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  1. #16
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    Dieses Gedicht von Goethe wurde viele Male ins Russische übersetzt, aber ich meine, dass die Übers etzung von M. Lermontow, die beste in der russischen Sprache ist und in Russland nicht weniger bekannt und beliebt ist als das Original von Goethe auf Deutsch.

    Wörtliche Übersetzung von Lermontow:

    Berggipfeln
    Sie schlafen in der Dunkelheit der Nacht;
    Ruhige Täler
    Voller frischer Dunst;
    Der Weg staubt nicht
    Blätter zittern nicht ...
    Warte ein bisschen,
    Du wirst dich auch ausruhen.

    (1840 im Alter von 26 Jahren)

    Lermontows Gedicht heißt "Aus /den Gedichten von/ Goethe", obwohl von den acht Zeilen nur die ersten und die letzten in seiner Interpretation dem deutschen Dichter gehören, die anderen Zeilen Lermontows Improvisation koennen sehr bedingt als Übersetzung genannt werden. Lermontows Interpretation über die Ruhe der Natur spielt sich in einem völlig ruhigen, gleichmäßigen Ton ab, ohne ein dramatisches Ende vorherzusagen. Und wenn der letzte Satz kommt, scheint er an den Gesprächspartner gerichtet zu sein, der die ganze Zeit geschwiegen hat und Ruhe und Erholung braucht. Die Spannung, die im ursprünglichen Goethes Variante bereits aus der zweiten Zeile gespürt wird, tritt bei Lermontow erst am Ende wie ein unvorbereitetes Schlagen auf. Und der Leser solte dringend eine Erklärung für das unerwartete Ende finden.
    Lermontow sieht Berge aus der Ferne, und geht einen Weg entlang. Im Gegensatz zu Goethe gibt er zu jedem Bild eine Beschreibung. Seine Berge schlafen, die Täler sind voll von frischem Nebel und Stille, der Weg staubt nicht, die Baumblätter zittern nicht. Es scheint, dass all diese Beschreibungen nicht besonders bedeutend sind, aber wir können diese Zeilen nicht ohne Aufregung lesen, sie enthalten so viel Musik.
    Das Thema der Todesbefreiung ist für Lermontow in seinem ganzen Schaffen sehr charakteristisch, von Anfang an bis zu seinem Tod nach dem Duell ein Jahr spaeter, nachdem er "Aus /den Gedichten von/ Goethe" geschrieben hat. Und hier kann man sich an sein anderes Gedicht erinnern, das er kurz vor seinem Tod geschrieben hat. Der Anfang dieses Gedichtes von Lermontow wird überraschenderweise von den “Über allen Gipfeln” des deutschen Dichters wiederholt. Damit erreicht die Beschreibung der Nacht und die Sehnsucht nach ewiger Ruhe in Lermontows Gedicht künstlerische Höhe. Unten steht dieses Meisterwerk von Lermontow:

    * * *

    Einsam tret ich auf den Weg, den leeren,
    Der durch Nebel leise schimmernd bricht;
    Seh die Leere still mit Gott verkehren
    Und wie jeder Stern mit Sternen spricht.
    Feierliches Wunder: hingeruhte
    Erde in der Himmel Herrlichkeit…
    Ach, warum ist mir so schwer zumute?
    Was erwart ich denn? Was tut mir leid?
    Nichts hab ich vom Leben zu verlangen
    Und Vergangenes bereu ich nicht:
    Freiheit soll und Friede mich umfangen
    Im Vergessen, das der Schlaf verspricht.
    Aber nicht der kalte Schlaf im Grabe.
    Schlafen möcht ich so jahrhundertlang,
    Dass ich alle Kräfte in mir habe
    Und in ruhiger Brust des Atems Gang.
    Dass mir Tag und Nacht die süße, kühne
    Stimme sänge, die aus Liebe steigt,
    Und ich wüsste, wie die immergrüne
    Eiche flüstert, düster hergeneigt.

    Michail Jurjewitsch Lermontow
    Übersetzt 1919 von Rainer Maria Rilke (1875-1926)

  2. #17
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    In den Kommentaren zu diesem Artikel wurde die Frage, ob Goethe "ewigen Ruhe" im Sinn hatte, wenn er von Ruhe sprach, ausführlich erörtert. Es wurde geglaubt (wenn ja), dass es eine tiefe, ursprüngliche poetische Entscheidung war. Aber wie originell? Ein Hinweis darauf, dass das Ende des Lebens dem Ende der Weg ähnlich ist - dies könnte die älteste poetische Allegorie sein.
    Hier ist ein Beispiel persischer Dichter, die der alte Goethe bewunderte:
    "Der Weg endet bereits
    Jeden Tag ist ein Faden kürzer als das Leben ... ";
    (Omar Khayyam, 1048–1131)
    Und Dante Alighieri (1265-1321) beginnt die „Göttliche Komödie“ mit einer göttlichen Melodie:
    "Nel mezzo del cammin di nostra vita ..."(Auf halbem Weg unseres Lebens)
    Dichter haben immer den Weg, Jahr (Herbst, Winter), Tag (Sonnenuntergang, Abend, Nacht) als
    Allegorie des Lebens benutzt.

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