Thema: Genesis 8-9

  1. #1
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    Genesis 8-9

    Noe, rette flott die Guten - nächstens schickt uns Gott die Fluten!

    »Die Menschen sind so dumm und kränken
    mit ihrem Tun mich tollen Schöpfer.
    Sie legen sich nicht krumm und denken,
    dass ich die Ackerschollen töpfer.«

    Als Gott ob ihrer Sünden grollte,
    empfahl er an Adresse Noe,
    dass er die Arche gründen sollte,
    weil bald den Menschen Nässe drohe.

    Der baute bis die Bretter rauchten
    ein Schiff, ganz eigenhändig, stolz,
    für alle, die 'nen Retter brauchten -
    und Noe brauchte ständig Holz.

    Er schaffte es, 'nen festen Kutter
    in zeitlichem Rekord zu bauen,
    mit Platz für viele Kästen Futter,
    so hatten sie an Bord zu kauen.

    Dann brachte er zur Arche Schnecken,
    Giraffen, Igel, Zander, Aal,
    selbst Bären in die Schnarcheecken,
    von jedem zweie an der Zahl.

    Die Himmelspforten spieen Fluten
    und Noe bat die Tiere stetig,
    sie mögen sich mit Fliehen sputen.
    Da wurden selbst die Stiere tätig.

    Zuletzt sah man die Stuten fliegen,
    sie kamen noch an Bord gedüst,
    gerade als die Fluten stiegen.
    Wer draußen blieb, hat dort gebüßt.

    Sehr lange ging das Wasser nieder
    und Noe sah's vom Himmel schütten.
    Er kam an Deck, bis nass er wieder
    zurückging in die Schimmelhütten -

    nicht ohne einen Fluch: »Die Suppe
    von oben und die Schauer dunkeln
    den Himmel ab, ich such die Fluppe
    und hab genug vom Dauerschunkeln!«

    Es hatten sich dank hoher Wellen
    die Reihen auf dem Deck gelichtet.
    Noch wollt sich's nirgendwo erhellen -
    zumindest war das Leck gedichtet.

    Ein Rüde kam an Deck gewackelt
    und jammerte, 'ne Wunde hätt er!
    Laut bellend ist er weggedackelt:
    »So ein verdammtes Hundewetter!«

    Als endlich, bisher gräulich bloß,
    das Wolkenmeer der Sonne wich,
    erschien der Himmel bläulich, groß,
    so dass die Crew mit Wonne sich

    an Deck begab, der Reise lauschend,
    und dort den letzten Zipfel Gischt
    besah, wie der ganz leise rauschend
    um eines Berges Gipfel zischt.

    Es waren, als der Pegel sackte,
    die Tage auf dem Meer verjährt
    und Noe, der die Segel packte,
    war klar, dass familiär vermehrt

    sich in den vielen Kojebetten
    genug von jeder Art befänden.
    Er konnt sich an die Boje ketten:
    »Dann will ich mal die Fahrt beenden!«
    Humorvolle Lyrik ist der Hofnarr der Poesie

  2. #2
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    Lieber Stefan,

    huch, das ist ja mein Lieblingsschüttelgedicht von Dir! Damit machst Du mir eine ganz besondere Freude. Es muss jetzt so an die zehn Jahre her sein, dass ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, und ich hatte mir tatsächlich gewünscht, es nochmal lesen zu dürfen, nachdem das grüne Forum geschlossen war.

    Für mich ist das ein Beispiel grandioser Schütteltechnik, die ohne Satzverdrehungen superwitzig und originell daherkommt und die Verse durch geschickte Enjambements zu einem wahren Lesevergnügen macht. Ich weiß gar nicht, welche Strophe ich als beste zitieren soll. Sie sind alle gut gemacht und ergänzen sich prima. Ganz großes Kino! Danke für diesen Spaß, den ich mir nun bestimmt öfter gönnen werde.

    LG Claudi
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  3. #3
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    Lieber Stefan,

    Ein Schüttelgedicht von dieser Länge von Anfang bis Ende so sauber hinzukriegen, ist genial. Claudi erwähnte es zwar schon, aber ich muss das auch nochmal betonen: Kaum zu glauben, dass es keine einzige unschöne Verdrehung gebraucht hat.

    Zwei Sachen, die mir den Gesamteindruck ein nur ein gaaaanz klitzebissgen stören: Die Fluppe (Zigarette) und der Hund mit der Wunde. Bei beidem fehlt mir ein wenig der Zusammenhang. Aaaber wie man so schön sagt: Meckern auf hohem Niwoh.


    Fazit: Räschpäckt !!!!

    Dies hier

    Sehr lange ging das Wasser nieder
    und Noe sah's vom Himmel schütten.
    Er kam an Deck, bis nass er wieder
    zurückging in die Schimmelhütten -
    ist mein persönlicher Lieblingsschüttler.

    Zander, Aal
    an der Zahl
    ist aber auch ...


    Vor Ehrfurcht ganz klein und mit
    lieben Grüßen

    Claudia

  4. #4
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    Liebe Claudi,

    das freut mich!
    Ja, das Gedicht ist schon etwas in die Jahre gekommen. Ich habe es wieder rausgekramt, weil mir mein Bruder gerade den "Faust - geschüttelt" von Heinrich Steinberg geschenkt hat, mit dem Hinweis, dass ich mir doch mal die Bibel vornehmen könnte. Und da kam gerade recht, dass ich die Stelle mit der Sintflut schon in petto hatte...


    Liebe Claudia,

    ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber ich glaube, dass ich damals einige Zeit über dem Ding gebrütet habe. Solche Tüfteleien machen mir Spaß, wenn ich genügend Zeit dazu habe (hab schon in WG Zeiten an einem 10.000 Teile Puzzle gesessen).

    Mit den beiden angemerkten Stellen triffst Du die wunden Punkte (besonders beim Hund ). Das Hundewetter passte so schön rein und natürlich ist die Verletzung schüttelreimgeschuldet.


    Danke Euch beiden und liebe Grüße!
    Stefan
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  5. #5
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    Lieber Stefan,
    auch ich kenne Dein Meisterwerk noch aus früheren gemeinsamen Zeiten im grünen Forum. Ich habe es immer bedauert, dass Du nicht öfters geschüttelt hast. Mit dem "Faust" von Heinrich Steinberg hat Dir Dein Bruder ein schönes Geschenk gemacht. Ich habe das Werk schon sehr lange aus dem Nachlass eines verstorbenen Schüttelreimers.

    Liebe Grüße
    Friedhelm
    ______________________________

    Reime zu schütteln, gilt vielen als Nonsens von Spaßern, nichts Rechtes!
    Aber die Spaßer mit Ernst suchen im Unsinn den Sinn!

  6. #6
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    Lieber Friedhelm,

    herzlichen Dank! Ein Lob vom Meister aller Schüttelklassen wiegt schwer.

    Momentan kann man nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, dass nicht mal mehr Händeschütteln erlaubt ist.
    Aber Wörterschütteln im virtuellen Raum ist zumindest noch möglich. Merkwürdige Zeiten...

    Liebe Grüße,
    Stefan
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  7. #7
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    Hi plotzn,

    ich reihe mich hier ein.
    Ich kenne die Schwierigkeit von Schüttlern sehr wohl und weiß um den Wert des Handwerks.

    Hochachtung!

    vlg

    EV
    - Ich bin lieber ein Paradiesvogel als der Vogel im Paradies -

  8. #8
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    Danke, EV!
    Dann hat sich die Tüftelarbeit ja gelohnt...

    Liebe Grüße,
    Stefan
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  9. #9
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    Genial! Das beste und längste Schüttelreimgedicht, daß ich je gelesen habe, passend zum 1. April gepostet. Am besten gefallen mir die Wortkombis wie "Zander, Aal (...) an der Zahl" oder "Wunde hätt er (...) Hundewetter", auch wenn's nicht immer reine Reime sind. Aber was spielt das schon für eine Rolle bei dem Spaß den man damit hat! Tatsächlich sind Dir mit "weggedackelt" und "Hundewetter" nebenbei noch zwei passende Assoziationen gelungen. Um das hinzukriegen, muß man schon ziemlich lange schütteln. Das wichtigste ist aber, daß Dein Gedicht fast durchgehend melodiös ist. Auch Klassikern gelingt das nicht immer.

    Theologisch wäre noch anzumerken, daß sich die Tiere während des Jahrs in der Arche eher nicht vermehrt haben, da Noah aus Platzgründen sehr wahrscheinlich Jungtiere an Bord genommen hat. Ein Päärchen ausgewachsene Brontosaurier hätte sich zu leicht den Kopf angestoßen. Außerdem hätte sich die benötigte Proviantmenge damit vervielfacht.

    Vielen Dank für die Mühe, die Du in dieses Gedicht reingesteckt hast!


    Grüße aus Bayreuth

    DerBibliotaph

  10. #10
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    Servus Bibliotaph,

    vielen Dank für die ausführliche Beschäftigung mit der Sintflut und dem großen Lob!
    Der 1. April war eher Zufall, aber ein bisschen Spaß an diesem Datum kann jedenfalls nicht schaden .

    Dem besonderen Klang von Schüttelreimen und der Freude beim Entdecken von neuen, unverbrauchten, steht die Gefahr gegenüber, dass das Ganze stark reimgezwungen wirkt. Die ist schon bei "normalen" Reimen gegeben, aber geschüttelt noch viel explosiver. Mit ein Grund, warum ich mich in den letzten Jahren wenig damit beschäftigt habe.

    Mit den Jungtieren magst du Recht haben, sonst wäre die Arche vermutlich aus allen Nähten geplatzt. Und was es heißt, 40 Tage auf engesten Raum zusammengepfercht zu sein, probieren wir alle gerade in einem realen Selbstversuch aus...

    Liebe Grüße aus Südhessen nach Oberfranken!
    Stefan
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