1. #1
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    Wir modernisieren

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    Gefährlich ist´s den Leu zu wecken,
    verderblich ist des Tigers Zahn.
    Jedoch der Schrecken aller Schrecken
    ist´s Wände mit Papier zu decken.

    Gewöhnlich sind sie ja geweißelt,
    und ein Paneel - gut, wer es kann -
    bei Angela, da wird gemeißelt;
    Tapeten sind für jedermann.

    Ich ließ sie gern im Laden liegen
    und ging der Arbeit aus dem Weg,
    die alten sind schwer abzukriegen,
    selbst nicht mit Säure, Axt und Säg´.

    Der Ort des Wohnens ist verwüstet,
    kein Ding ist noch wo es mal war.
    Ob Mann, ob Frau - ein jeder hüstet;
    der Gips, verteilt im Haar sogar.

    Es ist ein Laufen und Gemache,
    die Möbel sind recht groß und schwer.
    Ein Chaos ? - Daß ich da nicht lache! -
    Schon fast wie bei der Bundeswehr.

    Was man auch ißt - es schmeckt nach Erde,
    nach Gips - vielleicht auch nach Zement.
    Ob das wohl jemals fertig werde? -
    Es knirscht im Bett - dort wo man pennt.

    Der Boden wird noch rausgerissen,
    die Möbel kommen irgendwann;
    Steckdosen tat man stets vermissen,
    jetzt heißt es: " Liebling, klotz mal ran! -

    Nun klopp´ mal los und leg´ die Strippen,
    die Dosen unter Putz, ich bitt´.
    Du bist vom Fach - laß nicht dran tippen,
    den Dreck nimm nachher bitte mit."

    Ich fühl´ mich wie auf der Galeere,
    Tapeeeeeeeten ! - Nee, es ist ein Graus.
    Was hilft es, wenn ich mich beschwere?
    Ich darf ja nich - ich bin zu Haus.

    Doch ist die Bude endlich sauber,
    erstrahlt im Glanz ( mit Möbeln, neu ) ,
    dann eß ich erstmal Salz von Glauber
    und hoff´, daß sich der Magen freu´.

    Was ich an Staub und Dreck gefressen,
    das geht auf eine Kuhhaut kaum.
    Wer tapeziert, der kann´s ermessen,
    ich kleist´re jetzt auch schon im Traum.

    Wird man wie einst schon uns´re Ahnen
    im Werke auch perfekt dasteh´n ?
    Sind einheitlich auch alle Bahnen ?
    Und nichts Gestückeltes zu seh´n ?

    Solch Machwerk wär´ nicht zu gebrauchen
    und auch nicht nach der Gattin Sinn.
    Es hilft kein Fluchen und kein Fauchen,
    na gut, dann kleb´ich´s nochmal hin.

  2. #2
    Registriert seit
    Apr 2017
    Beiträge
    278
    Hallo Jürgen,
    du erinnerst mich an meine Jugend, wo ich auch viel tapezieren (musste).
    Und ich hab da Tapeten mit Mustern an die Wand geklebt, die einem Schreckenskabinett
    Ehre gemacht hätten.
    Ich glaube, heute ist das etwas aus der Mode gekommen, aber wie du den Albtraum
    dieses Tuns in Verse fasst, ist köstlich. Wenn mich der graue Alltag zu martern beginnt,
    lese ich eines deiner Gedichte und ich bin gerettet!
    LG Alfred

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