1. #1
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    Hypochonders Paradise

    Wieder im Zug. Staubflocken kitzeln liebevoll meinen Riechkolben. Ich muss niesen. Meine Armbeuge ist ein feuchtes Biotop geworden. Ein Sammelbecken multilateraler Kulturen. Ich gewahre hochschnellende Köpfe die zu mir rüber blicken. Ich muss nochmal niesen. Es ist laut. Brachial. Der Waggon erzittert kurz. Freudvolle Rufe aus meiner Armbeuge. Wieder hochschnellende Köpfe die mich scharf ansehen. Ich blicke ungeniert zurück und halte den Blicken tapfer stand. Die Köpfe sinken langsam aber bedrohlich zurück. Sie tuscheln. Am liebsten würden sie ihre Köpfe zusammen stecken, aber sie dürfen nicht.
    Ein Meer von Staubflocken bewohnt die unreinen Zugreihen, die mich zum dritten Male dazu reizen einen kräftigen Aussonderungslaut von mir zu geben. Diesmal kann sich einer der mitfahrenden Insassen nicht beherrschen und ruft in meine Richtung: “Sie haben se ja wohl nicht mehr Alle!“ „Stimmt“ rufe ich zurück. „Sie haben jetzt auch welche.“
    Ich muss über meine spontane Erwiderung selbst kurz in mich hineinkichern, ziehe dabei unbewusst meine triefende Restrotze hoch um ihn über den Kanal hinter der Nase runterlaufen zu lassen und seufze erleichtert auf. Daraufhin steht eine maskierte Frau auf, schüttelt missbilligend ihren Kopf, funkelt mich dabei demonstrativ an und verschwindet in die hinterste Ecke des Waggons. Ich halte kurz Inne, blicke ihr hinterher und möchte kurz etwas erwidern, aber sinke zurück auf mein Platz und beginne zu sinnieren.
    Ich vernehme Partystimmung aus meiner Armbeuge und werde wütend darüber, weil ich mich hier mit dusseligen Mitmenschen herumschlagen muss und packe genervt eine Flasche Cutasept F mit dem Wirkstoff Propan-2-ol aus und sprühe gleich mehrmals unter Kampfgetöse in die Armbeuge. Der Genozid und die Todesschreie der Mikrovölker befriedigen mich und beruhigt benetze ich mich auch mit dem goldenen Desinfect.
    Ich ziehe noch des Öfteren fast schon schuldbewusst die Nase und muss nochmal niesen. Verdammt denke ich mir. Noch drei Stationen und die Stimmung ist bereits überladen. Die Anderen haben sich verbündet und scheinen sich zu beraten. Plötzlich muss ich, da ich versucht habe meine folgenden Attacken zurück zu halten viermal hintereinander niesen, verliere dabei völlig die Kontrolle und verfehle die letzten zweimal die Armbeuge. Mist. Einer steht ruckartig auf und schreit hemmungslos: „ES REICHT!!! DAS KÖNNEN WIR DIESER VIRENSCHLEUDERMASCHIENE NICHT DURCHGEHEN LASSEN. Ich sage wir schmeißen ihn raus aus dem Zug!“
    Sofort wendet sich eine Frau neben ihm zu dem Mann und versucht zu beschwichtigen: „Paul…bitte, setz dich…“ „Ist doch wahr.“ rechtfertigt sich Paul. „Der rotzt uns noch alle zu Tode.“ und an mich wendend: „Warum sind sie nicht zu Hause geblieben? Wissen sie wie unvernünftig und asozial sie sind?“ „Aber PAULLL, hör auf damit.“ warnt die Frau ihren Mann scharf. „Lass mich Hildegard. Irgendjemand muss diesen…“ er verweist mit einer despektierlichen Geste auf mich und fährt fort“ …dreckigen…Ka…Mann…zur Räson bringen…“ „Jetzt REICHTS!“ Langsam stehe ich mich bedrohlich aufbauend auf. „Ich habe bis jetzt alles stoisch über mich ergehen lassen. Bitte. Beruhigen sie sich wieder. Es gibt überhaupt nichts zu befürchten. Ich habe nichts weiter als eine harmlose Stauballergie.“ Überrascht über meine doch so ruhige, gelassene Erwiderung, versuche ich das Ganze noch mit einem freundlichen Nicken und einer beruhigenden Geste mit der Hand zu unterstreichen. „Das kann ja jeder behaupten. Warum sollten wir ihnen überhaupt vertrauen, he?“ er schaut dabei um sich, um zustimmende Blicke zu erheischen und bekommt sie auch. „Die nächste Station fliegen sie raus. Entweder freiwillig oder…“ statt den Satz zu Ende zu führen, streift er sich Hygienehandschuhe über die Hände, verteilt zwei weitere Paare anderen Mitfahrern und packt auch noch Schutzmasken aus. „Ohooo, da ist aber jemand vorbereitet.“ rufe ich überrascht aus. „Ich muss nur noch bis zur übernächsten Station. Sie müssen nichts weiter tun als etwa zehn weitere Minuten mit mir auszuhalten.“ „Nichts da…“ Der Zug bremst. Gleich hält er an. Die Männer nähern sich langsam. Sie wollen das tatsächlich durchziehen. Langsam steigt Panik in mir auf. In meiner Verzweiflung greife ich in meine Tasche, ziehe meine Notfalltoilettenpapierrolle aus und krame mein Feuerzeug aus meiner Hosentasche heraus. „STOP! Kein Schritt näher oder ich zünde die Rolle an!“ „NEIINNN!!!“ Alle bleiben stehen. So verharre ich bis zu meiner Station. Die Türen öffnen sich. Ich packe meine Sachen, niese zum Abschied und laufe raus.

  2. #2
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    Hallo facelle,
    ich musste wirklich lachen, diese geschichte könnte auch in alltägliches bio stehen, eine kollegin von mir erzählte vorgestern ähnliches, sie ging an einem blühenden busch vorbei, bekam einen niesanfall mit hustenattacke und böse blicke.

    vielleicht könntest du mehr absätze verwenden, das würde mir beim lesen helfen


    lg vom GE-wicht
    bravecto plus und nexgard kann ich empfehlen, damit kommen meine lieblinge stressfrei durch den sommer und müssen sich nicht quälen,
    falls ein haustierhalter nur bernsteinketten, lavendelöl, frontline, advantage kennt, parasiten sind gegen diese mittel schon lange resistent.

  3. #3
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    Danke für die überaus humorvolle Information worum es bei der Coronapanik geht. Nicht dass etwa Meinungsverschiedenheiten hochgeschaukelt werden oder von anderen gravierenderen Misständen abgelenkt werden soll. Nein schlicht und einfach wer husten darf und wer nicht und warum und wo und wann und warum nicht und wann und wo nicht. Ich wünsche mir mehr solche direkten Bekenntnisse zu Grundrechten und ihrer Aushebelung weil 0,1 Prozent der Bevölkerung angeblich die selbe Krankheit haben und davon dann noch mal ein 10 prozentiger Teil tatsächlich stirbt. Ob jetzt im Zug ist dabei wohl entscheidend.

    MFG!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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