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  1. #16
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    Salute, albaa!

    Tja, die verdeckte Schiffsmetaphorik scheint mir auch sehr, sehr ausreichend für sensibles Lesen. Das thematisierte "Bild" vom "einen, selben Boot" wirkt fast plakativ, eher eine Handreichung für die weniger sensiblen Leser. Obwohl - die merken wohl eher gar nichts. Also weglassbar, die rote Textpassage. Dann bleibt genug Schlüsselszene.

    Ein bisschen Lektor spielen, auch wenn man das Zentrum nicht angetastet hat, darf man schon, liebe albaa? Vor allem wenn man nur auf wenige der Flüchtigkeitsfehler hinweist?

    Greetse
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  2. #17
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    Hallo albaa, hallo Willibald


    ich will euch ein Geheimnis verraten. Diese ganze Geschichte ist eigentlich nicht viel mehr als eine erzählte Interpretation eines Heine-Gedichts aus dem Buch der Lieder, vertont von Robert Schumann, gesungen von der unvergleichlichen Brigitte Fassbaender und auf youtube zu hören.

    Wir saßen am Fischerhause,
    Und schauten nach der See;
    Die Abendnebel kamen,
    Und stiegen in die Höh.

    Im Leuchtturm wurden die Lichter
    Allmählig angesteckt,
    Und in der weiten Ferne
    Ward noch ein Schiff entdeckt.

    Wir sprachen von Sturm und Schiffbruch,
    Vom Seemann, und wie er lebt
    Und zwischen Himmel und Wasser
    Und Angst und Freude schwebt.

    Wir sprachen von fernen Küsten,
    Vom Süden und vom Nord,
    Und von den seltsamen Völkern
    Und seltsamen Sitten dort.

    Am Ganges duftets und leuchtets,
    Und Riesenbäume blühn,
    Und schöne, stille Menschen
    Vor Lotosblumen knien.

    In Lappland sind schmutzige Leute,
    Plattköpfig, breitmäulig und klein;
    Sie kauern ums Feuer, und backen
    Sich Fische, und quäken und schrein.

    Die Mädchen horchten ernsthaft,
    Und endlich sprach niemand mehr;
    Das Schiff ward nicht mehr sichtbar,
    Es dunkelte gar zu sehr


    Aber nun zu deinem Vorschlag, albaa:

    Sie antwortete ihm rasch. „Da sind wir ja, wenn sie so wollen, wenn sie das allzu naheliegende Bild entschuldigen wollen, da sind wir ja im selben Boot! Sie wissen ja", sie lachte hell, "eher wird eine Frau ermordet als dass sie jenseits der 40 noch einen festen Partner findet und schon gar nicht, wenn du alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und Geigenlehrerin bist, also nicht viel verdienst.“
    „Geigenlehrerin?“ fragte er erstaunt. „Da hat man doch ein gutes Auskommen! Da könnten sie doch im Orchester spielen…?
    „Ich bin Stimmführerin bei den zweiten Geigen im Kurorchester von Bad Lippspringe“ entgegnete sie und bemerkte, wie ihn das beeindruckte.

    Und nun geschah etwas Erstaunliches,


    Also das möchtest Du streichen , albaa, weil zu "einfach, zu plakativ, zu erklärbarmäßig"

    Es ist aber gar nicht einfach albaa, es ist fünffach:

    1. Er deutet an, dass er allein ist und da enthülltt sie ihm ihre eigene Single-Existenz und ihren beziehungswunsch (in einem Boot sein)

    2. Er geht darauf auf dieses "in einem Boot sein" aber gar nicht ein, sondern interessiert sich für viel Konventionelleres: Womit verdient diese Frau ihre Geld? Auch der von ihr vollzogene Übergang zum Du wird von ihm nicht aufgegriffen. Das realisiert sie und setzt deswegen im folgenden Abschnitt auf ihre physischen Reize.

    3. Er kennt sich in ihrer Welt nicht aus, sonst würde er nicht glauben, dass man als Geigenlehrerin an einer Musikschule viel verdienen kann. (Ich, Onegin, habe Freunde und Bekannte in diesem Milieu und weiß, wovon ich da rede.)

    4. Sie weiß, dass er sich nicht auskennt und weiß. dass sie ihn deshalb mit dem Kurorchester von Bad Lippspringe imponiren kann. Sie strebt nach Liebe aber (wie wir alle auch) nach Anerkennung, nach Anerkennung als Künstlerin, daher auch die Marotte mit der Briefschreiberei, authentisch sein, sensibel sein. (wie bei uns im Forum !) und andere sollen das mitkriegen, darum geht es ihr auch.

    5. An sich ist das Kurorchester von Bad Lippspringe natürlich tragisch-komisch. Sollte es tatsächlich existieren, dürfte es weitgehend aus Amateuren bestehen, die sich einmal in der Woche abends zur Probe treffen. Diese Ensenbles haben nur einige wenige Profis als Korsettstangen in ihren Reihen. Unter Profi-Musikern hat die Position von Tanja in diesem Orchester kein Renommee.

    FAZIT: Die Tanja ist in jeder Beziehung ein armes Hascherl!

    Vielleicht albaa, meinst du aber auch, dass die Stelle zu überladen wirkt, dass zu viele Informationen in wenige Zeilen gepresst sind. Diese Kritik ist vielleicht nicht unberechtigt. Hätte ich die hier gedrängt gegebenen Informationen auf mehrere Szenen verteilt, wäre der Text vielleicht künstlerisch befriedigender ausgefallen, die Erzähling wäre aber dadurch auch länger geworden. Das wäre möglicherweise auch der Figur der Tanja zugute gekommen, die jetzt ziemlich schrill rüberkommt. Den roten Text ersatzlos rpt ersatzlos zu streichen, wäre sber für mich keine Alternative. dann bliebe die Tanja zu blass.

    Ich habe mich jedenfalls für diese gedrängte Form entschieden, weil ich dem Leser eine Erzählung, die vielleicht über 20 Druckseiten geht, auf dem Bildschirm nicht zumuten wollte.

    So dacht ich. Vielen Dank für eure Kommentare:

    Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #18
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    Salute, albaa und Onegin!

    Das Heinelied mit seinem amateurhaften Geplapper der Gesellschaft über ferne Länder und Schiffahrt mag anregend gewirkt haben, die Analogie haut so gar nicht hin im "Saisonende", so denke ich:

    Da gibt es zwei Singles mit Landexistenzen der realen Art. Der Smutje macht offensichtlich sein Geschäft und ist deswegen keine schlechte Partie. der Tanjafigur geht es finanziell nicht schlecht (s.u.) Und attraktive Beine hat sie einzubringen. Man verzeihe dem Text den männlichen Blick samt den Schweißtropfen auf männlicher Stirn.

    Das Beeindrucken des Smutjes ist ähnlich ambivalent wie das leicht erschreckte Staunen (siehe 2. Abschnitt der Erzählung) über das (angeblich) für Tanja unbekannte Saisonende. Der Erzähler könnte da in der Rezeptionslenkung etwas fairer sein, ohne dass er den von Onegin gefürchteten seitenlangen Erguss-Exkurs einpflegen muss.

    Warum sollte der Exsmutje auf das Singledasein näher eingehen? Er hat ja vorher sein Alleinsein recht deutlich gemacht Insofern wäre es eher doof, wenn er gleich losagiert. Warum sollte er das "Du" eigens merken, es ist schließlich eine redensartliche Selbstansprache der Mutter. Sollte sie sich siezen?

    Die Frage nach Beruf und Verdienst ist gar nicht so abwegig. Schließlich kann sich Tanja die "ordentlichen Preise" des Restaurants leisten. Dass sie nicht auf Rosen gebettet, aber attraktiv ist, öffnet den Zugang für Flirt und Beziehung.

    Die Profilierung der Geschichte im Sinne von Verkennung der Situation - diese Beziehung kann ja nix werden - wirkt allenfalls in der neuen Fassung akzeptabel. Die erste Fassung lässt Tanja darauf insistieren, dass das Schiff und damit der Sesshafte und Exmatrose eben "nicht weg" sind. Musica Callada.

    Die gewisse Überdrüssigkeit des Autors und die höfliche Abneigung des Autors gegenüber langatmig-verschrobenen Thesen ist nachvollziehbar und ehrenhaft.

    Daher möge er diese Kleinantwort als das ansehen, was Das Fräulein stand am Meere für Heine ist : Ein komischer Soliolog. Mit Augenzwinkern schief gefüttert.

    greetse ad nauseam
    ww
    Geändert von Willibald W (08.04.2020 um 08:54 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  4. #19
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    Hallo Willibald,

    das Schiff steht bei Heine wie in meiner Erzählung für die Möglichkeit zu Aufbruch, Neuem, Abenteuer.

    Die Frage nach Beruf und Verdienst ist gar nicht so abwegig. Schließlich kann sich Tanja die "ordentlichen Preise" des Restaurants leisten. Dass sie nicht auf Rosen gebettet, aber attraktiv ist, öffnet den Zugang für Flirt und Beziehung.
    Iat Tanja wirklich attraktiv, der sehnige Hals, die Falten um die Julius-Cäsar-Nase, unterstützen eine solche Interpretation nicht. Tanja ist eine Person, deren Reize im Schwinden begriffen sind. Es ist Saisonende auch in dieser Hinsicht.

    Das Ende der Geschichte habe ich neu gefasst So wie ich das BIld vom Schiff zuvor verwendet hatte, war der Schluss zu offen. Mit Ulf wird es aber nichts mehr und es bleibt ihr allenfalls die vage Hoffnung auf eine neue Gelegenheit.

    Grüße Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  5. #20
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    Salute, hier meldet sich der lästige Leser.

    Nanu, in Heines Gedicht geht es um Aufbruch??

    Und was ist das hier für ein Augenzeugeerzähler, der mit einem wertenden Kommentar (s.u.) wie "durchaus wohlgeformt" arbeitet?

    Der vor zwanzig Jahren seinen Dienst aufgegeben hat und wohl nicht der altersmäßig chancenreiche Typ sein dürfte? Und frauenlos in der "Pampa" haust? Und der dürfte dann feststellen, dass der sehnige Hals und die Cäsarnase der Frau abstoßen?

    "und hatte bis weit über das Knie hinauf zwei durchaus wohlgeformte und strandgebräunte Beine entblößt. "

    Wie dem auch sei

    greetse aus der Leserecke
    alis nil gravius, o nycticorax

  6. #21
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    Dein Kommentar zeigt nur, dass du den Text nicht genau gelesen hast.

    +++Ulf hat nicht vor 20 Jahren seinen Dienst in der christlichen Seefahrt beendet, sondern ist 20 Jahre lang zur See gefahren.

    +++Hakennase, sehniger Hals, Falten konstatiert Tanja selbst, als sie in den Rückspiegel schaut. Wie Ulf ihr Aussehen bewertet, darüber steht in der Geschichte kein Wort. Das Wort "abstoßend" fällt in der Geschichte nicht

    Nun mal Ruhe im Schiff, Willibald...
    Love´s not Time´s fool W. S.

  7. #22
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    Lieber Onegin,

    mit den zwanzig Jahren hast Du Recht.
    Über das andere wollen wir schweigen.

    Und nun geschah etwas Erstaunliches, Tanja hatte sich weiter nach vorne auf die Stuhlkante gesetzt und dabei war ihr kurzes und für die Tageszeit eigentlich schon zu dünnes, buntbedrucktes Sommerkleid verrutscht und hatte bis weit über das Knie hinauf zwei durchaus wohlgeformte und strandgebräunte Beine entblößt.
    Iat Tanja wirklich attraktiv, der sehnige Hals, die Falten um die Julius-Cäsar-Nase, unterstützen eine solche Interpretation nicht. Tanja ist eine Person, deren Reize im Schwinden begriffen sind. Es ist Saisonende auch in dieser Hinsicht.
    greetse
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  8. #23
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    Lieber Onegin,

    Und nun geschah etwas Erstaunliches, Tanja hatte sich weiter nach vorne auf die Stuhlkante gesetzt und dabei war ihr kurzes und für die Tageszeit eigentlich schon zu dünnes, buntbedrucktes Sommerkleid verrutscht und hatte bis weit über das Knie hinauf zwei durchaus wohlgeformte und strandgebräunte Beine entblößt.
    Ist Tanja wirklich attraktiv, der sehnige Hals, die Falten um die Julius-Cäsar-Nase, unterstützen eine solche Interpretation nicht. Tanja ist eine Person, deren Reize im Schwinden begriffen sind. Es ist Saisonende auch in dieser Hinsicht.
    Heidi Klums Hals ist auch sehnig und hast du schon einmal die spanische Serie "Haus des Geldes" gesehen? Da gibt es gleich zwei Schauspielerinnen mit Hakennasen, die durchaus sexy sind.

    Die Geschichte gibt ja nicht preis, wie Ulf wirklich über Tanja denkt. Vielleicht war sein Interesse an der Familie auch ganz anderer Art: vielleicht ist er auch pädophil und in Wahrheit nur an den Mädchen interessiert oder er ist einfach nur ein netter Wirt. Es gibt genauso viel oder wenig Anhaltspunkte in der Geschichte für jede dieser Thesen. Tanja könnte sich selbst unattraktiv empfinden, wegen der geschilderten Merkmale (Alter, Hals, Nase), aber welche Frau hat nicht den einen oder anderen Kritikpunkt an ihrem Äußeren, den andere, speziell Männern vielleicht auch gar nicht so sehen!?

    Tanja könnte aber vielleicht so ein Bridget-Jones- yp (aber der Humor der Bridget Jonen-Geschichte fehlt natürlich) sein, der ständig ins Fettnäpfchen tritt, wie sie da herausplatzt mit ihrem Problem der "alternden Singlefrau". Männer empfinden sich in diesem Alter - also Tanja wird aufgrund des Alters der Kinder knapp über bis Mitte 40 sein - meist noch im besten Mannesalter, auch wenn es nicht mehr stimmt. Wenn also ein Mann in diesem "angegrauten" Alter von "frauentechnischen" Probleme spricht, dann ist das wohl eher als Koketterie aufzufassen; selbst wenn er so einen abwertenden und abstoßenden Begriff wie "frauentechnisch" verwendet. Spricht aber eine Frau über ihre schwinden Chancen auf diese Art wie Tanja, dann klingt das nicht kokett, sondern peinlich ehrlich für die männlichen Adressaten dieser Botschaft, vielleicht sogar aufdringlich.

    Aber die Geschichte lässt ja offen, warum Ulf peinlich berührt ist. (Ich würde vermuten, weil "frauentechnisch" für den angegrauten Ulf die Kategorie "Alleinerzieherinnen Ü35" nicht wirklich einschließt - aber das ist jetzt nur subjektiver Sarkasmus, wofür die Geschichte keine Anhaltspunkte bietet) Die ganze Schlüsselszene ist daher irgendwie eine Leerstelle.

    Also mein Wunsch-Fazit : Tanja ist eine Art Bridget Jones und Ulf ist nur schüchtern und kein Pädophiler. Sie werden noch zusammenkommen: Das kleine Schiff ist noch da, man sieht es nur nicht!

    Aber ich frage (nur als Schreibinteressierte!) euch Literatur-Experten, ob so eine Erzählung nicht mehr Führung bräuchte in die Richtung, welche der Autor beabsichtigt? Das alles ist natürlich Kritik auf einer anderen Stufe. Also wo man einem Text mehr Interesse entgegenbringt, ich hoffe, du verstehst das, dass ich dich nicht nerven will, auch wenn ich es vielleicht tue

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (08.04.2020 um 15:59 Uhr)

  9. #24
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    Salute albaa!

    Die Rezeptionsführung ist hier in diesem Text tatsächlich ein Problem, allerdings ist wohl nicht der weite Deutungsspielraum gegeben. Ein paar Wahrscheinlichkeiten lassen es zu, weniger wahrscheinliche Leseimaginationen abzuwählen.

    Möglichst wenig nervige Grüße
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  10. #25
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    Zitat Zitat von Willibald W Beitrag anzeigen
    [...] , allerdings ist wohl nicht der weite Deutungsspielraum gegeben. Ein paar Wahrscheinlichkeiten lassen es zu, weniger wahrscheinliche Leseimaginationen abzuwählen.

    Du meinst, mein Wunsch-Fazit ist vom Text nicht gedeckt?

  11. #26
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    Das Wunschfazit, eine Annäherung der beiden Protagonisten, liebe albaa, scheint mir am plausibelsten. Plausibler als die anderen Deutungen. Im Text , seiner Grobstruktur und seiner Feinstruktur gibt es einige Signale dafür :

    a) Ein "Saisonende" ist nicht die Zeit nach der Saison, hier im Text mit dem abendlichen Essen bestimmt nicht. Das ist die Endphase der Saison.
    Und die ist folglich nicht vorbei. Ganz knapp noch nicht.

    b) Der Erzähler setzt einen leicht spätmännlichen Blick auf die "entblößten Beine". Man beachte das etwas verwundert und doch leicht lüstern-bewundernde "zwei durchaus wohlgeformte Beine".
    Hier ist attraktives Verführungspotential gegeben. Und die Doppelperspekive (vgl. Willibalds Eingangspost) dieser Passage, in der bisher Tanjas Sicht- und Erlebnisweise fühlbar war, dürfte an dieser Stelle wohl nicht gelten. Das ist kaum Tanjas Perspektive.

    c) Die "Schiffsmetaphorik" der großen, mittleren und kleineren Schiffe - der nichtgrandiosen Entitäten (Schiffe bilden hier nichtgrandiose Menschen ab) (sorry) - lässt ein mittleres bis kleines Glück erhoffen.

    d) Der Autor hat in der ersten Fassung mit "das Schiff ist nicht weg" in der Logik des Titels und der Figurenzeichnung eine Annäherung der beiden Protagonisten keineswegs ausgeschlossen, die Annäherung oder jedenfalls der Versuch einer solchen, hat sogar eine gewisse, höhere Wahrscheinlichkeit als die totale Absenz. Auf jeden Fall ist der Exsmutje samt seinen gelöschten Lichtern noch da, da.

    e) Manchmal ist ein Text klüger als sein Autor, was natürlich nicht für Onegin gilt.

    f) Allerdings gibt das zweimalige kommalose "wehte" zu Beginn der Erzählung einem begrenzten Zweifel hinsichtlich der Erzählung kleine Nahrung.

    g) Ergibt sich noch die wehe Frage, wer diesen Text eines Komplettverstrahlten(=Willibald) bis hierhin gelesen haben könnte. Und gepriesen seien die heiligen drei Könige Denken, Analysieren und Emotion.

    Beste Grüße
    ww
    Geändert von Willibald W (12.04.2020 um 18:05 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  12. #27
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    Liebe albaa

    ich wollte eine Geschichte schreiben ohne happy end, also sie kriegen sich nicht. Ich habe deswegen das Bild mit dem Boot (Schlussszene) nochmal verändert, damit das klarer wird. Das heißt aber nicht, dass für Tanja "männertechnisch" schon das Ende aller Tage erreicht sein muss.

    Ich sehe in Ulf vielleicht einen traditionell gestrickten Mann aber keinen Macho, er war ja auch kein Matrose, sondern fuhr als Koch zur See. In ihm steckt etwas Fürsorgliches, was sich auch daran zeigt, dass er zu seiner Mutter zurückgekehrt ist, als die gebrechlich wurde und dass er einen Draht zu Tanjas Kindern findet.

    Als traditionell gestrickter Mann hat er aber Probleme über Gefühle zu reden. (Gefühle sind was für Frauen!) Wenn er die Vokabel "frauentechnisch" in den Mund nimmt, ist das in meinen Augen keine Koketterie und keine Prahlerei, sondern für ihn eine Möglichkeit, Beziehungsprobleme anzudeuten, ohne sich ihrer emotionalen Wucht auszuliefern.

    Und Tanja? Tanja ist gewiss keine feministische Heldin. Sie fühlt sich unsicher und möchte von einem Mann umsorgt und bewundert (ihr Künstlertum) werden. Von ihrer Umgebung dürfte sie vielleicht als launenhaft, exzentrisch und kapriziös beschrieben werden. Es steckt jedenfalls ein gehöriges Stück Hysterie in ihr.

    Ihr im Beisein der Kinder gestarteter verzweifelter Verführungsversuch hat Ulf vollkommen überrascht und erst das vorüberziehene Schiff hat für ihn die Situation gerettet. Tanjas Verführungsposen sind nach meinem Empfinden in erster Linie Ausdruck ihrer eigenen inneren erotischen und emotionalen Wunschwelten. Es kocht ein Brei in ihr hoch, an dem Ulf kaum mitgerührt hat. Wahrscheinlich haben die beiden zuvor kaum mehr als ein paar nette Worte gewechselt. Beim Aufbruch (der kühle Abachied) und auf dem Nachhauseweg erkennt sie, das sie sich einem beinahe Fremden an den Hals geworfen hat. Für eine echte Beziehung ist das wahrlich kein guter Start (eine Bettgeschichte könnte klappen, aber sie will ja viel mehr).

    Es freut mich, dass dich die Geschichte interessiert. Dann scheint sie ja nicht ganz schlecht zu sein

    Und wie sieht Tanja aus? in meiner Vorstellung nicht wie Bridget Jones (die musste ich erst googeln), sondern wie Elfriede Jelinek in jüngeren Jahren.


    Bis dann

    liebe Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (09.04.2020 um 00:56 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  13. #28
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    Wer die Leser ahnen lassen möchte, dass zwei so weit voneinander entfernte Typen wie eine alleinerziehende Mutter von zwei Blagen, die als Musiklehrerin und schlecht bezahlte Kurorchester-Geigerin ihre missglückte Musiker-Karriere hinter sich bringen muss, und ein ungelernter „Koch“, der sich zwanzig Jahre lang auf Frachtschiffen herumgetrieben hat und sich jetzt als Pächter einer Art Pommesbude (Personal scheint er ja keins zu haben) bis ans Lebensende abmüht, füreinander geeignet oder gar bestimmt sein könnten, sollte (oder müsste) einen etwas anderen Ansatz wählen.

    Um eine Verquickung beider, so sehr unterschiedlicher Herkünfte und Schicksale, glaubhaft in den Bereich des Möglichen zu rücken, müsste bei einem der beiden, am besten bei jedem, etwas auftauchen, das solche Überlegungen begründete, jedenfalls aber für die Spannung sorgte, die G’schhichterln wie dieses bräuchte, damit sie bis zu Ende gelesen werden.

    Aber da ist nichts. Alles, was wir hören und sehen, klingt ein bisschen wie das Knarren eines vom Dämmerlicht schlecht beleuchteten losen Fensterladens, der vom Wind bewegt wird.

    Das ist ein bisschen wenig. Um Gedanken wach werden zu lassen, die wirklich weiter gehen als nur bis in die Mitte einer Fastfood-Speisenkarte, müsste der Autor einem oder besser beiden der vorgestellten Typen nicht bloß ein Mützerl aufsetzen und den Hals sehnig sein lassen, sondern einen Charakter verleihen, der imstande wäre, nicht nur das echte Interesse des jeweiligen Gegenübers, sondern auch des Lesers zu erwecken.

    Dann wäre die Szene glaubhaft. So aber ist und bleibt sie so blutleer dahin geschrieben wie der fade Ostseestrand, den nur ein Sturm, wenigstens aber Ebbe und Flut, eine Zeit lang zum Leben bringt.

    salvelina

  14. #29
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    Old Lions still roar! Sublimity not wanted.
    Das ist eine Prosaskizze/Kurzgeschichte.
    Für aufmerksame Leser mit entsprechenden Lauschern ist da einiges zu entdecken. Nein, das sind keine schmalbrüstigen Leser mit Fischaugen und hypersensiblen Tentakeln. Und sie halten auch nicht den "Alten Schweden" für eine Bretterpommesbude. Und die Andeutungen nicht für den Mangel an lebensprall plakativen Passagen.
    Greetse
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    alis nil gravius, o nycticorax

  15. #30
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    Der in Rede stehende Text wird doch, wenn man genau hinschaut, nicht als "Prosaskizze/Kurzgeschichte", sondern als waschechte "Liebesgeschichte" angeboten.

    Es sollte daher erlaubt sein, festzustellen, dass dem Text so gut wie alles fehlt, was man mit diesem relativ großen Begriff vereinen könnte. Es mag sein, dass auch Menschen aus (recht ungenau beschriebenen) unterschiedlichen Verhältnissen zueinander in Liebe fallen können, aber zum literarischen Genuss solcher Begebenheiten gehört nicht das Aufgeklärtwerden über Schiffstonnagen oder Kur-Orchester, sondern die Flamme, die imstande wäre, Feuer zu machen.

    Der Glimmbrand, der hier im feuchten Treibholz raucht, langt - sorry! - nicht mal für das Kochen eines Oster-Eis. Der Leser würde schon gern begreifen, was ein Frittenbudenbetreiber und eine gestrauchelte Konzertgeigerin wirklich aneinander finden könnten, um einen Titel wie den obigen zu rechtfertigen.

    Ich bleibe dabei - Liebesgeschichte ist das keine. Auch ein ganz kleines Auto braucht Benzin, sonst kommt es keinen Meter weit ...

    salvelina
    Geändert von salvelina (13.04.2020 um 17:14 Uhr)

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