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    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Wie der Zaunkönig zu seinem Namen kam

    Nach einer langen Winterreise ließ sich ein winziger Vogel in einem kleinen umzäunten Garten nieder, da ihm ein Baum der dort stand, sehr gefiel. Der Baum überragte die ihn umgebenden Häuser und bot dem Vogel damit eine ausgezeichnete Singwarte. Mit seinen vielen hochgelegenen Astgabeln gab es auf dem Baum auch viele Nistgelegenheiten für Vögel, die sich darauf verstanden kleine Zweige, Gräser, Moos und Daunen, zwischen die aufragenden Äste zu flechten um daraus ihr Nest zu bauen. Diese Möglichkeit wollte sich der kleine Vogel wohl zunutze machen. Von seiner hohen Warte aus würde es dem Vogel darüber hinaus einfach fallen, mit seinem lieblichen Gesang ein Vogelweibchen anzulocken und für sich zu gewinnen, so dass sie zusammen eine Vogelfamilie gründen könnten.

    Weil die meisten Vögel noch in ihren Winterquartieren verweilten, er sich aber bereits so frühzeitig ans Nestbauen wagen wollte, war er der erste Vogel der sich auf dem im Garten wurzelnden Baum niederließ. Frohen Mutes und in freudiger Erwartung fing er deshalb auch sogleich an, Nistmaterial zu suchen und dieses gekonnt zu einem runden Nest zusammenzufügen. Als er schon fast damit fertig war, kamen nach und nach auch die anderen Vögel aus ihren Winterstätten zurück und schickten sich an, auf dem selben Baum heimisch zu werden.

    Den kleinen Vogel störte das nicht, da es auf dem Baum genug Platz für mehrere Nester gab. Ausserdem hatte er sich die höchste Astgabel für sein eigenes Nest ausgewählt, was die anderen Vögel allerdings störte, weil sie allesamt größer und stärker als der kleine Vogel waren. Obwohl der kleine Vogel eine kräftigere Stimme als die größeren Vögel hatte, befanden diese, dass der kleine Vogel sich, entsprechend seiner Körpergröße, unterzuordnen hätte und verwießen ihn aus diesem Grunde schon bald von seinem hohen Sing- und Nistplatz auf dem Baum.

    Die Amsel war der lästigen Singkonkurrenz des kleinen Vogels überdrüssig und auch die Drossel konnte sich nicht damit abfinden, von einem kleineren Vogel übertönt und überhöht zu werden.
    Deshalb halfen sie dem kleinen Vogel auch nicht, als die imposante Elster, die zwar nicht Singen konnte, dafür aber stärker als die anderen Vögel war, den kleinen Vogel vom Baum vertrieb, ihm den hochgelegenen Nistplatz raubte und das bereits angefange Nest mit ihrem langen Schnabel zerschnitt.

    Sie waren sich damit fast sicher, dass der kleine Vogel den Garten und damit auch sein Singrevier schon bald ganz verlassen würde, denn im niederen Gebüsch wäre er vor den Katzen, die täglich durch den Garten pirschten, kaum sicher.
    Deshalb freuten sie sich um so mehr, als die die Elster dem kleinen Vogel mit ihrer rauhen Stimme hämisch nachsetzte: "Trachte ja nie wieder nach der hohen Krone eines Baumes, diese ist allein den großen Vögeln vorbehalten. Wenn du hier dennoch auch weiterhin den König spielen willst, bleibt dir ja immer noch ein Trohn auf dem Zaunschloss". Woraufhin alle in lärmenden Spott und schnatterndes Lachen verfielen. Fortan wurde der kleine Vogel deshalb von allen nur noch spöttisch "Zaunkönig" genannt.

    Der Zaunkönig konnte nicht verstehen warum es ihm nicht vergönnt sei, sein Nest in der Höhe zu errichten, nur weil er kleiner als die anderen Vögel war. War er den anderen Vögeln denn nicht ebenbürtig oder gar überlegen? Er konnte genauso hoch fliegen wie alle anderen und er sang lauter und schöner als manch anderer Vogel.

    Trotzdem wollte sich der Zaunkönig von solch einer Ungerechtigkeit den Mut nicht nehmen lassen. Weil er bereits eine hübsche Zaunkönigin gefunden hatte, machte er sich sogleich wieder auf die Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Nachdem er alle Sträucher des Gartens lange und gründlich geprüft hatte, entschied er sich letztendlich für einen Platz, der ihm zwar nicht mehr das gleiche Hoheitsgefühl wie ein Nest auf dem Baum vermittelte, dafür aber zumindest Schutz zu bieten schien. Seine Wahl fiel auf einen geduckten, trostlos anmutenden Dornenstrauch der sich am Fuße des Baumes, fest um dessen Stamm schlang. Die kahlen Dornenzweige des kleinen, unwirtlichen Busches standen so eng, dass nur ein Vogel von der Größe eines Zaunkönigs durch das dichte Gestrüpp schlüpfen konnte, welches hinter dem stechenden Geäst dennoch genug Platz für ein kleines Vogelnest bot.
    So machte sich der kleine Vogel daran, den Dornenbusch mit Moos auszustaffieren um sich daraus in mühevoller Arbeit bald schon ein warmes Kugelnest zu fabrizieren. Als er dieses am Ende noch mit warmen Daunenfedern ausgekleidet hatte, war es nicht nur wohnlich sondern auch sehr gemütlich, so dass das Nest auch von seiner Zaunkönigin dankbar angenommen wurde.

    Die anderen Vögel belästigten das Zaunkönigspaar jetzt nicht mehr weiter, denn der kraftvoll singende Zaunkönig setzte sich nur noch weitab von den anderen Vögeln auf den niederen Zaun um seine Lieder zum Besten zu geben. Sein Nest lag jetzt auch viel weiter unten, als die Nester all seiner Nachbarn.
    Besonders die Amsel deren Nest vormals am tiefsten gelegen hatte, überkam jetzt so etwas wie ein Überlegenheitsgefühl, obwohl sich ihre Situation nicht im geringsten verändert hatte. Ihr Nest wurde, nach wie vor, vom Nest der Drossel und von dem der Elster überragt. Allerdings konnte die Amsel in ihrer fortdauernden Unzufriedenheit jetzt darauf verweisen, dass ihre Nistposition höher war als die Nistposition eines anderen Vogels. Das vertröstete sie dann doch irgendwie und half ihr, sich mit ihrer untergeordneten Stellung auf dem Baum abzufinden.

    So zog allmählich der Frühling ins Land und die Vögel im Garten begannen unter fröhlichem Zwitschern mit dem Ausbau ihrer Nester und dem Eierlegen.
    Das lustige Treiben zog auch die Aufmerksamkeit der vogelhungrigen Katzen auf sich, die sich zunächst am niederen Nest des Zaunkönigspaars versuchten, aber dennoch schnell wieder davon abließen, weil sie sich jedes mal an den spitzten Dornen des Busches verletzten wenn sie versuchten, mit ihren Pfoten, an das Zaunkönigsnest zu gelangen.
    Die anderen Vögel, die dies mit ansahen, waren froh, dass sie ihr Nest auf dem Baum gebaut hatten, wo sie sich vor dem Angriff der Katzen sicher wähnten.

    Eines Tages jedoch gelang es einer Katze mit einem sportlichen Sprung auf den unteren Ast des Baumes zu gelangen, auf dem sich das Nest der Amseln befand. Das Amselweibchen, das bis dahin still auf seinem Nest gesessen hatte, um die von ihr bereits gelegten Eier warm zu halten, konnte sich gerade noch rechtzeitig vor den scharfen Krallen der Katze retten, indem sie einige Federn ließ, während sie mit aufgeregtem Flügelschlagen aus dem Nest flüchtete.
    Dem Amselpaar war seit dieser Begebenheit Angst und Bange, weshalb es nie wieder zu ihrem Nest zurückkam.

    Die Drossel, die ihr Nest auf höhere und dünnere Zweige gebaut hatte, konnte dieser Vorfall trotz allem nicht weiter beunruhigen. Sie fühlte sich vielmehr in ihrer Nistplatzwahl bestärkt und durfte jetzt, nicht ganz ohne Schadenfreude, auch noch feststellen, dass sie von nun an der einzige Vogel auf dem Baum war, der richtig gut singen konnte.
    Dennoch wurde auch die Drossel eines Nachts jäh aus ihrem Schlaf gerissen, als ein Marder, der leichter und flinker als die Katze war, sich an den Zweigen die das Nest der Drosseln hielten, hochrangelte und dabei die Drosselfrau, welche auf dem Nest saß, aufschreckte. Auch die Drossel hatte gerade noch Zeit vor dem Nesträuber zu flüchten. Die Furcht vor einem erneuten Angriff nötigte aber auch sie dazu, ihre Brutstätte im Anschluß an dieses Ereignis, aufzugeben.

    Die Elster, die ihr robustes Nest in die höchsten Äste des Baumes gebaut hatte, war indessen nicht weiter besorgt. Sie war stark genug, um sich einem Marder zu widersetzen und sie hatte ihr Nest darüber hinaus, wohlweislich, mit einem Dach aus Zweigen versehen, damit es nicht einmal aus der Luft von Raubvögeln angegriffen werden konnte. Daneben war die Elster jetzt auch der ihr lästigen Drossel entledigt, welche ihr mit ihrem Gesang doch immer wieder vorgemacht hatte, wie unvollkommen ihre eigene Stimme war. Jetzt hatte sie die Krone des Baumes für sich allein und durfte sich dafür wie der Fürst des Gartenreviers fühlen.

    Eines Tages jedoch, zog, am Ende eines heißen Frühlingsnachmittags, ein dunkles Gewitter am Himmel auf. Aus dem anfänglich sanften Wehen des Windes wurde allmählich ein tosender Sturm, der selbst die dicksten Äste des Baumes bog und seine dünnen Zweige wild durch die Lüfte wirbelte. Eine besonders heftige Windböe riss dabei das Elsternest aus seiner Verankerung und warf es mit samt der sich darin befindlichen Brut zu Boden. Die Elstern die sich mit dem Bau ihres Nestes so viel Mühe gegeben hatten, nachdem sie zuvor den Zaunkönig vertrieben und sein Nest zerstört hatten, kamen darauf hin nie wieder in den Garten zurück.

    Das Nest des Zaunkönigs aber, das über den Dornenstrauch sicher am dicken Stamm des Baumes befestigt war, blieb auch nach dem heftigen Frühlingsgewitter heil und unversehrt. Zwischenzeitlich war es Mai geworden. Die Bäume hüllten sich von Neuem in ihr grünes Blätterkleid und das kahle Dornengestrüpp in dem das Zaunkönigspaar sein Nest geflochten hatte, um darin seine Vogelkinder liebevoll aufzuziehen, verwandelte sich, fast über Nacht, in einen majestätisch blühenden Rosenbusch. Zum Anstimmen seiner Lieder konnte das Zaunkönigspaar von nun an erneut auf den höchsten Wipfel des Baumes fliegen. Ihr zierliches Nest im sicheren Rosenstrauch des Gartens wollten die Zaunkönige aber trotzdem nicht wieder verlassen. Sie zogen darin noch viele kleine Zaunkönigskinder groß, und wenn sie jetzt nicht mehr in ihren Winterquartieren verweilen, dann zwitschern sie vielleicht auch heute schon wieder munter in ihrem kleinen Dornröschenschloss.
    Geändert von Frank Reich (18.02.2020 um 07:33 Uhr)

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