkeit und Melancholie. Und in dem es die Sache für unrettbar verloren erklärt (du bleibst allein), erteilt es sich selbst die Erlaubnis, von dem Versuch Abstand zu nehmen, an seiner Einsamkeit etwas zu ändern.

    Also wir haben hier, wie gesagt, das alte Motiv des/der sensiblen Einsamen, allerdings ins Grimmige verschoben, alles andere wäre ja auch zu langweilig....


    Liebe Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (05.02.2020 um 08:27 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  6. #6
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    @Onegin


    Grüße,

    Mal nachschauen: Nürnberger Straße

    Der Jambus ist ok.
    der Text könnte mehr Metaphern vertragen.


    Die menschlichen Regungen, Liebespärchen sowie Unbeteiligter ebenso normal.
    Die zeitliche Situation dort, ist ebenso, dass da momentan verliebte gehen und in sich eingekehrte Menschen sich begegnen. Diese dort vorhandenen Beispiele durchwandert ein „normaler „Mensch in seinen Leben mehrmals. Ich sehe mich in beiden Charakteren wieder, aber an verschiedenen Orten und Zeiten. Kein Problem.

  7. #7
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    @horstgrosse


    Ecke Nürnberger Straße/Tauentzien im Berliner Stadtplan auffindbar: ok

    Jambus: ok

    Metapherndichte: nicht ok


    Plot nicht exzentrisch: ok


    Resultat: Gedicht kommt auf drei von vier möglichen Punkten - ok


    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  8. #8
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    Grinsel.
    ............
    Immer wieder intressant, wenn man in lyrischen Texten ein lyrisches Du findet, mit dessen Hilfe ein lyrisches Ich sich selbst anspricht.

    Greetse
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

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