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Thema: Ghaselzeit

  1. #16
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    Hallo Albaa!

    Für mehr als vier Zeilen fehlt die Zeit:

    Rubai von der Ursache und der Wirkung.

    Ist ein Versuch im epionischen Vers: ◡ — ◡ — ◡ ◡ — —, ◡ — ◡ — ◡ ◡ —.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (13.04.2020 um 18:51 Uhr)

  2. #17
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    Ich freue mich, albaa, über deine Ghasel - Anregung. Das ist ein guter Anlass, mich ein bisschen mehr in das Thema hinein zu begeben. Wie es der Zufall will, habe ich ein sehr schönes Buch über die Poesie der islamischen Völker geschenkt bekommen und dazu ist dieser Faden eine gute Ergänzung.


    Was dein Übungsbeispiel (und auch Ferdis Vorschlag) aus dem anderen Faden betrifft, bin ich noch nicht sehr viel weiter gekommen, aber ein Erinnerungsfähnchen habe ich mir gesteckt. Mal sehen, ob da vielleicht doch noch was geschrieben werden möchte. Zur Zeit bin ich eher im Lesemodus. Deine albaasche Version gefällt mir übrigens sehr.
    Noch kurz und ergänzend zu Artname, der mich erst darauf brachte, bei dem von dir hier eingestellten Ghasel, auf den Bezug zum 7er Rhythmus in der Musik zu achten: Die Lautfolge Ga-ma-la Ta-ke-ti -na beschreibt ihn recht wirkungsvoll und ich freue mich über die Querverbindung zur Musik. Danke, Artname, für den Aha-Effekt.


    Beim Spaziergang durch den Rosengarten der Ghasele, hat mir eines von Rumi, übersetzt von Friedrich Rückhert, sehr gut gefallen:



    Du bist der Schreiber und die Schrift bist du,
    Tint' und Papier und Schreibestift bist du.

    Du bist die Sternenschrift am Himmel dort,
    Im Herzen hier die Liebeschrift bist du.

    Das Blatt, das treibt, das ausgetriebne Lamm,
    Der Trieb, der Treiber und die Trift bist du.

    Du bist die Ruh', die Unruh bist du auch,
    Das Gift und auch das Gegengift bist du.

    Du Ebb' und Flut, Windstill' und Sturm und Meer;
    Schriffbruch und Schiff, und der drin schifft, bist du.

    Was kann ich treffen? was kann treffen mich?
    Was trifft der Sinn, und was ihn trifft, bist du.







    Schöne Osterfeiertage wünscht,
    Miserabella
    Geändert von Miserabella (10.04.2020 um 16:05 Uhr)

  3. #18
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    Hallo!

    Kurzer Ghasel-Besuch bei Youtube:

    Hoffmannsthal, Ghasel:

    In der ärmsten kleinen Geige liegt die Harmonie des Alls verborgen,
    Liegt ekstatisch tiefstes Stöhnen, Jauchzen süßen Schalls verborgen;
    In dem Stein am Wege liegt der Funke, der die Welt entzündet,
    Liegt die Wucht des fürchterlichen, blitzesgleichen Pralls verborgen.
    In dem Wort, dem abgegriffnen, liegt was mancher sinnend suchet:
    Eine Wahrheit, mit der Klarheit leuchtenden Kristalls verborgen ...
    Lockt die Töne, sucht die Wahrheit, werft den Stein mit Riesenkräften!
    Unsern Blicken ist Vollkommnes seit dem Tag des Sündenfalls verborgen.

    Im Vortrag des "Wortmanns" auffällig die Art, wie der Reim hervorgehoben, der Überreim gedrückt wird?!

    Schubert / Platen, Du liebst mich nicht

    Mein Herz ist zerrissen, du liebst mich nicht!
    Du ließest mich's wissen, du liebst mich nicht!
    Wiewohl ich dir flehend und werbend erschien,
    Und liebebeflissen, du liebst mich nicht!
    Du hast es gesprochen, mit Worten gesagt,
    Mit allzugewissen, du liebst mich nicht!
    So soll ich die Sterne, so soll ich den Mond,
    Die Sonne vermissen? Du liebst mich nicht!
    Was blüht mir die Rose, was blüht der Jasmin,
    Was blüh'n die Narzissen? Du liebst mich nicht!


    Schubert macht es umgekehrt - der Reim verschwindet nahezu, der Überreim beherrscht alles.

    Gruß,

    Ferdi

  4. #19
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    Danke fürs aufmerksam machen, Ferdi.

    Die Schubertsche Vertonung und Interpretation ist in mehrerlei Hinsicht spannend und ein musikalischer Genuss. Das Ghasel bietet sich ja gut für ein Lied an. Die Art und Weise der Vertonung also der Wechsel von Dur und Moll, von gewohnter Harmonie und Disharmonie, bzw. ungewöhnliche Tonartwechsel, Rhythmik... , greifen schön die Gefühlsdynamik auf.

    Schubert macht es umgekehrt - der Reim verschwindet nahezu, der Überreim beherrscht alles.
    Stimmt. Da tobt er sich richtig aus. Auch für moderne Ohren, die in Disharmonien geübter sein können, ist das ungewöhnlich.
    Passt aber, finde ich.


    LG,
    Miserabella

  5. #20
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    Danke für eure Beispiele,

    Wenn man nun Rückert, Hofmannsthal und Platen vergleicht, dann zeigt sich eigentlich wie vielfältig diese an sich starre Form sein kann, Hofmannsthal ist mein Favorit, er erzählt eine Geschichte in wunderschönen Bilder und schafft es keine Zirkusübung aus Überreim und Reim zu machen, ich würde den Reim nicht so vordringlich lesen, für mich ist der Reim dezent und der Überreim hat etwas von einem Mantra. Wunderschöne Dichtkunst. Hofmannsthal ist einfach ein ganz großer Wortkünstler!

    Das 2. Ghasel dazu aus der gleichen Ausgabe (Die Gedichte 1891 - 1898) hat einen ganz anderen Tonfall:

    Jede Seele, sie durchwandelt der Geschöpfe Stufenleiter:
    Formentauschend, rein und reiner, immer höher, hell und heiter,

    Lebt sie fort im Wurm, im Frosche, im Vampir, im niedern Sklaven,
    Dann im Tänzer, im Poet, im Trunkenbold, im edlen Streiter ...

    Sehet: eine gleiche Reihe Seelenhüllen, Truggestalten
    Muß der Dichtergeist durchwandeln, stets verklärter, stets befreiter:

    Und er war im Werden Gaukler, war Vampir und war Brahmane,
    Leere Formen läßt er leblos und strebt höher, wahrer, weiter ...

    Aber wissend seines Werdens, hat er werdend auch erschaffen:
    Hat Gestalten nachgebildet der durchlaufnen Wesensleiter:

    Den Vampir, den niedern Sklaven, Gaukler, Trunkenbold und Streiter.
    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (13.04.2020 um 15:12 Uhr)

  6. #21
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    Hallo!

    Miserabella, ich habe von Harmonik keinen Plan ... Aber da gibt es ja andere für, etwa

    Symbolik und Rhetorik im Liedschaffen von Franz Schubert - (auch) damit habe ich mir auf deinen Hinweis hin den Ostersonntag vertrieben. Spannende Sache!

    Albaa, Hofmannsthal wird eindeutig zu wenig beachtet, keine Frage.

    Gruß,

    Ferdi

  7. #22
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    Zitat Zitat von Ferdi Beitrag anzeigen
    Symbolik und Rhetorik im Liedschaffen von Franz Schubert - (auch) damit habe ich mir auf deinen Hinweis hin den Ostersonntag vertrieben. Spannende Sache!
    Ein sehr schöne musiktheoretische Betrachtung zu Schuberts Interpretation.







  8. #23
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    Ich fand im Ghaselenhain dies Hübsche.
    Sinnierend, fließend, ohne Antwort.



    Der Strom, der neben mir verrauschte, wo ist er nun?
    Der Vogel, dessen Lied ich lauschte, wo ist er nun?
    Wo ist die Rose, die die Freundin am Herzen trug,
    Und jener Kuß, der mich berauschte, wo ist er nun?
    Und jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst
    Mit einem andern Ich vertauschte, wo ist er nun?


    (August von Platen: „Ghaselen. 1. Sammlung“ 1821)

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