Thema: Rosenreich

  1. #1
    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
    Registriert seit
    Oct 2010
    Ort
    die rosarote Ziegelstadt
    Beiträge
    747

    Rosenreich

    Es war einmal eine alte arme Witwe, die lebte, zusammen mit ihren zwei Söhnen, welche sie unter großer Mühe allein großzog, in einem heruntergekommenen armseligen Haus. Ihr ältester Sohn war sehr aufgeweckt und wirkte klug, während ihr jüngerer Sohn eher zurückhaltend war und dabei naiv und arglos schien.

    Eines Tages, als die Witwe wieder einmal vor der Tür des Hauses kehren wollte, stieß sie auf einen kleinen Kern, den sie bereits auf ihr Kehrblech gefegt hatte. Als sich die Frau anschickte den staubigen Inhalt der Kehrschaufel in den Abfalleimer zu geben, hörte sie den Kern plötzlich mit einer fast unvernehmbaren Stimme sprechen: „Bitte, liebe Frau, wirf mich nicht in die Mülltonne. Wenn du mich in die Erde pflanzt, dich meiner annimmst und mich aufziehst, soll dir dafür eine reiche Zukunft blühen“.

    Auf dies eindringliche Bitten hin ließ sich die Frau erweichen und steckte den Samen in einen Blumentopf, den sie zuvor mit Erde befüllt hatte. Fortan befeuchtete sie die Erde regelmäßig und es dauerte nicht allzu lange, bis sich zwei winzige grüne Blätter hell aus der dunklen Humuserde reckten. Im Laufe des Jahres entwickelte sich aus dem ersten Keim aber ein buschiges, mit vielen Dornen übersähtes Rosensträuchlein dessen Enden zwölf zarte Knospen zierten. Noch bevor die dorninge Planze zum ersten mal blühen durfte, wurde die alte Witwe jedoch sehr krank und starb infolgedessen schon nach kurzer Zeit.

    Als einzigen Reichtum konnte sie ihren beiden Söhnen lediglich den Rosenstrauch vermachen. Ihrem älteren Sohn, dem sie das Geheimnis des Strauches noch vor ihrem Ableben anvertraut hatte, gab sie auf, sich auch weiterhin um die Pflanze zu kümmern, um dessen Blumengewinn später mit seinem jüngeren Bruder teilen zu können.
    Der ältere Bruder übernahm diese einfache Aufgabe, die ihm von seiner Mutter aufgetragen wurde und stellte die Planze dazu in sein Zimmer, wo sie der jüngere Bruder künftig nicht mehr zu Gesicht bekam. Den jüngeren Bruder beauftragte er im Gegenzug mit der Pflege des Grabes der Mutter, weil er keine Lust hatte sich selbst damit viel Arbeit zu machen.

    Eines Tages öffnenten sich die Knospen des Strauches unerwartet zu zwölf wunderschönen Rosenblüten aus reinstem Blattgold in deren Mitte jeweils ein funkelnder Diamand strahlte. Als der ältere Bruder an diesem Abend auf sein Zimmer kam, wurde er von der plötzlichen Blütenpracht des Strauches, der ihm jetzt im vollsten Glanz seines Goldes leuchtete, überrascht. Geblendet von all dem Reichtum, schnitt er sogleich alle Blüten mit ihren Stängeln ab, um sie zu verkaufen.
    Weil er der Mutter aber versprochen hatte, mit seinem jüngeren Bruder zu teilen, schnitt er die untere Hälfte der Blumen ab und gab seinem Bruder die übriggebliebenen zwölf blütenlosen Rosenstängel, während er den oberen Teil der Stiele mit ihren dutzend Diamandgoldblüten, für sich selbst behielt.

    Für die Blumen bekam er so viel Geld, dass er lange davon leben konnte ohne arbeiten zu müssen. Aus diesem Grunde beschloß er, das ärmliche Haus zu verlassen, um die Folgezeit unbeschwert, in Saus und Braus, mit seinen Freunden zu verbringen. Als sein Geld jedoch allmählich zu Neige ging, begann er festzustellen, dass seine Kameraden sich immer mehr von ihm absonderten. Nachdem er auch den letzten Groschen in seiner Tasche ausgegeben hatte, verabschiedete sich auch der letzte Gefährte von ihm. Einsam und verarmt, besann er sich auf einmal wieder auf seinen Bruder, das Elternhaus und den Rosenstrauch, was ihn dazu bewegte sich reumütig nach Hause zu begeben.

    Als er nach seiner langen Abwesenheit zum alten Haus der verstorbenen Mutter zurückkam und zum ersten mal wieder in sein Zimmer trat, welches er vorsichtshalber abgeschlossen hatte, bevor er das Haus verließ, musste er mit Erschrecken feststellen, dass der Rosenstrauch, welcher ungegossen in der Sonne gestanden hatte, mittlerweile vertrocknet war. Auch seinen Bruder konnte er bei seiner Ankunft nicht wiederfinden, was ihn noch viel mehr bedrückte.

    Der jüngerer Bruder war indessen aber fleißig und unbedarft seinen täglichen Beschäftigungen im Haus nachgegangen. Wie von seinem älteren Bruder gefordert, sorgte er sich auch um das schmucklose Grab der Mutter.
    Weil ihm das Geld fehlte, um Blumen zu kaufen, nahm er einfach die dornigen Rosenstängel mit ihren grünen Blättern, steckte diese in die lockere Erde des Grabhügels und tat dabei so, als handele es sich bei den blättrigen Stielen um echte Pflanzen, indem er diese mit einer Gießkanne begoss.
    Zu seinem grossen Erstaunen bemerkte er, dass die Stängel, welche er auch weiterhin noch regelmäßig goss, grün blieben. Bei genaueren Hinschauen bildete er sich sogar ein, er sähe Knospen an den Stängeln sprießen.
    Seine vorsichtige Vermutung wurde schon beim nächsten Besuch des Grabes bestätigt, denn aus den immer länger gewordenen Knospen, wuchsen jetzt, kaum erkennbar, winzige Blätter. Diese wurden im Laufe der Zeit aber immer größer und bildeten sich zu jungen Trieben, die sich wiederum immer weiter verzweigten und sogar dicke Blütenknospen bildeten, so dass bald kein Platz mehr für all die Sträucher auf der engen Grabfläche war.

    Deshalb entschied er sich eines Tages, einige der Gewächse aus der Erde zu ziehen um den anderen Pflanzen damit mehr Raum zum wachsen zu schaffen. Doch als er versuchte die buschigen Stiele aus dem improvisierten Grabbeet zu ziehen, musste er feststellen, dass diese mittlerweile fest mit der Erde verwurzelt waren. Erst nachdem er um die Stecklige herum gegraben hatte, war es ihm möglich diese mit einem Bündel von Wurzeln aus ihrer Erdverankerung zu lösen. Trotz der mühseligen Arbeit die ihm dieses Unterfangen bereitete, wollte ihm sein Herz dabei vor Glück fast zerspringen. Denn er musste sogleich an seine Mutter, ihre fleißigen Hände und ihre fürsorglichen Taten und Worte denken, mit der sie ihn und seinen älteren Bruder auch in schlechten Zeiten, stets gut durchs Leben gebracht hatte. Um ihr liebevolles Andenken auch über ihre Grabstätte hinaus zu ehren, besorgte er sogleich sechs Blumentöpfe, um die von ihm ausgegrabenen Pflänzchen darin neu zu pflanzen und nach Hause zu bringen.

    Als ihn sein an diesem Tag traurig zurückgekehrter älterer Bruder mit seinen Blumentöpfen ankommen sah, lief er ihm entgegen und sie fielen sich beide, vor Wiedersehensfreude weinend, in die Arme. Dabei kullerten die Tränen von ihren Wangen über die Knospen der Rosenstecklinge, die sich in den Töpfen befanden, welche der jüngere Bruder vor sich auf dem Boden abgestellt hatte, um seinen älteren Bruder zu begrüßen. Noch bevor sich beide aus ihrer Umarmung lösen konnten, entfalteten sich die Blütensprosse zu wunderschönen Diamandgoldrosen, die sich die zwei fortan brüderlich teilten.

    Ohne sich dessen selbst bewußt zu werden, hatte der jüngere Bruder in seiner scheinbaren Naivität seinem weitgereisten älteren Bruder gezeigt, dass im scheinbaren Verlust, den man beim Teilen erfährt, doch auch immer die Zukunft des Gewinns wurzelt, wenn man ihn mit Hingabe und Gedult pflegt und zum Wachstum erweckt.
    Von den Rosen wurden die Brüder so reich, dass sie davon schon nach kurzer Zeit Land und Gut erwerben konnten, auf dem sie sich von nun an glücklich und zufrieden mit ihren Familien der Rosenzucht widmeten. Und wenn sie das auch heute noch machen, dann blüht ihnen mit ihren Rosen auch weiterhin eine goldene Zukunft.
    Geändert von Frank Reich (18.02.2020 um 07:19 Uhr)

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden