Thema: Begegnung

  1. #1
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    Begegnung

    Hallo! Meine erste Kurzgeschichte hier. Ich hoffe auf hilfreiche Rückmeldungen. Den Text habe ich zigmal überarbeitet und an jedem Satz wochenlang gefeilt, aber ganz sicher bin ich mir trotzdem nicht. Wie findet ihr es? Gibt es Verbesserungsvorschläge im Stil oder der Handlung? Der Titel ist auch eher ein Versuch. Oder gefällt euch der Text sogar schon, wie er ist?
    Übrigens fidet ihr mich seit kurzem auch im Deutschen Schriftstellerforum (dsfo.de)!

    ----------------------------

    Beißender Wind fegt in mein Erdloch. Der Frostboden schluckt mich bis zur Brust, allein die Kaltluft schwappt in Wogen herein. Meine Füße sind taub. Die Sachen feucht von klietschiger Erde. Ich vergrabe den Kopf im Kragen. Der Stoff ist rauh. Die Mäntel, die sie uns gegeben haben, sind nutzlos in den Minusgraden der Ostfront. Ich sitze hier fest. Der Raum im Osten sollte schon längst erobert sein.
    Durch den Schlitz meiner Lider überblicke ich die Einöde, Staubkörner wehen mir ins Gesicht. Alles ergraut und tot, der Wind pfeift in den Ohren. In fadem Grauweiß hängt der Himmel über den Wipfeln. Darunter der karge Grund der Lichtung, in dem ich versunken stehe, Dornensträucher auf Augenhöhe. Der Wald darum wuchert wie der Bart meines Vaters, den der Suff tilgte. Die Birken dazwischen wie weiße Haarsträhnen. Zweige zittern, Nadeln rauschen.
    Die Waldung ist der Saum zum Ungewissen. Sie umringt nicht nur die Lichtung wie eine borstige Hecke, sie stellt auch die Grenze meiner Welt. Was jenseits des Waldrandes ist, bleibt mir verborgen. Dort überspannen wohl die Massen der Nadelbäume die unermessliche Weite, bis sie im Norden in den Tundren und Schneewüsten verebben. Irgendwo im Osten, ein paar Kilometer von hier, ist die Front mit den Lagern des Feindes dahinter. Von dort weht bei Ostwind schwach der Gestank von Rauch und Pulver herüber. Manchmal höre ich weit fort Schüsse im Gehölz, das Knacken von Gewehren und dumpfes Wummern. Zu weit entfernt, um mir gefährlich zu werden. Und auch immer seltener. Menschen sehe ich nie.
    Die längste Zeit ist es still. – – Dann schweigt der Wald; und ich warte stumm in meiner Grube, mit dem hohlen Gefühl, verlassen zu sein. In einem Krieg zu verharren, der schon lange vorbei ist; verloren in den Wäldern der Taiga. Die anderen genesend in den Lazaretten, heimkehrend, in den erleuchteten Wohnungen bei den Familien lachend, bis die Gräben und Krater verheilen und der Krieg vergessen ist. Während ich hier verende, allein, im Nachhall eines Befehls, der längst erstarb. Namenlose Knochen in einem verschütteten Loch ohne Grabstein, keine Blumen bei mir, nur totes Kraut, keine Daten, nur Helm und Gewehr. Friedrich ist besser dran als ich, er hat ein richtiges Grab mit Inschrift und einen, der an ihn denkt. Er hatte das Glück, an einem Morgen nicht mehr aufzuwachen. Zum großen Stein am Waldrand zog ich seinen Leichnam, bei Nacht, damit der Feind mich nicht sah. Mit dem Klappspaten schaufelte ich Erde über seinen Leib, mit dem wir auch das Schützenloch ausgehoben hatten, und kratzte mit dem Feldmesser seinen Namen in den Fels. Heute ist der Hügel, der den Toten bedeckt, gefroren, wie die ganze Lichtung.
    Wie lange schon halte ich hier Stellung? Zeitliche Abgründe umfangen mich. Ich scheine Jahre gealtert, doch in ihren Kalendern können erst einige Wochen vergangen sein. Sonst hätten sie mich doch abgelöst? Mein Atem zittert. Sofern es mich noch gibt. Mich kennt keiner mehr, und nicht einmal ich kann sicher sagen, wo ich mich befinde. In Deutschland warten keine Kinder und keine Frau auf mich. Mein Krieg brennt im Dunkeln.
    Ein Käfer krabbelt über den versteinerten Frostboden. Ich starre ihn an. Stumm arbeiten seine Beinchen. Ich lege meine Hand vor ihn. Die Kälte schmerzt. Seine Fühler betasten die bläuliche Haut. Er weicht mir aus. Ich breche einen Halm und halte ihn vor seine Beine. Er macht kehrt. Ich zerquetsche ihn und wische es am Mantel ab. Als es dämmert, kauere mich auf den Grund des Erdlochs und lausche dem Heulen der Winde.
    Der Morgen eines anderen Tages ist bitterkalt, doch ohne Wind. Reif schimmert auf dem Gras. Die Luft ist Glas. Der Frost schneidet die Haut. Ich rolle die feuchte Decke zusammen und klopfe Erde vom Mantel. Meine Finger sind kältestarr. In einer Blechdose ist noch Trockenfleisch, zäh gefroren. Die Ration ist bald verbraucht. Ich muss sparsam sein, kaue Flechten und fange Regen mit dem Helm. Im Winter kann ich Schnee schmelzen, noch ist keiner gefallen. Die Zigaretten sind lange verraucht. Die billigen Eckstein habe ich geradezu verschwendet, wusste nicht, dass sie keine mehr ausgeben. Ich nage am Frühstück. Der Zwieback wie Beton. Der Helm ist leer, nur Tau benetzt den Stahl. Zwei Tropfen rinnen auf meine Zunge, als ich ihn über meinen Lippen neige. Der letzte, der mir Dosen mit Nahrung brachte, kam, als die Lichtung austrieb. Die Blüten hingen rot an den Sträuchern wie Fetzen im Stacheldraht, das Kraut bedeckte eisblau den Grund.
    Abends traf er mich, ein gedrungener Sachse. Die Dämmerung hatte die Bäume zu Umrissen verdunkelt, der Wald war eine schwarze Masse. Von dort, wo am Felsstein Friedrich begraben liegt, kam er geduckt aus den Schatten wie unter Flachfeuer und schwang sich in die Grube. Er war für zu lange Zeiten der einzige Mensch, den ich zu Gesicht bekam. Im Zwielicht bemerkte ich, wie er die Nase rümpfte, mir fiel auf, dass ich mich seit Wochen nicht gewaschen hatte. Ich hätte gern geredet, aber er musste weiter zur Front. Er kramte einige Büchsen aus seinem Rucksack, kein Brief, wir wünschten uns Glück und er verschwand wieder. Seit dem hat keiner mehr Verpflegung gebracht. Vielleicht sind die Feldköche tot.
    Jetzt ist der Boden karg, nur der dunkle Tann noch struppig. Die ganze Lichtung zerfressen von Maulwürfen. Kein Schnee trotz der Eiseskälte, nur gefrorene Erde und spärlich Gras. Dazwischen überall ihre Erdhaufen. Sie haben sich, gleich mir, eingegraben.
    Auch die endlosen Tage und Nächte gleichen Maulwürfen, die sich blind durch den Untergrund wühlen und dabei in den lichtlosen Stollen verirren. Verschollen tief unten im Erdreich, wo es immer dunkel ist, krieche ich durch die Wochen, der Lauf der Gänge treibt mich. Ich weiß nicht mehr, wo Gestern war. Im nächsten Tunnel lauert mir vielleicht sein Ende auf. Ich will die Felsmassen aufbrechen, an frische Luft und Tageslicht, bevor ich ersticke. Es ist ein beklemmendes Gefühl, das einem den Atem abschnürt, dem Feind ausgeliefert, mitten in den Wäldern. Ich nehme das Gewehr, das an der Wandung lehnt, und lege an. Schieße in einen Hügel. Es knallt, die Erde spritzt auf. Echo zwischen den Stämmen. Munition habe ich noch genug. Vielleicht hat der Feind mich gehört, bin ich bald nicht mehr allein. Wenn die Kampflinie fällt und der Feind aus dem Tann auf mich zustürmt, feuere ich bis zur letzten Hülse. Davor fürchte ich mich nicht, die werden schon sehen, dass mit dem Deutschen nicht zu spaßen ist. Die wahre Angst ist, dass gar keiner kommt. Besser vom Feind besiegt als vom Freund vergessen. Ich horche. Die Front schweigt. Das Gewehr lockt mit Erlösung…
    Der dunkle Streifen am anderen Ende der Lichtung erhascht meinen Blick. Regung mischt sich in die Starre der Stämme. Ein Hirsch? Ich schaue durch das Fernglas. Im Gesichtskreis löst sich eine Gestalt aus dem Nadelholz. Ich ducke mich; der Feldstecher ruht auf der Kante des Schützenlochs. Sie nähert sich. Ich schlucke. Es ist ein Mensch. Meine Hände greifen die Waffe. Zwischen uns liegen vielleicht hundert Meter. Ein Helm sitzt auf seinen Kopf, er ist in einen Mantel gehüllt. Noch hat er mich nicht bemerkt. Sein Gesicht ist ein heller Fleck, als es sich in meine Richtung wendet. Mein Herz pocht. Plötzlich erstarrt er.
    Haben mich meine Augen getäuscht?, scheint er sich zu fragen. Er steht nur da, sieht zu mir herüber. Obgleich ich zu weit entfernt bin, um sein Gesicht zu erkennen, spüre ich sein Entsetzen. Wie es ihn lähmt. Sein Gewehr hängt auf seinem Rücken. Wir wissen: er ist tot, wenn er sich rührt. Doch auch ich bin wie vereist. Mir bricht der Schweiß aus. Tiefe Sehnsucht klammert meinen Blick an ihn. Ich spüre ich meine Einsamkeit mächtiger als je zuvor, ich will ihm winken, ihm zurufen, ihn in die Arme nehmen. Ich fühle mich hohl an, will ihn greifen, mich mit ihm ausstopfen. Ich lasse mein Gewehr sinken. Schaue ihn einfach an, er tut das gleiche. Meine Lippen öffnen sich zum stillen Ruf, ich stocke. Der Wald ist verstummt. Die Luft steht erstarrt. Das Band zerreißt. Zögernd wendet er sich. Gott, bleib doch! Bleib! Mit langsamen Schritten bewegt er sich in Richtung Waldrand, der Augenblick entgleitet mir, er beginnt, zu rennen. Er stolpert, kriecht auf den Knien, erhebt sich wankend wieder, hastet weiter. Die winzigen Beine peitschen über die Steppe. Wasser sammelt sich auf meinen Wimpern. Als tanzender Fleck wird er kleiner, der grüne Punkt hüpft auf und ab bei jedem Satz, den seine Füße machen. Sein Rücken ist seinem Feind zugewandt, wir sind Feinde, das hat keiner von uns beiden entschieden, kann niemand etwas für, aber es ist Krieg. Mein Gewehr im Anschlag, krachend fällt der Rückstoß. Er stürzt im Lichtblitz, die Arme überschlagend. Der Widerhall schnalzt durch den Wald. Als kleines Bündel liegt sein Körper zwischen Gräsern. Ich senke das Gewehr. Stille.
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

  2. #2
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    Hallo Vogelsucher,

    ich halte dich für begabt aber deine Geschichte hat mir ehrlich gesagt nicht gefallen. Ich will mal versuchen zu erklären, woran das liegt und gehe dabei Top Down vor.


    Der Plot ist meiner Meinung nach unglücklich gewählt. Der literarische Fallout des Zweiten Weltkriegs hat sich einer Meinung nach endgültig erschöpft. Das war ein Thema der 40er ("Draußen vor der Tür") 50er, 60er, 70er und noch der 80er Jahre von Konsalik bis Günther Grass. Wer jetzt noch einen Wehrmachtssoldaten zum Helden einer Kurzgscichte macht, setzt sich dem Verdacht aus, ein Dritte-Reichs-Nostalgiker zu sein oder beim AFD-Kameradschaftsabend punkten zu wollen. Passagen wie diese "
    Sein Rücken ist seinem Feind zugewandt, wir sind Feinde, das hat keiner von uns beiden entschieden, kann niemand etwas für, aber es ist Krieg.
    transportieren die falsche Faschisten-Weisheit, dass das Leben vor allem Kampf ist. Jetzt kannst du mir antwortern: "Ja das ist ja nur Figurenrede". Aber der Einwand verfängt nicht recht, denn der Text distanziert sich von dieser Figurenrede nicht.

    Wenn es in der Geschichte nicht darum gehen sollte, den deutschen Vernichtungskrieg im Osten zu rechtfertigen, dann bliebe als Sinn der Story eine Art Großmetapher für Einsamkeit und Angst vor Begegnung. Um das zu transportieren, hättest du besser einen Plot ersonnen, der in einem Milieu spielt das du kennst, warum nicht im Schülermilieu? So ist dein Held "Der Soldat am Wolgastrand" (aus der Operette der Zarewirsch von Franz Lehar: Sehr zu empfehlen) ein Pappkamerad, zusammengelesen aus Konsalik-Romanen und Landserheftchen. Dass ein Soldat ganz allen weiter hinter der Front im Schützenloch verharrt, ist nicht glaubwürdig. Was soll er da? Das macht militärisch keinen Sinn. Ds sind vielleicht Äußerlichkeiten, aber wenn in einer Geschichte, die sich als realistisch ausgibt, zu viele äußerliche Unstimmigkeiten auftauchen, leidet auch die innere Glaubwürdigkeit der Figur. Warum dem Soldaten niemand schreibt, hätte ich gerne gewußt.

    Die Scheibstrategie deiner Erzählung halte ich nicht für optimal: Es vergeht zu viel Zeit, bis die Geschichte auf Touren kommt. Die Beschreibung der Öde nimmt so viel Raum ein, dass die Geschichte selbst darüber in Gefahr gerät, öde zu werden. Es ist für alle Texte gut, den Leser gleich mit dem ersten Satz zu packen. Also gleich mit der 1-1-Situation beginnen und die Ödnis als Rückblende einsetzen. Das wäre eine Möglichkeit.

    Dann gibt es auf der Ebene einzelner Sätze noch viel Schräges. "Kampf bis zur letzten Hülse"? Wirkt eher komisch! In den Nazi-Durchhaltetexten war immer vom Kampf bis zur letzten Patrone die Rede. "Endlose Tage und Nächte". Entweder sind die Tage lang und die Nächte kurz oder anders herum. "Ich lausche dem Heulen des Windes." Der Wind ist, wenn er heult, bestimmt nicht lauschig usw usw.

    Fazit: Ja, also da ist noch Luft nach oben. Aber ich glaube, es gibt keinen einzigen Schriftsteller auf Gottes Erdboden, dessen erste Kurzgeschichte eine Meisterleistung war. Bleib also am Ball!

    Gruß Onegin
    Geändert von Onegin (25.04.2020 um 17:04 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  3. #3
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    Hallo Onegin.
    Schön, dass du meinen Text gelesen hast. Ich mag die Handlung auch nicht sonderlich. Deswegen hoffe ich auf hilfreiche Verbesserungsvorschläge. Die Erzählungsweise mit dem schleichenden Anfang, der im plötzlichen Ende mündet, ist allerdings gewollt.
    Wieso wirfst du mir braune Gedanken vor? Der Text ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Fändest du einen linken Wehrmachtssoldaten authentisch? Ich beziehe mich auf keine "Nazi-Durchhaltetexte". Da rechte Propaganda nicht zu meiner bevorzugten Lektüre zählt, war mir nicht bewusst, dass sich dort ähnliche Formulierungen finden. Außerdem verweisen solche Sätze im Text auf die geistige Labilität des Soldaten. Die braunen Sprüche erscheinen, dachte ich, offensichtlich plump. Das LI ist traumatisiert und wurde jahrelang mit nationalsozialistsicher Propaganda infiziert.

    Wer sollte dem Soldaten denn schreiben?

    Schöne Grüße,
    Vogelsucher.
    Geändert von Vogelsucher (26.04.2020 um 19:07 Uhr)
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

  4. #4
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    Hallo Vogelsucher,

    Ob du selbst im weitesten Sinne braunem Gedankengut anhängst, das habe ich in meiner Rezension offengelassen und dein Einwand, den du jetzt gegen mich vorbringst, ist in dieser schon vorweggenommen. Aber ich will den Punkt nochmal herausstellen.

    a) Wenn Schriftsteller Weltanschauung unterbringen wollen, dann legen sie diese meistens ihren Figuren in den Mund. Viele andere Möglichkeiten haben sie ja auch nicht. Das läuft so von Hemingway bis Dostojewsky von Tolstoi bis Grass.

    b) Dein Soldat rechtfertigt seine Erbarmungslosigkeit mit der Unvermeidbarkeit und Unausweichlichkeit des Feindstatus, "wofür keiner etwas kann". Das ist zwar aus der Perspektive der Figur heraus erzählt, aber der Text selbst nimmt keine Haltung zu diesen Gedanken ein, es erfolgt keine direkte oder indirekte Relativierung. Eine rechte Lesart dieses Textes liegt daher mit Blick auf a) nahe.

    Dies nicht bedacht zu haben, die Gedanken deines Protagonisten nicht relativiert zu haben, ist in meinen Augen ein handwerklicher Fehler deines Texts, wenn du nicht in die rechte Schublade eingeordnet werden willst.

    Das gilt umso mehr, als dein Protagonist ja als Sieger übrigbleibt. Der Erbarmungslosere gewinnt. Das ist die böse alte Nazi-Denke.
    Love´s not Time´s fool W. S.

  5. #5
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    Du hältst den Soldaten für einen Sieger? Lies dir das Ende noch ein mal durch.
    Danke übrigens für deine Beschäftigung mit meinem Text.
    Schöne Grüße,
    Vogelsucher.
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

  6. #6
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    Hallo Vogelsucher,

    interessanter Text, den ich nicht als nazifreundlich empfinde.

    Generell bin ich der Meinung, dass man auch über die banalste und 1000x erzählte Geschichte noch einen hochwertigen Text schreiben kann, aber mit der Landser-Thematik holst du dir natürlich einen riesigen Berg Ballast mit ins Boot.

    Zitat Zitat von Vogelsucher Beitrag anzeigen
    Der Wald darum wuchert wie der Bart meines Vaters, den der Suff tilgte.
    Der Suff tilgte den Bart deines Vaters?

    Zitat Zitat von Vogelsucher Beitrag anzeigen
    Zweige zittern, Nadeln rauschen.
    Die Nadeln einer Tanne rauschen nicht.

    Zitat Zitat von Vogelsucher Beitrag anzeigen
    Manchmal höre ich weit fort Schüsse im Gehölz, das Knacken von Gewehren und dumpfes Wummern.
    Knackende Gewehre? "Klackend" würde mir da eher einleuchten.

    Zitat Zitat von Vogelsucher Beitrag anzeigen
    Tiefe Sehnsucht klammert meinen Blick an ihn. Ich spüre ich meine Einsamkeit mächtiger als je zuvor, ich will ihm winken, ihm zurufen, ihn in die Arme nehmen. Ich fühle mich hohl an, will ihn greifen, mich mit ihm ausstopfen.
    Äh, was ist denn da los?
    Ich könnte verstehen, wenn man sich Auge in Auge gegenüber steht und man plötzlich den Menschen sieht und nicht mehr den Feind, dass an diesem Punkt ein Umdenken einsetzt. Aber bei einem weit entfernten anderen Soldaten? Ihn in die Arme nehmen? Da habe ich eine Eltern-Kind-Assoziation.
    "mich mit ihm ausstopfen"!? Das ist für mich zwischen Kitsch, Schwulst und schräg. Das gilt für die kompletten drei Sätze.
    Du willst du Einsamkeit und die Verlorenheit des Soldaten beschreiben, aber das funktioniert so für mich in keinster Weise.

    Das sind ein paar Stellen nur mal stichprobenhaft herausgegriffen.

    Die Mischung aus dokumentarischer Anmutung und eher lyrischen Tönen finde ich nicht rund.
    Verstehe mich nicht falsch, ich sehe da wirklich gute Ansätze bei dir, aber auch die Tendenz, übers Ziel hinauszuschießen.
    Und das ist in Verbindung mit deiner noch nicht sehr großen Schreiberfahrung und der Zweite-Weltkrieg-Thematik eine schlechte Kombination.

    Ich schließe mich Onegins Meinung an, dass du dir eher Themen aus deinem Umfeld suchen solltest.
    Bleib auf jeden Fall an der Tastatur dran.

    Gruß,
    leuchtendgrau

  7. #7
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    Ja, wenn Schüsse weit entfernt erklingen, "knacken" sie eher. Der Satz mit dem Vater ist, denke ich, leicht verständlich. Natürlich kann man die Bedeutung verdrehen, aber darin sehe ich keinen Sinn.
    Das "In-die-Arme-nehmen" sollte nur das übergriffige Verlangen nach Gesellschaft verdeutlichen. Der Satz danach zeigt, wie neurotisch der zerstörte Soldat geworden ist. Aber diese Passage gefällt mir auch nicht. Was würdest du denn vorschlagen?
    Der Wind ist dem Frierenden ein kalter.

  8. #8
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    Hi Vogelsucher!

    Was ist, wenn du bei der Umarmen-Passage Widersprüchliches verwendest, um die Instabilität de Protagonisten zu zeigen?
    Sowas wie: "Ich will den Feind umarmen, diesen Mistkerl, diesen Untermensch will ich küssen."
    So ähnlich könnte man die Sehnsucht nach Nähe und Frieden sowie eine zerrüttete Psyche darstellen. Außerdem würde diese Vorgehensweise Onegins Punkt bezüglich der Relativierung entkräftigen.

    Generell denke ich, dass du etwas zu beschreibend bist, wo es im Text um existenzielle Grundfragen geht (Warum nicht, fragte der Soldat.).
    Statt beispielsweise zu sagen, dass der Protsagonist Sehnsucht verspürt, sollte dieses Gefühl eher durch die Worte und Taten durchsickern.
    Vieles kann man mit dem stream of consciousness erklären und auf den inneren Monolog verweisen; allerdings ist es in meinen Augen unauthentisch, wenn eine Figur z.B. "ich spüre Ratlosigkeit" sagt.

    LG!
    Rick: What? Every hospital claims to have the best doctor in the gal(burp)axy. It's like those pizza places that claim to have the best pizza in the world. What- Do you think they have pizza contests? Have you ever been to a pizza contest?

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