1. #1
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    Romeo und Julia auf dem Sofa, eine Katzengeschichte.

    Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Wunsch von meiner Familie ausging,
    den katzenlosen Zustand unseres Haushaltes zu beenden. Denn ein Leben ohne
    Katzen ist zwar möglich, aber sinnlos, sagte schon sinngemäß Loriot.

    Zufällig hörten wir, dass unserem örtlichen Tierarzt ein Karton mit einem
    Wurf Kätzchen vor die Praxistür gestellt worden war. Anonym natürlich! Wir
    verloren keine Zeit und machten uns auf zur Tierarztpraxis. Unter den
    Katzenkindern war ein kleiner rotbrauner Kater, mit weißer Brust, weißem
    Bauch und weißen Pfötchen. Während seine Wurfgeschwister sich zu verstecken
    suchten, ging er forsch auf meine Frau zu und ließ sich von ihr auf den Arm
    nehmen, worauf er sich an ihre Brust schmiegte. In der Katzensprache heißt
    das, ich habe meine Wahl getroffen, ihr braucht nicht länger suchen.

    Zuhause angekommen, ging es um die Namensfindung. Es wurden etliche Namen
    vorgeschlagen und wieder verworfen, bis unsere Tochter, die gerade in der
    romantischen Phase war (unsensible Menschen sagen auch Pubertät dazu)
    bestimmte, ihn Romeo zu nennen. Ich wagte noch den Einwand, dass in nicht
    all zu ferner Zukunft er seine Fähigkeit, ein Liebhaber zu sein, einbüßen
    würde. Das wurde aber von den Frauen akzeptiert, was mich ein wenig kränkte.

    Romeo nahm nun Haus und Garten in Besitz und war mit unserem Service recht
    zufrieden. Außerdem hatte er einige Eigenheiten, die man bei uns in
    Österreich als 'er is a weng a Spinner' zu umschreiben pflegt.

    Zwei Jahre waren ins Land gegangen, als auf dem Bauernhof meiner Schwester
    in der Scheune ein Wurf Kätzchen gefunden wurde. Darunter war ein drei-
    farbiges allerliebstes Katzenmädchen. Es war so süß, dass ich mich sofort
    in es verliebte und ungefragt die Zustimmung gab, es in unsere Hausgemein-
    schaft aufzunehmen. Nun hatten wir für unseren Romeo eine Julia gefunden.
    Meine Schwester war froh, dass wer den Katzenbestand dezimierte uns so zogen
    wir zuversichtlich nach Hause.

    Dort wartete Romeo auf uns. Nicht dass er Julia attackierte, nein er ignorierte
    sie, strafte uns mit Menschen mit Verachtung und zog sich schmollend auf ein
    Fensterbrett zurück, das er nur für dringende Geschäfte verließ. Das hielt er
    vier Tage durch. Am fünften Tag stakste er steif durch die Stube. Julia,
    unbekümmert wie sie war, ging auf ihn zu, schloff zwischen seinen Vorderläufen
    hinein und kam zwischen seinen Hinterläufen wieder heraus. Er war zuerst ver-
    blüfft über diese Attacke, aber dann ging sowas wie ein seliger Ausdruck über
    sein Katzengesicht. Ab diesem Tag war das Eis gebrochen und Romeo und Julia
    wurden ein Liebespaar, allerdings nur platonisch.

    Julia erblühte zur schönsten Katzenjungfrau, die man sich nur vorstellen
    konnte. Sie hatte einen unbändigen Freiheitsdrang und begann zu streunen. Der
    Tierarzt sorgte dafür, dass sie keinen Nachwuchs bekommen konnte, obwohl ich
    mich heimlich darüber gefreut hätte. In der Nacht nach ihrer Operation hat sie
    sehr gejammert und meine Frau verabreichte ihr eine homöopathische Flüssig-
    keit, worauf sie dann friedlich einschlief. Was meine Frau bis heute als
    Beweis ansieht, dass hinter der Homöopathie mehr steckt als nur der Placebo-
    effekt.

    Leider kommt jetzt der traurige Teil dieser Geschichte. Julia streunte durch
    die Gärten, Wiesen und Felder. Sie kam oft tagelang nicht nach Hause und wir
    haben sie oft gesucht. Als sie einmal sehr lange nicht heimkam, waren wir sehr
    beunruhigt und wir haben Nachricht bekommen, dass man eine tote Katze gefunden
    habe, die unserer Julia glich. Wir fuhren zum angegebenen Ort und es war
    Julia. Sie hatte einen ausgelegten Giftköder gefressen und war daran elendig-
    lich zugrunde gegangen. Auch andere Haustiere in der Siedlung kamen zu
    Schaden, man hat den Giftköderausleger nie gefunden. So ist unser Julchen
    nur zwei Jahre alt geworden.

    Romeo war wieder vereinsamt. Wir haben dann noch mehrere andere Katzen gehabt
    und Romeo hat sich gegen keine mehr gesträubt. Aber ob er noch einmal so
    glücklich geworden ist wie mit Julia, weiß ich nicht. Er ist später krank geworden
    und mit sechzehn Jahren gestorben.

    So wie in der Tragödie von Shakespeare war auch unserem Liebespaar kein
    langes Glück beschieden.

    Ich muss jetzt innehalten und die Geschichte beenden, denn ich sehe nichts
    mehr, weil mein Auge tränenumflort ist.
    Geändert von Alfredo (30.04.2020 um 07:21 Uhr)

  2. #2
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    lieber alfredo

    da hast du wieder eine schöne geschichte über deine katzen gschrieben.
    ich glaube,man könnte viele geschichten aus seinem eigenen leben erzählen. es würde daraus ein ganzes buch entstehen.
    es wären keine erfundenen, nur wahre begebenheiten. (das sind nur so ein paar gedanken von mir)

    ich wünsche dir noch ein schönes wochenende.

    herzliche grüsse von margot

  3. #3
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    Hallo Alfredo!
    Das klingt für mich nach einem Jahrhundertliebespaar. Denke deine Tochter hatte in weiser Voraussicht, genau den richtigen Namen gewählt.
    Ich hatte auch Kater und Katze ( die Katze ist noch bei uns, ich nenne sie mein ururaltes Mädchen)sie haben sich immer akzeptiert, aber waren kein Liebespaar.
    Und du hast recht, ein Leben ohne Katzen ist nicht lebenswert, und wenn es hier einmal Zeit für den Abschied wird, dann ziehen hier gewiß wieder Katzen ein.
    Glg Jezibaba

  4. #4
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    Hallo Margot,
    hallo Jezibaba.
    Es gibt viele wunderbare Tierfreundschaften, nicht nur unter der gleichen Gattung. Katzen kann man gut beobachten, weil sie im Verbund mit dem Menschen leben. Ich bin ja der Meinung, dass jedes Tier eine eigene Persönlichkeit hat, aber es gelingt den wenigsten, eine gleichwertige Partner schaft herzustellen. Katzen sind da in einer vorzüglichen Position, wenn sie auf Katzenliebhaber treffen. Es soll aber auch Menschen geben, die Katzen nicht mögen, was ich aber nicht nachvollziehen kann.
    Dass Tiere massenhaft geschlachtet werden, ist eine Tragödie und ein unlösbares Dilemma. So wie es einem Menschen übel ergehen kann, wenn er zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort und im falschen sozialen Umfeld geboren wird.
    Unsere Katzen vertrauen uns, und wenn wir diesem Vertrauen gerecht werden, dann haben wir vom Leben ein Geschenk erhalten, das wir verdient haben. Ich grüße eure Katzen, und hoffe dass sie noch lange leben werden.
    Euer Alfredo

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