1. #1
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    Ich trage diesen Augenblick

    Betrachte ich die Gipfel als die Enden dieser Welt,
    dann fällt der Schnee nur einen Meter, bis ihn jemand hält:
    Die Flocken springen auf den Gipfel, er trägt auch einen Hut,
    und wer auf ihm nicht landen will, der hat wohl keinen Mut.

    Die Diskretion kann nur der Baum mit seinem Röckchen sein,
    der Wald wirkt wie ein Bart des Bergs im Anbeginn der Welt;
    er trägt den Schal aus Stille, wie der Mond den Sehnsuchtsschein,
    die Sterne sind ein Muttermal im weiten Himmelszelt.

    Auch baut der Schnee mit seinen Kindern die Burgen auf die Sterne,
    die fern im Horizont entstehn, ich will sie wiedersehn!
    Ich bin ein kleiner Teil davon, verwachse mit der Ferne,
    ich stell mir vor, weit fort zu sein, nie wieder will ich gehn.

    Ich trage diesen Augenblick respektvoll in der Hand
    und lege ihn ins Licht der Welt als Stern in diesem Land.
    Geändert von Eisenvorhang (25.02.2020 um 17:07 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Eisenvorhang,

    Zitat Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
    Betrachte ich die Gipfel als die Enden dieser Welt,
    dann fällt der Schnee nur einen Meter, bis ihn jemand hält:
    Eine etwas seltsame Vorstellung, die Welt an den Gipfeln enden zu lassen.
    Damit schließt du ja den Himmel ganz aus.

    Zitat Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
    Die Flocken springen auf den Gipfel, er trägt auch einen Hut,
    und wer auf ihm nicht landen will, der hat wohl keinen Mut.
    Springende Flocken sind ein eher ungewöhnliches Bild, mit dem Hut ist wohl die Schneekappe gemeint.
    Geht es in der zweiten Zeile um mutlose Schneeflocken? Wovor haben die Angst?
    Beim Fallschirmspringen ist ja eher der Absprung der Moment, der Mut erfordert.

    Zitat Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
    Die Diskretion kann nur der Baum mit seinem Röckchen sein,
    So wie es da steht wirkt es eher kryptisch, wobei du ja einfach meinst, dass ein Baum mit (Schnee-)Röckchen diskret aussieht, weil er sich etwas übergezogen hat, oder?

    Zitat Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
    der Wald wirkt wie ein Bart des Bergs im Anbeginn der Welt;
    ist wie ein Schal aus Stille, wie ein zarter Mondenschein,
    die Sterne sind ein Muttermal im weiten Himmelszelt.
    Die Sterne sind EIN Muttermal? Wobei ich den Vergleich Sterne/Muttermale generell nicht passend finde, weil Muttermale oft gar nicht so klein sind sind und selten sehr zahlreich auftreten.
    Da würden eher Sommersprossen bemühen, wenn nicht Winter wäre.

    Zitat Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
    Auch baut der Schnee mit seinen Kindern die Burgen auf die Sterne,
    die fern im Horizont entstehn, ich will sie wiedersehn!
    Die Kinder des Schnees sind die Schneeflocken, nehme ich an. Wenn ich bei Schneefall in der Nacht zum Horizont schaue, sehe ich Schneeflocken und Sterne. Selbst wenn jemand ganz einschneit, also der Schnee die Sterne verdeckt, dann baut der Schnee Burgen VOR die Sterne, aber doch nicht AUF ihnen.
    IM Horizont ist eine seltsame Formulierung. In der ganzen Strophe ist mir überhaupt nicht klar, was da gerade genau passiert.

    Zitat Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
    Ich bin ein kleiner Teil davon, verwachse mit der Ferne,
    ich stell mir vor, weit fort zu sein, nie wieder will ich gehn.

    Ich trage diesen Augenblick respektvoll in der Hand
    und lege ihn ins Licht der Welt als Stern in diesem Land.
    Die letzten beiden Zeilen überfordern mich etwas.
    Du hältst also den Augenblick in der Hand. Legst ihn als Stern ins Licht der Welt.
    Bezieht sich das "in diesem Land" auf den Stern? Was ist jetzt genau das Licht der Welt? Die Milchstraße?
    War nicht gerade alles zugeschneit?

    Ich sehe eine romantische, eingeschneite Berglandschaft, die beim lyrischen Ich ein Eins-sein mit der Natur bzw. der Welt auslöst.
    Vielleicht verstehe ich die von dir gewählten Bilder nicht richtig, doch der Text kann das für mein Empfinden nicht angemessen transportieren.

    Wenn du magst, kannst du ja mal was dazu schreiben.
    Ich finde es bei denen, die einen anderen Stil haben, immer ganz interessant zu erfahren, was sie sich dabei gedacht haben.

    Gruß,
    leuchtendgrau

  3. #3
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    Hi,

    mit Freude las ich deinen Kommentar.

    vlg

    EV

  4. #4
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    Hallo, Eisenvorhang,

    dein Gedicht gefällt mir sehr, und ich kann mir viel darunter vorstellen, auch wenn ich es niemals so schön wiedergeben könnte! Ich bewundere deine Metaphern, die spielerische Leichtigkeit und gleichzeitig die Inhaltsschwere.

    Ich sehe auch den Himmel über den Gipfeln, wenn hinter ihnen nichts mehr sein sollte. Den Schnee als Ganzes mit den Händen auffangen und halten finde ich eine schöne Vorstellung. „Die Flocken springen“ ist für mich die gesteigerte und auch heitere Form von „wirbeln“.

    Bei der Diskretion des Baumes kann ich mir nur vorstellen, dass er das einzige Diskrete in diesem Bild ist – alles andere ist pure Lebensfreude, offen zur Schau getragen.

    Wunderschön:
    der Wald wirkt wie ein Bart des Bergs im Anbeginn der Welt;
    ist wie ein Schal aus Stille, wie ein zarter Mondenschein,
    Wenn sich der Schnee auf den Bergspitzen türmt, kann ich dies, mit etwas Phantasie, als Burgen auf den Sternen sehen. Irgendwie sieht mir vieles in deinem Gedicht nach der Phantasie eines Kindes aus oder für Kinder/ein Kind geschrieben – einfach schön!

    Dann schließlich, sich vorzustellen, gehen zu müssen, aber da bleiben zu wollen, mit all dem zu verschmelzen, es sogar huldvoll in der Hand zu halten und nachher zwischen die Sterne abzulegen, um das Licht in der Welt zu vermehren, … nochmal: schön!

    Ich vermute, du sprichst über ein fremdes Land. -

    Dein Gedicht beeindruckt mich sehr! (das sieht man wohl )

    Gruß, Hoya
    Geändert von Hoya (18.02.2020 um 16:15 Uhr)
    "Wenn man das Leben nur auf eine Art betrachtet, gibt es immer einen Grund zur Sorge." Elizabeth Bowen

  5. #5
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    Hallo Hoya,

    ich danke Dir sehr für Deine Zeilen und freue mich riesig über Deine mir geschenkten Worte.

    Wegen der Diskretion des Baumes: Jeder Mensch besitzt eine andere Wahrnehmung.
    Wenn ich bei mir durch die hiesigen Wälder laufe, fällt mir nie, trotz der Opulenz des Waldes, auf, dass er je irgendwie hätte aufdringlich sein können.
    Entweder wirkt der Wald oder auch nur der einzelne Baum im Wald erhaben oder schüchtern. So, als würde er die Geheimnisse der Jahrhunderte in sich tragen. Genauso wie in Strophe eins die Erhabenheit der Berge angesprochen wird.

    Und ja, ich experimentiere in letzter Zeit viel mit meiner Sprache und das bereitet mir große Freude. Dass dem nicht jeder etwas abgewinnen kann, weiß ich -
    umso mehr erfreut es mich, wenn es zu goutieren weiß.

    Danke!

    vlg

    EV
    Geändert von Eisenvorhang (18.02.2020 um 18:39 Uhr)

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