Thema: Harmlos

  1. #1
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    Harmlos

    Ich war noch nie ein gewalttätiger Mensch. Wer mich kennt, würde mich als liebenswürdigen Menschen beurteilen, der keiner Fliege ein Bein abbeißen kann.
    Sogar ich schätzte mich immer so ein – aber nur bis gestern.

    Lammfromm und gesittet, so könnte man es bezeichnen und so machte ich müden Fußes und Körpers einen äußerst kurzen Spaziergang; eben nur, um mir die Beine etwas zu vertreten.
    Die Stadt wirkte wie ausgestorben; nicht verwunderlich, war doch der Aufruf erfolgt,
    nur in dringenden Fällen das Haus zu verlassen. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen.

    Mit unendlich viel Schlaf als Begleiter torkelte ich in halbwachem Zustand eine Runde um unseren Häuserblock. Gestern war ich bei meinem halbstündigen Rundgang keiner einzigen Person begegnet. Der Verkehr war ebenso spärlich gewesen; nur ab und zu fuhr ein PKW oder LKW in die eine oder andere Richtung.

    Heute war ich erstaunt, als ich auf der anderen Straßenseite eine Figur entgegenkommen sah.
    Das beunruhigte mich nicht, da sie sich doch auf der anderen Seite der Straße befand.
    Nur aus zwingenden Gründen war es gestattet, das Haus zu verlassen. Das aber auch nur mit größerem Abstand zu anderen Personen.
    Tief war ich in Gedanken um das aktuelle Geschehen, als ich merkte, wie die Gestalt die Straße überquerte und mir jetzt auf meiner Seite entgegenkam.

    Instinktiv bohrte ich meine Fäuste tiefer in die Jackentaschen, dabei spürte ich etwas Hartes.
    Das war des Rätsels Lösung: in der linken Tasche merkte ich ein mir bis dahin unbekanntes Loch. Somit erklärte sich auch das mysteriöse Verschwinden meiner Euro-Münze, die ich in der Vorwoche für einen Einkaufswagen verbissen gesucht hatte. Eine winzige Spur zufriedener, hob ich meinen leicht gesenkten Kopf etwas an.

    Meine Anspannung verflüchtigte sich schlagartig, entspannt nahm ich war, wer mir entgegenkam: eine Nonne. Bestimmt ein aufopferndes gläubiges Wesen, das sein Leben dem Glauben geopfert hatte, so wie fast alle derer, die im nahe gelegenen Kloster am Berghang lebten.
    – Als gefühlsbetonter Mensch, für den ich mich immer schon halte, wollte bei dieser Betrachtungsweise und meinen gleichzeitig aufkeimenden Vorstellungen von Verzicht und mühevoller aufopfernder Arbeit, sofort Mitleid hochsteigen. Dagegen kämpfte ich entschlossen an. – Ich schelte mich oft selbst, für diese Welt eben zu weich zu sein; obgleich ich mich nicht zu den überbetont gefühlsduseligen Schwärmern zähle, derer es doch auch viele gibt.

    Nochmals spürte ich eine gewisse Zufriedenheit wegen der verschwundenen Euro-Münze;
    mir war es weniger um die Münze gegangen, hauptsächlich um die Erklärung für das Verschwinden. Wenn ich etwas sicher weiß, dann weiß ich es eben. Ein sonderbares Gefühl,
    unter Umständen an seiner eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifeln zu müssen; so ließ sich die Erleichterung durch des Rätsels Lösung gut erklären.

    Inzwischen war die Nonne näher gekommen. Kurz abgeschätzt, ging sich das spielend aus, beim Vorbeigehen einen gewissen Sicherheitsabstand einzuhalten. Füllig war keiner von uns beiden. Im Gegenteil, sie war sogar als sehr schlank zu bezeichnen, soweit das trotz ihres Umhanges zu beurteilen war. Ihr Gesicht konnte ich schon ausnehmen, das richtig hübsch wirkte. Dieser Eindruck verstärkte sich, je näher sie herankam.

    Rechts von mir befand sich ein Bürogebäude mit einer Zufahrt zu einer Tiefgarage. Das erschien mir günstig, meine Schritte dorthin zu lenken, um den Sicherheitsabstand wesentlich zu vergrößern,
    denn schon war die Nonne in meiner Höhe angelangt. Ich sah ihre leuchtenden Augen, das blasse zierlich wirkende Gesicht und sogar eine kleine Haarsträhne, die ihr offensichtlich eine der Windböen aus der Kopfbedeckung hervorgeholt hatten. – Ein wirklich hübsches junges Wesen mit regelmäßigen Gesichtszügen. Noch nie hatte ich in so kurzer Zeit ein Gesicht derart ausgiebig betrachtet. Ich musste an die Bedeutung des Wortes 'Wohlgefallen' denken, es wäre hier angebracht, wenn nur nicht diese mir grässliche schwarze Kopfbedeckung und der Umhang gewesen wären!

    Während ich abwartend in der Einfahrt stand, wurde ich mit einem Mal aus meinen Betrachtungen herausgerissen: sie kam auf mich zu. Alarm! schrillte es in mir. Blitzschnell, fieberhaft und panisch
    durchzuckten mich verschiedene Gedanken, die ich im Sekundenbruchteils nicht ordnen konnte,
    denn zugleich wurde ich durch eine Bewegung ihrer Hand abgelenkt, die sie aus dem Umhang mit einem Gebetbuch hervorkam.

    Sie war bis auf Armlänge an mich herangetreten, streckte mir blitzartig das Büchlein entgegen und
    schrie mit schriller Stimme "Beten Sie auch genug?"
    Ich war perplex. Zu viele Fragen stürmten auf mich ein. Was sollte das? Wieso fragte sie mich, dazu noch mit dieser gräulichen Stimme? Wieso war sie mir so nahe gekommen? Was sollte ich tun?

    Das Gehirn arbeitet unablässig und selbständig. Wie konnte es in dieser Situation so etwas Ähnliches wie eitle Gedanken entwickeln, indem ich eigenartigerweise wie ein Außenstehender meine eigene ruhige und feste Stimme bewunderte. In dieser Situation oder gerade deswegen, laut mit festem wohlgefälligen Ton zu antworten "Nein, ich halte das für unproduktiven Unfug."
    Dazu gehört schon einiges an Selbstbewusstsein und Stärke. Sich zugleich ob dieser Ruhe selbstkritisch als gelassen zu befinden, kam mir auch seltsam vor. Nebenbei das Registrieren dieser
    in Sekundenbruchteilen ablaufenden parallelen Gedanken, während einem vor die Nase ein Gebetbuch gehalten wird – und dann noch irgendwie dazwischen eine vorhandene Zeit, die sich abspielende Begebenheit als sonderbar zu empfinden.

    "Was? Unproduktiver Unfug? Sie sind ein Verdammter!"

    Ich lehnte mich mit der Schulter an die Mauer zur Tiefgaragen-Einfahrt, um sicherer zu stehen,
    da mich ein kurzer Schwindel erfasst hatte, zugleich eine unsagbare Müdigkeit.
    Ihre Hände fuchtelten vor meinem Gesicht, ihr Gekeife wollte nicht abebben.
    Mit einer Hand an der Mauer gestützt, die Fingernägeln in den Rauputz gekrallt, dass er herunterrieselte, sammelte ich alle in mir noch vorhandene Kraft und brüllte zurück.
    (Das wäre für einen Beobachter ein seltsamer Anblick gewesen.)
    Ich brüllte, dass mir fast die Stimmbänder rissen:
    "Zeit u. Energie nicht mit unnützem Beten vergeuden an den, der diese Krankheit nach dem Glauben der Kirche lenkt. Das muss ein ganz schön besoffener Lenker oder Sadist sein.
    Nur an die unzähligen Kriege und Leiden der Menschheit denken! Null Hilfe durch den angeblichen Gott." Ich war ganz gewaltig aufgeregt, knapp vor einem Zusammenbruch oder Explosion.
    Kaum Zeit für einen keuchenden Atemzug, setzte ich fort:
    "Im Gegenteil, die meisten Kriege sind durch dieses seltsame Hineinsteigern in den Glauben an eine übersinnliche Kraft erst entstanden.
    Dieser friedlich wirkende Fanatismus mit seinen Auswüchsen hat Millionen Menschenleben gefordert. Waren die unzähligen Foltermethoden Geschenke von dem sogenannten Gott an die Kirche oder ist dieser Alleskönner selbt an Leid interessiert weil er Sadist ist.
    Nein, das alles wäre eine ganz billige Art. Wenn man mit dem Denken am Ende ist und sich etwas nicht erklären kann, dann einfach jemand anderen und Unsichtbaren erfinden.
    Lernt lieber Physik und Chemie, wenn es auch nicht leicht ist, aber glaubt nicht an Hexen und Zauberer! Glaube steht für Bereicherung, Fanatismus und Qual."

    Sie nahm die Pause meier Atemnot als Gelegenheit, wieder mit dem Keifen zu beginnen:
    "Sie sind ein ein Verdammter, dem das Paradies versagt bleiben wird.
    Ihr sündiges Leugnen der göttlichen Herrlichkeit lässt das Herzblut des erlösenden Jesus gefrieren."
    Bei diesem Geschrei zog sie die Hand mit dem Buch zurück, beugte sich vor, spuckte mich an und hustete mir grässlich ins Gesicht.

    Wie in drehende Nebelschwaden fühlte ich mich getaucht. Ich hörte meinen Puls in den Ohren rauschen und hämmern, während ich mich mit einem gelungenen Sprung auf sie stürzte und sie zu Boden riss. Mit festem Griff bekam ich ihren Hals zu fassen und drückte und drückte mit vollster Kraft. Ihre Augen quollen hervor, ihre gesamte Tracht war verrutscht,. Mit einer Hand griff ich zu ihrem Schleier, bekam ihn zu fassen und zerrte ihn von ihrem Kopf. Dann wollte ich die zweite Hand zu Hilfe nehmen, um abermals zuzudrücken. Aber ich merkte, das war nicht mehr notwendig.


    "Wiederholungen, lauter Wiederholungen und unnütze Werbung im Fernsehen. Ich werde früher Schlafen gehen." hörte ich meine Frau sagen. Sie rückte die Fernsteuerung zu mir, der ich mit hoch gelagerten Beinen auf der Bettbank lag, stand vom Fauteuil auf und ging langsam Richtung Bad.
    Währenddessen sagte sie mit besorgter Stimme "Jetzt gibt es in unserer Stadt schon 47 Tote."
    Ich hustete und rief ihr nach "48!".

  2. #2
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    Lb. Explex,

    habe es mit Interesse gelesen und dabei an Parallelen in meinem Leben gedacht. Mit Gläubigen habe ich immer gerne diskutiert und fühlte mich dabei eher in meiner Meinung bestärkt. Grundsätzlich bemerkte ich dabei aber auch das Entstehen von Antipathie, die bei entsprechender Macht auch eine Gefahr sein könnte.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  3. #3
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    Lieber Hans!
    Danke für Deine Mühe und die Zeit zu lesen.
    Zum Thema könnte viel erzählen und schreiben, was mir dieser Tage leider nicht möglich ist, da meine volle Aufmerksamkeit in eine unerfreulichere Richtung geht.
    Bis hoffentlich bald auf intensiveren Kontakt!

    Freundlich grüßt
    Explex

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