Thema: Randlinie

  1. #1
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    Randlinie

    .
    Randlinie
    _____________________________________________________


    Tanzende Strahlen auf unseren Nasen und Throne auf Stufen.
    Zeit, wir vertrieben dich leicht. Spielend erschlugen wir dich.
    Weißwarme Laken war'n uns wie Paläste, man hörte uns rufen:
    Wir sind die Könige hier. Keiner, der dir und mir glich.

    Knoten in Kabeln und Schläuchen und Mägen und grelle Dioden.
    Schnell brachst du über uns ein: Zeit, du Verräter der Zeit.
    Zwischen den Knoten ein König und Seufzer gedeihen zu Oden.
    Seufzer gedeihen zu – Schweig! Schweig endlich still, Grausamkeit.

    Töne, mal lange, mal kurze und Linien, die Ränder zerreißen.
    Klemmbretter sinken herab. Knoten entwirren sich froh.
    Einer alleine bleibt König in Laken, in kalten und weißen,
    dehnt er doch endlos die Zeit, dehnt er doch endlos den To...

  2. #2
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    Hallo Anti Chris,

    das Erste, das mir an deinem Text gefiel, war: Spielend erschlugen wir dich. Die Prots haben die Zeit nicht nur vertrieben (kann ja jeder), sondern gleich erschlagen.Bamm! Damit war ich sofort drin. S1 beschreibt sehr dicht, wie entrückt die LIs der Welt waren - nichts, was sie aufhalten könnte...

    Cut. S2. Direkt wieder Bamm! Ein Einschnitt im Alltag/im Leben. Die eben noch totgeschlagene Zeit schlägt zurück und wird dafür angeklagt. Zeit, du Verräter der Zeit. Warum die Seufzer zu Oden gedeihen erschließt sich mir nicht, aber der Binnenreim zu Knoten klingt schön, wie auch die Intervention der inneren Stimme Schweig! sehr passend kommt.

    Ebenso gefällt mir, wie du die Bilder aus S1 und S2 (den König, die Laken [jetzt kalte], die Knoten) in S3 wieder aufgreifst. Klemmbretter sinken herab sind ein sehr, sehr cooles Bild für die aussichtslose Szene.

    Der Tod als verbleibender König und der abgebrochene (aber Endlosigkeit andeutende) Ton in den letzten beiden Versen erscheinen mir einen Tick zu pathetisch (aber noch passend), was aber Geschmackssache ist.

    Formal, auch das hat mir gleich gefallen, sind das alles Distichen, oder? Aber dann hast du mal 7 Hebungen (S1V3) oder man betont "uns", was mir nicht so recht gefällt. Im folgenden Pentameter schleicht sich mir auch nach wiederholtem Lesen immer die Betonung auf mir und nicht auf glich. Auch der Spondeus am Anfang von S2V2 ist ein bisschen sperrig (brachst bekomme ich nur schwer in eine Senkung). Aber das sind Dinge, in denen ich nicht sonderlich sicher bin. Vielleicht bekommst du zur Form noch weiteres Feedback.

    Soweit von mir. Ich hätte dir auch gern beide Stimmen gegeben, wenn das möglich gewesen wäre.

    lg VC
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
    Peter Arbeitsloser

  3. #3
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    Hallo AC

    Du kommentierst immer so ausführlich, dass du dir auch einmal so einen langen, versierten Kommentar verdient hättest. Leider bin ich nicht so versiert und der Inhalt ist ja soweit klar, sprachlich ist es tadellos (obwohl mir die Knoten fast zu viele sind) deshalb nur ganz kurz zur Form:

    Gereimte Distichen sind ein No-Go - entweder Bewegungsvers oder Reim - auch andere Dingen, wie zB überall Doppelsenkungen mit zT Pfingstochsen, zeigen, dass du dich trotz vieler einschlägiger Beiträge hier - insbesondere von Ferdi - nicht wirklich mit den Grundlagen der Form beschäftigt hast, also dem deutschen Versbau. Mit den Betonungen an den von VC angeführten Stellen habe ich kein Problem.

    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    Moin VC,

    danke dir für deinen Kommentar, freut mich, dass die ein oder andere Stelle dich catchen konnte

    Zu den Stellen, die problematisch sind:
    "Seufzer gedeihen zu Oden" - Oden sind ja als Loblieder bekannt. Jemand besonderes wird darin besungen.
    Das wollte ich verbinden mit der Trauer über den Verlust einer geliebten Person.
    Das kollektive Weinen und Seufzen wird quasi zum letzten Loblied an den Verstorbenen.

    Das abgebrochene "To..." kann ja gleichermaßen Tod oder Ton sein. Aber ich weiß nicht, ob es das für dich besser machen kann.
    Mein Inspirationsgedanke war dabei die Nulllinie, die ich hier Randlinie genannt habe.
    der endlos gleiche Ton und der Tod sind hierbei ja quasi äquivalent.

    Formal hab ich mich nur an Distichen angelehnt. Das aber nur in der metrischen Struktur und der Idee, damit eine elegische Grundstimmung zu transportieren. Ich fand den Hebungsprall in jedem 2. Vers ganz spannend. Distichen werden aber prinzipiell nicht gereimt und ich hab mich auch sonst bisher an der Form nicht versucht. Also nein, den Anspruch, hier Distichen zu schreiben, hatte ich nicht. Die Betonungsschwächen oder -stärken können immer eine Gefahr einsilbiger Wörter sein, gerade wenn "dir" und "mir" sich auch noch reimen und damit recht gleiche Intensität bekommen. Ich hatte aus dem Grund das "dir" zuerst genannt, um zumindest eine leichte Dominanz auf diesem Wort zu erzeugen.
    Das "brachst" war recht bewusst so im Metrum eingesetzt. Der inhaltliche Einbruch sollte auch formal angedeutet werden.

    Soweit von mir. Ich hätte dir auch gern beide Stimmen gegeben, wenn das möglich gewesen wäre.
    Da freue ich mich sehr, danke!


    Moin albaa,

    ach, meine Kommentare sind ja absoluter Eigennutz, macht mir ja Spaß^^

    Ich freue mich, dass du vorbeischaust, danke für deine Kritik!
    Wenn ich ein Distichon versucht hätte, müsste ich dir sicher zustimmen.
    Bisher habe ich mich an die Form noch nicht rangetraut.
    Ferdis Beiträge zum Distichon hab ich verfolgt, ich fürchte aber, ich kann dieser Form (noch) nicht gerecht werden^^

    Was ich davon für meinen Text nun geklaut habe und warum, hatte ich ja VC oben schon gesagt.
    In meinem Werkeverzeichnis steht der Text auch ganz normal nur unter "Gereimtem", nicht unter einer speziellen Form

    Falls ich doch mal ein waschechtes Distichon versuche, werde ich vorher aber sicher nochmal büffeln!

    LG AC
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  5. #5
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    Hallo AC et alii,

    Zitat Zitat von albaa
    Gereimte Distichen sind ein No-Go
    seht ihr, selbst das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm... Okay, aber Distichen wolltest du ja ohnehin nicht schreiben (sondern nur andeuten). Von mir aus funktioniert das, andere sehen das vielleicht anders. So ist das halt.
    Zitat Zitat von AC
    Das abgebrochene "To..." kann ja gleichermaßen Tod oder Ton sein.
    Hm, könnte sein. Funktioniert bei mir aber nicht, weil "einer alleine bleibt König in Laken" für mich der Tod ist, der dann "endlos die Zeit dehnt und den To...n". Der Tod, der den Tod dehnt - das fänd ich unfreiwillig komisch. Soweit zu meiner Lesart.
    Zitat Zitat von AC
    Mein Inspirationsgedanke war dabei die Nulllinie, die ich hier Randlinie genannt habe.
    Klaro - damit hatte ich keine Schwierigkeiten. Das kommt sehr deutlich aus dem Text heraus.
    Zitat Zitat von AC
    Die Betonungsschwächen oder -stärken können immer eine Gefahr einsilbiger Wörter sein
    Klar, ich weise ja auch nur darauf hin.
    Zitat Zitat von AC
    gerade wenn "dir" und "mir" sich auch noch reimen und damit recht gleiche Intensität bekommen. Ich hatte aus dem Grund das "dir" zuerst genannt, um zumindest eine leichte Dominanz auf diesem Wort zu erzeugen.
    Dir und mir sollten meiner Meinung nach hier unbedingt die gleiche Betonungsintensität haben. Was ich meine, ist, dass die Betonung auf mir durch den metrischen Zwang und den Reimdruck auf -ich unterdrückt wird.
    Für S1V3 gebe ich mal diese Variante zur Diskussion an eventuelle Experten:

    Dem Inhalt nach würde ich so betonen:

    Weißwarme Laken war'n uns wie Paläste, man hörte uns rufen: [aufgrund der drei Senkungen in der Mitte würde man "wie" auch noch irgendwie betonen und hätte dann 7 Hebungen.]

    Gedacht war es sicher so:

    Weißwarme Laken war'n uns wie Paläste, man hörte uns rufen:

    Was wäre, wenn so:

    Weißwarme Laken war'n uns Paläste, man hörte uns rufen: [Im Hexameter kann/sollte doch hier und da auch mal auf eine Senkung verzichtet werden..?]

    Ansonsten: Danke für deine Erläuterungen.

    lg VC
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    Peter Arbeitsloser

  6. #6
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    Zitat Zitat von Verbalcarpaccio Beitrag anzeigen
    Hallo AC et alii,

    seht ihr, selbst das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm... Okay, aber Distichen wolltest du ja ohnehin nicht schreiben (sondern nur andeuten). Von mir aus funktioniert das, andere sehen das vielleicht anders. So ist das halt.
    Sehe ich auch so. Das Distichon hat dieses Metrum nicht gepachtet, genausowenig, wie das Haiku die die 5-7-5 Struktur gepachtet hat.
    Wie ja hier auch schon deutlich wurde, gehört zu einem Distichon ohnehin mehr als Hexameter+Pentameter mit Hebungsprall an der Zäsur.
    Gerade aber den Hebungsprall finde ich im Distichon ganz spannend und wollte den auch in meinem Text haben.

    Wo wir bei der Metrik sind: Danke für das Aufzeigen deiner Leseart.
    Ich stimme dir zu. Ich glaube, ich war so gefangen in meinem Wunschmetrum, dass mir die natürliche Betonung teilweise abhanden gekommen ist. Teils habe ich bewusst damit gespielt, wie oben schon beschrieben beim "schnell brachst", das eben auch inhaltlich gut passt. Am Beispielvers von dir sieht man aber eindeutig, dass es einfach ein Fehler ist.
    Deinen Änderungsvorschlag würde ich so aber nicht übernehmen wollen.
    Der Vers bekommt mir zu viel Gewicht, wenn nur da nun eine metrische Besonderheit durch eine fehlende Senkung aufkäme.
    Ich müsste das konsequenterweise dann für jeden Vers durchziehen.
    Inhaltlich kann ich das bei diesem Vers nicht begründen, da im Vers dieser Blick in die Vergangenheit ja äußerst harmonisch ist.
    Ich muss überlegen, ob ich den Vers unter Bebehaltung des 6hebigen Daktylus geändert bekommen.




    Hm, könnte sein. Funktioniert bei mir aber nicht, weil "einer alleine bleibt König in Laken" für mich der Tod ist, der dann "endlos die Zeit dehnt und den To...n". Der Tod, der den Tod dehnt - das fänd ich unfreiwillig komisch. Soweit zu meiner Lesart.
    Ich finde deinen Gedanken sehr passend, den Tod als den König in den Laken zu lesen.
    Das ist ein sehr schönes Bild. Ich selbst hatte das so leider nicht bedacht.
    Bei mir ist der Sterbende in den Laken der verbliebene König. Diese Königsmetapher war für mich die Unbeschwertheit und Glückseligkeit (der Jugend/ der Vergangenheit). Mit dem Tod dieses geliebten Menschen verliert der Protagonist seine Unbeschwertheit und Glückseligkeit, er ist also nicht mehr der König, der er zusammen mit dem Sterbenden war.
    Der Sterbende hingegen durchläuft im Sterben diese glücklichen Erinnerungen (man sagt ja, das ganze Leben zieht im letzten Moment an einem vorbei). Der Sterbende bleibt also in diesem letzten Moment unbeschwert, eben der König von früher (dazu passend auch die sich lösenden Knoten).
    Dieser glückselige Moment wird nun in die Unendlichkeit ausgedehnt, dargestellt durch die Nulllinie, den anhaltenden Piepton.
    Wenn ich es so aber erklären muss, hab ich es wohl nicht gut genug umgesetzt^^
    Ich merke das bei meinen Wettbewerbstexten leider immer wieder, sie sind nicht völlig durchdacht, ich glaub, die Zeit oder die Wettbewerbssituation sind nicht gut für mich Oft sitze ich deutlich länger an einem Text als in dieser Situation^^.

    Klar, ich weise ja auch nur darauf hin. Dir und mir sollten meiner Meinung nach hier unbedingt die gleiche Betonungsintensität haben. Was ich meine, ist, dass die Betonung auf mir durch den metrischen Zwang und den Reimdruck auf -ich unterdrückt wird.
    Ja, ich wollte da nur gar nicht die gleiche Intensität haben. In einer ersten Version stand "mir" vor "dir", ich habe aber gemerkt, dass "dir" mir wichtiger ist. Denn am "dir" hängt alles für den Protagonisten (ohne es ist er eben auch kein König mehr).
    Durch die Nähe zum starken Reimwort "glich" am Ende, hatte ich gehofft, das "mir" weiter abschwächen zu können.
    Unglücklich natürlich für diesen Wunsch unterschiedlicher Intensität, dass "dir" und "mir" sich ebenfalls reimen


    Danke nochmal für deine Meldung!
    LG AC
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  7. #7
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    Zitat Zitat von Anti Chris. Beitrag anzeigen
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    Klemmbretter sinken herab. Knoten entwirren sich froh.
    Einer alleine bleibt König in Laken, in kalten und weißen,
    dehnt er doch endlos die Zeit, dehnt er doch endlos den To...
    Grüße,

    ein Gedicht, was starke Metaphern besitzt, ebenfalls, die nicht einfache Metrik die brilliert, sowie die Fantasie.

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