1. #1
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    DAS WAHRE LEBEN IST KEIN KONJUNKTIV

    PERSONEN:

    VRONI
    (Konjunktivfrau "warad"/"wäre", "Wenn + Indikativ*)
    GEORG
    (Konjunktionsmann, „Wenn+Indikativ“)
    WILLIBALD
    ("Schlaubischlumpf", linguistischer)
    ..........................................................................

    GEORG:
    Fahren wir zusammen weg…
    Lassen wir die Bagage hinter uns.
    Zusammen, das ist es, was was bringt.
    Wenn wir dann landen, oh, das wird schön,
    wirst sehen.
    Stess´ ma o?

    VRONI:
    Jo, des warad schon wos.

    GEORG:
    Morgen am Abend geht der Aeroplan, äh, der Flieger, das Flugzeug.
    Wenn wir fliegen und dann dort sind...

    VRONI:
    Morg´n – öha - scho.
    Des waar aba schnoi.
    A Dowedegga?
    A Doppeldecker?

    Verlegenes Schweigen.

    GEORG:
    Um zehne kunnt ma scho aufs Meer schaugn..

    VRONI:
    Könnt' ma, ….

    GEORG:
    Des richtige Lem is koa Konjunktiv, Vroni.
    Jetzt pass auf: Wenn wir fortfliegen .....

    VRONI:
    Wemma furtfligat'n ....
    .

    WILLIBALD:
    Einen Moment!
    Vroni!
    Dein Konjunktiv " furtfligat'n " in Kombination mit "wemma" signalisiert eingeschränkte Gültigkeit.
    Von der Möglichkeit bis hin zur Unmöglichkeit.
    Das "wenn wir fortfliegen" bei Georg hingegen,
    es signalisiert die theoretische Möglichkeit und ihre Bejahung.
    Vergleicht man die beiden Formulierungen,
    so überwiegt bei Dir, Vroni,
    die reale Unmöglichkeit gegenüber der theoretischen Möglichkeit,
    die Georg mit „Wenn + Indikativ“ favorisiert.
    Und Georg insistiert darauf, dass das „Wenn+Indikativ“ erstmal genügt.
    Aber er will die Veränderung, den Flug. Das soll real sein.
    Deswegen sagt er auch "Das wahre Leben ist kein ..."

    wird unterbrochen

    VRONI und GEORG (una voce):
    Wos is?

    Kurzer Blickwechsel zwischen den beiden, dann höflich zu Willibald:

    Mir taten etza furtgehn.

    .............................................................


    (Georg, Szenenfoto)






    .
    Geändert von Willibald W (07.05.2020 um 18:49 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  2. #2
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    Hallo Willibald,

    Ich geh mal davon aus, dass die letzten Worte "Wir tataten jetzt fortgehn." absichtlich nicht im bayerischen Dialekt gehalten sind ?

    Gruß Lé.

  3. #3
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    Grüß dich, das "tataten" ist wahrscheinlich "übergagt".
    Und nicht unbedingt als Schmäh der beiden zu durchschauen.
    Ich specke es ab. Der bairische Höflichkeitskonjunktiv ist auch an sich schön.

    greetse
    ww
    Geändert von Willibald W (07.05.2020 um 17:17 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  4. #4
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    Ja, ähnlich fürchterlich muss sich angehört haben, als ich vor über 40 Jahren als "Zu-groaster" mit meinen bayrischen "Spezln" im Dialekt sprach .
    Es ging mir dann wie Troubadix. ich fand mich geknebelt auf dem Baum!

    Gruß Lé.

  5. #5
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    Besser, aber immer noch:
    GEORG:
    Fahren wir zusammen weg…
    Lassen wir die Bagage hinter uns.
    Zusammen, das ist es, was was bringt.
    Wenn wir dann landen, oh, das wird schön,
    wirst sehen.
    Stess ma o?

    VRONI:
    Jo, des warad scho ebbas.

    GEORG:
    Morgen am Abend geht der Aeroplan, äh, der Flieger, das Flugzeug.
    Wenn wir fliegen und dann dort sind...

    VRONI:
    Morg'n – öha - scho?
    Des waar aba schnoi!
    A Dowedegga?

    Verlegenes Schweigen.

    GEORG:
    Um zehne kunnt ma scho aufs Meer schaugn.

    VRONI:
    Könnt' ma, ….

    GEORG:
    Des richtige Lem is koa Konjunktiv, Vroni.
    Jetzt pass auf: Wenn wir fortfliegen .....

    VRONI:
    Wemma furtfligat'n ....

    WILLIBALD:
    Einen Moment!
    Vroni! Dein Konjunktiv "furtfligat'n" in Kombination mit "wemma" signalisiert eingeschränkte Gültigkeit. Von der Möglichkeit bis hin zur Unmöglichkeit. Das "wenn wir fortfliegen" bei Georg hingegen signalisiert die theoretische Möglichkeit und ihre Bejahung. Vergleicht man die beiden Formulierungen, so überwiegt bei Dir, Vroni, die reale Unmöglichkeit gegenüber der theoretischen Möglichkeit, die Georg mit „Wenn + Indikativ“ favorisiert. Und Georg insistiert darauf, dass das „Wenn+Indikativ“ erstmal genügt. Aber er will die Veränderung, den Flug. Das soll real sein. Deswegen sagt er auch "Das wahre Leben ist kein ..."

    wird unterbrochen

    VRONI und GEORG (una voce):
    Wos is?

    Kurzer Blickwechsel zwischen den beiden, dann höflich zu Willibald:

    Mir taten etza furtgehn.
    Du solltest nicht außer acht lassen, geschätzter Willibald, dass das "wenn wir fortfliegen" bei Georg zwar die theoretische Möglichkeit und ihre Bejahung in den Vordergrund stellt, dem "wemma furtfliag'n" (besser noch "wamma") Vronis aber semantisch unterlegen ist, weil Georg vordergründig nur den zeitlichen Bezug, nicht aber die Möglichkeit als solche anspricht.

    Jaja, die Alpen und ihre Aborigines! An denen hat sich schon so mancher Nordgermane die Eckzähne ausgebissen. Was mir immer wieder besonders gefällt, ist, dass die vermeintlich so einfach Gestrickten einen recht vertrackten Dialekt draufhaben, dessen Feinheiten den Zuag'roast'n verborgen bleiben. De moana bloß, dass'n vastengat'n (K II!), aba echt schnoin dans'n nia ...

    salvelina
    Geändert von salvelina (07.05.2020 um 18:50 Uhr)

  6. #6
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    Salute, salvelina profunda,

    das ist hochlöbliche Textarbeit. Gratias!

    Deine Gedanken habe ich durchaus wohlwollend in mein Bewusstsein eingepflegt.

    Abgesehen davon, hier sinne ich noch rum:

    GEORG:
    Um zehne kunnt ma scho aufs Meer schaugn..

    VRONI:
    Könnt' ma, ….

    Mir scheint lustiger und filigraner und klüger, wenn Georg einen Indikativ von "können" setzt und sein Bay/irisch etwas zurückfährt.
    Und Vroni dann mit einem dieser feinen Konjunktive repliziert.

    GEORG:
    Um zehne können wir scho aufs Meer schaugn..

    VRONI:
    Könnt' ma, ….
    (Kunnt´ma) [?]

    greetse
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  7. #7
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    Natürlich könnte man das gestolperte "Dahoam is Dahoam"-Boarisch
    Um zehne können wir scho aufs Meer schaugn..
    ein wenig autochthonisieren, hochgeschätzter Sir Willibald, indem wir "Um zehne kenna mia scho aufs Meer schaugn.." schrieben, aber der echte Älpler sänge hier immer konjunktivisch-bodenständig "Ummara zehne kunnt'ma (kennt'ma) scho ins Meer einischaugn..". Er bemüht beim Singen, wie auch der Italiener und der Südfranzose, nicht nur sein ganz spezifisch ausgeprägtes Wernicke-Zentrum, sondern auch seine beiden Herzkammern: Die Bayerischen Volkslieder sind voller Vokale und klingen, ganz anders als das preußische Gezisch, stets südländisch-welsch.

    Nicht zuletzt deshalb gilt München als die nördlichste Hauptstadt Italiens, auch wenn seine depperten Stadträte und -rättinnen das ebenso wenig begreifen können wie die saupreußischen Drehbuchschreiber der besagten BR-Vorabend-Klamotte.

    salvelina
    Geändert von salvelina (07.05.2020 um 23:34 Uhr)

  8. #8
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    Noja,

    da ist halt eine durchaus aufschlussreiche Modulation im Spiel: In der Phase, in der Georg von dem "Konjunktiv" spricht, hat er naturgemäß Distanz gewonnen/erlitten zum wahren alpenländischen Sound. Und so ist seinem Textsegment nicht die "dahoam- Codierung" vorzuhalten, meine ich. Und Vronis korrigierender Konjunktiv ist dann feiner wirksam. Wie steht es um "könnt ma" vs "kunnt ma"? Mir scheint, du segnet beides ab?

    Greetse an den hochgeschätzten Profundus
    ww
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  9. #9
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    Kunnt, kennt, kannt öder könnt sind alles miteinander mundartlichge K II-Spielarten; das "kunnt" und "kennt" wäre mehr dem Oberpfälzisch-Niederbayerischen, das "kannt" und "könnt" mehr dem Obernayerisch-Münchnerischen zuzuordnen.

    Man sollte, liebster Willibald, auch die Freiheit nicht außer acht lassen, die Aborigines mit der Anwendung des K II ihrem Gegenüber oder ihrem Partner einräumen. Sie sagen nicht, quasi stechschreitend-spitzmündig, "wir können jetzt gehen", sondern kameradschaftlich-aufmunternd "mia kannt'ma uns etza schleicha": Der K II besetzt bei den Älplern auf natürliche Weise eine kommunikative Ebene, die den Saupreißn fehlt. Bei denen da drunten sagt immer nur der Scharführer, wo's lang geht - wo das Mädel hinwill, interessiert den einen Scheißdreck.

    salvelina

  10. #10
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    Merci, für die profunde Kunde, wackerer Wortewetz.

    Das "ma" kann ein "wir" und ein "man" sein, "da kunnt ma" schien mir eher zu einem "man" zu tendieren. Aber da täusche ich mich wohl.

    Aboriginale Konjunktivbildungen mit -at haben mir schon immer gefallen. Dass der Konjunktiv auch ein Potentialis und eine Höflichkeitsform ist, ist klar. Der Schluss-Satz der Szene ist explizit als Höflichkeitsträger ausgewiesen.

    Aside: Bei deinen Tagebucheinträgen könnte man vielleicht das Märtyrerbild (Pfeile und Geschosse) und auch die Anspielung auf die seinerzeit unerwünschten, ausgesetzten Schriften zurückfahren Diese Bilder sind zwar schön provokativ, aber - so scheint mir - doch wenig passend. Schöne Sebastianfuguren gibt es.

    greetse
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  11. #11
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    Hochgeschätzter Willibald, da ein eindeutiges
    mia kannt'ma uns etza schleicha
    in Vorschlag gebracht wurde, scheidet ein "ma" für "man" eindeutig aus. "Ma" für "man" ist im Hochmünchnerischen eventuell noch denkbar, wird vom reinrassigen Einheimischen aber kaum je gebraucht, da er Kraft der ihm innewohnenden, zu den Gipfeln hin ausgerichteten Weltsicht (vulgo "Södern") vornehmlich im pluralis majestatis spricht: mia san (oder samma) mia, host mi?

    Deine Anspielung auf meine Tagebuchseiten verstehe ich hier in gleich doppelter Hinsicht nicht so recht. Zum einen finde ich den Hl. Stefanus dort nirgends, zum anderen haben die Aborigines ihre geweihten Bilder nie versteckt, sondern sie trotz der Reformation und der Säkularisation überall stehengelassen - drinnen in den Kirchen genauso wie draußen an den Wegkreuzungen oder oben auf dem Berg.

    salvelina

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