Thema: depression

  1. #1
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    depression

    wenn die worte fehlen
    wenn der blick ins leere geht
    wenn gerüche lästig werden
    wenn geräusche lärmen
    wenn der haut berührung schmerzt

    wenn alle sinne sinnlos sind

    wenn kein stern am himmel steht
    wenn die tage jahre werden
    wenn die jahre tage sind
    wenn die dunkelheit mich packt
    wenn das leben leblos ist

    wenn die depression mich frisst

    steh ich stumm
    am rande meines ichs
    und sehe mir selbst
    beim nichtleben zu

    ratlos
    hilflos
    kraftlos

  2. #2
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    Hallo Maria Franziska!

    Vielleicht ist die Tatsache, dass hier innerhalb von 3 Tagen noch niemand kommentiert hat, Ausdruck dessen, dass es sich angesichts der Ausdrucksstärke des Gedichts und des heiklen Themas, sowie der zu vermutenden Übereinstimmung von Lyrischem Ich und Autorin niemand getraut hat?

    Das Gedicht erscheint schon auf den ersten Blick sehr streng und monoton - zusammen mit dem Titel "depression", ahnt man sofort, was einen erwartet. Die sich stetig wiederholende Form der Zeilen erklärt sich aus dem Thema. Die ständige Wiederholung des Wortes wenn hämmert dem Leser die quälenden Empfindungen des LI, oder vielmehr das Fehlen derselben, unnachgiebig in den Kopf. Nach den ersten fünf Zeilen ziehst du in der sechsten, die in derselben Form gehalten ist, das erste Resümee: wenn alle sinne sinnlos sind

    Nach den folgenden fünf Zeilen in der zwölften das zweite Resümee, bei dem du konkret wirst, indem du das Kind beim Namen nennst: wenn die depression mich frisst. Dieses umfasst nicht nur die vorangegangenen fünf Zeilen sondern alles, was bis dahin beschrieben wurde. Es stellt damit eine Bedeutungssteigerung gegenüber dem ersten Resümee dar.

    Hier ist der Höhe- und Wendepunkt erreicht, jetzt sind wir beim Thema: die Form ändert sich. Die Zeilen werden kürzer und bilden ganze Verse (immer zwei Zeilen bilden eine Sinneinheit), das monotone, relativierende wenn ist verschwunden. Hier findet das LI konkrete Worte für das, was es tut, wenn die Depression sich seiner bemächtigt hat: stumm sich selbst beim nichtleben zusehen // am rande meines ichs

    So ernüchternd und traurig diese Feststellung ist, so hoffnungslos ist das Fazit, wirkungsvoll reduziert auf drei einzelne Wörter: ratlos / hilflos / kraftlos

    Ich habe kaum Verbesserungsvorschläge:

    In der ersten Zeile würde ich inhaltlich einen engeren Bezug zum ersten Resümee (...sinne...) fünf Zeilen später herstellen, z. B.:
    wenn die zunge fad am gaumen klebt
    (statt: wenn die worte fehlen)

    Die letzten drei Zeilen würde ich umsortieren, um eine inhaltliche und klangliche Steigerung zu erzielen:
    ratlos / kraftlos / hilflos
    (statt: ratlos / hilflos / kraftlos)

    Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich es mutig von dir finde, ein so persönliches Gedicht hier einzustellen, auch wenn ich glaube, dass die meisten Menschen, schon einmal ähnliche Gefühle erlebt haben. Richtig problematisch ist es immer dann, wenn dieses Fühlen zur regelmäßigen, häufigen Erscheinung, oder zum Dauerzustand wird, denn diese Dauerbelastung richtet die Person zugrunde. Durch die von dir gewählte Form - erst in ihrer hämmernden, fast ausufernden Monotonie, und dann in dem bitteren, reduzierten Fazit - hast du diesen Umstand sehr wirkungsvoll zum Ausdruck gebracht.

    Alles Gute!

    Gruß
    Majolu

  3. #3
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    Hallo Majolu!
    Vielen Dank für Dein Lesen, Deine Kritik und Deine Änderungsvorschläge.
    Ja, Du hast recht, es ist ein sehr persönliches, sozusagen durchlittenes Gedicht.
    Und deshalb - sei nicht bös - möchte ich es so lassen, wie es ist.
    Es ist für mich ein großer Unterschied zwischen "wenn die zunge fad am gaumen klebt" und "wenn die worte fehlen".
    In meiner Sortierung am Ende habe ich diese Reihenfolge gewählt, da es mir logisch erschien, daß ich ohne Rat und Hilfe nicht wußte, woher ich die Kraft ziehen sollte.
    Ich hoffe, Du kannst mir folgen.
    Liebe Grüsse, pass auf Dich auf!
    Maria

  4. #4
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    @Maria


    Hmm ein dunkler Gesprächsstoff. Selbst darüber zu reden, gibt der dunklen Materie Kraft, dich näher heranzuziehen, an ihr schwarzes Loch.

    Ich würde so


    depression
    wenn die worte fehlen

    der blick ins leere geht
    gerüche lästig werden
    geräusche lärmen
    der haut berührung schmerzt


    wenn alle sinne sinnlos sind


    kein stern am himmel steht
    die tage jahre werden
    die jahre tage sind
    die dunkelheit mich packt
    das leben leblos ist

    wenn die depression mich frisst

    steh ich stumm
    am rande meines ichs
    und sehe mir selbst
    beim nichtleben zu


    So

    suche ich die Sonne
    deren Anziehungskraft
    mich rausreist
    aus der verwunschenen Bahn.

  5. #5
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    Hallo Horst,

    du gibst der Aufzählung eine ganz andere neue Gewichtung
    und findest einen märchenhaft hoffnungsvollen Schluss
    ...dem ich heute sehr gut folgen kann!

    Gruss Maria

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