Thema: Narrativ

  1. #1
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    Narrativ

    Am Anfang war die Wirklichkeit
    das Wort kam erst viel später
    und versuchte kurzerhand
    sie in sich selbst zu fassen

    Da schmunzelte die Wirklichkeit
    sprach: schnapp dir doch die Wahrheit
    umgarne oder quäle sie
    ich bleibe was passiert
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  2. #2
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    Hallo Okotadia,

    Du überraschst duch ein philosophisches Gedicht. Wirklichkeit und Wahrheit fallen auseiander, denn die Wahrheit wird durch das Wort verzerrt. (umgarnt oder gequält) . Schön ist die Verkürzung auf drei Hebungen in der letzten Zeile. Damit die Pointe besser sitzt. Der Vers selbst ist allerdings etwas schwierig. Ich bleibe, was passiert. heißt wohl: was wirklich ist, ist wirklich, unabhängig vom Wort

    Ich bin übrigens philosophisch vollkommen anderer Ansicht als Du und kann mich dabei auf Gadamer und auf Heidegger berufen und auf Stefan George:
    DAS WORT

    [133] Wunder von ferne oder traum

    Bracht ich an meines landes saum

    Und harrte bis die graue norn

    Den namen fand in ihrem born –

    Drauf konnt ichs greifen dicht und stark

    Nun blüht und glänzt es durch die mark ...

    Einst langt ich an nach guter fahrt

    Mit einem kleinod reich und zart

    Sie suchte lang und gab mir kund:

    ›So schläft hier nichts auf tiefem grund‹

    Worauf es meiner hand entrann

    Und nie mein land den schatz gewann ...

    So lernt ich traurig den verzicht:

    Kein ding sei wo das wort gebricht.

    Wer wie ich annimmt, dass uns Wirklichkeit nur als versprachlichte überhaupt gegeben ist, dass Sprache Wirklichkeit neu erschließt, ist als Lyriker fein raus. Ich habe vom Zaubereiministerium eine Zauberlizenz erhalten, bin ich mit der Sprache kreativ, ändere ich auch die Welt. Du müsstest hingegen als Lyrikerin eigentlich die Empfindung haben, mit der Sprache an der Unerbittlichkeit der Wirklichkeit zu scheitern.


    So dacht ich Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (08.02.2020 um 01:01 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Lieber Onegin,

    da möchte ich Dir nur teilweise widersprechen. Natürlich hast Du Recht: Narrative können die Lebenswelt der Menschen verändern(oder neue schaffen) und im Gefolge auch die ihrer belebten Umwelt.
    Etwas anders sieht es aber aus, wenn man die Naturgesetze betrachtet. Physik, Chemie und Biologie scheren sich nicht um Worte, die tun einfach was sie für richtig halten.
    Das Gedicht habe ich gestern nach einer Reportage über die Feuer in Australien geschrieben, wo konservative Kreise - bzw Reichtum konservierende Kreise - das Hohe Lied der Kohle singen und den Angriff von Klimaterroristen auf den segensreichen Kapitalismus als Teufel an die Wand malen.
    Es ist eher politisch als philosophisch zu verstehen, deshalb habe ich es in diese Rubrik gepostet.
    Ich denke, es ließe sich auch auf andere politische Themen anwenden.

    Dir lieben Dank für Deine Gedanken, die stets interessant und bedenkenswert sind!
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

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