Thema: Ghaselzeit

  1. #1
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    Ghaselzeit

    Hallo, ihr Lieben!

    Ich habe in letzter Zeit ein bisschen bei Rückert nachgelesen, der ja auch Ghaselen von Rumi ins Deutsche übertragen hat, und habe dieses interessante Metrum entdeckt:

    Schenke! mit süßem Lächeln würze mir diesen Becher;
    Wenn du ihn nicht kredenzest, dünket der Wein mir schwächer.
    Komm' aus dem Steingemäuer, komm'! auf den grünen Matten
    Bauen belaubte Zweige luftige Trinkgemächer.
    Siehe! des Frühlings Bräute, lüstern verschämte Rosen,
    Blicken nach uns, den Trinkern, durch den bewegten Fächer.
    Ost! wo du gehst im Thau der Fluren, begrüß' mir Tulpe,
    Lilie sammt Narziss' und andere Frühlingszecher!
    Oestlicher Bote Freimunds, kommst du nach Hildburghausen,
    Grüße daselbst mir Barth, den edelsten Kupferstecher;
    Frag' ihn, wie lang' es her ist, daß wir in Roms Sabina
    Süßen Syrakusaners tranken den letzten Becher?


    —◡◡— ◡—◡ || —◡◡— ◡—◡

    Hat das einen Namen? Und wie gefällt euch das Ghasel an sich?

    Wenn ihr Lust habt, könnte dieser Faden fortgeführt werden, um Ghaselen einzustellen, die euch ansprechen
    oder die (metrische) Besonderheiten aufweisen; dies mit oder ohne eure Gedanken, Fragen oder euer Fachwissen
    mit uns zu teilen.

    Lieben Gruß
    albaa

  2. #2
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    Hallo Albaa!

    Der Halbvers hieß zu Rückerts Zeiten kleiner logaödischer Vers, und ich denke mal, Rückert hat hier, wie in anderen Fällen auch, zwei Grundverse der antiken / antikisierenden Metrik genommen, sie zu einem Langvers verbunden und dann damit "geghaselt"?! Kann aber auch sein, der hier verwendete Vers hat einen eigenen Namen, der ist mir aber dann noch nicht begegnet ... (Bei Wikipedia läuft der Halb-Vers unter 1. Pherekratischer Vers. Hm.)

    Ich melde mich hier noch ausführlicher - wenn ich denn wieder Zeit und einen vernünftigen Zugang habe ...

    Gruß,

    Ferdi

  3. #3
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    Liebe albaa, bei deinem Beispiel springt mich förmlich ein Tanzstil an, den ich aus Bulgarien und Griechenland kenne, und der auf einem 7/8tel-Takt basiert. Beim Tanzen zählt man:

    eins und / zwei und / drei und te / eins und / zwei und / drei und te /

    Ist also rhythmisch identisch mit diesem Metrum. So sieht ein getanztes Beispiel aus. Diese lebensfrohe Musik kann ich mir gut unter dem Ghasel vorstellen. Sie kommt vermutlich ebenfalls aus dem persischen Raum! Der Tanz und die Musik erlauben Euphorie!

    Ich sah nur deine Beine, nackend vor meinen Beinen
    tanzen im Feuerscheine, schweigend ein Lächeln zeigen

    lg
    Geändert von Claudi. (14.03.2020 um 15:32 Uhr) Grund: Video eingebunden
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  4. #4
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    Hallo albaa

    das finde ich trotz der antikisierenden Sprache sehr gefällig. Allerdings finde ich in Z 2 hat Rückert Mühe bereitet, wenn ich die Zeile anhand der Betonung lesen soll.

    Vom Sinn her müsste "Du" betont werden oder nicht? Wenn LD den Wein nicht bietet, scheint er schwächer. Ist da schon schwierig "du" unbetont lesen zu sollen.

    Aber was solls. Das ist allemal schön und reizt, das auch zu testen

    lG

    mp
    ........
    whiskey's getting deeper
    and I use it like a moat
    there's a blues man in the distance
    and he's lost inside his note
    ........
    (Savatage)

  5. #5
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    Hallo!

    Ich komme zu nichts, merke aber an, das Heinrich Leuthold eine Menge Ghaselen geschrieben hat, zum Beispiel:

    Dem Dichter ward ein karges Loos; die Nüchternen verhöhnen ihn,
    Es kehrt die Welt sich ab von ihm, nur schöne Frau'n verwöhnen ihn;
    Doch wenn kein irdisch Weib ihm je das Herz erschloss, ... mit keuschem Kuss
    In heiliger, verschwiegener Nacht umarmen die Kamönen ihn.
    Ihn lehrt ein Gott der Dinge Maß, er lauscht entzückt dem Sphärenchor,
    Wie Offenbarungen des Alls umrauscht ein Meer von Tönen ihn;
    Entsinkt der Mut ihm, richtet neu ein hohes Vorbild ihn empor,
    Verwandter Seelen Kampf und Leid erheben und versöhnen ihn.
    Dem Ew'gen dient er, lebt nur halb der Zeit, die oft ihn ganz verkennt,
    Doch ehrt die Nachwelt seinen Staub und späte Enkel krönen ihn;
    Mag Neid ihm, mag die Rohheit droh'n, ihm ziemt zu lächeln ihres Wahns,
    Vor ihrem giftgetränkten Pfeil beschirmt der Schild des Schönen ihn.


    Gruß,

    Ferdi

  6. #6
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    Hallo!

    In seiner "Vorschule zur Dichtkunst" schreibt Heinrich Viehoff auf Seite 302 zum Ghasel:

    Der Dichter darf die Ghaselform nur wählen, wenn Empfindung und Betrachtung immer um denselben Punkt kreisen, ihn immer auf denselben Punkt zurückführen. [...] Ist der Dichter von einem Gegenstande, einem Gefühl erfüllt, sieht er in Allem nur Bilder dieses einen, hört er in Allem nur Anklänge an diese eine, so ist die stete Wiederkehr desselben Gleichklangs und derselben die Grundempfindung ausdrückenden Wörter nicht bloß gerechtfertigt, sondern in hohem Grade kunstmäßig wirksam. Beide Zeilen des ersten Verspaars lässt man mit dem herrschenden Gleichklang enden, damit gleich von vorn herein der Grundakkord dem Sinne fest eingeprägt werde. Das aber weiterhin alle Verse ungerader Zahl reimlos bleiben, geschieht nicht, wie man geglaubt hat, der Bequemlichkeit der Dichter zuliebe, sondern ist zur Gliederung des Gedichts nach Form und Inhalt notwendig. [...] Die reimlosen Verse gliedern es in Distichen, und stellen zugleich die peripherische Ausbreitung der Empfindung und des Gedankens dar, während sich in den gereimten Versen ihr stetes Rückströmen zu demselben Mittelpunkte kund gibt.

    Auch von Viehoff: Vorübungen im Reimefinden: Ghaselen. Wer mag, kann sich ja dort versuchen!

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (17.03.2020 um 22:32 Uhr)

  7. #7
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    Reimübung

    Hallo Ferdi, Mimus, Artname

    Danke für eure Beiträge hier!

    Ferdi, Das in #1 ist also Pherekratischer Vers. Scheint, dass Rückert viel ausprobiert hat.

    @Artname: Danke für die tänzerische Anbindung.

    @Mimus: Da bin ich bei dir. Das "du" ist hier wichtiger als das "nicht": Also: Wenn nicht Du ihn kredenzest, ...

    Schenke! mit süßem Lächeln würze mir diesen Becher;
    Wenn du ihn nicht kredenzest, dünket der Wein mir schwächer.


    Reimübung

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von Claudi. (22.03.2020 um 13:11 Uhr) Grund: Link eingefügt

  8. #8
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    Liebe Albaa,

    wie besprochen, habe ich Deiner Reimübung einen eigenen Faden gegönnt und fände das Rückert-Original im Anschluss an die Versuche der Teilnehmer später hier im Faden als weiteres Beispiel auch gut aufgehoben.

    LG Claudi

  9. #9
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    Hi, danke! Vielleicht sollte man das doch in die Spielerecke verschieben? "Reimübungen" klingt so streng, dass sich keiner was schreiben traut wies aussieht.

    Also bitte, liebe Claudi, den Faden wenn möglich in Spiele unter dem Titel "Covid-19-Quarantäne-Reimspiele - 1. Ghaselen". Oder hat jemand eine bessere Idee für Rubrik und Titel?

    Lieben Gruß
    albaa

  10. #10
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    Hallo Albaa!

    Och, vielleicht habe ich sie auch alle verschreckt mit meinem, äh, "Beharren auf Ordnung in Übungsfäden" - und dein Faden leidet jetzt darunter ...

    Aber, was mir bei einem PN-Austausch auf- und einfiel: Wem das eigentliche Ghasel zu fremd und vielleicht auch zu aufwändig erscheint, der kann sich doch am Rubai versuchen, an der "persischen Vierzeile", wie das früher hieß; das, was Viehoff "den Embryo des Ghasels" nennt. Vier Verse, Versform freigestellt, Reimschema aaxa. Ein kleines Beispiel von Rückert:

    Du bist mein Tag, was könnte trüb mich machen?
    So oft du lächelst, muss die Welt mir lachen.
    Du bist mein Tag, o lächle, dass ich sterbe!
    Und lächle dann, ich will vom Tod erwachen.


    Ganz gewöhnliche iambische Fünfheber mit ganz gewöhnlichen Endreimen. Kann jeder, macht Spaß; und vielleicht packt irgendwann den einen oder die andere ja doch der Wunsch, eine solche Vierzeile zu einem Ghasel zu erweitern?!

    Noch eins von Rückert zum Abschluss, noch verspielter, mit Überreim auch und etwas freierer Versform:

    Mir ist dein Kuss je länger je lieber,
    Dein Arm ist mir je enger je lieber.
    Zwar macht dein Kuss, der lange, mir bange,
    Mir aber ist je bänger je lieber.


    Gruß,

    Ferdi

  11. #11
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    nach Rueckert

    Zu sachlich schreckt mich wirksam ab
    doch meine Witze schrecken ab
    so wird Gesellschaft schnellstens knapp
    drum schreib ich hier, nun geht was ab!

  12. #12
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    Hallo zusammen,

    ich bekomme zu dem Beispiel einfach keinen Zugang. Die Ideen bleiben aus. Wenn mir was eingefallen wäre, hätte ich mich doch glatt getraut.


    Lg,
    Miserabella

  13. #13
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    Hallo zusammen,

    ich bekomme zu dem Beispiel einfach keinen Zugang. Die Ideen bleiben aus. Wenn mir was eingefallen wäre, hätte ich mich doch glatt getraut.
    ich würde mich auch trauen, aber das, was mir dazu einfällt, ist nur Reimübung und überhaupt nicht im Sinn des Ghasels. Ich möchte da nicht gleich zu Anfang eine falsche Spur legen. Wenn sonst nichts mehr dazu kommt, könnte ich mir meinen Blödsinn evtl. in der Spielecke vorstellen, jetzt noch nicht.

    LG Claudi
    com zeit - com .com

  14. #14
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    Guten Morgen,

    Wem das eigentliche Ghasel zu fremd und vielleicht auch zu aufwändig erscheint, der kann sich doch am Rubai versuchen
    Du gleitest auf dem Sonnenstrahl
    Steigst aus dem Grund im stillen Tal
    Du streichelst mir Gesicht und Haar
    Und tröstest mich ein letztes Mal

    Oder sollte sich Z3 vom Reim deutlicher abheben, etwa:
    "Du streichst mir sanft übers Gesicht"?

    Schönen Gruß, Hoya
    "Wenn man das Leben nur auf eine Art betrachtet, gibt es immer einen Grund zur Sorge." Elizabeth Bowen

  15. #15
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    Hallo Hoya!

    "Deutlicher abheben": Unbedingt! So deutlich wie irgend möglich - auf jeden Fall ein klanglich klar unterschiedener Vokal, und wenn möglich auch andere Konsonanten!

    Du streichelst Haar mir und Gesicht

    Du streichst durchs Haar mir, durchs Gesicht


    " Gesicht" ist, so gesehen, wirklich gut!

    (Beim Ghasel gilt für die reimlosen Zeilen das Gleiche.)

    Gruß,

    Ferdi

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