1. #1
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    flussaufwärts

    Neueste Fassung vom 24.4.2020

    Der Fluss sang alte Wiegenlieder,
    als mich die stille Strömung fasste
    und in die fernen Meere führte.

    Im Spiel der Wellen, auf und ab
    und hin und her, erlebte ich
    ein langes, welterfülltes Leben.

    Als abends kühle Winde wehten,
    die klaren Wasser trübe färbten,
    verblassten lang gepflegte Freuden.

    Jetzt rufen alte Bilder mich,
    flussaufwärts führen sie den Weg
    zu jener rätselhaften Quelle.


    URSPRUNGSVERSION:

    Der Fluss sang alte Wiegenlieder,
    als mich die stille Strömung fasste
    und in die fernen Meere führte.

    Im Spiel der Wellen, auf und ab
    und hin und her, verlor ich mich
    im Alltag und in lauen Träumen.

    Als abends kühle Winde wehten,
    die klaren Wasser trübe färbten,
    verließ ich diese Lebensräume.

    Jetzt rufen alte Bilder mich,
    flussaufwärts führen sie den Weg
    zu jener rätselhaften Quelle.
    Geändert von L'étranger (24.04.2020 um 17:26 Uhr)

  2. #2
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    hi,

    flussaufwärts
    XXX (hier tatsächlich 3fach betont, nicht so in s4v2, da ist dieser begriff melodisch gebunden)

    Der Fluss sang alte Wiegenlieder,
    xXxXxXxXx
    als mich die stille Strömung fasste
    xXxXxXxXx
    und in die fernen Meere führte.
    xXxXxXxXx

    Im Spiel der Wellen, auf und ab
    xXxXxXxX
    und hin und her, verlor ich mich
    xXxXxXxX
    im Alltag und in lauen Träumen.
    xXxXxXxXx

    Als abends kühle Winde wehten,
    xXxXxXxXx
    die klaren Wasser trübe färbten,
    xXxXxXxXx
    verließ ich diese Lebensräume.
    xXxXxXxXx

    Jetzt rufen alte Bilder mich,
    xXxXxXxX
    flussaufwärts führen sie den Weg
    xXxXxXxX
    zu jener rätselhaften Quelle.
    xXxXxXxXx

    Der Jambus läuft gut, die Kadenzen sind mal betont, mal unbetont, keine Endreime vorhanden. Ein künstlerischer Ausdruck, eine Ausdrucksstärke ist deutlich erkennbar. Unbedingt weitermachen, auf dotcom werden sie geholfen.

    mit freundlichen Gruß

    fietje Butenlänner

  3. #3
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    Vielen Dank für die Aufmunterung,

    Gruß, Lé.


    Ich habe zum Beispiel daran gedacht, in der letzten Strophe die bisher streng eingehaltenen vierhebige Metrik zu verlassen und verkürzen. Immerhin wechselt da ja auch schon die Zeitebene. Dadurch würde der Text dichter:

    Jetzt rufen frühe Bilder
    flussaufwärts führt mein Weg
    zur rätselhaften Quelle.

    auch das Adjektiv "alt" in dieser Strophe könnte man wie hier gezeigt eventuell durch "früh" (im Sinne von "früh im Leben") ersetzen, dann spart man die doppelte Verwendung des Wortes "alt" ein - das gabs ja schon beim Wiegenlied.

    Was würdet ihr raten?

    Gruß Lé
    Geändert von L'étranger (18.04.2020 um 09:43 Uhr)

  4. #4
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    Hallo Lé,

    Was würdet ihr raten?
    So pathetisch diese Antwort auch sein mag:
    mein Rat: sei du mit deinen Gedichten zufrieden. Es gibt immer Kritiker, die Dinge an deinen Werken auszusetzen "finden". Jeder nähert sich deinem Werk verschieden und bringt andere Erfahrungen und Ansätze mit.

    Du begründest deine Lösungsansätze/Änderungen hervorragend, also wieso nicht umsetzen, wenn es für dich doch logisch ist?!

    (und jetzt kommt es) Aber:
    wenn du es änderst, dann würde ich "frühre" Bilder vorschlagen. Ansonsten hast du "frühe Bilder" und das sagt ja nicht das aus, was du intendierst.
    Und das Umgehen der Dopplung von "alt" ist mMn nicht nötig, da es einmal in S1 und S4 steht.
    Ich finde den metrischen "Aufbruch" zur Beseitung der Inversion "Jetzt rufen () alte Bilder (mich)" gut.
    Auch eine Möglichkeit zur Vermeidung der Inversion, aber Aufrechterhaltung des Metrums: "Jetzt rufen mich die alten Bilder" (oder alternativ mit dem "frühren")

    Nachstehend noch zwei kleine Anmerkungen:

    Der Fluss sang alte Wiegenlieder,
    als mich die stille Strömung fasste --> packte; umgangsprachlich "von etwas gepackt sein" und die Bedeutung "fasste"
    und in die fernen Meere führte.
    Als abends kühle Winde wehten,
    die klare(n) Wasser trübe färbten, --> sich; ansonsten klingt es, als seien die Winde für die Verfärbung verantwortlich
    verließ ich diese Lebensräume.
    Schöne, klare Bilder und doch ein bisschen geheimnisvoll. Gefällt mir sehr gut.
    Sehr gerne gelesen.

    lG
    k1
    meine Meinung

    meine Hüpfburg

  5. #5
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    Zitat Zitat von L'étranger Beitrag anzeigen
    Vielen Dank für die Aufmunterung,

    Gruß, Lé.


    Ich habe zum Beispiel daran gedacht, in der letzten Strophe die bisher streng eingehaltenen vierhebige Metrik zu verlassen und verkürzen. Immerhin wechselt da ja auch schon die Zeitebene. Dadurch würde der Text dichter:

    Jetzt rufen frühe Bilder
    flussaufwärts führt mein Weg
    zur rätselhaften Quelle.

    auch das Adjektiv "alt" in dieser Strophe könnte man wie hier gezeigt eventuell durch "früh" (im Sinne von "früh im Leben") ersetzen, dann spart man die doppelte Verwendung des Wortes "alt" ein - das gabs ja schon beim Wiegenlied.

    Was würdet ihr raten?

    Gruß Lé
    hi,
    Mancher
    Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;.

    (aus >ANDENKEN< Hölderlin)

    Ich kann die Verkürzung im letzten Vers nachvollziehen.
    zu jener rätselhaften Quelle
    zur rätselhaften Quelle
    .
    Ein großer Unterschied, >jener Quelle< impliziert ja, gewissermaßen, das bereits alles gesagt worden ist, was man dazu sagen kann. Verkürzt aber erscheint sie rätselhaft, ist sie rätselhaft, bleibt sie rätselhaft. Gewissermaßen eine metrische Verkürzung als Mittel..

    lg

  6. #6
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    Zitat Zitat von L'étranger Beitrag anzeigen
    Ich würde mich über Hinweise und Verbesserungsvorschläge freuen.
    Ich kann dir nur sagen, was ICH ändern würde, wäre es MEIN Entwurf. Mit fiele bald auf, dass ich bisher nichts Näheres über meine Gedanken sage. Außer, dass ich sie abends suche. Gegen den Strom. DIESES Bild, die eigenen Gedanken gegen den Strom zu suchen, finde ich sehr schön.
    Aber warum fehlen die Gedankeninhalte? Sicher ist, dass man mit konkreten Inhalten bestimmte Leser verliert. Aber genauso sicher gewinnt man neue Leser.

    Dein Gedicht liest sich wirklich gut! Aber das verdankst du u.a. vielen Klischees: dem alter Wiegenlieder singenden Fluß, der stillen Strömung, den fernen Meeren, dem Spiel der Wellen, dem kühlen Winden, den klaren Wasser, den Lebensräumen....

    Du willst die Worte sorgfältiger wählen? Dazu gehört mE auch, möglichst authentisch zu schreiben. War das Wasser wirklich nur klar? Dann der Fluss nur Wiegenlieder? War das Meer nur fern (oder beispielsweise momentan unerreichbar) usw.

    Nimm den Reim Träume / Räume. ich kann gut nachvollziehen, dass du "Träume" hast! Aber das zwingt dir eben Bäume vund Räume als Reime auf. Ich zum Beispiel dachte heute an den plötzlich herbei geredeten Konflikt zwischen den Jungen und den Alten, an meine Kindertage, an Wiesen mit Olivenbäumen und Eseln, an Bahnsteige, an eine Hallig usw. Alles Material, das ausgelutschte Reime ersetzen könnte...

    Du hast mE ein angenehm zu lesendes Gedicht geschrieben! Mehr mich angenehm berührend als anregend.- Wenn dir Konkreteres zu dicht auf den Leib rückt, dann ist es eben (momentan) so. Vielleicht bist du ja auch eher introvertiert. Aber es lohnt sich schon, darüber nachzudenken...

    lg




    flussaufwärts

    Der Fluss sang alte Wiegenlieder,
    als mich die stille Strömung fasste
    und in die fernen Meere führte.

    Im Spiel der Wellen, auf und ab
    und hin und her, verlor ich mich
    im Alltag und in lauen Träumen.

    Als abends kühle Winde wehten,
    die klaren Wasser trübe färbten,
    verließ ich diese Lebensräume.

    Jetzt rufen alte Bilder mich,
    flussaufwärts führen sie den Weg
    zu jener rätselhaften Quelle.[/QUOTE]
    Geändert von Artname (18.04.2020 um 16:29 Uhr)
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

  7. #7
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    hallo L'étranger

    So pathetisch diese Antwort auch sein mag:
    mein Rat: sei du mit deinen Gedichten zufrieden. Es gibt immer Kritiker, die Dinge an deinen Werken auszusetzen "finden". Jeder nähert sich deinem Werk verschieden und bringt andere Erfahrungen und Ansätze mit.
    ich gebe K1 einfach mal recht, wenn dich etwas stört und du es sogar selbst für dich sinnvoll hinterfragen konntest, braucht es keine Kritik, allenfalls Bestätigung und der Geschmack jeden einzelnen hier ist unterschiedlich
    ich bin wahrscheinlich das beste Beispiel dafür das jemand bei anderen etwas "findet"
    allerdings ist das tatsächlich nur persönliche vorliebe, also keine konkrete Kritik an deinem gedicht und auch kein Richtwert

    mir persönlich sagt dein jambischer Blankvers zu, aber der träume - räume reim fällt da drin schon sehr auf, ich finde ihn aber nicht mal negativ
    allerdings bin ich wieder einer derjenigen die in einem Blankvers mit Assonanzen und Phonemen arbeiten würde
    bei dir sehe ich viele umlaute aber positionsbedingt nur in den endzeilen Assonanzen, auch würde ich zu viele harte konsonanten vermeiden um es runder tönen zu lassen, zu viele t, s und z laute können einen zu harten akzent verursachen
    ich wundere mich dass du es in die Werkstatt gestellt hast, denn an sich ist es ein gutes gedicht
    aber ich freue mich über deine selbstkritische Ansicht
    gern gelesen
    lg mythenfreund
    Mein eigenes kleines Werkeverzeichnis
    Mythenwelten

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  8. #8
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    Lieber artname,

    ich habe verstanden, dass das Gedicht für dich angenehm zu lesen war, dass es dir aber nichts gesagt hat. Du fandest, das Gedicht wäre nicht authentisch und würde sich weitgehend in Klischees erschöpfen. Ich bin nach diesen Anmerkungen ziemlich sicher, dass das Thema und der Inhalt des Gedichts einfach nicht dein Fall sind.

    Für mich ist der Text glücklicherweise doch authentisch. Er beschreibt eine neue Hinwendung zur Innerlichkeit nach einer verkürzten und bildhaften Darstellung einer Lebensreise. Die Wiegenlieder stehen z.B. dafür, dass die Reise früh beginnt (in der Kindheit). Das Meer steht für den Ort, an dem sich ein großer Teil unseres äußeren Lebens abspielt. Der Abend steht für den Lebensabend, an dem manches im Leben trübe und fad erscheinen mag.

    Vieles bleibt oberflächlich, das Wesentliche bleibt rätselhaft, da muss wirklich nicht jeder mitgehen - kein Problem.

    Ich bedanke mich bei euch allen für eure ermutigenden Kommentare.

    K1 wird gleich bemerken, dass ich seine (wertvollen) Anregungen größtenteils nicht umsetzen wollte. Ich kann es begründen und für mich rechtfertigen .

    Die vorläufig abschließende Form wäre jetzt für mich:

    flussaufwärts

    Der Fluss sang alte Wiegenlieder,
    als mich die stille Strömung fasste
    und in die fernen Meere führte.

    Im Spiel der Wellen, auf und ab
    und hin und her, verlor ich mich
    im Alltag und in lauen Träumen.

    Als abends kühle Winde wehten,
    die klaren Wasser trübe färbten,
    verließ ich diese Lebensräume.

    Jetzt rufen alte Bilder,
    flussaufwärts führt mein Weg
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    Geändert von L'étranger (18.04.2020 um 18:33 Uhr)

  9. #9
    Registriert seit
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    Hi nochmals, tatsächlich, auf dotcom werden sie geholfen. Hätte ich nicht gedacht, das man diesen Text derart pimpen könnte.
    Freut mich sehr. Die erste Strophe finde ich besonders stark. Die stille Strömung, ich kenne solche Ströme sehr gut. Da ist quasi keine Welle, kein Windchen, aber eine Strömung nimmt mich mit Wucht mit. Ich fühle dieses aus der ersten Strophe heraus, es hat was erhabenes, selbsttragendes, schwebendes was in die fernen Meere führt.
    fietje

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