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  1. #16
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    Also der fertige Staiger ist natürlich hohe Kunst der Exegese. Aber gerade dieses andere, dieses tentative Hindenken ist sehr hilfreich, wenn man als Student sonst mit meisterhaften ex-cathedra-Interpretationen konfrontiert wird. Man/Student verstummt dann gerne und verlegt sich mit minimaler Eigendynamik auf ein Zitierflorilegium aus dem Habitat der Koryphäenpontifikalämtersekundärliteratur, die einem oft nur einen fromm-andächtigen Augenaufschlag erlauben tut.
    Ja die Meister aus den 60er Jahren! Deren Texte waren manchmal noch schöner als die Gedichte, die sie interpretierten. Ich habe sie genossen, hatte ber genau wie Du das Problem, das sich aus ihnen keine Handreichungen ableiten ließen, wie man selber zu solcher Meisterschaft gelangt. Als Oberstufenschüler und Jungstudent war man tendenziell aufgeachmissen. Aber manchmal gelingt Lernen auch ohne methodische Zurüstungen. Die Großmeister verstanden Interpretation als Kunst (Die Kunst der Interpretation) ihr Vorgehen war daher weniger methodisch als divinatorisch.

    Wolbring ist nun das Gegenteil. Er gibt methodische Anleitungen, wie man sich Schritt für Schritt ein Gedicht erschließt und macht seine quälend kleinschrittigen Hin-und-Her-Überlegungen öffentlich, Was er dabei übersieht ist die hermeneutische Einsicht, dass der Teil aus dem Ganzen verstanden werden muss und das Ganze aus dem Teil. Das würde sich mit seinem methodischen Ansatz Bottom-Top aber nicht vertragen. Es ist also nicht nur Bottom-Top, sondern auch Top down zu analysieren. Wenn ich weiß, dass Meyer sein Poem selbst unter die Liebesgedichte eingereiht hat, brauche ich mir über Zweimaster keine Gedanken mehr zu machen (Top down).

    Man muss auch sehen, dass die Großmeister nicht für eine kleine Schar von Germanistenkollegen in einer Seminargruppe geschrieben haben, sondern für eine breitere Öffentlichkeit. Damals war das Interesse an der literarischen Überlieferung sicherlich größer als heute. Diesen Menschen, die vielleicht wenig Zeit haben, muss man das fertige Menü servieren und darf sie nicht mit Blicken in die unaufgeräumte Küche quälen.



    Bert Brecht: (Augsburg)

    Ein Frühjahrsabend in der Vorstadt
    Die vier Häuser der Kolonie
    Sehen weiß aus in der Dämmerung.
    Die Arbeiter sitzen noch
    Vor den dunklen Tischen im Hof.
    Sie sprechen von der gelben Gefahr.
    Ein paar kleine Mädchen holen Bier
    Obwohl das Messingläuten der Ursulinerinnen schon herum ist.
    In Hemdärmeln lehnen sich ihre Väter aus den Kreuzstöcken.
    Die Nachbarn hüllen die Pfirsichbäumchen an der Häuserwand
    In weiße Tüchlein wegen des Nachtfrosts.


    Zu dem Brecht-Gedicht: Meine Gefühl sagte mit sofort, dass das Lyrik ist und zwar auch in der "Prosafassung" Ich habe die Gründe gesucht, warum mein Gefühl sich so entschieden hat.

    1) Der Text erzählt keine Geschichte , es wird kein Ereignis, kein Vorgang geschildert, Da liegt es nahe, das es sich um einen lyrischen Text handeln dürfte. (Die Ballade beweist allerdings, dass es auch erzählende Gedichte gibt)

    2 ) Mit dem ersten Vers gibt sich der Text als Abendgedicht zu erkennen "Ein Frühjahrsabend in der Vorstadt". Der Abend ist wohl die poetische Tageszeit schlechthin. Für viele Abendgedichte gibt es sehr grob zusammengefasst (mindestens) zwei übergreifende Motive: Das Motiv der Ruhe ( das Tagwerk ist getan) und das Motiv einer gewissen Melancholie, Abschied vom Tag usw.

    Das Motiv der Ruhe ist offensichtlich gegeben. Das Gedicht schildert ein vorderhand konfliktfreies Miteinander von Männern und Kindern nach getaner Arbeit.

    Die Melancholie knüpft sich für mich an die "gelbe Gefahr" , über die die Männer reden. In dem Gedicht dient sie als Zeitmarker. Die "gelbe Gefahr" , das muss man wissen. war ein populäres Schlagwort der politischen Rechten ganz am Ende des 19. Jahrhunderts und danach und war gegen die ostasiatischen Völker gerichtet. Damit springt erst einmal der große Zeitabstand zwischen dem Verfertigen des Gedichts (1939) und der Realität ins Auge, auf die es sich bezieht. long, long time ago. Der späte Leser erkennt, dass diese Arbeiter, indem sie über die "gelbe Gefahr" reden, die eigentliche Gefahr, verkennen, in der sie schweben und dass sie sich deswegen nicht gegen sie zur Wehr setzen: Sie sind den Parolen der politischen Rechten auf den Leim gegangen. Nur einige Jahre später führt die Politik der Großmächte in den ersten Weltkrieg, den vermutlich viele der Männer, die hier so friedlich den Abend genießen, nicht überleben werden. Da kann man schon melancholisch werden! Ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Interpretation recht nahe bei Brecht bin. Ich glaube, dass der letzte Vers mit dem Pfirsichbäumchen und dem Nachtfrost leise auf diese Todesnacht anspielt, die den Männern bevorsteht.


    So dacht ich Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (14.03.2020 um 09:15 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  2. #17
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    O Gott, o Staiger, o Onegin!

    Du hast tatsächlich die Interpretation vom "Spätboot" aus dem Keller bottom up geholt!
    Entzücken, wohlige Tiefe, Traum und Ahnung künftigen Gelingens (S.256).

    Nun ja, des Gedichtes "Zwei Segel" wird der Normalleser nicht in in dem Zyklus "Liebe" gewahr. Normalerweise. Er liest ein Einzelgedicht. Aber selbstverständlich ist unser Fabian nicht allzu spleenig. Gemessen am Universitätsstandard.

    Genauer: Dass der gute Fabian hier so viel Maulschellen ("quälend") einstecken muss, hat sicher mit den
    Ausschnitten zu tun, die - wie manchmal - halt nicht für das Ganze (*) stehen. Natürlich überprüft er
    (der Fabian W.) seine ersten Gedanken immer wieder an der Leithypothese und entwickelt oder modifiziert sie. Bottom Up und Top Down und immer wieder. Ein echter Doppelhelix. Spiralen statt Zirkel.

    Daher nun der ganze Ausschnitt. Möge er besser munden! Auch wenn er einiges an Länge aufweist.

    Zu Beginn empfehle ich stets, sich seines Erstverständnisses des Textes bewusst zu werden, grundsätzliche Verständnisprobleme mit einzelnen Wörtern auszuräumen (etwa mittels Lexikon und Wörterbuch) und erste Beobachtungen und Auffälligkeiten festzuhalten. Offensichtlich handelt es sich um einen Text über zwei Segelboote in einer Bucht, die sich vom Wind getrieben stets gleichartig bewegen. Bereits beim ersten Lesen wittere ich zudem eine „heimliche“ Metaphorik, nach der die Segel wohl stellvertretend für zwei Menschen stehen; womöglich um zwei in enger Beziehung zueinander.

    Um das Gespräch mit dem Text nicht enden zu lassen, bevor es überhaupt begonnen hat, notiere ich mir ein paar Fragen, die sich für mich aus meinem Erstverständnis ergeben, z. B.: Wieso handelt der Text von zwei Segelbooten, wenn es doch anscheinend um Menschen geht? Wie kommt der Eindruck einer zweiten Bedeutungsebene zustande? Um was für eine Art von Beziehung handelt es sich? etc. Diese möchte ich im Laufe des Gesprächs mit dem Gedicht nach Möglichkeit klären. Dabei muss ich allerdings aufpassen, mein Erstverständnis nicht allzu selbstbewusst als einzig mögliche Verständnismöglichkeit anzunehmen und dabei Unverständlichkeiten und Ambiguitäten zu übersehen.

    Oft ist es sehr hilfreich und ergiebig, auch andere nach ihrem Ersteindruck zu befragen und den Kreis der Gesprächsteilnehmer zu erweitern. Vielleicht haben diese einen wesentlich anderen Ersteindruck, der sich produktiv abgleichen ließe. In einem zweiten Schritt versuche ich in der Regel, den Text inhaltlich zusammenzufassen. Mein Angebot für die erste Strophe lautet knapp: Zwei Segelboote fahren in eine Bucht. Bei näherem Hinsehen muss ich mich (und den Text) allerdings fragen, wieso ich so selbstverständlich davon ausgehe, dass es sich um zwei Boote handelt. Könnte mit den zwei Segeln nicht auch ein Boot mit zwei Masten bezeichnet sein? Denkbar wäre auch, dass es sich nur um ein Boot mit einem Segel handelt, das sich im Wasser spiegelt und dadurch die zuvor dunkle Wasseroberfläche erhellt.

    Wenn ich Studierende nach ihren Vorstellungen befrage, geben in Regel etwa genauso viele ein wie zwei Boote an. Gegenüber meiner Inhaltsangabe ließe sich auch einwenden, dass das (die) Boot(e) nicht einführe(n), sondern sich bereits in der Bucht befände(n) oder gar unmittelbar davor stünde(n) aufzubrechen. Für die „Einfahrtshypothese“ spricht der Vorgang des Erhellens (Z. 1): die zuvor dunkle Bucht wird demnach durch die eben auftauchenden (womöglich weißen) Segel erhellt und damit der Ankunftsmoment markiert. Auf der anderen Seite scheint mir der Vorgang des „sich zur Flucht Schwellens“ (Z. 3) als Marker des unmittelbar bevorstehenden Aufbruchs. Warum dieses merkwürdige Changieren zwischen Ankunft und Abfahrt?, notiere ich mir als offene Frage an den Text.

    Die Inhaltsangabe der beiden Folgestrophen birgt für mich indes weniger Diskussionsstoff und lautet in etwa: Beide Segel verhalten sich jeweils synchron, d. h. sie wölben sich im Wind jeweils genauso stark oder schwach bzw. bewegen sich genauso schnell oder langsam wie das andere. Mit diesen Erstbefunden auf dem Zettel widme ich mich meinem ersten Beobachtungsaspekt: der sprachlichen Medialität.

    Wolbring, Fabian: Sprachbewusste Gedichtanalyse. Eine praktische Einführung. Stuttgart: UTB 2019; S.28f.
    Zu Brecht komme ich später. Deine Ausführungen habe ich mit Interesse gelesen.

    beste Grüße
    ww

    Geändert von Willibald W (14.03.2020 um 16:48 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  3. #18
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    Hallo Willibald,


    auch du scheinst den Staiger aus dem Keller geholt zu haben. Wir haben offenbar dieselbe Ausgabe. So, wie du mir den Fabian jetzt präsentierst, kann ich übrigens schon mehr mit ihm anfangen. Du erinnerst dich, das Horrorthema des Deutschunterrichts war die Gedichtinterpretation. Viele brave Aufsatzschreiber vermochten zwar rhetorische Stilmittel zu benennen, nahmen auch irgendwie zu inhaltlichen Fragen Stellung, konnten aber kein stimmiges Ganzes entwickeln. Formale und inhaltliche Aspekte liefen unverbunden nebeneinander her. Vielleicht kann ihnen Fabien helfen.

    Da du so viel von der Theory of mind gesprochen hast, kannst du mir vielleicht einen (kurzen) Einführungsaufsatz nennen?

    Ich möchte auch noch einmal zu dem Brecht-Gedicht zurückkommen. Was ich geliefert habe, war eine linksliberale Deutung, die man aber marxistisch-leninistisch noch verschärfen und weiterführen könnte. Ich nehme den Faden bei den im Gedicht erwähnten Koloniehäusern auf, die offenbar auf die bereits vor dem ersten Weltkrieg sich ausbreitende Gartenstadtbewegung Bezug nehmen. Von ihr profitierte auch eine kleine aber wachsende Schicht von Arbeitern, denen es wirtschaftlich etwas besser ging. In manchen Fällen errichteten auch Industrielle solche Siedlungen, um verdiente Arbeiter "an das Unternehmen zu binden", wie es hieß. Diese "Arbeiteraristokratie" schloss tendenziell ihren Frieden mit den Verhältnissen und war deshalb für die Ansichten der politischen Rechten empfänglich (gelbe Gefahr usw... ). In den Augen eines strammen Marxisten-Leninisten waren das Verräter, die ihrem privaten Glück die revolutionäre Gesinnung und die Klassensolidarität aufopferten.

    Dass dieses private Glück in dem Gedicht als bedroht erscheint, habe ich schon in meinem vorangegangenen Posting dargelegt. Für Brecht kann das auch gar nicht anders sein. In einer Welt, in der rivalisierende Großmächte (rivalisierende Fraktionen der Bourgeoisie) um Marktanteile Krieg führen (Lenin), muss jedes private Glück bedroht bleiben, Diese Einsicht haben die Verräter an ihrer Klasse vergessen. Nur in einer befreiten Gesellschaft ist Glück auf Dauer möglich oder um den späten Marxbrother Adorno zu zitieren: Es gibt kein wahres Leben im falschen. Auch mit diesen Ausführungen bin ich, glaube ich, recht nahe bei Brecht.

    Also jetzt Hand aufs Herz, Willibald. Was bringt einem weiter beim Verständnis dieses Gedichts? Wirtschafts-, sozial und politikgeschichtliche Kenntnisse oder Diskussionen um Vers- und Strophenformen?


    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  4. #19
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    Lieber Onegin,

    den Staiger hatte ich schon recht früh sehr lang ( *quälend lang?*) in diesem Faden zitiert. Und er steht im Arbeitszimmer neben vielen sehr viel gewinnbringenderen Werken heilig-germanistisch-semiotischer Exegese.

    Die Frage nach dem Beitrag von Wissen um Vers-, Metrik- und Strophenformen zum Verstehen von Text steht und fällt damit, wie prosanah man diesen Brechttext einschätzt.

    Dein Hinweis auf die bereits in der (aus praktischen Gründen konstruierten) Prosafassung erkennbaren lyrischen Grundstruktur fokussiert Thema/Motiv Frühlingsabend, Stimmung/Konnotation (Aufbruch vs Melancholie), Stillstand/ Stillleben/Ereignislosigkeit als hinreichende Merkmale.

    Da nimmt es dann nicht wunder, wenn Du die Rolle von lyrisch-rhetorischen Mitteln für fraglich hältst.

    Zwei Anmerkungen von mehreren möglichen: Der Prosatext könnte ohne weiteres als eine Impression, eine Idylle mit dunklen Untertönen gelber (und brauner) Art, als etwas, das kaum Lyrik zu sein braucht, durchgehen.

    Dann bleibt für die lyrische Lesart eigentlich nur der Zeilenumbruch und die relative Kürze übrig. Die Versstruktur verlangsamt die Rezeption, sie setzt Aufmerksamkeitsakzente auf Anfang und Ende einer Verszeile, auf Wortfelder (Farben, politisch-religiöse Frames wie Vorstadt, gelbe Gefahr, Christentumordnung im Messingläuten des Klosters und entspannte, liberale Bierholfreude ohne Abendgebetsvesper), Semantik und Syntax, sie offeriert eine gewisse Spannung zwischen Textkorpus und Überschrift (Naturgedicht), Heimweh und Distanz gegenüber einem lokal und temporal fernen Tableau, sie offeriert eine ungewöhnliche Deutungsbreite jenseits von divinatorischer Kürze....

    Unser Fabian zeigt in seinem Wirken und Anmerkungsteil recht deutlich, inwiefern die theory of mind eine gut praktizierbare Fortentwicklung der hermeneutischen Tradition ist. Die Stichworte theory of mind (Wie kann ich wahrscheinliche Hypothesen darüber aufstellen, was in meinem und einem fremden Bewusstsein vor sich geht, Bieris Perspektive der ersten Person, ..) sind im Internet gut dargestellt. Auch in der gewünschten Kürze, die dann eine längere Beschäftigung einfordern kann.

    Gewiss doch ist dann lyrisches Sprechen nur eine gar nicht so spezielle Form der Kommunikation und ihres Verstehens. Sie arbeitet allenfalls massiver mit bestimmten Elementen der Alltagssprache als es die Alltagssprache tut. Und evoziert dabei höhere Aufmerksamkeit für ihre Feinstrukturen oder Achselzucken bis Widerwillen.

    Die Poetizität der Werbesprache ist da ein weites, aber durchaus überschaubares Feld. Der Steyrer-Puch-Text von Brecht, Slogans wie "Pack den Tiger in den Tank, Katzen würden Whiskas kaufen, Lebst du noch, oder wohnst du schon" grüßen aus der Ferne und der Nähe.

    Mit besten Grüßen aus dem Bayern des Wahlsonntages
    ww
    Geändert von Willibald W (15.03.2020 um 08:28 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  5. #20
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    Die Frage nach dem Beitrag von Wissen um Vers-, Metrik- und Strophenformen zum Verstehen von Text steht und fällt damit, wie prosanah man diesen Brechttext einschätzt....
    Zwei Anmerkungen von mehreren möglichen: Der Prosatext könnte ohne weiteres als eine Impression, eine Idylle mit dunklen Untertönen gelber (und brauner) Art, als etwas, das kaum Lyrik zu sein braucht, durchgehen.
    Deine Argumentation setzt voraus, dass du weißt, was Lyrik im Gegensatz zur Prosa ist. Ich weiß das mit Blick auf den Normenschwund in der Moderne (Ist das Kunst oder kann das weg?) nicht mehr. Den ohne Zeilenbrechung gechriebenen Brechttext hätte ich rein konventionshalber als lyrische Prosa bezeichnet. Aber um die nähere Bestimmung der "Lyrizität" speziell dieses Texts war es mir ja zu tun. Meine Interpretion dieses Texts ist von dem Umstand, ob er mit oder Zeilenbrechung geschrieben wird, unabhängig. Der Versstruktur kommt dann im Wesentlichen nur noch die Funktion zu, Aufmerksamkeitsmarker zu setzen.

    Der Philosoph Wittgenstein hat in Bezug auf Allgemeinbegriffe einmal von "Familienähnlichkeit" gesprochen. Er hat das am Beispiels des Begriffs "Spiel" durchexerziert. Es gibt Brettspiele, Rasenspiele, Spiele, die man alleine spielen kann, usw. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es nichts gibt, das für alles, was als Spiel bezeichnet wird, kennzeichnend wäre und redet deswegen von der Familienähnlichkeit dessen, was unter "Spiel" subsummiert wird.

    Ich glaube, dass es mit der Lyrik ähnlich geht. Ich glaube, es gibt nichts, das hinreichend oder notwendig ist, um "Lyrik" zu definieren. Es gibt nur noch eine Familienähnlichkeit von Texten, die unter den Begriff "Lyrik" fallen.

    Was den Normenschwund betrifft und den Verlust an verbindlichen Vers- und Strophenformen, so gibt es dazu eine wie ich finde etwas abseitige aber faszinierende Entsprechung zur Geschichte des Tanzes. Von den dörflichen Reigentänzen, die Gruppentänze waren über die Paartänze bis hin zu den individuellen Tanzbewegungen in der Disco. Ein immer weitergehender Schwund an allgemeinverbindlichen rhythmisch-musikalischen Ausdrucksformen ist zu konstatieren und das hat zu tun mit einer ganz fundamentalen Entwicklungstendenz in der Moderne, die einer fortschreitenden Individualisierung.

    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  6. #21
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    Grüße Dich, Onegin,
    Deine Argumentation setzt voraus, dass du weißt, was Lyrik im Gegensatz zur Prosa ist. Ich weiß das mit Blick auf den Normenschwund in der Moderne (Ist das Kunst oder kann das weg?) nicht mehr. Den ohne Zeilenbrechung gechriebenen Brechttext hätte ich rein konventionshalber als lyrische Prosa bezeichnet. Aber um die nähere Bestimmung der "Lyrizität" speziell dieses Texts war es mir ja zu tun. Meine Interpretion dieses Texts ist von dem Umstand, ob er mit oder Zeilenbrechung geschrieben wird, unabhängig. Der Versstruktur kommt dann im Wesentlichen nur noch die Funktion zu, Aufmerksamkeitsmarker zu setzen.
    ... meine Argumentation scheint mir das nicht vorauszusetzen.

    Vielmehr antwortet sie auf die leicht rhetorische Frage, was bei diesem Text - Hand aus Herz - die lyrischen Konventionen (denn noch) für einen Beitrag zum Verstehen des Brechttextes leisten. Recht wenig, wenn hier lyrische Prosa vorliegt.

    Und - das ist dann schon recht spannend - umso mehr verweist sie auf die Rezeptionsverzögerung durch Zeilenumbruch: und entsprechend verstehensrelevant werden dann Denotation und Konnotation der Lexeme. Auch die Syntax, mit der einen konzessiven Konjunktion "obwohl" in sonst "einfachen Sätzen mit häufiger Zweitstellung des finites Verbs.

    Schließlich werden die konventionellen Lyrikformanten (s.o.) insofern verstehenswichtig, als sie traditionellerweise im "Naturgedicht" zum Tragen kommen. Hier aber in diesem explizit als "Naturgedicht" betitelten Gedicht eben nicht. Und das bei einer vorstädtischen Natur der Siedlungskolonie von Arbeitern (der Haindlwerke und des leitenden Direktors E. Brecht).

    Eine ähnliche - ästhetische - Rezeptionslenkung wie im Naturalismusdrama, das latent oder manifest Abstand nimmt von der klassischen Poetik (man vergleiche Hauptmanns "Die Ratten").

    Gewiss doch stimmen wir überein, dass ästhetische Normen zu bestimmten Zeiten einen Höhenkamm besetzen, zu anderen Zeiten absinken, aber immer noch vorhanden sind. Das gilt dann etwa auch für die aktuellen Register des Tanzes.

    Zusätzlich und damit gut erklärbar, dass es zu jedem Zeitpunkt der Literaturgeschichte eine prototypische Konzeptualisierung von lyrisch und nichlyrisch gibt, dass zwischen diesen Polen eine Grauzone existiert, dass diese Grauzone zusätzlich noch von Familienähnlichkeiten umspielt wird und dass deswegen bestimmte Arten der Analyse überkandidelt oder quälend erscheinen, aber recht oft so aufschlussreich wie spannend sind.

    Umso spannender, wenn sie im Dialog mit interessierten Schülern und Studenten ventiliert werden. Sie sprechen jedenfalls erheblich mehr junge Leute an als die staunenden bis kopfschüttelnden Klienten der staigerorientierten Pädagogen der 50er bis 60er Jahre.

    Daneben - das glaube ich bei Dir herauszuhören - gibt es auch ein lyrisches Sprechen und verstehen wie bei einem Song, den wir aufmerkend wahrnehmen, in den wir uns einschmiegen - ganz ohne Interpretation. Eher in einer Art Trance und Tagtraum.

    Die Dauer des Hörens oder Lesens ist dann das lyrische Ereignis, das Gefühl, gerne die Wiederholung zu hören, das Verbleiben von zwei bis drei Wörtern, der Assoziationsraum der sich im Hören auftut, ein Rhythmuswechsel, ein Bild oder zwei Bilder. Bei unsrem Brecht vielleicht das "Messingleuchten", die bierholenden Mödchen, das Zudecken der Pfirsichbäumchen unter weißen Tüchern.

    Das könnte und sollte man im Auge behalten, besonders auch in einem akademischen Studium der Poesie.



    greetse
    ww
    Geändert von Willibald W (15.03.2020 um 18:58 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  7. #22
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    Grüß dich, Willibald

    Die Frage nach dem Beitrag von Wissen um Vers-, Metrik- und Strophenformen zum Verstehen von Text steht und fällt damit, wie prosanah man diesen Brechttext einschätzt....
    Aha: Wenn ich also weiß, dass es um einen prosanahen Text handelt, dann ist der Beitrag von Vers-, Metrik- und Strophenformen zum Verstehen gering.
    Wenn ich den Text nicht als prosanah (sondern als Gedicht) einordne, dann ist der Beitag von Wissen über Vers-, Metrik- und Strophenformen zum Verstehen des Texts relativ hoch.

    Also muss man doch vorab schon wissen, ob es sich um ein Gedicht oder um einen prosanahen Text handelt. qued Auf dieses Wissen kann ich im Gegensatz zu dir nicht zurückgreifen.

    Die Mehrzahl der Gedichte in der Moderne sind ohne feste Vers-, Metrik- und Strophenformen geschrieben, z.B das Brechtgedicht. Das was du in deinem Jargon, von dem ich dich freundlich bitte nach Möglichkeit Abstand zu nehmen, wie ich finde fälschlicherweise als konventionelle Lyrikformanten bezeichnest,
    ...und entsprechend verstehensrelevant werden dann Denotation und Konnotation der Lexeme. Auch die Syntax, mit der einen konzessiven Konjunktion "obwohl" in sonst "einfachen Sätzen mit häufiger Zweitstellung des finites Verbs.
    entfaltet seine Wirkung genauso im Prosatext.

    Gewiss doch stimmen wir überein, dass ästhetische Normen zu bestimmten Zeiten einen Höhenkamm besetzen, zu anderen Zeiten absinken, aber immer noch vorhanden sind. Das gilt dann etwa auch für die aktuellen Register des Tanzes.
    Nein wir stimmen darin nicht überein. Für dich ist Geschichte mal so mal so, gute Zeiten, schlechte Zeiten, auf Regen folgt Sonnenschein. Für mich ist europäische Geschichte und zwar beschleunigt seit der Französischen Revolution "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit", wie mein Tübinger Landsmann Hegel sagt. Geschichte verläuft spätestens seit damals als eine Geschichte des Zerfalls traditioneller sozialer Verbände und zunehmender Ermöglichung individueller Freiheitsspielräume. Ja, ich würde so weit gehen, zu sagen: Wer das nicht als fundamentalen Vorgang verstanden hat, der braucht sich mit moderner Kunst auf akademischem Niveau nicht auseinanderzusetzen. (Nun gut Willibald, ich glaube,du bist Altphilologe...)

    Aber zurück zu Brecht. Warum Naturgedicht: Das spielt natürlich auf das Gartenstattmotiv an und auf das Pfirsichbäumchen, das man vorm Nachtfrost bewahren muss. Frische Luft und die Sorge um die Pflanzen. Die Menschen sorgen sich, weil sie unpolitisch sind, um die falschen Dinge. Brecht, das war doch der, für den ein Gespräch über Bäume schon ein Verbrechen war. An die Nachgeborenen:
    Was sind das für Zeiten, wo
    Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
    Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
    Und es ist in "Augsburg" wohl auch eine Kritik an der damaligen deutschen Naturlyrikerszene mitgemeint, die bestenfalls in die innere Emigration ging und sonst den Mund hielt. (Oskar Loerke et.al.)

    Ich habe jetzt sehr viel über Brecht geschrieben, Willibald. Wenn man so viel über so wenige Zeilen schreiben kann, dann ist das ein Indiz für die Vielschichtigkeit und Qualität eines Textes. Mich würde jetzt interessieren, wie deine Intepretation dieses Textes aussieht?

    Beste Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (15.03.2020 um 23:42 Uhr)
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  8. #23
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    Grüsse dich, Onegin, danke für deine anregenden, diskussionsergiebigen Gedanken. Hier ein paar Antwortversuche:



    (1) Politische Geschichte, Literaturgeschichte, Geschichte ästhetischer Normen, Höhenkammmodell

    Bei dem dem Auf und Ab geht es mir um Lteraturgeschichte und das Höhenkammspiel ästhetischer Normen, nur entfernt um politische Geschichte. Vgl das Beispiel mit Hauptmanns "Ratten ".

    (2) Übergangszonen und Prototypen/Idealtypen (vs
    Realtypen)

    Wenn jemand von prosanaher Lyrik oder Poem in Prose spricht, meint er wohl einen Textbereich, der auf poetisch-lyrische Textformanten wie Strophe, Vers, Rhythmus, Metrik, Reim weitgehend verzichtet. Also wird denn auch bei der Interpretation auf diese "konventionellen, gängigen, typischenTextformanten" (Gestaltungselemente, Formungsverfahren, Formungsträger)nur indirekt im Sinne der signifikanten Abkehr eingegangen.

    Dein Hinweis auf das Gefühl, Brecht schreibe hier ein Gedicht, legt argumentativ nahe, dass ein Grauzonenbereich zwischen prototypischer Lyrik und prototypscher Prosa der Brechtzeit eine wichtige Prämisse ist. Dass Brecht selber "klassische" Register in seiner Gedichtproduktion immer wieder anwendet, ist eine gewiss plausible Beobachtung. Dass man darüber diskutieren kann, ob ein Pinguin kein Vogel ist, setzt weder die Grobkategorien Vogel und Nichtvogel ausser Kraft. Noch übersieht man dabei Wittgensteins Ansatz. Wittgensteins Sprachspiele und deren
    Fortsetzung in dem Ansatz "prototypisch, zu einer bestimmten Zeit idealtypisch" , das lässt sich damit sehr gut verbinden, ist sogar besonders erklärungsrelevant.

    (3) Lyrizität und Poetizität

    Das von dir betonte Gefühl, dass es sich schon im prosaisch umgeformten Text um erkennbare Lyrik handelt, begründet du ungeföhr mit der Kategorie Stimmung und der Kategorie Ereignisarmut und vor allem mit der Kategorie "Motiv des Frühlingabends"
    Das sind Kategorien, die man (natürlich) als poetische Stellen in der Alltagssprache, in Erzählungen, Romanen und anderswo, sogar in Reklametexten findet.

    Es sind dies Passagen, die vielleicht als poetisch, poetisch-rhetorisch und vielleicht als poetisch-lyrisch zu bezeichnen sind. Poetische Sprache greift auf diese Ressourcen der Alltagssprache zurück und intensiviert sie. So die Theorie der Poetizität. Ein Intensivierungsmittel ist der Zeilenumbruch. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf semantische und syntaktische Erscheinungen. Das kann man mit "nur," als nebensächlich bezeichnen, muss es aber nicht. Ein schönes Beispiel für diese Funktion ist das Umbrechen von beliebigen Texten in die Gedichtform. Der Leser wird wohl meistens eine vermehrte Aufmerksamkeit dem Text und seinen sonst beiläufig wahrgenommenen Elementen zukommen lassen, wird vielleicht so etwas wie ein Gedicht finden oder er ist düpiert oder er findet das komisch oder... Auf jeden Fall lässt sich hier die Wirkung des Zeilenumbruches beobachten.

    (4) Fachjargon und seine kritische Würdigung

    Die Fachsprache, der Fachjargon, das Fachchinesisch mag als arrogante Abgrenzungsmanier oft auftreten und auch zu Recht so empfunden werden. Ich versuche beständig, solchen Eindruck zu vermindern.Denotation und Konnotation (Heimat: Raum der Lebenswelt eines Individuums . umstritten, politisch überlastet, exklusivorientiert, heimleig, spießig....; also Grundbedeutung und affektive Nebenbedeutungen) sind hilfreiche Begriffe. Ich würde sie ungern beiseite lassen. Andere Begriffe auch nicht. Der Fabian etwa ist eine Lektüre, die sich auch bei Zeitmangel lohnt. Aber warum sage ich das.

    (5 ) Interpretationsansätze zu Brechts Naturgedicht

    Zu Beginn des Fadens stellte ich mir und den Lesern die vorsichtige Frage, was das vielleicht ist und wie man es beschreiben kann, das den Brechttext als Gedicht, Nichtgedicht oder ,"irgendwie anders" erscheinen lässt Wenn man so will, der empirische Versuch die individuelle Erfahrung , die individuelle Erfahrung einiger Leser , mit dem Gedicht annähernd intersubjektiv zu fassen. I hole, nicht dem Onegischen Verdikt der technokratischen objektorientierten Verblendung anheimzufallen.

    In meinen bisherigen Auslassungen findet sich eine Menge von durchaus griffigen Ansätzen zur Interpretation:

    Der Prosatext könnte ohne weiteres als eine Impression, eine Idylle mit dunklen Untertönen gelber (und brauner) Art, als etwas, das kaum Lyrik zu sein braucht, durchgehen.

    Dann bleibt für die lyrische Lesart eigentlich nur der Zeilenumbruch und die relative Kürze übrig. Die Versstruktur verlangsamt die Rezeption, sie setzt Aufmerksamkeitsakzente auf Anfang und Ende einer Verszeile, auf Wortfelder (Farben, politisch-religiöse Frames wie Vorstadt, gelbe Gefahr, Christentumordnung im Messingläuten des Klosters und entspannte, liberale Bierholfreude ohne Abendgebetsvesper), Semantik und Syntax, sie offeriert eine gewisse Spannung zwischen Textkorpus und Überschrift (Naturgedicht), Heimweh und Distanz gegenüber einem lokal und temporal fernen Tableau, sie offeriert eine ungewöhnliche Deutungsbreite jenseits von divinatorischer Kürze....

    Diese auszuführen ist natürlich noch möglich.

    Beste Grüße
    ww
    Geändert von Willibald W (16.03.2020 um 09:28 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  9. #24
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    Hallo Willibald,

    wenn ich in meinem vorangegangenen Posting vom "Zerfall sozialer Verbände zugunsten der Ermöglichung individueller Freiheitsspielräume" sprach, dann ist damit nicht in erster Linie politische Geschichte gemeint, sondern ein Vorgang, der alle sozialen Bereiche verstärkt seit der französischen Revolution erfasst. Das ist das ganz ganz ganz große Thema der Sozialwissenschaften seit ihrer Etablierung! Und diese Einsichten sind an deiner stillen Gelehrtenklause offenbar spurlos vorüber gerauscht.

    Was meine ich konkret? Ich meine damit dass im Zug der Industrialisierung Bauernburschen das Dorf verlassen, um Industriearbeiter zu werden. Sie verlassen den Sozialverband des Dorfes mit seiner Enge und mit seiner Geborgenheit.

    Als Industriearbeiter müssen sie erkennen , dass ihr eigenes Wissen, ihrer eigene Tüchtigkeit für ihren Erfolg im Leben entscheidend wird und nicht das Ansehen oder der Besitz der Familie wie noch im Dorf.

    Sie erkennen, das Bildung wichtig ist, um Erfolg zu haben und sie realisieren, dass die Stadt weitaus mehr Berufsrollen zu bieten hat, zwischen denen sie sich entscheiden dürfen (und müssen) als die dörfliche Gemeinschaft.

    Mit Bildung und Abwanderung verliert auch die religiöse Prägung an Gewicht zugunsten neuer Weltanschauungen
    (Nationalismus, Sozialismus). Das bedeutet auch, dass die Konfessionsgrenze weniger und weniger als Hindernisgrund für die Eheschließung erachtet wird und die Scheidung erleichtert wird. Zumal der Staat die schöne Einrichtung der Zivilehe geschaffen hat.

    Auch die Rolle der Geschlechter ändert sich. Frauen ergreifen die Bildungschancen, die man ihnen plötzlich bietet (Frauenstudium bis 1910 in Deutschland nicht gestattet), verdienen ihr eigenes Geld, werden selbstbewusster.


    Es ist also immer die gleiche Geschichte, die hier erzählt wird, überkommene Milieus und soziale Rollen verlieren ihre Prägekraft und entlassen das Individuum in Einsamkeit und Freiheit. Das ist das große Thema der Moderne und diese Bewegung ist heute noch nicht abgeschlossen. Die Politologen erklären den Niedergang der Volksparteien mit der zunehmen Irrelevanz der Milieus, mit denen sie verbunden sind (Christlich-katholisch oder sozialistisch). Die Freiheitspielräume, die wir haben, umfassen mittlerweile sogar unsere sexuelle Identität (m/w/d) usw.


    Und was machen die Künstler und die Künste: Das Gleiche!! Auch bei in den Künsten ist zu erkennen, wie überkommene Normierungen über das, was Kunst, was ein Gedicht zu sein hat zugunsten individualisierter Ausdrucksformen zurückgedrängt werden.

    Damit erstmal Schluss

    Grüße Onegin
    t.
    Love´s not Time´s fool W. S.

  10. #25
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    Lieber Onegin,

    irgendwie scheints du Willibald für doof zu halten. In bestimmten Bereichen.

    Wenn Du in Zusammenhang mit "Normenreduktion lyrisch" schreibst, Geschichte sei für Willibald ein Auf und Ab. Und immer wieder irgendwie das gleiche, nämlich den Prägekraftverlust der überkommenen Milieus, das übersehe Willibald ........

    Es ist also immer die gleiche Geschichte, die hier erzählt wird, überkommene Milieus und soziale Rollen verlieren ihre Prägekraft und entlassen das Individuum in Einsamkeit und Freiheit. Das ist das große Thema der Moderne und diese Bewegung ist heute noch nicht abgeschlossen. Die Politologen erklären den Niedergang der Volksparteien mit der zunehmen Irrelevanz der Milieus, mit denen sie verbunden sind (Christlich-katholisch oder sozialistisch). Die Freiheitspielräume, die wir haben, umfassen mittlerweile sogar unsere sexuelle Identität (m/w/d) usw.


    Und was machen die Künstler und die Künste: Das Gleiche!! Auch bei in den Künsten ist zu erkennen, wie überkommene Normierungen über das, was Kunst, was ein Gedicht zu sein hat zugunsten individualisierter Ausdrucksformen zurückgedrängt werden.
    Nein wir stimmen darin nicht überein. Für dich ist Geschichte mal so mal so, gute Zeiten, schlechte Zeiten, auf Regen folgt Sonnenschein. Für mich ist europäische Geschichte und zwar beschleunigt seit der Französischen Revolution "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit", wie mein Tübinger Landsmann Hegel sagt. Geschichte verläuft spätestens seit damals als eine Geschichte des Zerfalls traditioneller sozialer Verbände und zunehmender Ermöglichung individueller Freiheitsspielräume. Ja, ich würde so weit gehen, zu sagen: Wer das nicht als fundamentalen Vorgang verstanden hat, der braucht sich mit moderner Kunst auf akademischem Niveau nicht auseinanderzusetzen. (Nun gut Willibald, ich glaube,du bist Altphilologe...)

    Und wenn Willibald dann nochmals das ästhetische Höhenkammmodell anschleppt, dann ist doch deutlich, dass es hier um ein spezielles Modell literarischer Gattungen und ihrer Genres geht. Und um die sich wandelnde Wertschätzung literarischer Formen. Das ästhetische Höhenkammmodell hat mit Abnutzung und Innovation, Stabilisierung, Modifikation und Ablehnung zu tun. Es zeigt, wie Literarische Muster absinken und vielleicht wieder auferstehen. Und es ist offen für das Beschreiben soziokultureller Phänomene und ihres Beitrags bei diesem Wandel. Mit einigem Ergötzen erinnere ich an die ästhetischen Urteile bestimmter ZK-Mitglieder, die den positiven Helden forderten, bürgerliche Tendenzen als Teufelszeug mit sozialistischen Weihwasser und Schlimmerem besprengten. Und an die Diskussionen, die etwa Brecht führte.

    Ähnlich wie in der Architektur, wenn barocke Stilzüge auf gotische Formen folgen. Oder der Jazz bei Brecht und Weil etwa eine Wertigkeit gewinnt. Und der Roman einmal als minderwertige Gattung im Kanon galt. Im Literaturkanon galt. Und in der Gründerzeit plötzlich frühere Formen zelebriert wurden. Und dann die sogenannte Postmoderne.
    Alles sozialgeschichtlich mitbegründet.

    Selbstverständlich intermittiert, nein: interferiert, der Kanon der ästhetischen Vorstellungen mit der Sozialgeschichte. Die adornonahe Denkfigur der Vermittlung ist unsereinem Willibald wohlbekannt. Und das hat sich in diesem Faden mehrfach angedeutet. Relativ früh in dem kurzen Kommentar zur "Kolonie" und zur "gelben Gefahr".

    Also bitte, bei aller gern geteilten Lust an der Polemik, den Dialogpartner nicht vorschnell in einer Eierkopfstubenklause verorten oder ihm die Attribute eines typischen Altphilologen im Potentialis zuordnen.

    Mit der Bitte um Nachsicht für diesen eher zaghaft (doch!) zeternden Ton und mit besten greetings (doch!)

    ww

    Ausblick zu Naturmodellen und klassisch-konventionellen-typischen Poesieregistern und soziokulturellen Feldern:

    TERZINEN ÜBER DIE LIEBE

    Sieh jene Kraniche in großem Bogen! Die Wolken, welche ihnen beigegeben Zogen mit ihnen schon als sie entflogen Aus einem Leben in ein andres Leben. In gleicher Höhe und mit gleicher Eile Scheinen sie alle beide nur daneben. Daß also keines länger hier verweile ...

    Bertolt Brecht: TANNEN; Werke 12, 313

    In der Frühe
    Sind die Tannen kupfern.
    So sah ich sie
    Vor einem halben Jahrhundert
    Vor zwei Weltkriegen
    Mit jungen Augen.


    In jenen Buckower (BukoWlischen) Elegien, in denen das "Gespräch über Bäume" "fast" als ein Verbrechen erscheint, findet sich das Tannen-Gedicht mit seiner Zeilenbrechung. Und mit einer friedlichen Bildfindung, allerdings gebunden an die Perspektive des jungen LI, dessen, der vor zwei Weltkriegen die Bäume sah, und sie jetzt, in der geschichtlichen Distanz "wieder" sieht. Der Blick von damals spielt - Illusion oder nicht - seine Rolle, noch in der Gegenwart des Gedichtes.




    Hermann Knackfuß (1995) unter Ausarbeitung einer Skizze von Wilhelm II - Kreuz versus Buddha
    Geändert von Willibald W (16.03.2020 um 23:00 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  11. #26
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    Nun guter Willibald,


    lass uns noch eine Runde bühnenfechten und gräme dich nicht deswegen. Wenn man seine eigene Position respektvoll an der seines Gegners misst, wird diese klarer ebenso wie die des Opponenten, beide haben etwas davon. Und das verehrte Publikum, welches stumm mitliest, desgleichen.

    Ich gehe nochmal zur Attacke über: Dein Höhenkammmodell (stammt der Ausfuck von dir?) mag ja offen sein für soziologisches Unterfutter. Das ist aber zu wenig, wenn man erstmal das übergreifende Paradigma sozialer Veränderungen den vergangenen zweihundert Jahren verstanden hat. Den Abbau traditioneller sozialer Normen zugunsten erweiterter individuelle Freiheitsspielräume. Und nun kann man naürlicch sagen, da gibt es ein ewiges Reservoir von Formen, die sind mal mehr weniger gefragt in der Kunst. Aber das ist eben nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, es gibt, grob gesagt seit der französischen Revolution eine künstlerische Avantgarde, die bewußt nach neuen individualisierten Ausdrucksformen strebt und diese gegen den Widerstand der Gesellschaft durchzusetzen strebt. Ihre Ablehnung der überkommenden Ausdrucksformen in der Kunst ist immer auch implizite Gesellchaftskritik. Und nur wenn du auf die künstlerschen Avantgarden schaust, wird dir dieser Prozess der ständigen Erweiterung der Darstellungsformen klar. Von der strikten Dur-Molltonalität bis zur Clangkollage. Wie lange hats`s gedauert? grosso modo 200 Jahre.
    Die von der Avantgarde erweiterten Spielräume bleiben übrigens auch für Künstler bestehen, die sich ganz brav an Überkommenes halten und erweitert die Spielräume auch für sie.

    Beispiel: Ein algriechischer Heinzbeins aus dem 5. Jahrhundert v Christi schreibt Hexameter. Du Willibald hast den unschätzbaren Vorzug als Zeitreisender in die Vergangenheit dich mit Heinzbeins unterhalten dürfen. Deine erste Frage: Warum schreibst du Hexameter? Der Heinzbeins antwortet mit hochgezogen Brauen: Weil wir das in Athen und Korinth halt so machen.

    Wenn jetzt im 20 Jahrhundert Frau Ricarda Huch ebenfalls Hexameter zu schreiben sich anheischig macht, dann lacht dein Altphilologenherz, und freut sich darüber, dass Altbewährtes auch in unserer Zeit noch seinen Platz hat. Ja, die Form mag wohl die gleiche sein, aber ihre Bedeutung hat sich komplett, hat sich vollkommen gewandelt. Der Heinzbeins ist einem übererindividuell verankerten Standardmodell der Versifizierung gefolgt. Frau Huch hingegen konnte unter einem bunten Strauß von Formen auswählen, bis hin zu freien Rhythmen. Sie entscheidet sich für die Hexameter, spielt damit die antimoderne Karte, optiert damit für eine ganz bestimmtes aesthetische und wer weiß auch soziale und politische Position. Ich will Frau Huch dafür nicht kritisieren. ich will nur zeigen, dass sich hinter formal Gleichartigem oft ganz verschiedene Inhalte und Botschsften verbergen.
    Wenn wir also Kunst wirklich verstehen wollen, dann dürfen wir bei der Altphilologenfreude über die "Wiederkehr" bestimmter Formen nicht stehenbleiben. Auch deshalb erscheint mir dein Höhenkammmodell nicht weiterführend.

    Jetzt zu Brecht "konventionell-klassischem Poesieregister". Ich weiß nicht genau, was du damit meinst. Es kann sein, dass du damit in die gleiche Form-gleicher-Inhalt-Falle getappt bist, die ich oben besprochen habe. (Ich weiß ich bin frech, Wililbald....) Vielleicht solltest du selbst mal diese Gedichte interpretiern und uns mitteilen, was du an ihnen faszinierend findest....Ich hab jetzt schon wieder so viel geschrieben...


    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (16.03.2020 um 23:37 Uhr)
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  12. #27
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    What a Neo-Hegelian furor, dear Onegin!

    To your requests in all the brevity you often ask for:

    - search the tercets in the post scriptum of Willisooon

    - apply for a patent: classical philologists club (mace)

    - write an eclogue on the "nouveau-novel" and "avant-garde" and "not -so- close-reading"

    - keep smiling and stage fencing

    Greetings
    ww
    Geändert von Willibald W (17.03.2020 um 10:34 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  13. #28
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    so fare thee well Willibald, now to the elements
    Love´s not Time´s fool W. S.

  14. #29
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    Grüß Dich, Ferdi!

    Staigers Sprache, Familienmetaphern und Vorgehen, großartig und beseelt, keine Frage.
    Die Aufgabe von Studenten und Schülern eine nachvollziehbare Analyse zu schreiben,
    man mag so etwas als prosaisch abtun, funktioniert (sic) mit dieser beseelten Stilhöhe nicht.

    Gewiss ist der "Ichschwarm" ein wunderschönes Bild für Narzissmus.

    Aside: Dieser Ferdinand (Kabale und Liebe) ist in seiner Zuneigung wie in seiner Wut ein Ichschwärmer, dessen Reflexion unter Wutreflexen aussetzt:

    FERDINAND. Wie er dasteht, der Schmerzenssohn! – Dasteht, dem sechsten Schöpfungstag zum Schimpfe! Als wenn ihn ein Tübinger Buchhändler dem Allmächtigen nachgedruckt hätte! – Schande nur, ewig Schande für die Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schädel wuchert. Diese einzige Unze hätte dem Pavian noch vollends zum Menschen geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht – Und mit diesem ihr Herz zu teilen? – Ungeheuer! Unverantwortlich! – Einem Kerl, mehr gemacht, von Sünden zu entwöhnen als dazu anzureizen.

    HOFMARSCHALL. O! Gott sei ewig Dank! Er wird witzig.

    FERDINAND. Ich will ihn gelten lassen. Die Toleranz, die der Raupe schont, soll auch diesem zugute kommen. Man begegnet ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge Wirtschaft des Himmels, der auch mit Trebern und Bodensatz noch Kreaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Höfling im Schlamme der Majestäten den Tisch deckt – Zuletzt erstaunt man noch über die große Polizei der Vorsicht, die auch in] der Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des Gifts besoldet. – Aber Indem seine Wut sich erneuert. an meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es Den Marschall fassend und unsanft herumschüttelnd. so und so und wieder so durcheinanderquetschen.

    HOFMARSCHALL für sich hin seufzend. O mein Gott! Wer hier weg wäre! Hundert Meilen von hier im Bicêtre zu Paris! nur bei diesem nicht!

    FERDINAND. Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist? Bube! Wenn du genossest, wo ich anbetete? Wütender. Schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte? Plötzlich schweigt er, darauf fürchterlich. Dir wäre besser, Bube, du flöhest der Hölle zu, als daß dir mein Zorn im Himmel begegnete! – Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Bekenne!

    HOFMARSCHALL. Lassen Sie mich los. Ich will alles verraten.

    FERDINAND. O! es muß reizender sein, mit diesem Mädchen zu buhlen, als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen – Wollte sie ausschweifen, wollte sie, sie könnte den Wert der Seele herunterbringen, und die Tugend mit der Wollust verfälschen. Dem Marschall die Pistole aufs Herz drückend. Wie weit kamst du mit ihr? Ich drücke ab, oder bekenne!

    HOFMARSCHALL. Es ist nichts – ist ja alles nichts. Haben Sie nur eine Minute Geduld. Sie sind ja betrogen.

    FERDINAND. Und daran mahnst du mich, Bösewicht? – Wie weit kamst du mit ihr? Du bist des Todes, oder bekenne!

    Bei den "Naturgedicht" scheint mir mit dem häufigen Endstop eine Pausensequenz in das Gedicht eingebaut, Brecht nennt das glaube ich etwas vage "gestisches Sprechen" (Reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen).

    Die Äußerungsinstanz "lyrisches Ich" kann nur latent agieren. Sie ist indiziert in dem seltsam intransitiven, aber gängigen "Die Häuser sehen weiß aus". Das setzt Wahrnehmende voraus, aber eben keine priviligierten Iche. Die "Nachbarn" sind semantisch erstmal die Nahewohnenden, die in einem gewissen Gruß- und Hilfsverhältnis zueinander stehen sollten. Das dürften zum einen die avisierten "Arbeiter" sein (V4) und wohl auch (identisch oder nahe) die Väter der bierholenden Mädchen (7). Zusätzlich gibt es wohl eine Verknüpfung untereinander wegen dem Bezug zur "Kolonie", der Siedlung. Ähnlich wie die Augsburger Fuggerei eine Art sozialer Wohnungsbau durchaus stattlicher Art für "verdiente Arbeiter und Angestellte" der Haindl-Papierwerke. Das latente lyrische Ich ist hier - biografische Informationen vorausgesetzt - eingebunden.

    Die gewisse Fürsorglichkeit gilt den "Pfirsichbäumchen". Ihre diminutive Form wird in den "Tüchlein" wieder aufgenommen. Biografisch gesehen wird hier ein Tableau ausgebreitet, das mit den "vier Häusern" (2) eine Nachbarschaft bezeichnet, in der die Familie Brecht zu finden ist. Und in der das "Vesperläuten" katholischer Tagestaktung nur von ferne gilt.

    Nicht zuletzt ist dieses Tableaubild gebunden an die im "Naturgedicht" sich erinnernde Sprecherfigur - sie ist latent zu spüren. Eben keine zivilisationsferne, unberührte Natur. Sondern die Naturanteile der Arbeiter, die einer Mischkultur mit Vorstadt und Obstbäumchen. Und ein Sozialverbund. Das Ganze unter der Glocke fern dräuender Gefahren, wie in dem "yellow peril" und den Gesprächen angeführt. Und sicher auch in einer gewissen Abhängigkeit von der patriarchalisch agierenden Werksführung, die hier aus gemischten Motiven für ihre Klienten gesorgt hat.

    Bis zu einem gewissen Grad scheint mir dieses Nachbarschaftsmodell einer exquisiten Solidarität auch in der Entstehungssituation des Gedichtes zu greifen. Vielleicht gibt es eine Art Doppelperspektive:
    Das erinnerte Ich und sein Wahrnehmungsbild ist heimelig-tröstlich.

    Das erinnernde Ich kann sich in das erinnerte Bild einfühlen und da Trost von damals auch jetzt finden.
    Gleichzeitig existiert im erinnernden Ich auch eine keineswegs explizite Distanz hinsichtlich der "Kolonie" und dem "China-Geschehen". Also eine opake Ambivalenz.

    Die rahmenden Lexeme "Nachtfrost" und "Vorstadt" sind beide metrisch spondeusnah. Die Schutzmaßnahmen - eine logische Mitte in der Versgruppe - haben ihre wohl begrenzte Wirkung in diesem Habitat. Und in dem fernen Habitat Svendborg. Im Vorgriff für den, der das weitere Leben Brechts kennt, eine "buko(w)lische", moderne Existenzform. Ohne puristische Züge. Und unter Verzicht auf die klassisch strömende Lyrik, wie wir sie vielleicht aus der Tradition der Romantik oder bei Goethe kennen.

    Allerdings wohl eine hedonistisch und vitalistisch wirksame Natur:
    O ich sage nicht, daß nur in Schenken/ Höchste Seligkeit mich ganz durchriß/Einst war Sitzen schön in Kirchenbänken/ Wo der Segen mich zum Himmel schmiß! Auch auf wilden Abendkarussellen/ Wo man billig rasend schaukeln darf /War ich selig, wenn ich mich in hellen
    /Billig strahlend hellen Himmel warf! (O DIE UNERHÖRTEN MÖGLICHKEITEN)
    Große Berliner und Frankfurter Ausgabe (GBFA), Bd 13, Frankfurt: Suhrkamp 1998; S.124-126.
    Was bietet sich für die mediale Wirkung des Endstopzeilenstils und des Zeilenumbruchs an?
    Anskizziert habe ich schon die Tempoverlangsamung gegenüber dem Prosatext, die emotionale und kognitive Aufmerksamkeit wird aktivert, sehr viel stärker als ....

    greetse
    ww
    Geändert von Willibald W (20.03.2020 um 08:53 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  15. #30
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    Grüße dich, Ferdi.

    ich habe da einige andere Erfahrungen und kann Gedichtanalysen, die von Schülern und Studenten gefordert werden, nicht als Quatsch abtun. Auch wenn dieses Verdikt seine Plausibilität hat. Und Enzensberger dahin argumentiert in "Lyrik nervt". Darin das Augsburggedicht Brechts und ein (fiktives) Gespräch junger Leute über das Poem .

    Aber trotzdem: Handreichungen zur Gedichtanalyse können helfen, sprechen mathematisch-logisch orientierte junge Leute an und bringen das Fach Deutsch nicht als Schwafelhort weiter in Verruf.
    Eine pragmatische und gar nicht so absurde Angelegenheit also.

    Die erstmal immanente Analyse des Gedichtes scheint gut möglich. Aber die kurzen vier Anmerkungen im Eingangsposting scheinen mir hilfreich und fair. Einschliesslich des Hinweises auf die Exilsituation Svendborg. Das ist weit entfernt von einem Stapel an Sekundärlteratur.

    Die vitalistisch-hedonistische Weltsicht lässt sich gewiss an dem "Möglichkeiten-Gedicht" Brechts festmachen, am Schluss die Figur Baal, eine hedonistisch-antibürgerliche Instanz; im "Naturgedicht" ist sie über plausible Indizes zu fassen. Der Titelhinweis auf Augsburg liefert den lokalen und den biographischen Bezug. Von daher ist der Bezug des latenten lyrischen Ichs zum Autor recht naheliegend und gewiss kein Kunstfehler. Medizinischer Code, ja doch.

    Die "vier Häuser" muss man nicht als Vorgabe setzen und vorerklären, sie sind aber hilfreich, will man den biografisch-topografischen Bezug mitnehmen.

    Leicht pontifikale Gesten wie "Nur wer XY gelesen hat, kann und darf...." sind als persönliche Erfahrungen und Empfehlung gewiss legitim, aber schwer zu generalisieren.

    Der "Ichschwarm" im Sinne des "Fischschwarms" hat mit dem Narzissmus die Merkmale Instinktreaktionen, Aussensteuerung, Reflexe, fehlende Reflexion, animalisches Verhalten gemeinsam. Insofern kein Dissens.

    Vermutlich erscheint diese Kurzskizze allzu technokratisch formuliert. Ich glaube, dass diese Art des Vorgehens Vorteile hat und die genießende Phase des Lesens nicht demontieren muss.

    Die literarisch-kreative Arbeit an einem Gedicht und an einem eigenen Gedicht ist mir seit etwa zwanzig Jahren lieb. Dir ist vielleicht Kaspar Spinner aus Augsburg nicht unbekannt.

    greetse
    ww


    Kannst du bitte anskizzieren, wie das reimlose, metrisch "offene" Brechtgedicht seine möglichen Wirkungen im Bewusstsein des/der Leser / von Dir entwickelt?
    Geändert von Willibald W (17.03.2020 um 23:04 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

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