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    Oooodenwaaaald. Shallawalla.



    Dunkles, gruftdunkles U, samten wie Juninacht!
    Glockentöniges O, schwingend wie rote Bronze:
    Groß- und Wuchtendes malt ihr:
    Ruh und Ruhende, Not und Tod.

    Zielverstiegenes I, Himmel im Mittaglicht,
    zitterndes Tirilli, das aus der Lerche quillt:
    Lieb, ach Liebe gewittert
    flammenzüngig aus deinem Laut.

    [...]

    Aber Gott will uns gut, gab auch das weiche W,
    das wie wohliger Wind über das Weinen weht.
    Gab das Z uns: Es schließt den
    Tanz, den Glanz und die Herzen zu.

    Josef Weinheber (1892-1945): Ode an die Buchstaben



    Am Rande einer Fachwerkstadt zwischen Odenwald und Spessart lebte einst das Kind Willibald mit seinen zwei jüngeren Brüdern Otto und Franz im ersten Stock einer großen Sandsteinvilla. Die Eltern hatten studiert, die Mutter Sophie Malerei, der Vater Franz Philologie. Im Wohnzimmer standen ringsum Schränke voller Bücher hinter Glasklappen. Es galt die Maxime: "Man begegne jeglicher Kunst am besten mit schaudernder Andacht." Aber Willibald durfte alle Klappen öffnen und die Bilder in den Büchern betrachten. Er tat das manchmal stundenlang. Um die Villa kreiste ein verwilderter Park.



    Abb. 1: Parklandschaft, verwildernd

    Der Vater las manchmal am Abend dem Jungen vor. Unter anderem Brentanos „Hinkel, Gockel und Gackeleia“. Wahrscheinlich weil die Geschichte so beginnt: „In Deutschland in einem wilden Wald, zwischen Gelnhausen und Hanau, lebte ein ehrenfester bejahrter Mann." Die Vokale (a) und die Diphtonge (au) sangen. Die Alliterationen stabten. Und Hanau durchfuhr der Zug auf der Fahrt zu den Grosseltern ins Hessische. Und Gelnhausen, die Kaiserpfalz, hatten die Eltern mit anderen Akademikern wegen Barbarossa im Bus aufgesucht. Und klar doch: Für den Jungen standen die alten Bäume und die verwitterten Burgen im wilden Odenwald weit draußen, wo sich die Berge und der Fluss in der Dämmerung einspannen.

    Dieser Vater stieß damals in einer Bibliothek auf Ernst Jüngers „Lob der Vokale“ und vertiefte sich darin:
    "Im Halbschlaf drang ich innig in den Geist der Sprache ein – besonders deutlich wurden mir die Konsonantengruppen m–n, m–s, m–j, in denen das Hohe, Männliche und Meisterhafte zum Ausdruck kommt."
    Die Mutter lächelte spöttisch am nächsten Tag. "Minne", "Maus", sagte sie, "Muse", "Mai."

    Dann waren „Sternbalds Wanderungen“ von Ludwig Tieck an der Reihe. Lautsymbolik, Onomatopoesie, Klangmalerei erkannte und zelebrierte der Vater: „Laue Lüfte/ Spielen lind/ Blumendüfte/ Trägt der Wind / Röthlich sich die Bäume kräuseln / Lieblich Wähnen/ Zärtlich Sehnen/ In den Wipfeln, abwärts durch die Blätter säuseln.“ Er las mehrfach Josef Weihebers "Ode an die Buchstaben".Hugo Balls Gedicht „Karawane“ mit Phantasiewörtern wie „joilifant“ oder „russola“ wurde am Mittagstisch zitiert. Abends sang der Vater für den Jungen ein begeisternd seltsames Lied:

    Ging gang, goolie goolie goolie goolie watcha / Ging gang goo, Ging gang goo
    Ging gang, goolie goolie goolie goolie watcha / Ging gang goo, Ging gang goo
    Heyla, heyla sheyla / Heyla sheyla / Heyla, ho!
    Heyla, heyla sheyla / Heyla sheyla / Heyla, ho!
    Shallawalla, shallawalla! / Shallawalla, shallawalla!
    Oompah-oompah! / Oompah-oompah!

    Shallawalla

    Willibalds Vater ließ sich von heimlich schmunzelnden Kollegen breitschlagen. Er wollte einen Vortrag halten, Kreiskulturverband Miltenberg, in der "Brauerei Keller" im "Großen Saal", „Sprache und Kalkül. Zauber der Konsonanten und Vokale.“ Er konzipierte und konzipierte und strich und fügte ein. "Wie ist das?", fragte er Willibalds Mutter:

    Sense:
    s = scharfes Eindringen
    n = Gegendruck des Halmes
    Zweites s = Wiederkehr des Sensenschlages
    zwei e = Ebenmaß der wiederkehrenden Bewegung.


    "Mein Gott", sagte die Mutter, "das ist abstrakt, man muss die Leute dort abholen, wo sie sind, bei ihrem Erleben."
    Er werde das beherzigen, sagte Willibalds Vater, er werde das Wissenschaftliche und das erlebnishaft Emotionale berücksichtigen.
    Willibalds Mutter Sophie weigerte sich, den Vortrag drinnen im Saal anzuhören. Am Ausgang wartete sie nervös auf das Ende und vernahm um 21:30, wie ein früh aufbrechendes Paar im Vorübergehen ein Detail aus der Rede des Vortragenden rekapitulierte:

    Ooooodenwaaald.
    Baauuuuuummm.
    Hört ihr´s?


    Sie gingen kopfschüttelnd vorüber.
    Willibalds Mutter hob die Hand und hielt sie vor Augen und Stirn.



    Abb. 2: Odenwald, grüne, lichte Düsternis






    .
    Geändert von Willibald W (10.05.2020 um 09:55 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

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