1. #1
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    Der Tod eines Obdachlosen

    An diesem gottverdammten Morgen,
    plagen mich schon wieder Sorgen.
    Wo nehm' ich was zu essen her?
    Ich habe keinen Groschen mehr!

    Das Leben hat mich ausgebeutet.
    Wenn es an der Türe läutet,
    jagt ein Schrecken durch die Glieder:
    Der Exekutor, nicht schon wieder!

    Doch er ist es, will mich pfänden,
    ich stehe da mit leeren Händen.
    Nun werd' ich auch noch delogiert,
    ich wollt's verhindern, hab's probiert.

    Das Leben ist 'ne schlimme Bürde,
    sprach da wer von Menschenwürde?
    Ich bin so mutlos und verdrossen,
    die Menschheit hat mich ausgestoßen.

    Heuer kommt der Winter bald,
    die Nächte sind schon bitterkalt.
    Mein Lager ist in diesen Nächten,
    neben Hauseingang und Lüftungsschächten.

    Ich schleiche mich in Suppenküchen,
    würd' am liebsten mich verkriechen.
    Wenig nützt mir dieser Wahn,
    den letzten Stolz legt Hunger lahm.

    Niemand hat mit mir Geduld:
    'Der Sandler hat ja selber schuld!'.
    Die Polizei will mich verjagen,
    ist es ihr peinlich, mich zu plagen?

    Wo soll ich mich denn nur verkriechen?
    Ich kann mich selbst bald nicht mehr riechen!
    In einem Tunnel, schlecht versteckt,
    wurd' ich von Hooligans entdeckt.

    Die trieben mit mir üblen Scherz,
    ich spür' noch ihrer Tritte Schmerz.
    Sie machten sich dann doch davon,
    noch lang erklang ihr grölend Hohn.

    Ich glaub' nicht an Gerechtigkeit,
    denn kalt lässt Prasser dieses Leid.
    Endlich kommt die schwarze Nacht,
    nie wieder bin ich aufgewacht.


    Glossar:

    Groschen = Untereinheit der ehemaligen österreichischen Währung Schilling.
    Exekutor = österreichisch für Gerichtsvollzieher.
    Heuer = österreichisch für 'dieses Jahr'.
    Sandler = österreichisch für Penner oder Stadtstreicher.
    Geändert von Alfredo (09.04.2020 um 07:30 Uhr)

  2. #2
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    Hallo, Alfredo,

    dein Gedicht ließ mich wieder bei dir verweilen: Dieses Mal ist es ein trauriges, und es spricht mich an! An einigen Stellen holpert es noch ein wenig, und:

    sprach wer - irgendwer; ausgestoßen - ausgeschlossen(?)
    Endlich kommt … Mir würde "unendlich" hier besser gefallen, auch wenn es den Sinn etwas verändert, spricht das Wort für sich, und man fühlt, dass es dem Sandler recht ist (es vermittelt auch eine allumfassende Ruhe).

    Nur ein paar Denkanstöße, und ich hoffe, das ärgert dich nicht.

    Liebe Grüße H.
    "Wenn man das Leben nur auf eine Art betrachtet, gibt es immer einen Grund zur Sorge." Elizabeth Bowen

  3. #3
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    Hallo Hoya,
    ich freue mich immer, wenn sich wer mit meinen Sachen in geeigneter Form auseinandersetzt und danke dir für deine Anregungen.
    Wenn ich dich ein wenig zum Nachdenken anregen konnte, dann hat sich meine Reimerei schon gelohnt.
    LG Alfredo
    Geändert von Alfredo (10.04.2020 um 07:54 Uhr)

  4. #4
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    lieber alfredo

    das ist wieder ein gedicht von dir, welches zum nachdenken anregt.
    es giebt viele, die auf der strasse leben.sie werden oft von anderen verachtet
    obwohl die ihr schicksal nicht kennen. ich hätte dem obdachlosen in deinem gedicht
    einen anderen ausgang gewünscht. es ist im leben nicht immer alles so einfach.
    ein gedicht von zehn strofen zu schreiben.die sich auch noch flüssig lesen lassen,ist schon eine leistung.
    mir gehen nach vier strofen die gedanken aus.
    ich habe dein gedicht wieder gerne gelesen.

    dir einen schönen,sonnigen tag und herzliche grüsse

    von margot


    .

  5. #5
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    Hallo Alfredo!
    Dieses Gedicht berührt mich sehr. Ich bin sehr sensibel ( und wenn ich dein Gedicht lese denke ich du auch) und kann mich gut einfühlen, obwohl man trotzdem nur ahnen kann, wie es ist, so ein Leben führen zu müssen. Und leider kann so etwas ganz schnell ohne eigenes Verschulden passieren.
    Lg Jezibaba

  6. #6
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    Hallo Margot,
    hallo Jezibaba,
    die Geschichte dieses Obdachlosen ist natürlich komprimiert und zugespitzt und es gibt auch keine konkrete Vorlage für dieses Schicksal.

    Mir ist in diesem Forum aufgefallen, dass sozial-und religionskritische Beiträge keine großen Hits sind und wenig kommentiert werden.
    Haben die Forumsmitglieder eine Scheu davor anzuecken, oder wollen sie sich nicht mit den Schattenseiten unserer Gesellschaft
    auseinandersetzen? Und wenn einer auf einen religionskritischen Beitrag wie 'Tema con variazioni' reagiert, dann tut er das ausfallend und
    beleidigend.
    Eine sachliche Diskussion kommt selten in Gange, um so mehr freue ich mich über eure Meldungen, für die ich mich sehr herzlich bedanke.

    Euer Alfredo
    Geändert von Alfredo (18.04.2020 um 06:19 Uhr)

  7. #7
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    Lb. Alfredo,

    die Obdachlosen haben ein Schicksal zu ertragen. Ihnen eine Schuld zuzusprechen ist diskriminierend. Wenn es eine Schuld gibt, würde ich sie eher Verantwortung nennen, dann hat sie unsere reiche Gesellschaft. Die meisten Obdachlosen haben wegen der Aussichtslosigkeit resigniert. Als erstes brauchten sie eine Aufgabe und Anerkennung.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

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