1. #1
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    Meine Mutter am Fenster

    Meine Mutter sitzt am Fenster und weint
    denn mein Bruder geht stumm übers Feld
    Hinter dem Haus habe ich dunkle Tage getroffen
    Sie lachen breit und warten auf mich
    Mein Bus fährt pünktlich

    Doch hält er je, wo er soll?
    Am Abend äst ein weißes Reh auf der Lichtung
    Meine Mutter sitzt weinend am Fenster
    Im Bachlauf schürfe ich
    eifrig nach helleren Stunden

    und meine Wege sind unbegangen
    denn Anna will mit mir wegziehen
    Die Eichen rauschen schwarz im Garten
    Am Fenster sitzt ruhig die Mutter
    Mein Bruder kehrt von der Feldarbeit heim

    Er sagt, er lernt fliegen
    Wir lesen Gedichte
    Unser Haus ist dankbar dafür
    Am Abend holt uns der Bus ab
    Das Reh sitzt mit Anna am Steuer

    Meine Mutter weint
    und schließt alle Fenster.
    Geändert von Onegin (25.02.2020 um 00:20 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #2
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    Lieber Onegin,

    auch wenn meine Besuche im Forum immer mehr zu einem Dialog mit Dir werden, will ich Dir doch sagen, wie sehr mich Deine Kunst beeindruckt, durch die Kombination von gewöhnlichen, banalen mit ungewöhnlichen, traumhaften Bildern komplexe emotionale Begebenheiten zu beschreiben.

    Dies hier hat mich sofort sehr berührt. Ich lese es als die Beschreibung der Zerissenheit eines LI zwischen dem Schmerz der Mutter und dem eigenen Lebenswillen. Das weiße Reh könnte ein Symol für den "Segen" des toten Bruders dafür sein, dass das LI seine unbegangenen Wege und helleren Stunden mit Anna geht, während die Mutter untröstlich zurückbleibt.

    Es erinnerte mich an das Gedicht Meine Nachtigall von Rose Ausländer (wo es auch um Verlust, wenn auch unter anderen Umständen, geht):

    Meine Mutter war einmal ein Reh
    die goldbraunen Augen
    die Anmut
    blieben ihr aus der Rehzeit
    ...
    Als ich sie fragte was sie gern geworden wäre
    sagte sie: eine Nachtigall

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  3. #3
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    Hallo Okotadia,

    schön, dass Du vorbeigekommen bist. Das Stück ist schon sehr herb ausgefallen und ich freue mich, dass in dir wenigstens eine Freundin gefunden hat. Ja die Mutter weint um das LI, das wegziehen will, sie weint um den verstummten Bruder. Ihr Weinen steht aber letztlich auch für den Schmerz, der die Schöpfung durchzieht. Puh - ich wage das kaum hinzuschreiben - wieder so ein Kopfhänger- Sujet....

    Und danke für den Hinweis auf Rose Ausländer. Ich kannte es nicht. Das ist ja absolut schön!


    Viele Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (09.02.2020 um 19:39 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #4
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    hallo onegin

    dein gedicht hat auch mich sehr berührt,
    es beschreibt die lage einer mutter,wenn ihre kinder wegziehen,eines vieleicht für immer geht
    oder andere traurige dinge. dann sitzt sie am fenster und weint. die überschrift zu deinem gedicht
    ist sehr treffend gewählt. es bleibt einem länger im gedächtnis. die letzten zeilen sagen viel aus. sie weint,
    dann schliesst sie alle fenster.
    es ist ein wunderbares gedicht

    ich wünsche dir noch einen schönen rest vom sonntag

    liebe grüsse margot

  5. #5
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    Hallo Margot,

    das hat Du so schön sagt, wie nur du es sagen kannst. Und am Schluss ist die ganze Vorstellung vorbei und die Mutter kann nur noch weinen und die Fenster schließen...


    Liebe Grüße Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  6. #6
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    Hallo Onegin,




    ein bemerkenswertes Gedicht, finde ich. Beim ersten Lesen sprach mich die Dichte der intensiven Bilder an und ich landete erst einmal in einem düsterem Familiengeschehen.
    Die gemeinsame Welt ist durch etwas, was zunächst den Bruder betrifft, er geht stumm über das Feld, aus den Fugen geraten.

    Nun gibt es dunkle Tage und die Eichen rauschen dunkel (ist das doppelte dunkel Absicht?) im Garten. Puh, mit soviel Schwere im Hintergrund ergibt sich das düstere Bild, der Bruder wäre gestorben oder hätte sich aus der gemeinsam geteilten Welt vielleicht durch Drogen verabschiedet.

    Auf den zweiten Blick ist es aber "einfach" die deutlich spürbare Erschütterung des Lis, das den Umbruch einer gewohnten Welt meistern muss, aufgenommen mit gefühlsintensiven Bildern, die im Stil einer kindlichen Erzählweise zusammengehalten werden.
    Dadurch entsteht eine Art Vexirbild. Einerseits ein trockener und kindlicher Niederschrieb und auf der anderen Seite diese stimmungsreichen Bilder, die das Geschehen aus der sensiblen Erlebenswelt eines LIs zeigen, für den die bisher zusammengefügte Welt mit dem Auszug des Bruders und auch mit dem eigenen Sprung, auf bedrohliche Weise ins Ungewisse zu fallen scheint.
    Ob es die Traurigkeit der Mutter ist, die mit dem Fenstern ein Lebenskapitel schließt oder das Reh, das ich in dem Kontext als Bild für die menschliche Verletzlichkeit, aber auch als Ort der Harmonie deuten würde (es sitzt mit am Steuer), all diese Gefühle und Gedanken, die in Zeiten eines Umbruches für dem Menschen eine Rolle spielen können, finden hier einen Platz und können wechselnd aufgespürt werden.

    Form und Inhalt bilden zudem, in meinen Augen, einen gelungenen Rahmen für die bestehende Ambivalenz.





    Lg,
    Miserabella
    Geändert von Miserabella (11.02.2020 um 12:04 Uhr)

  7. #7
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    Hallo Miserabella,

    vielen Dank für deinen freundlichen Kommentar!
    Ja, das Gedicht hat etwas Herbes und Düsteres. Ich bin überrascht, wie viel Aufmerksamkeit es doch bekommen hat. Die Mutter weint um den Bruder, der über seiner Arbeit stumm geworden ist und weint um das LI, das wegziehen will. Sie bliebe ja allein zurück. Ihre Welt zerfällt. Aber in letzter Instanz weint die Mutter aus purem Weltschmerz, in der Mutterfigur kommt der Weltschmerz zum Ausdruck. Sie weint darüber, dass kein Leben möglich ist ohne Schmerz, Trennung, Negativität, sie weint darüber, dass jedes Leben diese Leidenslinie aufweist. Wir müssen diese dunkle Seite in unser Dasein integrieren, wenn es uns gelingen soll, einigermaßen glücklich zu sein.

    Ebenso wenig wie unser Leben ohne Rest aufgeht, verliert sich dieses Gedicht an die reine Schönheit von Bildern und Klängen. Dieses ruppige Nebeneinanderstellen von Einzelbeobachtungen ergibt keinen Sinn und geht ins Absurde über. Ist es nicht ganz ähnlich so mit unserem Leben, können wir da alles Erlebte und Erlittene zu einer stimmigen Erzählung verknüpfen?

    Dass das weiße Reh für Schönheit, Verletzlichkeit steht, finde ist eine sehr schöne Deutung. Ich würde villeich noch hinzufügen; ew steht auch für das Wunderbare. Ich weiß übrigens selbst nicht ganz genau, wofür es ein Symbol ist. Ich schreibe manchmal assoziativ, musikalisch, und ohne feste Sinnvorgabe.
    Das zweimalige Dunkel habe ich geändert. Vielen Dank für den Hinweis

    Inspiriert wurde das Gedicht von Eichendorffs Auf einer Burg


    Eingeschlafen auf der Lauer
    Oben ist der alte Ritter;
    Drüber gehen Regenschauer,
    Und der Wald rauscht durch das Gitter.

    Eingewachsen Bart und Haare,
    Und versteinert Brust und Krause,
    Sitzt er viele hundert Jahre
    Oben in der stillen Klause.

    Draußen ist es still und friedlich,
    Alle sind ins Tal gezogen,
    Waldesvögel einsam singen
    In den leeren Fensterbogen.

    Eine Hochzeit fährt da unten
    Auf dem Rhein im Sonnenscheine,
    Musikanten spielen munter,
    Und die schöne Braut die weinet.
    Love´s not Time´s fool W. S.

  8. #8
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    Hallo Onegin,

    Ich mag das auch sehr. Und habe mich nicht nur über das Gedicht gefreut, sondern auch über die Kommentare und Antworten.

    Wie Okotadia beeindruckt mich auch deine Kunst:

    Zitat Zitat von Okotadia
    ... durch die Kombination von gewöhnlichen, banalen mit ungewöhnlichen, traumhaften Bildern komplexe emotionale Begebenheiten zu beschreiben.
    Und ich denke schon die ganze Zeit nach, wie dieses Gedicht der Bachmann heißt mit den Rehen im Winter?

    Noch ein paar Überlegungen zur vorletzten Strophe, nur so mein Gefühl:


    Er sagt, er lernt fliegen - lerne
    Wir lesen Gedichte
    Unser Haus ist deswegen dankbar - "dafür" oder einfach "uns"
    Am Abend holt uns der Bus ab - "Am Abend fährt der Bus" - gefiele mir auch als Verbindung zu S1 besser
    Das Reh sitzt mit Anna am Steuer Das Reh sitzt am Steuer mit Anna


    Lieben Gruß
    albaa

  9. #9
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    Hallo, Onegin,

    ja, und noch mehr Aufmerksamkeit – auch wenn nur sozusagen hinten angehängt, nach so vielen Kommentaren. -

    Wirklich schön, die Stimmung und die Bilder in deinem Gedicht, durch das Wehmütige und auch das Knappe zwischendurch sowie das Unwirkliche (nicht zuletzt die Mutter, die immer wieder am Fenster sitzt), das die Bilder ins Zeitlupentempto versetzt und unheimlich beruhigt.

    Mir gefällt die ländliche Komponente, und dass das Gedicht alles in allem wenig düster oder traurig klingt, sondern dennoch tröstlich, beruhigend und optimistisch. Du sagst es: wie das Leben selbst.

    Viele Grüße,
    Hoya
    "Wenn man das Leben nur auf eine Art betrachtet, gibt es immer einen Grund zur Sorge." Elizabeth Bowen

  10. #10
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    Hallo Hoya,

    ich bin froh, dass du das Gedicht einigermaßen gelungen findest und bedanke mich für das Lob. Es hätte auch leicht leierig und langweilig klingen können und ich war mir gar nicht sicher, wie es ankommt. Das Beruhigende liegt, glaube ich, vor allem an dem weißen Reh und an Anna und vielleicht auch an den doch irgendwie schönen Bildern.

    Hallo albaa

    Einen Änderungsvorschlag habe ich umgesetzt. Dafür und auch für die nicht verwendeten Vorschläge vielen Dank. Auf den Indikativ in V16 möchte ich beharren, weil der Konjunktiv jedenfalls für meine Ohren, zu gestelzt klingt.

    Auch, dass der Bus (aktiv) uns abholt, soll bleiben. Wann wurden zuletzt in Deutschland Menschen einfach abgeholt? Diese finstere Assoziation soll nicht verschwinden.

    Zwischen deiner und meiner Version von V20 kann ich kaum einen Unterschied erkennen. Meine gefällt mir einen Hauch besser.


    Wenn dir das Reh aus Bachmanns Gedichten entgegenspringt, lass es mich bitte wissen. Aber ich glaube, die Inspiration war Harry Potter - der Patronus-Zauber



    Vielen Dank Euch Beiden für Eure Kommentare

    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

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