1. #1
    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Fremdenliebe geht durch den Magen

    Als waschechter und tugendtreuer Schwabe war ich stets bemüht, mich in allen Fragen des kulturellen Lebens, am deutschen Reinheitsgebot zu orientieren. Dabei wurde ich von Haus aus durch mein äußeres Erscheinungsbild bestärkt, denn mit Gottes Gnaden, kam ich, trotz schwarzhaariger Großväter auf beiden Seiten, als auserlesene Promenadenmischung der Geschichte, blond und blauäugig auf eine Welt, die, meiner Meinung nach, am Wesen der Natur meiner Nation zu genesen hatte.
    Deshalb hielt ich es auch immer sehr streng mit den hiesigen Traditionen, welche, in meinen Augen, angesichts der immer größer werdenden fremden Einflüsse, wie eine Festung verteidigt werden sollten.

    So saß ich denn auch an diesem Sonntagnachmittag wieder, wie sich das so gehört, bei Kaffee und Kuchen und sann selbstzufrieden über die Vorzüge meiner arischen Blauadrigkeit und der damit in Verbindung gebrachten Errungenschaften, als ich plötzlich zurückschreckte, weil ich gerade dabei war mir die Zunge zu verbrennen. Entgegen meiner Gewohnheiten, hatte ich nämlich vergessen mein schwarzes Heißgetränk vorher mit weisser Dosenmilch zu vermischen, womit dieses die eher kühle Betriebstemperatur meines nordischen Seins über die Toleranzgrenzen hinaus überstieg – und so etwas konnte natürlich nicht gut gehen.

    Ich weiß auch nicht mehr ob es dem Hitzblitz dieses Lippenanschlags oder dem daraus folgenden ungefilterten Koffeineinfluss geschuldet war, aber mein angegriffenes deutsches Blut kam davon ins Wallen. Deshalb wollte ich der Sache sogleich auf ihren dunklen Grund gehen und dazu fühlte ich mich angehalten, die Ahnentafel meiner Kaffeetafel mit schwäbischer Genauigkeit zu untersuchen.
    Doch schon bei einer ersten oberflächlichen Prüfung musste ich mit Erschrecken feststellen, dass nicht eines der auf meinem Kaffeetisch feilgebotenen Gerichte dem deutschen Genussschutzgesetz entsprach.

    Mein Kaffee kam wohl urprünglich aus Äthiopien und egal wieviel Milch ich jetzt auch in den Sud goß, er wurde davon nicht weiß.
    Da wollte ich mich jetzt doch lieber einem saftigen Stück Schwarzwälder Kirschtorte zuwenden. Aber was zuvor stets Liebe auf den ersten Schnitt gewesen war, verkehrte sich jetzt ins Gegenteil, denn die negroiden Merkmale der Schockoladenseite meines Tortenstücks erregten Abscheu und Entsetzen in mir. Die prallen roten Kirschen erschienen mir wie die vollen Lippen einer dunklen Schönheit unter tiefschwarzen Bitterschokoladenraspeln, die mir jetzt wie eng gekräuseltes Haar anmuteten. Das ganze wurde vom köstlich kakaobraunen Anlitz des süßen Stückes dominiert. Auch meine Schwarzwälder Kirschtorte war wohl mit afrikanischem Kakaoblut getränkt und solch sinnliche Genüsse wollte ich mir deshalb von nun an verbieten.
    Ich versuchte mich damit zu trösten, dass der Schwarzwald sich ja nicht ganz in meiner Region befände – der lag ja doch schon viel eher in der Nähe des hoffnungslos vernegerten Frankreichs. Ich wandte mich deshalb lieber einer lokalen Spezialität zu und griff zu einer Schnitte Donauwellenkuchen, aber auch diese war von harmonisch geschwungenen Schockoladenlinien geprägt, weshalb ich den Kaffetisch frustiert verließ. Ich wollte vielmehr bereits ans Abendessen denken und da würde es unseren traditionnellen schwäbischen Kartoffelsalat geben. Aber dabei fiel mir ein, dass die Kartoffeln ja eigentlich aus Südamerika stammten und dass mein Kartoffelsalat, unter diesem Gesichtspunkt, ja gar nicht zu den bodenständigen Gerichten gezählt werden durfte.

    Ich wusste nicht mehr weiter und suchte Hilfe im Rezeptbuch auf Seiten meiner donauschwäbischen Vorfahren die es ja mit ihrer Schwabenidentität noch viel strenger hielten als die Daheimgebliebenen.
    Aber auch in meinen gefüllten Paprikas fand ich Reis aus Asien und Paprika den wohl erst die Türken mit ihren Feldzügen in die ungarischen Tiefebenen gebracht hatten – Pustzakuchen.

    Blieb mir nur noch, mich auf die Spezialität meines ehemaligen Heimatdorfes, das Hutzelbrot, zu fokalisieren, für das ich das Rezept leider nicht kannte, weil mir dieser rustikale Leckerbissen eigentlich noch nie so richtig gemundet hatte.
    Um hier etwas heimatlich authentisches zu bekommen, schlug ich ein altes Rezeptbuch von 1925 auf und musste mich erst einmal ärgern, dass auch dort, in gothischen Buchstaben, auf Seite 388, das Fremde dominierte. In unverschämter Weise stand über meinem ungeliebten Hutzelbrotrezept die Backanleitung für den Berches, ein jüdisches Brot das generell für Schabatt und jüdische Feiertage gebacken wird.

    Hmmm – da war wohl letztendlich nichts zu machen. Selbst die jüdische Esskultur hatte sich trotz allem in die deutsche Geschichte geflochten wie ein Hefezopf. Was solls dachte ich. Bei näherer Betrachtung nehmen viele jüdische Menschen ja auch manchmal Deutsches in den Mund, wenn sie Jiddisch sprechen. Das Ganze ist letztenlich wohl doch ein einziges Geben und Nehmen und die Erde ist und bleibt halt nun einmal rund. Worauf ich mich erneut wieder versöhnlich meiner Schwarzwälder Kirschtorte zuwandte und mir diesen Kompromiss am Ende gut schmecken ließ.
    Geändert von Frank Reich (23.02.2020 um 08:20 Uhr)

  2. #2
    popeye Guest
    Na, da darf man ja froh sein, dass der gute FrankReich mit seiner Ess-Kultur endlich dort angekommen ist, wohin ihm der Rest der Welt bereits seit ein paar hundert Jahren entflohen ist – heraus aus den miefigen Backstuben der vorindustriellen, immobilen Zeit hinein in die Aufklärung!

    Nichts gegen die Hausmannskost – sie nährt redlich, ist ziemlich klimaneutral und preiswert. Ihre Einnahme wurde und wird von der arbeitenden Bevölkerung nie als Highlight des Tages, sondern eher als zeitlich knapp begrenzte Unterbrechung von Arbeitsabläufen angesehen. Aber nicht nur die Vanilleschoten, der Rum, der Kaffee, die Bananen, der Pfeffer, der süße Rotwein, die Pizza, die Spaghetti, der Thunfisch, der Lachsersatz, das Fischstäbchen, die Schokolade, der Mais, die Erdäpfel oder die Pommes rot-weiß haben in den letzten paar hundert Jahren die „Deutsche“ Esskultur globalisiert.

    Wer außer in den täglichen Krimis und den „Kabaretten“ noch in den Kochsendungen der öffentlich-rechtlichen oder privaten Sender herumrührt, wird feststellen, dass die „heimische“ Küche auch dort längst mausetot ist. Die Tomaten, die Paprika, die Erdbeeren, die Bohnen und die Kartoffeln, die Omi uns daheim noch vereintopft, kommen aus Spanien, Marokko oder China – so wie das Corona-Virus, das sich gerade Eintritt in unsere kleinbürgerliche Welt verschafft.

    Sich darüber aufzuregen, macht wenig Sinn; an der Wirklichkeit lässt sich nicht vorbei schreiben. Vielleicht ist das der Grund, warum die meisten Laienschriftsteller ihre Verwandten und Bekannten mit Memoiren oder platten Sci-Fi-Geschichten traktieren?

    Jedenfalls, lieber FrankReich – die Erde war nie eine Scheibe. Sie ist auch nicht mehr so flach wie ein Blatt Pergamentpapier, auf das man seine Traktate schreiben kann. Es gibt zwar wieder eine Partei, die gern alles platttreten würde, was sich über den Zwirnsfadenhorizont eines nazionalen Heimgartens erhebt, aber auf die kommt’s nicht an, wenn wir über unseren Kochrezepten sinnen. Die besseren Kirschen wachsen nicht im Schwarzwald, sondern in der Türkei, und die zartbittere Schokolade, die wir in den Tortenboden schichten, gedeiht nicht am nächsten Bahndamm, sondern ist „Kolonialware“, wie’s früher hieß.

    Jaja, die Indogermanen! Völkerwanderung! Weißt du übrigens, lieber FrankReich, dass portugiesische Kutterfischer schon lange vor Herrn Kolumbus an der amerikanischen Atlantikküste herumschipperten und Kabeljau fingen, aber niemandem davon erzählten, um sich die Fanggründe zu erhalten? Das Salz für die Haltbarmachung brachten sie von daheim mit. Globalismus!

    popeye
    Geändert von popeye (27.02.2020 um 13:42 Uhr)

  3. #3
    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Hallo popeye,

    ich danke dir für deinen Kommentar. Wollte mit meinem Beitrag eigentlich nur versuchen ein wenig auf die Absurdität der Argumente derer zu halten, die heutzutage, um jeden Preis, den Status Quo einer deutschen, französischen, italienischen, usw. (Ess)Kultur verteidigen wollen, die es so gar nicht geben könnte, wenn man sich auch schon früher vehement und verschlossen gegen Fremdeinflüsse, gewehrt hätte.
    Mit solch idiotischem "Mein K(r)ampf" Wortgut wie "vernegert" etc. wollte ich diesen Kontrast satirisch und wortfarbig untermalen. Man versucht uns Angst vor allen fremden Kultureinflüssen zu machen, indem man vorgibt, dass diese stets nur erduldet werden, ohne dabei eingestehen zu wollen, dass im Gegenzug doch auch immer ein Austausch stattfindet, welcher unsere eigene Kultur stärkt und fördert. Ich glaube nirgends wird das deutlicher als in der Tatsache das Worte und damit im übertragenen Sinne auch das Denken unserer deutschen Sprache, unserer leidigen Geschichte zum Trotz, noch heute im Wortschatz der jiddischen Sprache rund um die Welt von einer Volksgruppe am Leben erhalten wird, die von den, von Fremdenhass überzeugten Nazis am stärksten verfolgt und bekämpft wurde.

    LG
    Frank Reich
    Geändert von Frank Reich (28.02.2020 um 07:31 Uhr)

  4. #4
    popeye Guest
    Mein lieber FrankReich,

    wenn du mit
    Man versucht uns Angst vor allen fremden Kultureinflüssen zu machen, indem man vorgibt, dass diese stets nur erduldet werden
    argumentieren möchtest, solltest du nicht versäumen, uns Lesern zu sagen, welches "man" du denn damit - verallgemeinernd! - zu Ausdruck bringen möchtest: Die Mehrheit des Deutschen Volkes? Die aktuellen Vertreter des Deutschen Bundestages? Die Kultusminister? Das Auswärtige Amt?

    Wir Deutsche hatten doch noch nie Angst vor Auswärtigem. Wenn es sich für uns lohnte, sind wird stets darüber hergefallen - entweder kriegerisch oder, eine Zeitlang danach, mit Neckermann, TUI oder James Cook. Rindsroulade und Schweinsbraten in allen Ehren, aber der Deutsche ist längst bei der Pasta, der Ananas und dem Quinoa angelangt und fühlt sich wohl dort.

    Neulich, als ich besonders gut drauf war, hab ich in einer namhaften, proppenvollen Konditorei die Verkäuferin um eine "Torte, die möglichst dick macht!" gebeten. Rührend, wie sehr sich sofort das mehrheitlich weibliche Publikum um mich bemühte und, nach nur ganz kurzer Diskussion, einstimmig zur Schwarzwälder Kirschtorte riet.

    Ein guter Rat!

    popeye
    Geändert von popeye (29.02.2020 um 01:12 Uhr)

  5. #5
    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Hallo popeye,

    vielen Dank für deinen erneuten Kommentar. Was/wer ist man? "Man" soll wohl die Menschen als Neutralbegriff bezeichnen. Natürlich sind damit, wie das vielleicht und auch hoffentlich im Kontext der Geschichte rüberkommt, jene Menschen, Gruppen und Vereinigungen gemeint, die z. B. solche Sachen wie das Auftreten einer ansteckenden Krankheit, Kriminalität und alles andere, das vielleicht gerade auch nicht so toll funktioniert, dem Einfluß des Fremden zuschreiben wollen.
    Ich habe mit dieser Story eigentlich nur versucht unsere auswärtigen (multikulinarischen) Kulturfundamente, die so tief im deutschem Boden ruhen, dass man sie ausgraben muss, um ihrer gewahr zu werden, an den Tag zu legen. Das läßt sich eben ganz gut und auch ganz lecker an der, fast schon zum deutschen Nationalsymbol avancierten, Schwarzwälder Kirschtorten und ihrer schwarzafrikanischen Zutatenliste illustrieren.

    LG
    Frank REich

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