Thema: Vom Wurme

  1. #1
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    Vom Wurme

    Es wand im braunen Grind,
    Dem Schlamm des kalten, kargen Grunds,
    Ein Wurm sich, bleich und blind;
    Ein Stummel nur, doch großen Munds.
    Mit jenes tiefen, weiten Schlunds
    Tödlich scharfem Biss
    Der Wurm sich eigens riss;
    Und ekles Madenblut
    Quoll aus dem Leib, der zuckte,
    Der krampfend spie und spuckte
    Die schäumend rote Flut.


    Nun bleicht er da, der sich
    Die Midgardschlange hieß,
    Bis auch der Fleck verblich,
    Den seine Leiche ließ.
    Geändert von Vogelsucher (17.02.2020 um 16:49 Uhr)
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

  2. #2
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    Hallo Vogelsucher,

    bitte erkläre mir einmal dein Gedicht. Ich habe versucht es mir bildlich vorzustellen, habe versucht eine Botschaft zu erkennen, doch es stellen sich mir eigentlich nur zwei Fragen: Welcher Wurm sollte so etwas tun und aus welchem Grund?

    Deine Wortwahl sowie der Lesefluss gefallen mir wie bei all deinen Texten sehr.

  3. #3
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    Hallo Vogelsucher,

    das ist ja ein krass kannibalistisches Wurmsplattergedicht. Mal was anderes.
    Wieso kommt denn Madenblut aus dem Wurm? Hat er etwa auch noch vampirische Neigungen?

    Gruß,
    leuchtendgrau

  4. #4
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    Hallo wieder, Leuchtendgrau,

    das mit dem Madenblut ist wohl eher künstlerische Freiheit. In der Lyrik wird eben manchmal aus einem Wurm eine Made.
    Das hat sonst Nichts zu bedeuten.

    Mit freundlichen Grüßen,
    dein Vogelsucher.
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

  5. #5
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    Ja, ich bin für künstlerische Freiheit und wollte dir dein Gedicht auch nicht madig machen.

  6. #6
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    Hallo Versumunikat,

    es freut mich, dass dir meine Wortwahl und der Lesefluss gefallen.
    "Ich habe versucht es mir bildlich vorzustellen, habe versucht eine Botschaft zu erkennen, doch es stellen sich mir eigentlich nur zwei Fragen: Welcher Wurm sollte so etwas tun und aus welchem Grund?"
    Schön , genau diese Reaktion soll das Gedicht hervorrufen.
    Zu deiner Frage: Der Beitrag stellt eine sehr pessimistische, nihilistische Sicht auf den Menschen dar. Es entstand ursprünglich aus einer Spielerei mit Reimen (wie viele meiner Gedichte), bis mir die Parallelen zum Dasein der Menschheit auffielen und ich es in diesem Sinne fortführte und anpasste.
    Das Gedicht verdeutlicht die Erbärmlichkeit des Menschen und des Seins allgemein. (Das ist nicht unbedingt meine Ansicht, aber die des Gedichts )
    Eigentlich mag ich es lieber, wenn der Sinn eines Werkes Raum zur Interpretation lässt, anstatt genau erklärt zu werden. (Ein Künstler erklärt nicht sein eigenes Bild.)
    Aber nach deiner Frage möchte ich dich unbedingt in meine Gedanken einweihen.
    Es ist als eine Art Kurzlexikon zu verstehen.

    Der Wurm ist ein niederes Getier, das sich im Schlamm windet. Nichtig und bedeutungslos. Er ist schleimig und nasskalt, so wie der Schlamm, dem er entstieg. Er ähnelt einer Schlange wie Jörmundgandr, für die er sich hält, ist aber in Wahrheit nur ein erbärmlicher Stummel. Er wähnt sich – in einem Ansatz von Einsicht? – in der Lage, mit seiner Fresssucht und Habgier "seine" Welt zur verzehren und, der Midgardschlange gleich, zu umschlingen, – doch eigentlich verschwindet nur er im schmutzigen Grund, auf dem er lag. Seine Blutlache bleibt zwar für einen Augenblick, verschwindet aber rasch ebenfalls.
    Das Blut ist der giftige Schmutzfleck, den der Wurm nach seiner sinnlosen und wirkungslosen Fressorgie von sich hinterlässt, aber er verrinnt bald mit ihm (wie oben schon geschildert.)
    Der Grund ist die Grundlage der Welt: die Sinnlosigkeit und Nichtigkeit. Schmutzig, kalt und karg. Ihm entsteigt alles und in ihm verschwindet es wieder.
    Der braune Schlamm ist die Vorstellung von Selbstwert, Überlegenheit, die jeder Mensch in sich trägt. Deshalb ist er auch braun. Braun ist hier aber nicht im Sinne der vermeintlichen Überlegenheit des Ariers, sondern eher der Rasse oder des Einzelnen zu verstehen. Auch der Schlamm eitert natürlich wie alles nur aus dem "Grund" heraus.

    Ich hoffe, deine Fragen wurden nun geklärt. Ich habe auch noch einen Teil hinzugedichtet, um den Vergleich mit der Midgardschlange deutlicher zu machen. Dazu könnt ihr gern eure Meinung sagen, ich bin mir nämlich nicht sicher, ob er vielleicht die würzige Kürze des Gedichtes stört.

    Mit freundlichen grüßen,
    Vogelsucher.
    Geändert von Vogelsucher (17.02.2020 um 16:49 Uhr)
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

  7. #7
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    Hallo Vogelsucher,

    danke für die ausführliche Erklärung, jetzt kann ich die Worte des Gedichtes besser einordnen.

    Ich finde übrigens nicht, dass ein Künstler immer zu seinen Werken schweigen sollte. Ganz im Gegenteil, ich finde es spannend, meine Interpretationen mit denen des Künstlers zu vergleichen. So sieht und versteht man auch oft noch viel mehr, als man vorher wahrgenommen hatte. Und manchmal hat man gar ganz andere Verknüpfungen mit Elementen des Werkes, sodass man gar nicht die Chance hat, die ganze Botschaft zu verstehen. Ich aber fühle mich gerne hinein in die Sichtweise eines Künstlers auf unsere Welt. Es ist, als würde man ein Stück mit jemandem des Weges gehen und bekäme hier und da neue Perspektiven gezeigt. Im Idealfall steht das Kunstwerk natürlich für sich. Doch manchmal, gerade bei abstrakteren Formen, bin ich sehr über ein paar Hintergrundinformationen dankbar. Sonst interpretiere ich ja doch nur in den blauen Dunst hinein - Was schön sein kann und genau richtig, aber genauso auch manchmal frustrierend, zumindest wenn es nach mir geht.

    Da ich nun die Botschaft verstanden habe, kann ich mir auch gleich viel besser ein Bild über den philosophischen Gedanken dahinter machen. Nun ja, Recht hast du, die Nachricht ist ja wirklich sehr pessimistisch und nihilistisch. Ich als Gärtner muss dazu aber noch einwerfen, dass der Wurm, wie wir eigentlich ja alle wissen, ganz und gar nicht nichtig und bedeutungslos für diese Welt ist. Doch welche Bedeutung hat unsere Bedeutung für die Welt schon, wenn die Welt selbst ebenso bedeutungslos ist, nicht? ��

    Über den kargen kalten Erdball hast du ja schon so einige Gedanken verfasst. Du hast Recht, ihm entsteigt und entschwindet alles wieder. Eine umwerfende Vorstellung, wie ich finde. Allerdings heißt hier "alles" natürlich nur "alles, was für uns von Bedeutung ist" (in unserer Wahrnehmung). Es gibt noch so viel mehr da draußen, das einen ganz anderen Ursprung hat und anderen Quellen entspringt als der Erde. Die Erde selbst ist einem größeren Etwas entsprungen - ... Ich könnte schon wieder wahnsinnig werden, wenn ich daran denke... �� Genug von diesem Wahnsinn für heute. ��

    Den Vers mit der Midgardschlange finde ich sehr hilfreich und abschließend, danke dafür. Auf mich wirkt es nun runder, da das Gedicht sich nun auch besser selbst erklären kann. Es muss nicht immer knapp bemessen sein, um eindrücklich zu sein. Davon abgesehen ist es ja immer noch ein eher kurzes Gedicht. Es geht halt auch mal zu würzig mit der Kürze. Als Koch haut man sich dann auf die Finger, weil es weniger hätte sein können. Als Online-Dichter haut man eben in die Tasten, um etwas zu ergänzen. Die Dosierung können wir ja eh jederzeit ändern.

    Lass dir aber nichts einreden, was dir gegen den Strich geht, letztendlich bist du das kunstschaffende Wesen hier. Es ist dein Werk. Mir gefällt es jedenfalls so in der Form.

    Ich finde es im Allgemeinen toll, was du so zauberst, mach bitte weiter so. Ich freue mich schon auf mehr.

    LG VU

  8. #8
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    Hallo Versumunikat!
    Mit dem Grund meine ich nicht nur die Erde, sondern das gesamte Sein.
    Grüße,
    Vogelsucher.
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

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