Thema: Suffizienz

  1. #1
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    Suffizienz

    An einer Mauer entlang Rabatten
    von Azaleen Rhododendren
    dem Aah und Ooh der Farben
    dem Hin und Weg des Lichts
    übt unverblümt das Zimbelkraut
    die Kunst des Übersehenwerdens

    Erfolgreich denn sie ziehn vorbei
    Familien Rentner Gartenfreunde
    derweil der Kukucksruf
    ein Portmonnaie verzaubert
    Was wenn es meines wär?
    Es ist nicht deines

    schweigt das Zimbelkraut
    und ich erkunde mit dem Zeigefinger
    den Raum der ihm genügt
    um mitzumachen beim Lebendigsein
    die schmale Fuge zwischen Steinen
    karg absonnig ob wer hier wächst

    von Grenzen weiß
    Auch die filigranen Rachen seiner Blüten
    werden nichts verschlingen
    Reproduktionsorgane
    die ihre Samen unterbringen
    wo nicht mehr ist als war

    um zu werden was vergeht
    nicht mehr höchstens woanders
    Die Zukunft vorgeformt
    doch ungewiss
    und keine Knospe
    die mich sieht
    Geändert von Okotadia (03.05.2020 um 11:29 Uhr)
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  2. #2
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    Hallo,

    "karg absonnig" - da weiß Google nicht weiter .

    Du willst es einem aber auch wirklich nicht leicht machen.

    Gruß Lé.

  3. #3
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    Na, karg ist doch ein gebräuchliches Wort und absonnig vielleicht ein Fachbegriff, aber doch eigentlich selbsterklärend: von der Sonne abgewandt.

    Du willst es einem aber auch wirklich nicht leicht machen.
    Nöö, aber unnötig schwer auch nicht. Wo hakt es denn?

    LG Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  4. #4
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    Hallo und danke für die Nachfrage.

    Gerade hats dann doch geklickert, und ich habe dann durch ein neues "Komma" verstanden, wo die beiden Worte karg und absonnig, hingehören.

    Das ist eben die Herausforderung an dieser Schreibweise, dass sich der Text entzieht, wenn man die Kommas an den falschen Stellen setzt.

    Gruß Lé.

  5. #5
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    Hallo Okotadia,

    Schön, dass du wieder einmal da bist und was geschrieben hast. Ich rätsle ja gerne über deine Texte. Also "Suffizienz" in der Rubrik "Natur- und Jahreszeiten". Was sagt es mir?


    Zitat Zitat von Okotadia Beitrag anzeigen
    An einer Mauer entlang Rabatten
    von Azaleen Rhododendren
    dem Aah und Ooh der Farben
    dem Hin und Weg des Lichts
    übt unverblümt das Zimbelkraut
    die Kunst des Übersehenwerdens
    Es erinnert mich an Bashos Haiku von der unscheinbaren Blüte "Nazuna":

    Wenn ich aufmerksam schaue,
    Seh‘ ich die Nazuna
    An der Hecke blühen!


    Aber im Gegensatz zu diesem Haiku, werden hier der Pflanze menschliche Eigenschaften angedichtet. Sie "übt sich im Übersehenwerden" und das LI hält das sogar für eine "Kunst".

    Erfolgreich denn sie ziehn vorbei
    Familien Rentner Gartenfreunde
    derweil der Kukucksruf
    ein Portmonnaie verzaubert
    Was wenn es meines wär?
    Es ist nicht deines
    Wir befinden uns offensichtlich in einem Schaugarten oder einer Gärtnerrei. Der Kuckuck verkündet, dass etwas zu gewinnen wäre. Aber die "bescheidene Pflanze" mahnt zur Mäßigung und das LI entschlüsselt das Geheimnis dieser (natürlichen) Genügsamkeit.

    schweigt das Zimbelkraut
    und ich erkunde mit dem Zeigefinger
    den Raum der ihm genügt
    um mitzumachen beim Lebendigsein
    Die schmale Fuge zwischen Steinen
    karg absonnig ob wer hier wächst

    von Grenzen weiß
    der unterstrichene Textteil entzieht sich meinem Verständnis, absichtlich, oder stehe ich auf der Leitung?

    Auch die filigranen Rachen seiner Blüten
    werden nichts verschlingen
    Reproduktionsorgane
    die ihre Samen unterbringen
    wo nicht mehr ist als war

    um zu werden was vergeht
    nicht mehr höchstens woanders

    Die Zukunft vorgeformt
    doch ungewiss
    Ist das als Plädoyer gegen unsere Leistungs- und Wachstums-Paradigmen zu verstehen? Aber stimmt das wirklich so? Würden sich diese Pflanze nicht unter bestimmten Umweltbedingungen auch unkontrolliert ausbreiten, also doch alles verschlingen, wenn sie könnte. Ich denke spontan an das eingeschleppte Springkraut, den Essigbaum oder die Algen im Meer in Südspanien. Suffizienz?


    und keine Knospe
    die mich sieht
    Ja, das ist das größte Rätsel. Das LI betrachtet die Pflanze, aber der Pflanze ist das LI egal. Es hat kein Bewusstsein, es muss keine Erfahrungen machen; es ist einfach. Ist es so einfach? Ja, vermutlich.

    Also Basho abgewandelt:

    Wenn ich aufmerksam schaue,
    seh' ich die Hazuna,
    aber sie sieht nichts.


    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (01.05.2020 um 18:48 Uhr)

  6. #6
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    Liebe albaa,

    und ich freue mich, dass Du Dich so intensiv mit meinem Gedicht auseinandergesetzt hast.

    Ich habe es schon im letzten Frühjahr begonnen, weil ich gerne mal was über diese unscheinbare, aber bei näherem Hinsehen sehr hübsche Pflanze schreiben wollte, in einer Zeit, in der sich im öffentlichen und digitalen Raum so viele fast zwanghaft zur Schau stellen, bin aber über die erste Strophe kaum hinausgekommen.
    Im Herbst habe ich es dann weiter geschrieben – wir erinnern uns: Corona noch nicht in Sicht, Fridays for future, Klimawandel, Plastikmüll, Insektensterben, Grenzen des Wirtschaftswachstum. Fazit: Wir müssen unser Leben ändern.

    Ein Portmonnaie, das nie leer wird, eine Pflanze, die mit extrem wenig auskommt, eine Hobbydichterin mit beidem im Kopf…..

    Vielleicht erschließt sich jetzt einiges leichter, auch das Rätsel des letzten Verses.
    Im November wollte ich den Text nicht posten und nun ist Corona und das Gedicht irgendwie aus der Zeit gefallen.

    Das Zimbelkraut (war übrigens auch mal ein Neophyt) hat eine interessante Verbreitungsstrategie:
    Ein Teil der Samen wird verstreut, Der letzte Samen bleibt an der Frucht und der Fruchtstiel wächst wieder in die Mauerspalte zurück. So wird neuer Lebensraum erschlossen und der alte gesichert.
    Und ja: Hätte das Zimbelkraut ein Portmonnaie, das nie leer wird, es wäre vermutlich auch nicht genügsam.

    Liebe Grüße
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  7. #7
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    Liebe Okotadia,

    Suffizienz übersetzte ich mal frei als Genügsamkeit und um das Lob der Genügsamkeit geht es hier offenbar. Das Zimbelkraut ist wohl alles andere als ein Prahlhans unter den Pflanzen,kommt in Felsspalten und Ritzen mit kargen Lebensbedingungen aus, und vielleicht soll uns das Zimbelkraut als Vorbild einer bescheideneren Lenbensführung dienen. Schön finde ich den Gedcanken, dass das ZImbelkraut zu uns spricht, indem es schweigt.

    Ebenso wie albaa habe ich Einwände gegen oder vielmehr Anfragen an den letzten Teil

    Auch die filigranen Rachen seiner Blüten
    werden nichts verschlingen
    Reproduktionsorgane
    die ihre Samen unterbringen
    wo nicht mehr ist als war

    um zu werden was vergeht
    nicht mehr höchstens woanders

    Die Zukunft vorgeformt
    doch ungewiss
    Zu diesen Versen beispielsweise
    die ihre Samen unterbringen
    wo nicht mehr ist als war

    um zu werden was vergeht
    nicht mehr höchstens woanders
    würde ich sagen, dass sie gegen die Regel vertoßen, das Dickicht der Konjunktionen, Präpositionen und Pronomina nicht zu sehr ins Kraut schießen zu lassen. Was ein Gedicht braucht, ist Greifbares, Konkretion. Ich glaube aber, dass du ganz bewußt gegen diese Faustregel (es gibt wohl in der Poesie wohl keine Regeln, nur Faustregeln) verstoßen hast, um dafür an anderer Stelle einen poetischen Gewinn einzustreichen. Aber ist dieser groß genug?

    Den Schluß

    Die Zukunft vorgeformt
    doch ungewiss
    könnte ich mit etwas pointierter vorstellen. Denn was du hier sagst gilt eigentlich für alles vom Elektron bis zum schwarzen Loch.


    Zu deinem Lob der Genügsamkeit gibt es lange schon ein Gegengedicht von Comf Ferdinand Meyer.

    Fülle

    Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
    Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
    Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte,
    Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zu Erde.

    Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
    Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
    Die trunknen Wespen summen in die Runde:
    "Genug ist nicht genug!" um eine Traube.

    Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
    Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
    Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
    Genug kann nie und nimmermehr genügen!


    Genug ist nicht genug, liebes, bescheidenes Zimbelkraut , möchte man der Pflanze zurufen. Lass es dir gesagt sein und höre auch auf den Song von Konstantin Wecker dazu. Angesagt sind in dieser Perspektive exzessives Wachstum, Genuss im Taumel, Rausch vor dem Untergang.

    (Ich glaube, dass auch Jacques Brel sehr viel von dieser Einstellung hat. )

    Beste Grüße Onegin
    Geändert von Onegin (02.05.2020 um 16:24 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  8. #8
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    Mitmachen beim Lebendigsein will ich auch und versteife mich auf die biologisierte Deutung von Daseinsberechtigung da im Absonnigen
    die Kunst des Übersehenwerdens
    solche Räume wie dein Gedicht öffnet.

    MFG!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  9. #9
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    Lieben Okotadia

    Ich denke hier hat mich die Großschreibung "Die Fuge" irrritiert.

    [...]ich erkunde mit dem Zeigefinger
    den Raum der ihm genügt
    um mitzumachen beim Lebendigsein
    Die schmale Fuge zwischen Steinen
    karg absonnig ob wer hier wächst

    von Grenzen weiß
    Es soll heißen: Ich erkunde mit dem Zeigefinger [...] die schmale Fuge [...], ob hier etwas wächst, das von seinen Grenzen weiß?

    Also ich würde entweder alles klein schreiben oder Satzzeichen setzen; so ist es irgendwie halbherzig und tw. führt es in die Irre.

    Der letzte Samen bleibt an der Frucht und der Fruchtstiel wächst wieder in die Mauerspalte zurück
    Sonst hätte sie ja kaum eine Chance, dass sie ihre Samen in der Ritze unterbringt!? Entsteht wo der Same war dann eine neue Blüte und Frucht? Es scheint sein bescheidenes Zuhause zu mögen!

    Was ich an den Stellen der Auslassungen, der letzten beiden Verse einfügen soll, und was sie mir sagen sollen, weiß ich noch immer nicht wirklich.

    Ich bleibe daher bei Interpretation: Die Natur hat ihre eigene Intelligenz, die nichts mit Bewusstsein zu tun hat (die Pflanze sieht nichts, sie ist "blind" für andere Existenzen); aber wir Menschen sind ja sogar blind für unsere eigene Spezies, der Humanismus ist ja nur eine Schönwetterbekenntnis; ein Blick in die Flüchtlingslager - auch in Europa - oder die Menschen, die wir im Mittelmeer ersaufen lassen oder die Menschen in Fernost, die unter menschenunwürdigen Bedingungen unsere Wohlstandswaren billig produzieren, reicht ja.

    Und jetzt kommt auch noch ein primitives Virus, das auch beim "Lebendigsein mitmachen" und uns als Mauerritze benützen will und dem wir nun Milliarden in den Rachen werfen müssen, damit es uns nicht verschlingt?

    Na ja, das führt zu weit, vermutlich, aber vielleicht müsste Bashos Haiku heute tatsächlich ganz anders lauten:

    Wenn ich aufmerksam schaue,
    seh' ich dich, Mensch,
    aber was scherst du mich!


    Lieben Gruß
    albaa

  10. #10
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    Lieber Onegin,

    vielen Dank für Deine Rückmeldung.
    Ein dumpfes Lob der Genügsamkeit wollte ich eigentlich nicht schreiben, vielmehr meine Fragen dazu umkreisen.

    Wikipedia: Der Begriff Suffizienz (von lat. sufficere, dt. ausreichen) steht in der Nachhaltigkeitsforschung, Umwelt- und Naturschutzpolitik für das Bemühen um einen möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch.

    Wir müssen unser Leben ändern, aber wie? (ich hatte beim Schluss darauf spekuliert, dass das Rilkezitat erkennbar wird und der Leser diesen Satz gedanklich ergänzt, aber das funktioniert wohl nicht).
    Das Zimbelkraut ist ein Beispiel für sehr geringen Ressourcenverbrauch, aber kann uns das als Vorbild dienen? Albaa kam mit Ihrer Frage:
    Würden sich diese Pflanze nicht unter bestimmten Umweltbedingungen auch unkontrolliert ausbreiten, also doch alles verschlingen, wenn sie könnte.
    meinen Gedanken sehr nah. Das Zimbelkraut würde höchstwahrscheinlich unter etwas üppigeren Bedingungen noch schneller, größer, besser wachsen, doch sind an solchen Standorten andere Pflanzen sehr viel durchsetzungsstärker. Es hat sich also auf karge Standorte spezialisiert, weil es an anderen nicht mithalten kann.

    Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht heißt es bei Rilke. Genau das wollte ich nicht schreiben, weil ich eben nicht an Genügsamkeit als Allheilmittel für die negativen Folgen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise glaube. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich eine Zukunft erträumen:

    wo nicht mehr ist als war

    um zu werden was vergeht
    Ich glaube auch, dass es dafür in der Natur kein einziges Beispiel gibt. Genügsamkeit ist lebenden Systemen nicht zu eigen und wird wahrscheinlich immer im Rahmen der Balance unterschiedlicher Interessen innerhalb von Pflanzen-, Tieren- und Menschen-Gesellschaften erzwungen.
    Es sind schon sehr komplexe Gedanken, die ich da an dieser kleinen Pflanze entwickelt habe und offensichtlich konnte ich sie mit meinem Gedicht nicht so richtig rüberbringen.

    Liebe albaa,

    mit der Großscheibung hast Du recht. Das hat wahrscheinlich das Schreibprogramm bestimmt und ich habs übersehen. Wird geändert.
    Zur Interpretation siehe oben.
    So negativ wie Deine Neufassung von Bashos Haiku würde ich es nicht sehen. Schließlich sind wir alle Teil eines großen von allen Lebewesen vergesellschafteten Lebenraumes und jeder nimmt sich, was er kann, auch das Corona Virus. Würde es die Menschheit ausrotten, wäre es am Ende auch selbst der Loser...

    Es gibt einen schönen Satz von Albert Schweitzer der heißt:
    Ich bin ein Wesen, das leben will, inmitten von Wesen, die Leben wollen.

    Aber wie das auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene umsetzen?


    Lieber Terrorist,

    das Lebendigsein für sich selbst wahrzunehmen und nicht im gesellschaftlichen Kontext, wie es in der Meditation angestrebt wird. Ist es das was Du meinst?


    Auf jeden Fall danke ich Euch für Eure Gedanken und bin offen für Vorschläge, wie man den Text verbessern könnte, um die mich umtreibenden Fragen besser heraus zu arbeiten.

    LG Okotadia

    P.S. Ja, albaa es wächst dann an fast der gleichen Stelle eine Tochterpflanze.
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  11. #11
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    Zitat Zitat von Okotadia Beitrag anzeigen
    Lieber Terrorist,

    das Lebendigsein für sich selbst wahrzunehmen und nicht im gesellschaftlichen Kontext, wie es in der Meditation angestrebt wird. Ist es das was Du meinst?


    LG Okotadia
    Lebendig sein als das was man will, vielleicht als Zimbelkraut oder eine Wolke oder jemand der am Wegesrand steht, den du sonst nur woanders her kennst. Erkenntnis der personifizierten Bewegung vielleicht.

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  12. #12
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    Liebe Okotadia

    Ich glaube auch, dass es dafür in der Natur kein einziges Beispiel gibt. Genügsamkeit ist lebenden Systemen nicht zu eigen und wird wahrscheinlich immer im Rahmen der Balance unterschiedlicher Interessen innerhalb von Pflanzen-, Tieren- und Menschen-Gesellschaften erzwungen.

    Ist das nicht ein wenig biologistisch gedacht? Die intellektuellen und religiösen Traditionen (nicht nur) des Westens sprechen eine etwas andere Sprache. Die ganze antike Philosophie dreht sich doch um die Frage nach dem guten Leben und nach Überwindung der Todesfurcht. Beides soll durch philosophische Einsicht geschehen, als vernunftgeleitete Regulierung und Überwindung unserer naturhaften Instinkte und Ängste. Auch im Christentum geht es um das "ewige Leben", die Aufhabung naturhafter Schranken. Und schließlich der Buddhismus? Ist dort nicht die Aufgabe gestellt, den "Durst", unsere Lebensgier, zu überwinden.

    Diese Traditionen sagen, dass der Mensch nicht einfach nur Natur ist, sondern sich zu seiner Natur ins Verhältnis setzen kann und muss. Wenn das stimmt, wenn der Mensch, als naturhafts Wesen unterbestimmt ist, dann sind Entwicklung, Wachstum, Expansion möglich, ohne dass der Verbrauch an Naturressourcen zunehmen muss.

    Gruß Onegin
    Love´s not Time´s fool W. S.

  13. #13
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    Lieber Onegin,

    biologistisch? Nein, im Gegenteil. Ich denke, dass was die Nachhaltigkeitsprobleme angeht, uns nur eine ungeheure, kontinentenübergreifende Kulturleistung weiterbringt, die - wenn sie denn gelänge - vielleicht die größte bisher Menschengeist-vollbrachte Leistung wäre. Da bin ich ganz bei Dir und Du hast Recht, es gibt bereits viele Vordenker dafür. Die Crux ist nur, dass trotz guter Ansätze die Karawane im Moment noch in die gegengesetzte Richtung zieht und wenn man sich anschaut, wen die Mehrheit der Menschen zu ihren Führern kürt, kommt nicht gerade große Hoffnung auf. Harald Welzer hat neulich mal von learning by desaster gesprochen. Wenn es dafür dann nicht schon zu spät ist...

    Lieber Terrorist,

    mein göttliches Ich ist dort wo ich hinschaue?


    Wie auch immer, leicht pessimistische Grüße
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  14. #14
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    Zitat Zitat von Okotadia Beitrag anzeigen

    Lieber Terrorist,

    mein göttliches Ich ist dort wo ich hinschaue?


    Wie auch immer, leicht pessimistische Grüße
    Okotadia
    Die Perspektive des Textes war auch ohne deine letzte Bemerkung deutlich erkennbar. Woraus sich ja die Biologisierbarkeit ergab die Onegin natürlich ohne meine vorherige Erwähnung ins Spiel brachte da es mir dabei nur um mich selber ging (als Individuum und kein religiöses Schema darstellend). Als Zimbolero gewordener. Um nicht die kulturgeschichtliche Leistungsfähigkeit der Gesellschaft herausfordern zu müssen. Anhand dieses Textes wohlgemerkt.

    MFG!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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