Thema: Nur ein Blatt

  1. #1
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    Nur ein Blatt


    Nur ein Blatt


    Ein jüngst entrolltes Buchenblatt..............................Ein Buchenblatt
    im lichten Frühlingsgrün,........................................ in lichtem Frühlingsgrün.
    von zarter Haut und seidig matt,..............................Ein Sonnenstrahl darüber streicht,
    auf meiner Hand....................................................ein Hauch belebend es erweicht.

    An seinen Rändern feinster Flaum,...........................Ein Wind riss es vom Zweig.
    als könnt ein sanfter Hauch,....................................Den Sommer wird es nicht erleben,
    ein Sonnenstrahl darüber streichen..........................den Durst bei Hitze nicht,
    und es mit Wärme mild erweichen...........................die Sehnsucht nach dem Regen,

    Ein Wind stieß dieses Blatt vom Zweig.....................die Angst vor heftigem Gewitter,
    ich hob es auf vom Boden......................................vor Wind und Sturm im Herbst.
    und legte es auf meine Hand..................................Sinnend frag ich mich:
    Bewundernswert ich sein Gefüge fand..................... Weiß ich, wann ein Wind
    ..........................................................................mich reißt vom Zweig?
    ..........................................................................
    und plötzlich ging mir durch den Sinn:
    Den Sommer wird es nicht erleben,
    den Durst bei Hitze nicht, die Sehnsucht
    nach dem Regen, die Angst vor heftigem Gewitter,

    die Winde nicht, des Herbstes Stürme,
    sein Klammern fest am Zweig, sein Fallen hin zur Erde.
    Weiß ich, von welchen Händen ich geborgen werde,
    wenn mich ein Wind von meinem Lebenszweige reißt?
    Geändert von Carolus (04.05.2020 um 22:14 Uhr) Grund: V4 Z1: "und" statt "als". Anregung von Festival.

  2. #2
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    Lb. Carolus,

    eine schöne Aussage die auch immer gern gelesen wird, doch dies könntest Du auch in einem Aufsatz schreiben. Als Gedicht sollte es Regelmäßigkeiten aufweisen. Mal reimst Du, mal nicht, mal schreibst Du einen langen Vers, mal einen kurzen, mal beginnst Du betont, mal unbetont, mal endest Du betont mal unbetont. So ist es als Gedicht nicht gut.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  3. #3
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    Lieber Carolus,

    da bin ich anderer Meinung als Hans,
    Hier stehen wir wohl vor der Frage: Wann darf ein Text sich Gedicht nennen?
    Mir reicht hier schon der sehr regelmäßige Wechsel von betont/unbetont, die Reime, auch wenn sie unregelmäßig erscheinen, und die passend plazierten Assonanzen (wie erleben/Regen) für ein stabiles und angenehmes Lesegefühl bei einem Gedicht aus.
    Die von Hans angesprochenen Kritikpunkte empfinde ich als positiv, weil der Text dadurch eben nicht starr und steif ist.

    Was mir nicht so gefällt, sind solche Inversionen:

    Bewundernswert ich sein Gefüge fand,
    als plötzlich ging mir durch den Sinn:
    Da gibt es bestimmt bessere Lösungen.

    Lieben Gruß
    Richmodis

  4. #4
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    Hallo Hans,

    ich habe neben die ursprüngliche Fassung eine kürzere, komprimiertere gestellt, Vielleicht kommt dir dies eher entgegen.

    Du schreibst: "Als Gedicht sollte es Regelmäßigkeiten aufweisen." Als Liebhaber freier Rhythmen geht es mir um die Umsetzung von Gefühlsimpulsen, unmittelbar in Versen sichtbar, weniger um das Metrum als tonale Mechanik, sondern um den inneren Rhythmus, einen magischen Sprachfluß. (Hier stehe ich noch am Anfang.). Ich nehme, was sich an Formelementen für eine subjektive Durchdringung des inhaltlichen Anliegens anbietet. Das kann mit oder ohne Reime sein und sich von Vers zu Vers ändern. Deutlich wird für mich spürbar auch das Problem der Reimabnutzung in der Postmoderne.

    Du hast das Problem als ordnungsorientierter Autor sehr richtig erkannt: "Mal reimst Du, mal nicht, mal schreibst Du einen langen Vers, mal einen kurzen, mal beginnst Du betont, mal unbetont, mal endest Du betont mal unbetont.", aber aus meiner Sicht-und Vorgehensweise kann ich deinem
    Urteil nicht zustimmen.

    Freundlichen Gruß
    Carolus

  5. #5
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    Hallo Carolus,

    ich habe aufmerksam und gerne gelesen, was du als deinen persönlichen Sprachstil beschreibst, dass es dir um inneren Rhythmus, einen magischen Sprachfluß geht. Genau das ist das Merkmal deiner Texte, und als Gedichte sind sie eben deshalb leicht zu erkennen. Ich vermute wie du, das kann man zu noch größerer Perfektion treiben, aber .... diese magische Sprechweise wird nur gelingen können, wenn du dich auf Themen beschränkt, die sich mit dieser Sprechweise erschließen lassen.

    Die Stimme deiner Texte trägt ein deutliches Markenzeichen "Carolus", fast wie ein Gütezeichen. Manchmal - nicht bei diesem Thema - vermisse ich aber jetzt schon eine "atonale" Überraschung, ein Zeichen für die Ambivalenz der Realität.

    Nicht bei diesem Gedicht!

    Ich persönlich bevorzuge die kürzere Fassung. Allein die letzten Zeilen würde ich gerne deutlicher absetzen, weiß aber auch nicht, wie man das handwerklich macht (sorry).

    mit großer Wertschätzung,

    Grüße von Ĺé.

  6. #6
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    Liebe Richy,

    hab mich natürlich sehr gefreut über deine begründete "Intervention". Dafür ein herzliches Dankeschön!

    Eine Wirkung hat die Stellungnahme von Hans schon bewirkt: Ich denke jetzt ernsthafter über meine Art, Gedichte zu schreiben, nach und möchte dies auch theoretisch für mich abklären, was nicht ausschließt, dass sich im Laufe der Zeit manche Position zu Problemen der Lyrik verändern wird.

    Was die "Inversionen" betrifft "Da gibt es bestimmt bessere Lösungen." Ohne jeden Zweifel. Danke für den Anstoß!

    Lieben Gruß
    Carolus




    Hallo L`étranger,

    dein Eingehen auf die knappen Bemerkungen zu meinem "persönlichen Schreibstil" haben mir gutgetan und helfen mir weiter. Dafür danke ich dir!

    Auch deine Mahnung, immer wieder im Hinterstübchen an "eine "atonale" Überraschung, ein Zeichen für die Ambivalenz der Realität", zu denken, ist sehr wohl berechtigt, denn bisweilen neige ich angesichts der bedrückenden Umstände etwas zu viel Harmoniesoße anzurühren.

    Ich ahne, worauf deine Bemerkung zielt: "diese magische Sprechweise wird nur gelingen können, wenn du dich auf Themen beschränkt, die sich mit dieser Sprechweise erschließen lassen." Aufschlussreich wäre, welche Art von Themen du im Sinn hast.

    Ein maifrisches, lichtgrünes Dankeschön für deine Stellungnahme!
    Lieben Gruß
    Carolus

  7. #7
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    Lieber Carolus,
    ich nehme mal nur die linke Seite Deines Gedichts und spüre die Hand des Musikers mit seinem Gefühl (Instinkt) für Takt und Rhythmus.
    Wenn da ein ganz Schlauer sich bemüßigt fühlt zu bemerken, ein Gedicht sollte Regelmäßigkeiten aufweisen, dann redet er wie ein Blinder von der Farbe. Bis auf einen Vers (nach dem Regen, die Angst vor heftigem Gewitter) sind alle Verse in Jamben geschrieben. Mit den Reimen gehst Du sparsam um - na und? Wo stünde geschrieben, dass Gedichte einen Endreim haben müssten? Die Verse sind unterschiedlich in ihrer Länge - wie langweilig und monoton klängen Deine Verse nach der Maxime, die einem "ordentlichen" Marsch zu eigen wäre?
    Eine Minikritik widme ich dem Vers "als plötzlich ging mir durch den Sinn" - würdest Du hier das "als" durch ein "und" ersetzen wäre ich ganz froh.
    Aus Deinen Betrachtungen spricht viel Lebensweisheit ohne erhobenen Zeigefinger. Ich habe Dein Gedicht genossen.
    Leider fehlt mir die Zeit, auf die Alternativ-Fassung einzugehen.
    Liebe Grüße,
    Festival

  8. #8
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    Lieber Festival,

    ein ganz herzliches Dankeschön für deine Laudatio, die lief mir runter in den Bauch und tat mir gut wie warme Milch mit Waldhonig.
    Zugleich zeigt sie einige Elemente meines Schreibverständnisses (" Gefühl (Instinkt) für Takt und Rhythmus." - "Mit den Reimen gehst Du sparsam um" - "Die Verse sind unterschiedlich in ihrer Länge.").

    Beim Lesen deiner Stellungnahme mit dem Hintergrund deiner Schreiberfahrung, deines Einfühlvermögens und deines Wissens ging es mir plötzlich durch den Kopf "Mein Gott, was haben uns Griechisch-, Latein- und Deutschlehrer geplagt, bis wir die antike Verslehre (z.B. die Bestimmung der Zahl der Hebungen und der Senkungen im Versinnern, sei es ein jambischer Fünfheber, ein trochäischer Vierheber, der Hexameter, Alexandriner usw.) technisch in den Texten erkennen und bestimmen konnten. Aber den Geist der Lyrik konnten sie mir nicht vermitteln. Ich habe mich von dieser Bürde freigemacht, habe das Meiste innerlich beiseite geschoben, verlasse mich jetzt auf Gefühl, Empfindung, Erfahrung - und fühle mich wohl dabei. Vielleicht musste das Ganze so verlaufen, um zu sich selbst zukommen. Jedenfalls ist daraus kein "ordentlicher" Gedichteschreiber geworden."

    Dass du mein Gedicht "genossen" hast, beruht auf Gegenseitigkeit. Öfter habe ich wunderbare Gedichte von dir gelesen und gedacht, "So möchte ich auch schreiben können!" Aber jetzt gehe ich auf meinem Weg weiter und freue mich, wenn ich "Fort-Schritte" machen kann.

    Lieben Gruß
    Carolus
    Geändert von Carolus (04.05.2020 um 23:08 Uhr)

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