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    Ein Klezmer-Abend

    gewidmet: Carolus, der alles verstehen wird

    Ich habe sie erlebt, diese überbordende Gastfreundschaft in Hayastan, diesem kleinen Land mit dem großen kulturellen Erbe, und wollte mich meinen Gästen aus Yerevan, der Hauptstadt mit dem unvergleichlichem Blick auf den majestätischen Doppelgipfel des Ararat, in annähernd großer Liebenswürdigkeit präsentieren. Was konnte ich ihr bieten, der eleganten Dame mit den mandelförmigen Augen, was ihm, dem weitgereisten, belesenem Ehemann, und ihr, der Tochter, deren Vorzüge zu schildern den Rahmen dieser kleinen Geschichte sprengen würde.
    Nach einer kleinen Besichtigungstour über den Kudamm, weiter zum Brandenburger Tor und zum Reichstag erreichten wir die Hackeschen Höfe. Das Schicksal vieler der früheren Bewohner, von den Nazis ermordete Juden, berührte meine armenischen Freunde zutiefst, die hippe Atmosphäre nahm uns gefangen, die Farbenpracht der Fassaden bezauberte und ein Plakat, das verkündete, dass an diesem Abend in einem kleinen Theaterchen Klezmer-Musik zu hören sei, führte zu dem Entschluss: Lass uns mal erleben, was das jüdische Quartett zu bieten hat.
    Besser als der Sänger hätte ich meine Liebeserklärung an Gajané nicht formulieren können!
    Begleitet von einem Virtuosen auf der Geige, angekündigt als Fiddler mit seiner Varplye, erklang ein samtweicher Tenor und seltsam vertraut sang er, natürlich, den jiddischen Text.
    Mit leiser Stimme, bemüht, die neben uns Sitzenden nicht zu stören, bat mich die bezauberndste aller Armenierinnen in völliger Überschätzung meiner Fremdsprachenkenntnisse, den Text ihrer Mayrik (Mama) auf deutsch zuzuflüstern.
    Ich nutzte die lauteren Passagen des Fiddlers, dessen Geigentöne in ihrer Vielseitigkeit und den süßströmenden Tönen fast wie eine menschliche Stimme klangen, Mama wenigstens in Bruchstücken zuzuraunen, was ich viel lieber den Ohren Gajanés anvertraut hätte.
    Wenn ich hin und wieder einen Vers verstanden hatte („Di Lippn saftik în raine, gezoign host main Flaisch în Blît“ oder „dî bist der Schainster oif der ganzer Welt“), „glänzte“ ich mit meinem Verständnis des Jiddischen, habe aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, akustisch kaum etwas begriffen, aber meine Seele badete, alles verstehend, in den Klängen der Klezmer-Musik.
    Gajané, ihre Mayrik (Mama), der Herr Papa und ich ließen uns nach dem Konzert mit den Künstlern einen koscheren roten Montefiore schmecken. Was „koscherer“ Wein ist, war mir genau so bekannt wie die jiddische Sprache. Mit anderen Worten: Ich hatte keine Ahnung. Unsere Fragen wurden geduldig beantwortet und wen es interessiert - hier ein paar Erläuterungen:
    Zwischen den Weinstöcken dürfen weder Obst noch Gemüse wachsen. Erst nach vier Jahren werden die geernteten Weintrauben zur Weinherstellung genutzt. Es wird streng darauf geachtet, dass die Düngung zwei Monate vor der Weinlese eingestellt wird. Im „Schmittajahr“, jedem siebten Jahr, darf nicht geerntet werden, das Land muss brach liegen, darf nicht bearbeitet werden. Lausbübisch grinsend verriet uns der Fiddler, dass die jüdischen Weinbauern ihr Land für die Dauer des Schmittajahrs an Araber verkaufen und - arabisches Land dürfen sie natürlich bearbeiten. Darauf noch einen Montefiore -
    tsheers!
    Meine allergrößte Freude war, dass der Fiddler seine Geige noch mal auspackte und der Sänger nach dem dritten Glas Wein das hübsche Liebeslied noch einmal hören ließ:

    Gedenstî jene Nacht di schaine
    Gebliht, geflamt hostî main Klaine
    Di Lippn saftik în raine
    Gezoign host main Flaisch în Blît
    Di Oign, di zwai farmachte
    Di Lippn, di zwai farschmachte
    Getuljet hostî zî sich gît
    Geglätt mit Faier
    Hostî mich Taiere
    Schepschedik schtil:
    "Ach nehm mich, Lieber
    Wail jetzt bin ich schoin inganzn dain
    Seh, ich brenn in Fieber
    Trink schoin bis zîm Sof dem Wain
    Trink schtarkn sissn wi ‘s is gît
    Seh, wi’s zekocht in mir dus Blît
    Trink noch a bissl, a Minît
    Kumm Libe main
    Ach kîmm main Schainer
    Wail daine Oign wi Koiln schwarz
    ‘S hot ech nischt kainer
    Nischt gefangn main Harz
    Dî bist der Schainster
    Oif der ganzer Welt
    Trink schwarzn festen
    Oh Libe main!"
    Wi schnel di Zait is schoin antloffn
    A Zwaite hot sich mir getroffn
    A Zwaite hot sich mir getroffn
    În si is oich fîn mir awek
    Haint drai ich sich arîm in Schenkn
    Faruremt în farbengn
    Fîn schiker mide fall ich anider
    In sing dus Lid
    Die Übersetzung ins Deutsche bekam ich geschenkt und einen dankbaren Blick von Gajané, der ich das Blatt weiter reichte.
    Nachdem sie den Text überflogen hatte, nahm sie mich bei den Ohren:
    „Du Schlitzohr, man könnte meinen, Du hast jüdische Verwandte! Kein Wort hast du verstanden, aber nett übersetzt hast du es trotzdem.“
    Das sagte sie in perfektem Deutsch, was den Vorteil hatte, dass Mama und Papa keinen Schimmer hatten, weswegen mir die Ohren lang gezogen wurden. Ich hatte mir vorgenommen, die wörtliche Übersetzung mal in Verse zu setzen, bin aber davon überzeugt, dass selbst ein gelungenes Gedicht die Stimmung dieses Klezmer-Abends nicht annähernd wiedergibt.
    Denkst du noch an jene schöne Nacht
    Geblüht hast du, geflammt, meine Kleine
    Lippen, saftige, reine. Ich fühlte mich zu dir hingezogen (mit Fleisch und Blut)
    Die zwei geschlossenen Augen
    Die sehnsuchtsvollen Lippen
    Geflirtet hast du wunderbar
    Mit Feuer gestreichelt
    Hast du mich, Teuere
    Mit leisem Knistern
    "Ach nimm mich, Liebster,
    Weil ich jetzt ganz und gar dein bin
    Sieh, ich brenne in Fieber
    Trink nur den Wein aus
    Ich trinke starken, süßen, das ist gut
    Sieh, es kocht in mir das Blut Noch ein bißchen, noch eine Minute
    Komm, Liebster, mein
    Ach komm, meine Schöner
    Weil deine Augen schwarz sind
    wie Kohlen, noch hat keiner
    Mein Herz gefangen
    Du bist der Schönste
    Auf der ganzen Welt
    Trink schwarzen starken Wein
    Oh meine Liebe!"
    Wie schnell die Zeit schon verflossen ist
    Ich traf eine Andere
    Ich traf eine Andere
    Doch auch sie ging fort
    Heute häng ich in Kneipen ‘rum
    Verarmt und voller Sehnsucht
    Besoffen müde lass ich mich fallen
    und sing das Lied.
    Geändert von Festival (07.02.2020 um 14:18 Uhr)

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