Niemand ist da. Du ziehst einsam durch die von keinem verlassenen Straßen. In der Luft liegt ein Hauch von Milchduft. Er verflüssigt sich in den strukturellen Tiefen deiner braven Gedanken. Als plötzlich ein Hirsch in deine Augen rennt, hältst du dich für geisteskrank. Aber das ist Blödsinn. Eine pluralistische Pseudo-Gesellschaft kennt keine Irren. Wie von einer Tarantel befruchtet, gehst du unentschlossen weiter deines Weges auf dem bunten Asphalt. Brennend sticht er dich, doch du hast kaum Zeit, Empfindungen auf dich wirken zu lassen. Alles muss schnell gehen. Wer bestraft deine Mentalität, wenn du seine Weisungen nicht befolgst? Wer zerstört deine Entität, weil du seine Illusionen als solche enttarnst? Niemand, denn niemand ist hier. Mögliche Welten trommeln dir zarte Rhythmen in dein von Lebenslärm gequältes Gehör. Aua. Während Schmerz durch deine pulsierenden Herzkammern rast, wanderst du gelassen in die nicht vorhandene Zukunft. Visionen ziehen an dir vorüber; du trinkst ein Glas Orangensaft. Du atmest. „Welche Existenz soll das denn bitte sein?“, fragst du dich wieder und immer wieder. Antworten bleibst du dir schuldig – auf ewig.

Dicht ist das Netz. Überall ragen Bäume empor. Du spürst mehrere Wälder simultan, obwohl deine Gefühle längst der Lethargie zum Opfer fallen. „Was kann ich für sie tun?“, möchte eine gruselige Schnecke wissen, die aber netter ist als ihr Ruf. Erschrocken zuckst du zusammen und murmelst um Hilfe. Egal, denn keiner hilft dir, niemand. Du bist alleine. Auf einmal frierst du in einem Eisblock. Du erkennst, dass du nicht in der Hölle bist – immerhin. Wild schlägst du um dich und befreist dich aus der realen Kälte. Deine Imagination aber kannst du nicht reinigen. Dein Leben: nur ein Konstrukt. Deine Person: Eiszeit. Ehrlich gesagt: Sterne sind Marionetten, wir können sie nicht ändern. Der Welten Raum ist bloß ein Traum, aus dem wir nie erwachen. Wir schlafen ja gar nicht.

Kümmere dich nicht um die Wohnung der Toten, sondern kehre vor der Haustür der Lebenden! Du hast genug zu tun. Ein Anfang muss gemacht werden, obgleich du weißt, dass alles Ende ist. Jeder Morgen schwebt dir vor wie ein gebrochenes Versprechen. Dein Kaffee schmeckt sauer, und sogar der süße Anblick deiner nicht mehr seienden Blutsverwandtschaft kann deine geschundene Borderline-Psyche nicht besänftigen. O du Tor! Im Abseits stehst du, nach einer ungerechten Attacke fällst du. Aber Gott – falls es ihn überhaupt gibt –, dieser Passivgott, er pfeift sich einen Quark zusammen, das ist unheimlich. Er ist ein gnadenloser Schiedsrichter in einem gleichgültigen, unnötigen Drecksspiel. Wenn es Nacht ist und die frostigen Mienen an dir vorüberziehen, fühlst du dich unwohl. Du schaust in Augen voller Angst und erkennst dich selbst in ihren verschwommenen Rätseln – ohne Lösung.

Einen Winter nach deinem Tode fühlst du dich dem Leben geweiht. Aber du bist nur noch ein raumzeitloser Lufthauch, ein Unding an sich ohne Inhalt. Wo kannst du deine Befindlichkeiten neu ordnen? Weshalb sollst du dich den Taten wieder öffnen und deinen Plänen Platz verschaffen? Wir wissen es nicht, nichts wissen wir. Als epistemische Vollidioten schlendern wir durch ein trauriges Dasein des rückhaltlosen Scheines. Wenn das Ende naht, weitet sich unser Blick für das Unbegreifliche. Die Welt – das ist ein Übel. Täglich winseln wir um Gnade, jedoch: Erlösung bleibt uns verwehrt. Niemand kennt den anderen, und so sind wir uns für immer fremd.