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  1. #1
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    Goethes Gipfeln

    Über allen Gipfeln
    Ist Ruh,
    In allen Wipfeln
    Spürest du
    Kaum einen Hauch;
    Die Vögelein schweigen im Walde.
    Warte nur, balde
    Ruhest du auch.

    Goethe schrieb dieses Gedicht im September 1780 während eines Spaziergangs zu einem Jagdschloss auf einen Berg. Acht Zeilen sind seitdem das bekannteste deutsche lyrische Gedicht nicht nur in Deutschland sondern auch in der ganzen Welt geworden.
    Aber was ist das Geheimnis dieses absichtlich minimalistischen Textes, in dem es keine Details, keine Handlungen, keine Beinamen, keine Metaphern gibt?
    Kommentatoren behaupten, Goethe führte ein klares System in die Konstruktion des Gedichts ein. Er verlagerte den Fokus der Aufmerksamkeit von unbelebter Natur zu Pflanzen, Tieren und Menschen. Das ist, was sie das Genie dieser Arbeit nennen. Sie erklären, dass Goethe "die von ihm gehörten Geräusche mit visuellen Empfindungen verbindet". Es ist jedoch nicht klar, um welche visuellen Empfindungen es sich handelt: Ruhe ist unmöglich zu sehen (nicht umsonst schreibt Goethe absolut genau: nicht “du siehst“, sondern “du spürst“). Und der Dichter empfindet diese absolute Stille, wie es mir scheint, nach Gehör, da sein Blick auf den Jagdweg gerichtet ist, den er geht.
    Bei der Analyse dieses Gedichts von Goethe wird normalerweise festgestellt, dass es in Zeilen mit einer unterschiedlichen Anzahl von Silben geschrieben ist. Aber Kommentatoren erklären nicht, warum der Dichter diese Form des Gedichts gewählt hat. Dies scheint mir eines der Geheimnisse der Wirkung des Werkes auf den Leser zu sein, indem das Entsprechen von Form und Inhalt bei der Beschreibung des Zustandes der Natur und des Menschen absichtlich gestoert wird. Warum bricht ganz am Anfang die zweite Zeile nach dem breiten Atems der ersten Zeile? Das selbe gilt für die weiter stehenden Zeilen. Lange Zeilen beschreiben die Ruhe der Natur, kurze Zeilen unterbrechen die Sprache, als ob der Sprecher außer Atem wäre. Und das geht so weiter, bis in den letzten beiden Zeilen klar wird, dass er wirklich eine Ruhe braucht, obwohl noch kein Wort über seinen Zustand gesagt wurde.
    Berücksichtigen wir (aber keiner der Kommentatoren schreibt darüber!), dass sich die letzte Zeile aus den Endungen der vorhergehenden Zeilen 2, 4 und 5 zusammensetzt (Ruh - est du - auch), so liegt die gegenteilige Schlussfolgerung auf der Hand: Dies ist nur möglich, wenn der Dichter ein Gedicht mit dem in dieser Situation ganz natürlichen Satz „balde ruhest du auch. Das heißt, Goethe geht "von unten nach oben" - in die Berge. Das alles ist die Höhe der poetischen Virtuosität und sogar spontan!
    Goethes Gedicht ist erstaunlich musikalisch. Das Singen eines aus "gemischten" Zeilen bestehenden Textes ist jedoch unbequem, und die Romanzen sogar von so großen Komponisten wie Schubert, Liszt und Schumann erscheinen mir für diesen Text von Goethe etwas zu lange und sentimental.
    Es ist interessant, wie Kommentatoren das Ende des Gedichts unterschiedlich interpretieren. Einige von ihnen denken, dass Goethe "ewige Ruhe" meint, und begründen ihre Interpretation damit, dass Goethe in diesen Jahren über Arbeitsüberlastung klagte und sagte, ein solches Leben sei schlimmer als der Tod. Aber das ist nichts anderes als eine Übertreibung.
    Dieses Gedicht wurde 1815 im ersten Band von Goethes Schriften unter der Überschrift "Ein Gleiches" veröffentlicht, als die zweite Nummer nach "Wanderers Nachtlied" (1776), als ob er dem zweiten Gedicht den gleichen Namen gab und einige Kommentatoren meinen, dass es abends passiert, aber nicht nachts. Aber es ist unwahrscheinlich, dass Goethe in der Abenddämmerung auf einen hohen Berg steigt. In der Zwischenzeit gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass die Handlungszeit des ersten Gedichts dem zweiten gleich bleibt.
    Ich würde mich freuen zu wissen, ob jemand dieses Gedicht so interpretiert hat wie ich und wo ich es im Internet nachlesen kann.
    Adolf Goman

  2. #2
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    Überarbeitet:

    Grüße,

    hatte gestern weniger Zeit, heute eine Ergänzung.

    Ja, ich hatte mir deine Erklärung durchgelesen und natürlich die Fragen dazu analysiert. Und konnte auf Anhieb keine Erklärung finden, nicht die Spur. Dann fiel mir der Zeitrahmen und Ort nochmals ins Bewusstsein.

    Und plötzlich hatte ich die Eingebung.


    Es war September, also Herbst. Wenn’s auf Ende September hingeht, zum Oktober, da kannst schon den ersten Frost gegeben haben.

    Früher war das so! Und Jagdschloss auf den Berg, unterstreicht diese Vermutung, da mit zunehmendem Höhenunterschied die Temperatur sowieso fällt.

    Und Goethes Gedicht:


    Über allen Gipfeln
    Ist Ruh,
    In allen Wipfeln
    Spürest du
    Kaum einen Hauch;
    Die Vögelein schweigen im Walde.
    Warte nur, balde
    Ruhest du auch.


    Ist eigentlich sehr karg, die üblichen Metaphern sind nicht ersichtlich. Aber, mein Denken, die Ruhe, wird in allen Teilen angesprochen:

    1 Über allen Gipfeln
    Ist Ruh,

    2 In allen Wipfeln
    Spürest du
    Kaum einen Hauch;

    3 Die Vögelein schweigen im Walde.

    4 Warte nur, balde
    Ruhest du auch.

    Wobei der Letze Hinweis mehrdeutig ist:

    1 Richtung Natur, Herbst/Winter-Ruhe (Das Gezwitscher von Frühling-Sommer ist verebbt.

    2. Richtung Eigenbescheinigung, eine Selbsteinschätzung zu seinem Physisch/Psychischen Zustand Das Erkennen seiner biologischen Grenze.

    Ok, das wars.

    Achso, also waren alle Hinweise doch eine Metapher, Gemüts_Metapher, wenns so was gibt. (Situations-Metapher)
    Geändert von horstgrosse2 (19.02.2020 um 16:23 Uhr) Grund: überarbeitet.

  3. #3
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    Hallo Adolf,

    was dem Goethe dabei durch den Kopf ging, da werden sich die Geister wohl ewig scheiden.

    "Auf dem Gickelhahn, dem höchsten Berg des Reviers, den man in einer klingernden Sprache Alecktrüogallonax nennen könnte, hab ich mich gebettet, um dem Wuste des Städtgens, den Klagen, den Verlangen, der unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen."

    (Goethe am 06.09.1780 im Brief an Charlotte von Stein )
    Gickelhahn - heute Kickelhahn

    Goethe überlas diese wenigen Verse und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: >Ja warte nur balde ruhest du auch!<, schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald, und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: >Nun wollen wir wieder gehen.<" (Zit. n. Wulf Segebrecht: Johann Wolfgang Goethes Gedicht "Über allen Gipfeln ist Ruh" und seine Folgen. Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik [Reihe Hanser. Literatur- Kommentare; 11] München: Carl Hanser 1978, S. 37f. Über den "Kult des Ortes" S. 34-45.)

    Schilderung von J.C. Mahr, Ilmenauer Freund von Goethe, nach dem letzten Besuch des Goethehäuschens auf dem Gipfel des Kickelhahns, in dem er des öfteren nächtigte. Ich ziehe durchaus in Betracht, dass das Gedicht eine einzige Metapher für den nahenden Tod ist, auch wenn es selbst keine Metaphern enthält. Letztendlich bleibt es ungeklärt. Macht denn nicht diese Möglichkeit das Gedicht erst so spannend, wenn doch die so einfach nahende Nacht eigentlich zu banal ist? Der Zweifel ist der Zauber dieses Werks.

    VG Uwe
    Geändert von Arkadier (19.02.2020 um 20:27 Uhr)
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  4. #4
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    Hallo Ihr,

    Um dieses Gedicht zu verstehen, muss man wissen, dass Goethe Zeit Lebens Pantheist war. Die Natur war für ihn göttlich und ihre Ordnung war Teil der göttlichen Ordnung. Jener Ordnung und Stufung wird das schauende Ich in den auf dem Kickelhahn in der Nähe von Ilmenau geschriebenen Versen gewahr: Von der unbelebten Natur (Gipfel) über die Pflanzen- (Wipfel) und Tierwelt (Vögel) wendet sich die Betrachtung dem eigenen Selbst zu, das mit in diese große Ordnung gehört und sich selbst in diese stellt.Das menschliche Herz, schreibt Goethe 1784,
    ist nur die jüngste, mannigfaltigste, beweglichsten, veränderlichsten, und erschütterlichsten Teiles der Schöpfung,
    einer Schöpfung, die aber nicht, aus den Händen des Schöpfers entlassen, bloßes Produkt ist, sondern selbst göttlich und produktiv. Indem der abendliche Blick des Selbst sich diese Ordnung, in die es selbst gehört, buchstäblich vor Augen führt, verbindet es sich neu mit ihr und findet zur Ruhe, von der das Gedicht spricht: „Warte nur, balde ruhest Du auch.“
    In diesen Versen wird natürlich auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod angedeutet. Wenn aber alles göttlich ist, kann der Tod keine Vernichtung und keine Drohung sein, sondern nur Umgestaltung und Wandel. Ein Wandel, wie er im Gedicht sich vom Tag zur Nacht vollzieht. Wie ein ewiges Versprechen stehen die Gipfel und Wälder vor dem einsamen Betrachter, der sich auch in dieser Hinsicht beruhigen darf.
    Die große Kunst dieses kleinen Gedichts liegt darin, diese recht komplexen philosophischen Gedanken, diese Antwort auf die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ in ganz einfache Strophen zu kleiden, hinter denen man auf den ersten Blick gar nicht viel vermuten möchte.
    Um besser begreiflich zu machen, wie Goethe denkt und empfindet, sei es gestattet „Über allen Gipfeln" mit dem rund 120 Jahre jüngeren "Herbsttag" von Rilke zu kontrastieren.

    Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
    Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
    und auf den Fluren laß die Winde los.

    Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
    gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
    dränge sie zur Vollendung hin und jage
    die letzte Süße in den schweren Wein.

    Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
    Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
    wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
    und wird in den Alleen hin und her
    unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
    In Rilkes Gedicht wird Gott, „der Herr“, sogar direkt angeredet, aber die Menschen sind aus der von ihm bewirkten Vollkommenheit und Vollendung dieses schönen Herbsttags herausgefallen. Sie sind allein, an der lebendigen göttlich-natürlichen Ordnung haben sie, anders als bei Goethe, keinen Teil mehr. Ihre Sache ist auf Ruin gestellt (Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr). Ihnen wird die Zeit knapp, denn der Herbst ist nurmehr die Vorstufe zur Todesstarre des Winters. Unbehaust, ratlos und verloren haben Rilkes Menschen allen Grund, unruhig zu sein. Ihnen mangelt also genau das, was Goethe 120 Jahre zuvor noch in ebenso schönen wie klaren Versen verkündet hat, Das Aufgehobensein in Gott und in einer göttlich erschauten Natur,

    Was also ist in diesen 120 Jahren bloß passiert?

    So dacht ich

    Onegin
    Geändert von Onegin (22.02.2020 um 00:15 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  5. #5
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    Hallo Adolf,
    Goethes Gedicht, auf ein Brett in einer Hütte auf dem Kickelhahn gekritzelt, gehört zu meinen liebsten.
    Es gehört, wie ich meine, zu den wenigen, die kaum in andere Sprachen übersetzbar sind, bzw. "verlieren" bei Übersetzungen ihren Sinngehalt.
    Ich unternehme es nicht, den hunderten Interpretationen eine neue hinzu zu fügen. Aber ich denke, es lohnt sich für jeden Schreiberling mal darauf zu achten, wie Goethe ein allumfassendes Thema gestaltet. Folgen wir seinen Gedanken auf der Basis seiner Worte, wird das (so geht es mir jedenfalls) erheblichen Einfluss auf das eigene Schreiben haben.

    Über allen Gipfeln
    Ist Ruh,
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    Kaum einen Hauch;
    Die Vögelein schweigen im Walde.
    Warte nur, balde
    Ruhest du auch.

    Sicher sind den meisten von Euch die Interpretationen von der unbelebten zur belebten Natur, der Hinwendung zum Menschen und zu dessen Innersten bekannt. Daran knüpfen sich dann tiefsinnige Äußerungen zum seelischen Zustand des Dichters ("Warte nur, balde/ruhest du auch") - wer käme da, angesichts der Tatsache, dass Goethe sich seiner Sterblichkeit bewusst war, nicht auf den Gedanken, das Gedicht sei sozusagen Ausdruck seiner Todesahnung? Ich werfe da ein Argument ein, das dieser Interpretation widerspricht. G. schrieb dieses Gedicht am 6.9.1780, da waren es bis zu seinem Tod noch über 50 Jahre (mit anderen Worten: Er war gerade mal 31 Jahre alt.
    Was mich fasziniert (und ich werde zwei Beispiele angeben, die meine "Erkenntnis" untermauern), ist die Abfolge der "Bilder" in seinen Gedichten.
    Beim "Wanderers Nachtlied" haben wir es schriftlich: Gipfeln - der Blick geht hinauf, weilt - "ist Ruh" - auf den Bergriesen, wendet sich dann nach "unten" zu den Wipfeln (Bemerkungen zu der Reimkunst Goethes lass ich mal außen vor) der Bäume, in denen kaum ein Hauch zu spüren ist. In den Bäumen sind die Vögelein (auch hier gibt es Diskussionen, ob zuerst nur "Vögel" oder "Vöglein" geschrieben stand), und diese Vögelein schweigen im Walde (die Summe der Wipfel lassen haarscharf auf Wald schließen). Die Ruhe und das Schweigen der gefiederten Sänger bringen den Menschen zum Innehalten und auf das allgegenwärtige "Memento mori", das Gedenken an den Tod ohne Todesangst oder Todesahnung, sondern an die Selbstverständlichkeit, dass unser Leben endlich ist.
    Die beiden angekündigten Beispiele entnehme ich zwei großartigen Gedichten Goethes: 1. Prometheus, 2. Mahomets Gesang. Ohne lehrerhaft wirken zu wollen: Folgt mal mit Euren Augen den Bildern, die Goethe "malt".

    1. Prometheus

    Bedecke deinen Himmel, Zeus,
    Mit Wolkendunst,
    Und übe, dem Knaben gleich,
    Der Disteln köpft,
    An Eichen dich und Bergeshöhn;
    Müsst mir meine Erde
    Doch lassen stehn,
    Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
    Und meinen Herd,
    Um dessen Glut
    Du mich beneidest.

    Himmel - weit oben
    Zeus - darüber (herrschend)
    Wolkendunst - zwischen Himmel und Erde
    Knabe - Blick abrupt nach unten
    Disteln - noch ein bisschen tiefer
    Eichen -Blick noch oben
    Bergeshöhn - noch höher
    Erde - allumfassend
    Hütte - Detail auf der Erde
    Herd - in der Hütte
    Glut - im Herd

    2. Mahomets Gesang

    Seht den Felsenquell,
    Freudehell,
    Wie ein Sternenblick;
    Über Wolken
    Nährten seine Jugend
    Gute Geister
    Zwischen Klippen im Gebüsch.
    Jünglingsfrisch
    Tanzt er aus der Wolke
    Auf die Marmorfelsen nieder,
    Jauchzet wieder
    Nach dem Himmel.


    Ich denke, ich muss nicht erläutern, wie kunstvoll Goethe unsere Blicke lenkt (hinauf, hinunter - wieder hinauf und wieder runter = so "tanzt" das Wasser eines Felsenquells.
    Besser geht es nicht, aber man kann daraus etwas lernen.

    Liebe Grüße,
    Festival (und Goethe-Fan aus Überzeugung)

  6. #6
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    hallo

    ich weiß nicht ob Goethe das gedicht überhaupt einem Menschen und dessen Lebenszeit gewidmet hat, durch die Tatsache dass er es auf holz schrieb, bekomme ich eher den eindruck, dass er es dem holz (Baum, Wald) selbst gewidmet haben könnte? sonst hätte er ja papier nehmen können...warum also macht er sich die mühe etwas auf holz zu gravieren? vor allem auf totes holz, um ihm zu sagen dass es bald ruht?
    eventuell stellte er mensch und baum gleich, denn sobald ein mensch stirbt braucht es holz für einen sarg, was ganz allgemein betrachtet eine Tatsache ist (neben feuer- und seebeisetzung)
    aber es ist ohne frage ein wunderschönes kurzes gedicht, das tatsächlich viele wege der eigenen Interpretation offen lässt, das ist klasse

    lg mythenfreund
    Geändert von Mythenfreund (03.03.2020 um 20:47 Uhr)
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  7. #7
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    Hallo Mythenfreund,
    Goethe hat "Wanderers Nachtlied" auf eine Bretterwand geschrieben - bis zu diesem Punkt sind wir uns einig. Wenn ich mit verschiedene Orte ansehe, wo Touristen unterwegs sind, entecke ich auch auf Bretterwänden, Mauern und sonstwo allerlei Inschriften (und wenn da auch nur steht "ich war hier"), mit denen da irgendetwas markiert wird. Dass es Goethe am Herzen lag, dass dieses Gedicht für Besucher leserlich blieb, beweist die Tatsache, dass er es selber oder durch andere "erneuerte" oder erneuern ließ. Irgendein Bewunderer Goethes hat es sogar versucht, das ganze Ding heraus zu sägen. Dass G. da etwas aus symbolischen Gründen auf totes Holz geschrieben hat, scheint mir sehr weit hergeholt. Wenn er seine Gedichte (oder anderes ) auf Papier (das zu großen Teilen aus der Jenaer Papiermühle stammte) geschrieben hat oder hat schreiben lassen, dann hat er das bestimmt nicht mit dem Hintergedanken getan, er schriebe auf einem Endprodukt von totem Holz. (So nebenbei: Die Papiermühle am Stadtrand von Jena in Richtung Weimar ist heute eine hervorragende Gaststätte). Dass der Mensch, der stirbt, zwangsläufig einen Sarg braucht, ist nicht richtig. Goethe, ja, der hatte (und hat) einen hölzernen Sarg. Sein Freund Schiller nicht. Zwar steht auf einem Podest neben Goethes Sarg ein zweiter mit der Aufschrift "Schiller", nur - der gute Fritz war eine Leiche von vielen und seine Überreste sind nicht auffindbar. Die meisten meiner Freunde und Verwandten fanden ihre letzte Ruhe (der Euphemismus sei mir erlaubt) in einer Urne und Millionen von Menschen wurden ohne großes Aufheben verscharrt.
    Der Holzverbrauch "damals" sollte größer sein als heute? Willst Du mich veräppeln?
    Gruß,
    Festival

  8. #8
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    Der Holzverbrauch "damals" sollte größer sein als heute? Willst Du mich veräppeln?
    nein wollte ich nicht, die Äußerung war von mir sehr unbedacht in hinsicht auf heutiges Waldsterben durch die Industrie, mein fehler
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  9. #9
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    Hallo Mythenfreund,
    einen Fehler kann man verzeihen. Wie wäre es mit dem zweiten (interpretations-) Fehler - die Kritzelei auf "totem Holz"?
    Festival

  10. #10
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    hallo Festival

    Wie wäre es mit dem zweiten (interpretations-) Fehler - die Kritzelei auf "totem Holz"?
    ich sehe keine Berechtigung dazu es einen fehler zu nennen, wenn es eine Interpretation ist und "kritzelei" legt mir schon abwertigkeit in den mund, habe ich aber so nie gesagt, ich sagte er schrieb es auf totes holz
    mythenfreund
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  11. #11
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    die "Kritzelei" ist keineswegs despektierlich. Es gibt Fotos aus dem 19ten Jahrhundert vom Original des Gedichts. Schau es Dir mal an und Du wirst bestätigen, dass Goethe auf die Bretterwand klein und eng, in unregelmäßigen Schriftzügen geschrieben (eben "gekritzelt") hat.
    H.
    Geändert von Festival (04.03.2020 um 15:25 Uhr)

  12. #12
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    Hallo Festival,

    Ich werfe da ein Argument ein, das dieser Interpretation widerspricht. G. schrieb dieses Gedicht am 6.9.1780, da waren es bis zu seinem Tod noch über 50 Jahre (mit anderen Worten: Er war gerade mal 31 Jahre alt.
    Dass sich Goethe mit dem eigenen Tod sogar schon vor 1780 auseinandergesetzt hat, lässt sich in den Werther-Briefen nachvollziehen. Sich am Ende seines Lebens zu wähnen, ist grundsätzlich nicht vom Lebensalter abhängig. Von daher halte ich es für ein sehr schwaches Argument.
    Ich verstehe sowieso nicht, warum die Interpretation Todesnähe so abwegig sein soll, da dieses Gedicht offenbar bei nicht wenigen Menschen diese Ahnung aufkommen lässt. Ich hatte in meinem ersten Post die Tränen des alten Goethe beim Lesen dieser nun schon betagten Schrift erwähnt. Er wird sie doch nicht wegen seiner wonnigen Naturbeobachtung vergossen haben. Für mich macht der interpretative Grenzgang das Gedicht erst so interessant, das beide Aspekte zulässt, die des gefühlten Moments zur Beendigung des Tages, wie auch des Bewußtmachens der Endlichkeit des Lebens. Letzteres strotzte dann nur so von sinnvoller Metapher.

    LG Uwe
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  13. #13
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    Lieber Uwe,
    ich gebe Dir in allem was Du sagst Recht. Ich möchte nur daran erinnern, dass die Ausblendung der Tatsache, dass unser Leben begrenzt ist und das Wissen um die Endlichkeit unseres irdischen Daseins zu Goethes Zeiten eine Selbstverständlichkeit war. Was ich auch aufzeigen wollte, war, dass die Gestaltung der Form bestimmten Regeln folgte.
    Liebe Grüße,
    Festival

  14. #14
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    Was ich auch aufzeigen wollte, war, dass die Gestaltung der Form bestimmten Regeln folgte.
    Sehe ich auch so, nur nicht den Verlauf des unbelebt zu belebt, sondern die Abwärtsbewegung in der Wertigkeit bzw Dauerhaftigkeit. Der Mensch an letzter Stelle, selbst nach der Vogelwelt weist für mich eine menschliche Unterwerfung gegenüber der Natur auf. Das passte auch zu Goethes Naturromantik.

    LG
    Geändert von Arkadier (04.03.2020 um 20:31 Uhr) Grund: blödschreib
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  15. #15
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    Dass sich Goethe mit dem eigenen Tod sogar schon vor 1780 auseinandergesetzt hat, lässt sich in den Werther-Briefen nachvollziehen
    das ist richtig, man muss nicht erst kurz vor dem Tod stehen um im leben bereits den Tod akzeptiert zu haben
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